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Die einen sprechen von einer Transformation, die anderen von der vierten industriellen Revolution. Wir befinden uns inmitten von tiefgreifenden Veränderungen, deren Bandbreite und Bedeutungshorizont für die Geschäftswelt noch gar nicht vollständig erfasst sind. Mehr denn je sind die Führungskräfte der Unternehmen gefragt, sich intensiv mit den Folgen des technologischen Fortschritts zu beschäftigen. Denn nur so können rechtzeitig die strategischen Weichen für ihre Unternehmen gestellt werden, und nur so wird die Wettbewerbsfähigkeit für die Zukunft sichergestellt.

Digital Business Experten und Analysten sagen jedoch, dass sich ein Großteil der CEOs noch viel zu wenig mit der Materie auseinandersetzt beziehungsweise das Thema Digitalisierung viel zu schnell der IT-Abteilung überlässt. Um ein besseres Gefühl dafür zu erhalten, wie die Verpackungsbranche in puncto fortschreitender Digitalisierung dasteht, haben wir uns mit E-Business-Beraterin Franciska Bárdos (Iconparc) und mit CEO Boris Maschmann (Smurfit Kappa Deutschland) unterhalten.  

neue verpackung: Frau Bárdos, mit Ihrem Softwareunternehmen Iconparc statten Sie Unternehmen mit E-Business-Lösungen und IT-Werkzeugen aus. Trotzdem sagen Sie, Digital Business sei nicht mit IT gleichzusetzen. Wie haben wir Ihre Aussage zu verstehen?
Franciska Bárdos: Ich habe diesen Gedanken von Gartner-Analyst Ken McGee aufgegriffen, weil er meine Erfahrungen aus Gesprächen mit Entscheidern sehr schön auf den Punkt bringt. Mein Eindruck ist, dass zwar viele Geschäftsführer irgendwie von Industrie 4.0 reden, doch nur die wenigsten eine allumfassende Digitalisierungsstrategie für ihr Unternehmen entwickeln oder gar die notwendigen strukturellen Veränderungen in ihren Unternehmen einleiten. So kommt es dann, dass manchmal voller Stolz QR-Codes oder eine Smartphone-App eingeführt werden, um sich dann im sicheren Glauben zu wähnen, damit voll im digitalen Zeitalter angekommen zu sein.

neue verpackung: Der Kopf des Unternehmens kann nur handlungsfähig bleiben, wenn er die Vielfalt der Themen effizient an die unterschiedlichen Funktionsbereiche delegiert. Warum ist es nicht sinnvoll, das Thema Digitalisierung einfach an die IT-Abteilungen abzugeben?
Franciska Bárdos: Aufgaben zu delegieren ist absolut notwendig. Mein Appell soll kein Aufruf zum Mikro-Management sein. Vielmehr möchte ich das Bewusstsein dafür schärfen, dass IT im Rahmen der Industrie 4.0 nur einen kleinen Teil eines komplexen Gebildes darstellt und in wechselseitiger Abhängigkeit zur gesamten Umwelt beziehungsweise der Organisation steht. Wird Digitalisierung zu voreilig an die IT-Abteilung delegiert – ich möchte fast schon sagen „abgeschoben“ – bleibt der Erfolg eines Unternehmens weit hinter seinem möglichen Potenzial zurück. In Anbetracht des enormen Wettbewerbsdrucks, der in der Verpackungsbranche herrscht, kann sich das kein Unternehmen langfristig erlauben.

neue verpackung: Herr Maschmann, Sie sind CEO bei Smurfit Kappa, einem der führenden Anbieter von papierbasierten Verpackungslösungen weltweit. Wie begegnen Sie dem digitalen Geschäft?
Boris Maschmann: Ich setze mich mit dem Thema auf verschiedenen Ebenen auseinander. Obwohl ich einen betriebswirtschaftlichen Hintergrund habe und seit über 25 Jahren in der Verpackungsbranche tätig bin, halte ich meinen Blick auch für IT-Themen offen, und zwar vor allem dann, wenn sich am Horizont etwas Neues abzeichnet. Nur so kann ich sicherstellen, dass ich die richtigen Impulse für Innovationen erhalte, die langfristig unseren Unternehmenserfolg vorantreiben. Sicherlich ist es nicht immer einfach, sich neben all den anderen Verpflichtungen, denen ich mich als CEO widme, Kapazitäten freizuschaufeln. Doch wie Frau Bárdos schon sagte, die Digitalisierung durchdringt alle Geschäftsbereiche, und wer vorne dabei sein möchte, kann es sich nicht erlauben, dieses Thema halbherzig anzugehen. Zu unserer Unternehmensphilosophie gehört es daher, dass wir uns immer wieder Impulse von außen holen, um die Visionen von morgen zu verstehen und daraus konkrete kurz-, mittel- und langfristige Handlungen abzuleiten.

neue verpackung: Warum glauben Sie, dass sich andere Geschäftsentscheider manchmal so schwer mit dem Thema tun?
Boris Maschmann: Naja, zum einen ist die digitale Transformation ein sehr umfangreiches Thema. Ich glaube, dass selbst die Digitalisierungs-Experten noch nicht genau überschauen können, wo die Reise überall hingehen wird. Hinzu kommt, dass beim CEO ja alle Themen eines Unternehmens zusammenlaufen, und wir uns zwangsläufig Prioritäten setzen müssen, wenn wir im Alltag noch handlungsfähig sein möchten. Einen weiteren Grund sehe ich jedoch auch bei den IT-Akteuren. Diese schaffen es häufig nicht, uns kaufmännischen Entscheidern griffige und nachvollziehbare Geschäftsszenarien aufzuzeigen. Gerade dies wäre aber sehr hilfreich. Letztendlich kann eine Brücke nur von zwei Seiten geschlagen werden. Es wäre uns allen viel damit geholfen, wenn wir uns sowohl von der Geschäftsseite als auch von der IT-Seite her mehr aufeinander einlassen würden. Bei Smurfit Kappa fördern wir solche digitalen Brücken. Impulse von außen und Dialoge mit Unternehmen wie Iconparc sind Beispiele hierfür.

neue verpackung: Frau Bárdos, welche Gründe sehen Sie für den geringen digitalen Fokus bei den Geschäftsentscheidern?
Franciska Bárdos: Mir ist es wichtig, an dieser Stelle zu erwähnen, dass ich es nicht für notwendig und auch nicht für sinnvoll halte, dass sich Geschäftsentscheider mit allen IT-Themen permanent auseinandersetzen. Herr Maschmann hat es schon angedeutet: Ich empfehle Entscheidern immer dann, den Blick zu öffnen, wenn sich neue Technologien und vor allem tiefgreifende Veränderungen am Markt abzeichnen. Unternehmen müssen nicht bei jedem IT-Trend mitmachen, um erfolgreich zu sein. Wichtig ist aus meiner Sicht, dass der Kopf des Unternehmens sich bewusst für ein Dafür oder Dagegen entscheidet und ein Thema nicht einfach vorbeiziehen lässt, ohne die sich daraus ergebenden Konsequenzen zu verstehen. Bei der Digitalisierung und beim E-Business lautet die Frage für mich jedoch nicht mehr, „ob mitmachen“ sondern „wie mitmachen“.

neue verpackung: Herr Maschmann, auf der Fachpack in Nürnberg haben Sie den Besuchern den 3-D-Store-Visualiser vorgestellt. Ich finde, dieses Beispiel illustriert sehr anschaulich, was dabei herauskommt, wenn sich verschiedene Unternehmensbereiche gemeinsam dem digitalen Business widmen. Bitte schildern Sie unseren Lesern doch mal die Hintergründe dieses Projektes.  
Boris Maschmann: Viele unserer Geschäftskunden aus dem Konsumgüterbereich investieren sehr viel Energie, um das Verhalten des Endabnehmers zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Man denke nur an aufwendig produzierte Werbespots im Fernsehen oder umfangreiche Marketingkampagnen, welche über verschiedene Kommunikationskanäle gefahren werden. All das hat zweifellos seine Berechtigung. Doch kurz vor dem entscheidenden Moment, nämlich am Regal, kann die Entscheidung des Käufers noch einmal komplett umgeworfen werden. Aus Untersuchungen wissen wir, dass im Konsumgüterbereich etwa drei Viertel aller Kaufentscheidungen am Regal getroffen werden. Umso wichtiger ist es, genau zu verstehen, wie das eigene Produkt zwischen all den Wettbewerbern vor Ort wirkt. Physische Testumgebungen sind sehr aufwendig und kostenintensiv. Genau hier setzen wir mit unserem 3-D-Store-Visualiser an. Hierbei handelt es sich um die virtuelle Simulation eines Regals in lebensechter Größe, und wie der Name schon andeutet, erfolgt all dies in drei Dimensionen. Unsere Geschäftskunden erhalten damit die Chance, zu erleben, wie ihr Produkt zwischen den Wettbewerbern im Regal wirkt, und zwar noch bevor die Verpackungsproduktion stattgefunden hat. Das erlaubt ihnen, in einem sehr frühen Stadium entscheidenden Einfluss auf die optimale Verpackungsgestaltung zu nehmen.

neue verpackung: Frau Bárdos, wie schätzen Sie die Digitalisierungslage in der Verpackungsbranche ein?
Franciska Bárdos: Im Bereich Produktionsautomatisierung und Flexibilisierung scheinen die Unternehmen ganz gut unterwegs zu sein. Zumindest habe ich den Eindruck, dass in diesem Umfeld intensive Dialoge stattfinden, und das Bewusstsein bei allen geschärft ist. Wenn es jedoch um digitale Antworten in der Absatzwirtschaft geht, sehe ich noch viel Optimierungspotenzial. Im Zuge der technologischen Entwicklung der Industrie 4.0 wird es möglich sein, individualisierte Produkte zu Preisen von der Stange herzustellen – im Extremfall wird es Produktvariationen bis zur Losgröße 1 geben. Bewusst ist das den Entscheidern zwar schon irgendwie, doch wie sie ein so stark fragmentiertes Produktportfolio kosteneffizient an den Mann bringen, wird aus meiner Sicht noch nicht strukturiert genug angegangen beziehungsweise wird dabei das Potenzial von E-Business noch nicht ausreichend berücksichtigt. Wenn die Auswahlmöglichkeiten steigen, nimmt auch der Beratungsbedarf auf Kundenseite zu. Das erfordert ein breiteres Wissen bei den Vertriebsmitarbeitern. Gleichzeitig werden die Absatzmengen je Produktausprägung kleiner, sodass kosteneffiziente Absatzwege eine noch wichtigere Rolle spielen werden. Hier bietet E-Business den Verpackungsunternehmen aus meiner Sicht noch viele Chancen. Ich rate den kaufmännischen Entscheidern, sich Impulse von externen E-Business-Beratern zu holen, um gemeinsam zu evaluieren, wie diese Herausforderungen in ihren Unternehmen gemeistert werden können.

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Iconparc GmbH

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