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Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländer verzeichnen immense Verluste von Nahrungsmitteln. Indien stemmt sich technisch gegen den Schwund mit Food-Parks – und auch die Verpackungsindustrie wird aktiv. SAVE FOOD thematisierte das Problem auf der interpack im Mai.

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Ein Nutzer aus der Karlsruher Rheinstraße schreibt auf Foodshare.de „Nusspli 2/3 voll und Choco Nussa zu 1/3 voll. Haben keine Lust mehr drauf – haltbar bis 01.07.2017 und 30.09.2017″. Über die Webseite stehen Nahrungsmittelreste zum Abholen für Mitglieder bereit. „313 Kilogramm Lebensmittel werfen wir pro Sekunde in Deutschland weg“, sagt Nicole Klaski auf dem Weg zu einem Partner-Supermarkt. Als eine von 22.600 Food­sharing-Freiwilligen holt sie essbare Lebensmittel legal von Betrieben ab, die dort entsorgt würden, und verschenkt diese. Foodsharing arbeitet als Netzwerk von Ehrenamtlichen, das 2.500 Kooperationen mit dem Einzelhandel, der Gastronomie und Lebensmittelbetrieben aufgebaut hat, um der Lebensmittelvergeudung entgegenzuwirken. Hierbei werden unverkäufliche noch gut verzehrbare Lebensmittel von den Foodsavern abgeholt und verteilt. Ein Kampf gegen den Verderb im Kleinen.

Foto: highwaystarz/Fotolia

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Verluste auf allen Ebenen

Das Problem ist immens: In deutschen Haushalten werden jährlich pro Kopf knapp 82 Kilogramm Lebensmittel weggeworfen. Um diese Menge zu erzeugen, wäre eine Anbaufläche von ungefähr 2,4 Millionen Hektar notwendig, die Fläche Mecklenburg-Vorpommerns. Weitere 56 Kilogramm Lebensmittel pro Kopf und Jahr gehen in der Landwirtschaft und bei Industrie, Handel und Großverbrauchern verloren. „Umfragen bei Landwirten und der Lebensmittelbranche deuten darauf hin, dass jeder zweite Salatkopf und jede zweite Kartoffel auf dem Acker bleiben und jedes fünfte Brot im Müll landet, statt auf dem Tisch“, schreibt der Schweizer Hansjürg Jäger für die Fachhochschule Bern in einer Masterarbeit.

Das Problem ist global: Die Food and Agricultural Organisation (FAO) der UNO nimmt 2011 die weltweiten Nahrungsmittelverluste mit rund 1,3 Milliarden Tonnen an. Das entspricht rund einem Drittel der für Menschen produzierten Nahrungsmittel. Dabei gibt es aber je nach Produkt und Wertschöpfung signifikante Unterschiede. Verderbliche Produkte, wie Früchte, Gemüse, Brot und Milch, gehen am häufigsten verloren. Früchte, Gemüse und Salat machen insgesamt rund ein Viertel der ungenutzten Kalorien aus.

Fluoreszierende Sensoren ermöglichen einen Frischecheck – womöglich bald auch für den Verbraucher im Laden. Geprüft wird der Restsauerstoffgehalt in MAP-Verpackungen. (Foto: GEA)

Fluoreszierende Sensoren ermöglichen einen Frischecheck – womöglich bald auch für den Verbraucher im Laden. Geprüft wird der Restsauerstoffgehalt in MAP-Verpackungen. (Foto: GEA)

Der Gesamtanteil der Lebensmittelverluste ist jedoch in allen Weltregionen etwa gleich, wird aber nicht überall an der gleichen Stelle der Wertschöpfungskette verursacht. In den Industrieländern arbeiten Produzenten, Logistiker und Händler eher effizient. Konsumenten in Industrieländern verschwenden die meisten Lebensmittel, was erzielte Einsparungen in der Produktion und der Verarbeitung wieder aufhebt.

In Entwicklungsländern treten Verluste meist während und unmittelbar nach der Produktion auf. Feuchtes und warmes Klima und Infrastrukturmängel im Bereich Lagerung und Kühlung bedingen einen Verderb, der kaum zu kontrollieren ist. Hinzu kommt das saisonale Überangebot während der Erntezeit, für das nicht ausreichend Lager zu Verfügung stehen. Die armen Länder verlieren bis zu 40 Prozent der Ernte durch Parasiten, Schädlinge oder Pilzbefall. Weil auf den Bauernhöfen die Lagerhaltungsmöglichkeiten unzureichend sind und Lebensmittel auf dem Transportweg verderben, schätzt die Welternährungsorganisation FAO, dass in den Entwicklungsländern jährlich 630 Millionen Tonnen Lebensmittel verloren gehen. Das wäre etwa die Hälfte des globalen Schwunds.

Auf der Suche nach Partnern

SAVE FOOD ist eine Initiative der Welternährungsorganisation FAO, des Umweltprogramms der Vereinten Nationen, UNEP, der Messe Düsseldorf und der Weltleitmesse für Verpackung und Prozesse, interpack. Die Initiative möchte durch das Engagement ihrer Mitglieder (mehr als 140 aus der Industrie sowie mehrere hundert Forschungseinrichtungen und Nichtregierungsorganisationen) die Nahrungsmittelverluste weltweit verringern.

In diesem Jahr präsentierte sich die Initiative zum dritten Mal auf der Messe in Düsseldorf. Beim Kongress am 4. Mai 2017 trafen Referenten aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft zusammen, um das Problem der Lebensmittelverschwendung zu diskutieren. Ein Schwerpunkt wird in diesem Jahr Indien sein. Das Land hat seine teilweise prekäre Situation erkannt und handelt, denn in Indien ist circa jedes fünfte Kind von Unterernährung betroffen. 40 Prozent der frischen Lebensmittel verderben bei den Landwirten, auf dem Transport oder letztendlich noch auf den Marktständen.

Im letzten Jahr kam Harsimrat Kaur Badal, die indische Ministerin für Food Processing Industries, nach Deutschland auf der Suche nach technischen Kooperationspartnern für die Verarbeitung, den Transport und die Verpackung von Lebensmitteln. Sie wird auch auf dem SAVE FOOD Kongress sprechen. „Nur ein geringer Anteil der verderblichen Güter, die wir produzieren, wird verarbeitet, denn rohe Lebensmittel sind in Indien deutlich günstiger. Zudem fehlt es an der Infrastruktur bei der Ernte, der Lagerung bei den Landwirten und der Verteilung“, klagte die Ministerin. Damit sind die Ursachen für den Verderb klar umrissen: fehlende Infrastruktur.

Investitionen werden möglich

Aber die Inder haben auch einen Masterplan: Er heißt Mega-Food-Parks. 42 davon sollen in Indien mit staatlicher Unterstützung errichtet werden. Etwa zehn sind bereits in Betrieb. Bis zu 185 Millionen Euro sollen in einzelne Parks investiert werden – mit stattlicher staatlicher Unterstützung bis zu etwa 25 Prozent der Investitionssumme. Die Inder planen in großen Dimensionen: Die Mindestgröße wird bei etwa 200.000 Quadratmetern angesetzt, erreicht aber auch mal 600.000 Quadratmeter, wie in Mogili im Bezirk Chittoor im Bundesstaat Andhra Pradesh. Die Investitionen stützen die indische Lebensmittelindustrie, die zu den größten Wirtschaftszweigen gehört und der noch immer enorme Wachstumspotenziale zugetraut werden. Die industrielle Dimension der Parks stützt zudem den Konsum in erheblichem Maße. Wachsendes Einkommen und steigendes Gesundheitsbewusstsein bedingen ein Interesse an neuen Marken und qualitativ hochwertigen Produkten. Die Regierung erleichtert auch den Einstieg in den Markt für ausländische Investoren. Ausländische Direktinvestitionen sind größtenteils zu 100 Prozent in der Lebensmittelverarbeitungsindustrie in Indien erlaubt.

Die Infrastrukturen der Mega-Parks sind nahe zu den Äckern der indischen Farmer gelegen. Bis zu 30.000 Landwirte können in den Parks ihre Ernte abliefern. Dort stehen Lager, Kühlhäuser, Sortier- und Klassifizierungsanlagen, Reifekammern, Zerkleinerungs- beziehungsweise Weiterverarbeitungsanlagen, Verpackungstechnik, wie zum Beispiel Kartonverpackungsstraßen, aber auch Gas, Strom, Wasser oder Biogasanlagen für die Abfälle zur Verfügung.

Ein Sensor für die Frische

Da, wie sich gezeigt hat, auch in den industrialisierten Staaten die Quote der weggeworfenen Lebensmittel hoch ist, weil Verbraucher Angaben, wie das Mindesthaltbarkeitsdatum, falsch interpretieren, wird es auch dort darum gehen, den Herstellern und in Zukunft sogar dem Handel Mittel an die Hand zu geben, mit denen sie die Frische verpackter Nahrungsmittel zweifelsfrei prüfen können. Sensoren können hier hilfreich sein. Eine derartige Weltneuheit bot zur interpack 2017 das SAVE FOOD Mitglied GEA mit der Technologie Oxy-Check an. Es handelt sich um eine zerstörungsfreie Prüfung des Restsauerstoffgehalts in Packungen mit modifizierter Atmosphäre (MAP). Für MAP wird der Verpackung erst Sauerstoff entzogen und dann ein Spezialgemisch – zumeist aus Kohlenstoffdioxid und Stickstoff – zugesetzt, um die Haltbarkeit zu verlängern. Die Mehrzahl der verderblichen Nahrungsmittel, wie Fisch, Geflügel und Fleisch, wird heutzutage auf diese Weise verpackt.

Da immer ein minimaler Anteil Restsauerstoff in den modifizierten Verpackungen verbleibt, kann dieser als Indikator für die einwandfreie Verpackung und somit auch den Frischezustand der Produkte genutzt werden. Dazu wird im Verpackungsinneren ein Sensorspot appliziert, der bereits auf den Verpackungsfilm gedruckt werden kann. Ein Sensor in der Verpackungsanlage regt die Lumineszenz des Spots auf der Folie an und misst diese. „Wir haben eine Methode entwickelt, wie wir die Lichtemission des Sensorspots in Abhängigkeit von der Temperatur in Sauerstoffkonzentration umrechnen“, erklärt Senior-Produktmanager Volker Sassmannshausen von GEA. „Die Neuheit ist: Jede einzelne Verpackung aus der Produktion der Tiefziehmaschinen wird berührungslos gemessen, ohne sie, wie bis dato üblich, mit einer Nadel zu zerstören.“ Hersteller können so 100 Prozent der Charge kontrollieren und fehlerhafte Verpackungen einzeln ausschleusen. Dadurch werden die Risiken ausgeschlossen, die bei den sonst üblichen Stichprobenmessungen auftreten. Stichproben werden bisher von nur circa einem Prozent der produzierten Verpackungen genommen.

GEA verbindet große Erwartungen mit dieser neuartigen Qualitätskontrolle, denn diese könnte eines Tages die gesamte Packungslebensdauer bis hin zum Verbraucher begleiten. So werden bereits Scanner getestet, die Supermärkte direkt nutzen können, um die eigenständige Überprüfung auch im Anschluss an die Produktion zu ermöglichen. Die Marketingstrategen des Düsseldorfer Technologiekonzerns sind nun auf der Suche nach Partnern im Handel, um die Chancen des Systems auch dort für Produktqualität und -sicherheit umzusetzen. Das könnte das unnötige Wegwerfen noch frischer Lebensmittel zumindest etwas eindämmen.

 

Interview mit Volker Sassmannshausen, Senior Product Manager

Der GEA-Oxy-Check-Frischesensor misst den Restsauerstoff in MAP-Verpackungen. Was sagt der aus? Wie wird genau gemessen?

Volker Sassmannshausen: GEA-Oxy-Check misst den Restsauerstoffgehalt in einer Schutzgasverpackung. Das Erreichen und Einhalten der vorgegebenen Restsauerstoffwerte ist eine wichtige Voraussetzung für die Herstellung einer optimalen Schutzgasverpackung. Bei einer Schutzgasverpackung (MAP) wird zunächst die Luft aus einer Verpackung abgesaugt beziehungsweise evakuiert und anschließend der Packungsraum mit einem Schutzgas gefüllt. In der Regel sollte danach der Restsauerstoffgehalt so gering wie möglich sein, da Sauerstoff grundsätzlich die Produktoxidation oder das Bakterien- und Sporenwachstum fördert und somit zu vorzeitigem Verderb führt.

GEA-Oxy-Check ist weltweit das erste vollständig in eine Tiefziehverpackungsmaschine integrierte System, das den Restsauerstoff aller hergestellten MAP-Packungen zerstörungsfrei und kontaktlos misst.

Wie zuverlässig sind die Sensoren?

Volker Sassmannshausen: Die GEA-Oxy-Check-Sensoren sind optische Sensoren, die berührungslos den Sauerstoffgehalt messen. Ein sogenannter Sensorspot wird durch das LED-Licht des Auslesesensors zur Lumineszenz angeregt, die resultierende Emission wird gemessen und der Sauerstoffgehalt bestimmt. Da das System berührungslos arbeitet, unterliegt es somit keinem mechanischen Verschleiß, der die Lebensdauer reduzieren könnte.

Um wieviel wird Oxy-Check die Verpackungskosten erhöhen?

Der GEA-Poduktmanager Volker Sassmannshausen will den neuen Oxy-Check auch in den Handel bringen und damit die Prüfmöglichkeiten verlängern. (Foto: GEA)

Der GEA-Poduktmanager Volker Sassmannshausen will den neuen Oxy-Check auch in den Handel bringen und damit die Prüfmöglichkeiten verlängern. (Foto: GEA)

Volker Sassmannshausen: Die Kosten des Systems richten sich nach System und Ausführungen. Sie belaufen sich aber auf unter einem Cent pro Verpackung.

Das System ist auch für Supermärkte vorgesehen, wo Verbraucher eigenhändig die Frische prüfen können. Haben die Märkte bereits Interesse signalisiert?

Volker Sassmannshausen: Das System ist vorerst nicht für den Verbraucher vorgesehen. GEA arbeitet momentan an einer Lösung mit Handscannern, um den Restsauerstoffgehalt während des gesamten Packungslebenszyklus ermitteln zu können. Dies wäre dann tatsächlich auch bis zum POS – wie zum Beispiel im Supermarkt – möglich.

 

Autor

Bernd Waßmann, freier Mitarbeiter

Unternehmen

Messe Düsseldorf GmbH

Messeplatz, Stockumer Kirchstr. 61
40474 Düsseldorf
Deutschland

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