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Holz ist der traditionelle Rohstoff für jegliches Papier, ob als Frischzellstoff oder als Recyclingware. Dieses eherne Gesetz wird jetzt aufgeweicht: Von Ausgleichswiesen kommt ein schnell nachwachsender Konkurrent.

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Was das Rindvieh verschmäht, ist für Verpackungen allemal gut: Auf landwirtschaftlichen Ausgleichsflächen wachsen hartes, stacheliges Gras und Unkräuter, die einem sanften Kuhmaul nicht goutieren. Bislang landete die Ernte dieser hübschen Wiesen in der Verwertung bei Kompostern und Biogasanlagen. Nun hat auch die Papier- und Verpackungsindustrie ein Auge darauf geworfen, denn bis zu 50 Prozent des in der Papierindustrie genutzten Holzzellstoffs kann durch Gras ersetzt werden. Anwendungen zeichnen sich ab. Industrieller Vorreiter ist hier die Papierfabrik Scheufelen in Lenningen am Fuße der Alb.

Die österreichische Bio-Marke Ja! setzt ebenfalls auf Graspapier. Wie bei Rewe sollen ab Herbst Äpfel in den Schalen angeboten werden. Den Anfang machten im Sommer Tomaten. (Foto: Ja! Natürlich/Dusek)
Auch für die Getränkeindustrie stehen bereits Lösungen, zum Beispiel als Trägerverpackungen, bereit. (Foto: Waßmann)

Das kam so: Das Honnefer Unternehmen Creapaper ging gemeinsam mit der Papiertechnischen Stiftung sowie der Universität Bonn das Projekt an, Gras als Rohstoff für die Papierherstellung einzusetzen. Dieser Entwicklungsprozess ist auch initiiert durch die zu erwartende Unterdeckung von Altpapier bei der Papierproduktion, unter anderem bedingt durch die Veränderungen im Medienverhalten.

Als Spezialist für die Produktentwicklung begann der Gründer von Creapaper, Uwe D’Agnone, damit, zunächst verschiedene alternative Rohstoffe auszutesten – der Einsatz von Gras versprach dabei die größten Erfolgschancen. Das erste Papier wurde zunächst manuell auf einem Papierschöpfsieb hergestellt und bestärkte ihn, in diese Lösung zu investieren und nach Unterstützern für diese Innovation zu suchen.

Grundlegend ging es zunächst darum, papiertechnologische Anforderungen an den Faserrohstoff, die Bestimmung von Einzelpflanzen und deren Zusammensetzung sowie der Rohstoffqualitäten als Basispapiereigenschaften zu analysieren. Grundlagenforschung eben. Die kümmerte sich auch um die Sicherheit der Rohstoffe. Die liegt beim Gras fast auf der Hand: Es handelt sich um eine schnell nachwachsende Pflanze, die im Gegensatz zu Holz mehrfach im Jahr geerntet werden kann.

An Material mangelt es nicht

Dazu kommt das Wachstum der Versiegelungsausgleichsflächen, die für eine klassische landwirtschaftliche Nutzung nicht zur Verfügung stehen. An Material ist also kein Mangel. Scheufelen geht davon aus, die Rohstoffe – verwendet werden Pellets aus Heu – aus einem Umkreis von 50 km aus der Biosphärenregion Schwäbische Alb beziehen zu können.

Das im Mai 2015 abgeschlossene Projekt der Honnefer mündet jetzt in der industriellen Verwertung der Ergebnisse. Dabei geht es um eine möglichst geringe Umweltbelastung bei der Herstellung des Frischfaserzellstoffs. Scheufelen-Projektmanager Michael Schöner fasst die Erfolge so zusammen: „Die Vorteile beruhen auf einem verschwindend geringen industriellen Wasserbedarf, der bei weniger als einem Liter pro Tonne Graszellstoff liegt, verglichen mit mehreren tausend Litern Wasser pro Tonne Holzzellstoff.“ In realen Prozentzahlen ist die Ersparnis kaum auszudrücken: Der Frischwasserverbraucher sinkt von 6.000 Litern (weitere 24.000 Liter verbleiben im Kreislauf) auf einen Liter. Die chemiefreie Aufbereitung ist ein weiterer Vorteil. Frischfasern aus dem Holzverbund werden mittels Chemikalien wie sauren oder alkalischen Schwefelsalzsäuren gelöst. In Europa wird zur Bleiche, mit der Verunreinigungen entfernt werden, hauptsächlich chlorarme Chemie verwendet. Hinzu kommt die Energieersparnis von bis zu 80 Prozent pro Tonne. Zudem ist das hergestellte Papier voll recyclingfähig, wie holzbasierte Produkte ebenso. Mit Blick auf die ökologischen Eigenschaften verspricht Scheufelen ein Produktportfolio „mit einem einzigartigen Marketingansatz“.

Das Graspapier wird von Scheufelen in unterschiedlichen Grammaturen und Eigenschaften als Wellpapppenrohpapier beziehungsweise Liner (Greenliner), als hochweißer Zellstoffkarton Phoenogras in Kombination mit den Zellstoffkarton Phoenolux für Verpackungszwecke angeboten. Scheufelen Graspapier dient für grafische Anwendungen. Die Flächengewichte reichen je nach Anwendung von 80 bis 390 Gramm (siehe auch Interview, Seite 80). Bis zu 40 Prozent Grasfaser werden den Papieren und Kartons gegenwärtig beigemischt. 50 Prozent sollen bereits in der nächsten Zukunft umgesetzt werden.

Für Scheufelen sind die neuen Papiersorten Teil einer Überlebensstrategie. In den letzten Jahren sind Umsätze und Mitarbeiterzahlen dramatisch gesunken; Produktionskapazitäten wurden halbiert. Diese Papieranlagen stehen jetzt für die Herstellung von Graspapier zur Verfügung und erreichen eine Kapazität von 150.000 Tonnen. Nach einigen Eigentümerwechseln befindet sich Scheufelen heute in den Händen der Hochtechnologie-Gruppe Schaeff aus Schwäbisch Hall. Dort ist auch der heutige Ehrenvorsitzende von Scheufelen, Ulrich Scheufelen, beteiligt. Er sieht die Entwicklung positiv: „Wir gehen davon aus, dass wir 90 Prozent aller Papierprodukte aus Graspapier produzieren können.“ Scheufelen will das Graspapier für einen Wandel des Produktportfolios nutzen. Vom grafischen Produkt – das freilich nicht komplett aufgegeben wird – verlagert sich der Schwerpunkt in Richtung konjunkturträchtige Verpackungspapiere.“ Mit dem Graspapier erhoffen wir uns den Durchbruch“, äußerte sich der Mehrheitsgesellschafter des Eigentümers, Alexander Schaeff .

Erste Anwendungen im Handel

Die Schwaben selbst waren an der technologischen Entwicklung im Folgeprozess nicht unbeteiligt. Die nicht unwichtige Bedruckbarkeit der Papiere und Kartons wurde bei Scheufelen entwickelt. Dabei kann auf die gängigen Druckverfahren zurückgegriffen werden: Flexo, Offset und Rollenoffset. Die zunächst ökologische Optik der Verpackungen ist Ansatz für weitere Entwicklungsarbeiten. An reinweißen Produkten, zum Beispiel für Faltschachteln, wird gearbeitet, sagt Marketingchef Lamparter. Erste Anwender haben sich bereits gefunden: Otto nutzt als Pilotkunde den Karton für Schuhe. Und breite Kundschaft wird mit dem neuen Karton demnächst Bekanntschaft machen, wenn sie Bio-Äpfel bei Rewe oder Penny einkauft. Rewe-Bereichsleiter Nachhaltigkeit, Dirk Heim, ist stolz: „Mit Papier aus Gras betreten wir völliges Neuland in der Branche. Mit der Umstellung auf diese neue Verpackung testen wir nun, wie sich das Produkt in der Praxis bewährt, und wie die Verbraucher diese ökologische Variante annehmen.“ Damit ist auch die Lebensmittelunbedenklichkeit bescheinigt. Ein entsprechendes Isega-Zertifikat liegt vor.

Für Sie entscheidend

Packaging Campus eröffnet
Im Zusammenhang mit der Präsentation des Graspapiers wurde auch der neue Packaging Campus Lenningen in einer nicht genutzten Werkshalle von Scheufelen eröffnet. Es handelt sich um eine Kooperation mit verschiedenen Hochschulen aus der Region, aber auch aus Kuba. Einer der Hauptkooperationspartner ist die Hochschule der Medien in Stuttgart (HdM).
Entdecken, Erfahren, Erforschen bilden die Arbeitsschwerpunkte. Dabei soll eine Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Industrie zur Förderung einer praxisnagen, angewandten Forschung im Papier- und Verpackungsbereich entstehen.
Zurzeit arbeiten die Studierenden gemeinsam mit Scheufelen-Spezialisten an energie- und wassersparenden Papierpackstoffen. Ein anderes Thema sind fälschungssichere Verpackungen für den Pharmabereich, bei denen elektronisch Bauteile ins Papier eingebracht werden.

 

 

Autor

Bernd Waßmann, freier Mitarbeiter

Unternehmen

Papierfabrik Scheufelen GmbH & Co. KG

Adolf-Scheufelen-Straße 26
73252 Lenningen
Deutschland

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