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Verbraucher vertrauen mit einem gewissen Selbstverständnis darauf, sichere Lebensmittel genießen zu können. Lebensmittelhersteller sehen es als selbstverständlich an, alles Nötige dafür zu tun, die Sicherheit der Lebensmittel zu gewährleisten, bis diese beim Verbraucher ankommen.

Teil 1

Grundinformationen
In den kommenden vier Ausgaben stehen folgende Themen im Fokus:
Teil 1: Grundinformationen & Gesetze zu Lebensmittelkontaktmaterialien
Teil 2: Material-Aspekte
Teile 3: Ermittlung & Bewertung von Migrationen
Teil 4: Perspektiven/Ausblicke im Bereich Lebensmittel-Kontaktmaterialien

 

Unter anderem sorgen Verpackungen und Aufbewahrungsbehältnisse dafür, dass unsere Lebensmittel länger haltbar und „sicher“ sind. Folglich müssen auch die Verpackungen und die anderen Bedarfsgegenstände mit Lebensmittelkontakt „sicher“ sein. Diese Sicherheit für Lebensmittelkontaktmaterialien und Gegenstände wird generell durch die Einhaltung entsprechender Regelungen und Gesetze ermöglicht. Hinter den Regelungen stehen wissenschaftliche Prüfungen zur Sicherheit der eingesetzten Materialien. Bei Einhaltung der Gesetze resultiert daraus die Sicherheit der Produkte. Das heißt, kann ein Hersteller nachweisen, dass er die für sein Produkt relevanten Gesetze einhält, kann sein Produkt guten Gewissens als „sicher“ eingestuft werden.

In Europa gibt es hierzu ein ganzes Set von Regelungen. Manche Lebensmittelkontaktmaterialien decken bereits europäisch-harmonisierte Regelungen ab. Die gelten in allen Mitgliedsstaaten. Andere wiederum fallen noch unter nationale Regelungen.

Grundinformationen & Gesetze zu Lebensmittel-Kontaktmaterialien

Für alle Materialien mit Lebensmittelkontakt – egal ob Glas, Kunststoff, Papier, Gummi, Holz – gilt die EU-Rahmen-Verordnung für Lebensmittelkontakt 1935/2004. Die erste Zahl 1935 steht dabei für die Nummer der erlassenen EU-Verordnungen im Jahr 2004. Das bedeutet, bei dieser EU-Verordnung handelt es sich um die 1.935ste Verordnung der EU im Jahr 2004. Sie enthält allgemeine Bestimmungen zur Sicherheit von Lebensmittelkontaktmaterialien. Allen voran Artikel 3, der die gesundheitliche Unversehrtheit des Verbrauchers in den Mittelpunkt stellt:

EU-Rahmen-Verordnung für Lebensmittelkontakt 1935/2004, Artikel 3.

EU-Rahmen-Verordnung für Lebensmittelkontakt 1935/2004, Artikel 3.

Artikel 3
Allgemeine Anforderungen
(1) Materialien und Gegenstände, einschließlich aktiver und intelligenter Materialien und Gegenstände,  sind nach  guter Herstellungspraxis so herzustellen, dass sie unter den normalen oder vorhersehbaren Verwendungsbedingungen keine Bestandteile auf Lebensmittel in Mengen abgeben, die geeignet sind,
a) die menschliche Gesundheit zu gefährden oder
b) eine unvertretbare Veränderung der Zusammensetzung der Lebensmittel herbeizuführen oder
c) eine Beeinträchtigung der organoleptischen Eigenschaften der Lebensmittel herbeizuführen.
(2) Kennzeichnung, Werbung und Aufmachung
der Materialien und Gegenstände dürfen den Verbraucher nicht irreführen.

Des Weiteren deckt die Rahmen-Verordnung unter anderem folgende wichtige Punkte ab:

A) Rückverfolgbarkeit von Materialien in der Wertschöpfungskette, damit im Falle eines Fehlers nur fehlerhafte Ware zurückgerufen werden muss.
B) Konformitätsbestätigung = DOC (Declaration of Compliance), die dazu dient, wichtige Informationen zur Konformität in der Wertschöpfungskette weiterzugeben, damit der Lebensmittelhersteller über die notwendige Information für den „sicheren Einsatz“ der Verpackung verfügt.

Das Schema zeigt: Lebensmittelkontakt-Regularien – anwendbare nationale und EU-Gesetze und Standards. (Quelle: Intertek)

Das Schema zeigt: Lebensmittelkontakt-Regularien – anwendbare nationale und EU-Gesetze und Standards. (Quelle: Intertek)

Da die Rahmen-Verordnung für alle Lebensmittel-Kontaktmaterialien gilt und diese dort nur allgemein geregelt sind, bedarf es weiterer Gesetze zur Umsetzung der Bestimmungen der Rahmen-Verordnungen im Detail. So zum Beispiel die Kunststoff-Verordnung 10/2011, abgekürzt auch PIM (Plastics Implementation Measure), auf Deutsch zu verstehen als Umsetzungsmaßnahme/Gesetz für Kunststoffe.

Einen Überblick über die anwendbaren nationalen und EU-Gesetze gibt das Schema oben auf dieser Seite. Dem Überblick ist zu entnehmen, dass einige Materialien bereits auf EU-Ebene für ganz Europa einheitlich geregelt sind, während bei anderen Materialien noch auf nationale Regelungen zurückgegriffen werden muss. Die Regularien für Kunststoffe sind hierbei am detailliertesten geregelt. Das ermöglicht für den Anwender – zum Beispiel Verpackungs- beziehungsweise Lebensmittel-Hersteller – eine einfache Risikobewertung. Sind die Substanzen in der Kunststoff-Verordnung gelistet, werden entsprechende allgemeine und substanzspezifische Migrationsgrenzwerte eingehalten und ist dies entsprechend dokumentiert, so ist das Material konform mit der Kunststoff-Verordnung und damit der Rahmenverordnung 1935/2004. Hierbei ist zu beachten, dass die allgemeinen Anforderungen der Rahmen-Verordnung – wie beispielsweise die „Gute Herstellungspraxis“ – ebenfalls einzuhalten sind.

Die Risikobewertung gilt als zentraler Bestandteil zur Einhaltung des Artikels 3 der Rahmen-Verordnung 1935/2004.  Auf einen kurzen Nenner gebracht fordert sie die „Unversehrtheit“ des Lebensmittels und des Verbrauchers  ein. Eine Risikobewertung beinhaltet die Evaluierung der eingesetzten Substanzen und deren Umsetzung in ein Material beziehungsweise einen Gegenstand mit Lebensmittelkontakt. Dabei ist der tatsächliche Einsatz des Gegenstandes und des dabei möglichen Kontaktes mit dem Lebensmittel – sprich Zeit, Temperatur, Art des Lebensmittels –, also die tatsächliche Exposition des Lebensmittels und damit des Verbrauchers, ausschlaggebend für die Schlussfolgerung. Bei Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben lautet diese dann: Kein Risiko für den vorgesehenen oder vorherzusehenden Gebrauch.

Bei den Migrationsgrenzwerten gibt es auch ein unteres Limit. Bei ihm gelten die Substanzen als nicht mehr chemisch-analytisch erfassbar (siehe Beispiel auf dieser Seite, linke Spalte oben). Die Aufgabe gleicht der Suche nach der Nadel im euhaufen. 
(Foto: Colourbox)

Bei den Migrationsgrenzwerten gibt es auch ein unteres Limit. Bei ihm gelten die Substanzen als nicht mehr chemisch-analytisch erfassbar (siehe Beispiel auf dieser Seite, linke Spalte oben). Die Aufgabe gleicht der Suche nach der Nadel im euhaufen. (Foto: Colourbox)

Der Weg zur Konformität beginnt also bei der Festlegung der Anwendung. Zuerst sollte definiert werden, welches Material sich für eine Anwendung am besten eignet. Aus der Anwendung ergeben sich dann meist schon die Bedingungen für den Kontakt von Lebensmittel und Material, das mit dem Lebensmittel in Kontakt kommt. Daraus resultierend entwickelt sich ein Testprozedere oder, falls aufgrund der Anwendungsparameter möglich, die Prüfung der Migration mit einer Migrationsberechnung. Zeigt die Migration die Einhaltung der entsprechenden gesetzlich definierten Grenzwerte, bestehen für die geprüfte Anwendung keine Bedenken. Es kann eine Konformitätsbestätigung ausgestellt werden.

Manche Fälle stellen sich jedoch wesentlich schwieriger dar, da mehrere Bedingungen, mehrere Materialien und/oder mehrere Regularien ineinandergreifen. Es gilt dann, alle anwendbaren Parameter der verschiedenen Regularien und Standards zu berücksichtigen, um die Rahmen-Verordnung einzuhalten. Bei den Migrationsgrenzwerten gibt es auch ein unteres Limit. Bei ihm gelten die Substanzen als nicht mehr chemisch-analytisch erfassbar. Es wird mit n.d. oder n.n. beschrieben:

– n.d. steht für not detectable
– n.n. für nicht nachweisbar

Dieses Limit liegt bei 10 µg Substanz in 1 kg Lebensmittel, auch als 10 ppb abgekürzt:
10 ppb sind 10 parts per billion,
= 10 Teile auf 1 Milliarde Teile,
= 10 µg auf 1000 000 000 µg = 1 kg

Um diese Größenordnung zu verdeutlichen, greifen wir auf folgendes Bild zurück: Wenn 70 Menschen ein rotes T-Shirt tragen und sich auf dem gesamten Globus verteilen – das heißt unter die Weltbevölkerung von ca. 7 Milliarden Menschen mischen – sind das eben jene 10 Teile auf 1 Milliarde Teile, also 10 ppb.

Wie ein nur vier Seiten umfassendes Gesetz die Lebensmittelsicherheit drastisch erhöht

Ein weiteres wichtiges Kriterium neben den Grenzwerten ist die gute Qualität der Materialien und Gegenstände mit Lebensmittelkontakt. Im Rahmengesetz bereits durch Artikel 3 gefordert, verstärkt die nur vierseitige GMP-Verordnung diesen Punkt zusätzlich.

Was heißt nun GMP beziehungsweise Qualität? Da nicht jede Charge der Herstellung geprüft werden kann, müssen geeignete Qualitätssicherungs-Maßnahmen sicherstellen, dass die Qualität des Produktes jederzeit möglichst gleich – das heißt gleich gut – ist. Form und Inhalt des Produktes dürfen nur in einem klar definierten Rahmen von den Produktionsvorgaben beziehungsweise Produkteigenschaften abweichen. Das stellen entsprechende Maßnahmen zur Qualitätskontrolle und Qualitätssicherung sowie eine Festlegung der Zuständigkeiten im Betrieb sicher.

Einen zweiten Teil der Qualitätssicherung und damit der GMP, der „Guten Herstellungspraxis“, definiert die Dokumentation entsprechender Maßnahmen und Parameter, deren Implementierung jederzeit eine gute Nachverfolgung und Prüfungsmöglichkeit gewährleistet.

Verpackung darf das Lebensmittelnicht negativ beeinflussen

Auf den Punkt gebracht: In Europa gilt für ein Material, das mit Lebensmitteln in Kontakt kommt, zunächst das Lebensmittelgesetz, das heißt zum Beispiel in Deutschland ist das Lebensmittel- und Futtermittelgesetzbuch LFGB anzuwenden. In ihm steht, dass die Verpackung das Lebensmittel nicht „negativ“ beeinflussen darf.

Die Konformität von zum Beispiel Verpackungsmaterialien mit dem Lebensmittelgesetz wird durch die europäische Rahmen-Verordnung für Lebensmittelkontaktmaterialien EU 1935/2004 auf europäischer Ebene umgesetzt und in Deutschland durch die Bedarfsgegenstände-Verordnung auf nationaler Ebene abgebildet. Die Produktion sicherer Lebensmittel steht dabei im Vordergrund. Die Verpackung nimmt eine Schlüsselrolle ein, beispielsweise durch eine Verlängerung der Haltbarkeit. Gleichzeitig ist zu gewährleisten, dass die Verpackung „sicher“ ist, von ihr sowohl keine Veränderung des Lebensmittels in chemischer Form, als auch keine sensorische Veränderung hinsichtlich Geschmack und Geruch ausgeht.

Die EU-Verordnung zur Guten Herstellungspraxis = GMP-VO sichert – de facto flankierend – die Qualität der Produkte. Die Details zur Konformität der einzelnen Lebensmittelkontaktmaterialien werden durch sogenannte Umsetzungsmaßnahmen geregelt: Während für Kunststoffe mit der PIM = plastics implementation measure ein in allen EU-Mitgliedsstaaten gleichermaßen gültiges Gesetz vorliegt, gibt es nicht für alle anderen Materialien EU-harmonisierte Gesetze. Die Umsetzung für viele der anderen Materialien basiert noch auf nationalen Regularien der EU Mitgliedsstaaten oder auf nicht-bindende EU Standards.

 

Vorschau:
In der Januar-Ausgabe der „neuen verpackung“ geht es um die  Material-Aspekte bei der Konformität von Lebensmittelkontaktmaterialien.

Autor

Dr. Jürgen Towara, Senior Food Contact Expert, Head of EU Food Contact Consultancy, Intertek Germany, Kontakt: info.hers@intertek.com

Unternehmen

Intertek Deutschland GmbH

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