Packmittel - Design

Mehr als nur „Easy Opening“

Aus diesem Grunde scheint es sinnvoll, Produkte altersgerecht zu gestalten und insbesondere im Hinblick auf Verpackungen mögliche Problembereiche für ältere Menschen aufzudecken und zu lösen, da es mit fortgeschrittenem Alter verstärkt zu körperlichen Einschränkungen kommen kann. Dazu zählen neben einer eingeschränkten Fingerfertigkeit auch verminderte feinmotorische Fähigkeiten sowie ein geringeres Kraftvermögen in den Händen. Die Nichtbeachtung dieser Umstände in der Verpackungsgestaltung kann im schlimmsten Fall den Gebrauch eines Produktes für Senioren unmöglich machen und führt gegebenenfalls zum Verlust dieser Bevölkerungsgruppe als Kunden.

Erste Ansatzpunkte zur Lösung dieser Problematik bildeten hierbei ein Beschwerdepool für ältere Verbraucher zum Thema Verpackungen der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisation e. V. (BAGSO) sowie eine Studie der Organisation Pro Carton, welche sich mit der Thematik „Welche Bedürfnisse und Wünsche haben Verbraucher der Zielgruppe 60+ an Verpackungen?" beschäftigte. Die Ergebnisse dieser Studien und Befragungen ergaben unter anderem, dass Senioren Schwierigkeiten mit schwer auffindbaren Laschen bei Peelverpackungen, Aufreißfäden bei in Folie eingeschweißten Produkten sowie mit dem erhöhten erforderlichen Kraft- beziehungsweise Geschicklichkeitsaufwand bei der Verpackungsöffnung haben. Weitere wichtige Aspekte, die Senioren bemängeln, sind die verpackungsbedingte Verletzungsgefahr (beispielsweise bei scharfkantigen Dosenverschlüssen) oder der zum Öffnen der Verpackung notwendige Einsatz von Hilfsmitteln wie Scheren oder Messern (zum Beispiel bei Schweißsiegelverpackungen). Weitere genannte Hindernisse waren spezielle Schraub-Dreh-Knebel-Verschlüsse oder unter dem Drehverschluss von Tetra-Packs zusätzlich angebrachte Kunststoffsiegel. Aber auch kraftaufwendige Produkte wie Konservendosen - sowohl mit als auch ohne Aufreißhilfe - und unter Druck stehende Getränkeflaschen bilden neben kleinen und schwer greifbaren, peelbaren Verpackungen oder Blistern eine Herausforderung für Menschen mit höherem Lebensalter. Aus diesem Grunde gibt es für das Feld Verpackungsdesign einen erhöhten Handlungs- und Forschungsbedarf; nicht zuletzt, weil bereits heute bekannte Verpackungsarten auch bei jüngeren Menschen zu Problemen führen und somit eines Ersatzes bedürfen.

Die Anforderungen gehen über Seniorengerechtigkeit hinaus
Um mögliche Lösungen für eine seniorengerechte Verpackung aufzeigen zu können, ist es wichtig zu wissen, welche Prämissen ältere Menschen an eine „ideale" Verpackung stellen. Hierzu gehören neben einer guten Lesbarkeit, einem deutlich erkennbaren Mindesthaltbarkeitsdatums, einer seniorengerechten Farbwahl und einer Vermeidung von glänzendem Material vor allem mechanische Verpackungsöffnungseigenschaften. Zu diesen zählen ein unkompliziert konzipierter Öffnungs- und Verschließmechanismus, eine leichte Handhabung sowie eine gute Portionierbarkeit des Produktinhaltes.

Allgemeine Lösungsmöglichkeiten beschäftigen sich mit Noppen oder breiteren Griffkanten, wie sie beispielsweise der Komfort-Verschluss von Schmerzgeltuben bietet. Er besteht aus einem Drehverschluss, welcher durch seine größere Dimensionierung und griffigere Haptik der verringerten Fingerfertigkeit und Greifkraft von Senioren gerecht wird. Auf der Suche nach Lösungsmöglichkeiten muss allerdings beachtet werden, dass die Problematik der seniorengerechten Verpackung nicht losgelöst von den übrigen Funktionalitäten des Produktes Verpackung betrachtet werden kann. Neben marketing- und nachhaltigkeitsorientierten Aspekten, die Verpackungen erfüllen müssen, stellen sie in erster Linie einen Schutz des beinhalteten Produktes während des gesamten TUL-Prozesses (Transport, Umschlag und Lagerung) vor äußeren Belastungen und Einwirkungen dar. Ein Verschluss darf folglich nicht zu leicht zu öffnen sein, da er sonst beispielsweise während des Transportes aufreißen könnte.

Kindersicherheit nicht vernachlässigen
Darüber hinaus ist bei gesundheitsgefährdenden Inhalten auch der Schutz des Kunden und hierbei insbesondere von Kindern ein weiterer Schwerpunkt bei der Verpackungsgestaltung. Nimmt man Bezug auf die derzeit aktuellste Studie zu Vergiftungszahlen von Kindern („Krankenhausaufenthalte von Kindern von 1-5 Jahren nach Vergiftungen" des statistischen Bundesamtes aus dem Jahre 2002), in welcher ein Viertel aller stationär behandelten Patienten mit Vergiftungen und toxischen Wirkungen Kinder sind, wird die Notwendigkeit einer Kindersicherung bei potenziell gesundheitsschädlichen Produkten wie zum Beispiel Haushaltschemikalien aber auch Medikamenten deutlich. Bisherige Lösungen für kindersichere Verschlüsse sind meistens derart konzipiert, dass entweder eine Mindestkraft - die Kinder nicht aufbringen können - beim Öffnen benötigt wird oder eine gewisse Komplexität der Öffnungsmechanismen (beispielsweise gleichzeitiges Drücken und Drehen) ein einfaches Öffnen verhindert.

Neben diesen Anforderungen verlangt der Handel zunehmend, dass die Verpackung auch eine Manipulation - mit der Absicht die Ware zu klauen - verhindern kann. Dies soll durch eine erhöhte benötigte Öffnungs- beziehungsweise Manipulationszeit, zum Beispiel infolge schwerer und komplizierter Öffnungsmechanismen - mit verärgerten Kunden als Folge - oder durch eine verbesserte Sichtbarkeit einer Manipulation und erschwertem unbemerkten Entfernen aus dem Verkaufsraum realisiert werden. Die Vielfältigkeit der Funktionalität, die an Verpackungen gestellt wird, führt regelmäßig zu speziellen Spannungsfeldern (vgl. Abbildung). Während sich die Anforderungen an kindersichere und manipulationshemmende Verpackungen noch miteinander in Einklang bringen lassen, so widersprechen sie jedoch größtenteils denen von seniorengerechten Lösungen. Bei dem Vergleich der Anforderungen für kindersichere und seniorengerechte Verpackungen ist auffällig, dass beide sich teilweise ausschließen. So sind kraftintensive Öffnungsmechanismen wie Drück-Dreh-Mechanismen, die als Schutz für Kinder fungieren, für ältere Menschen ebenso schwer zu handhaben. Andererseits sind einfache Drehverschlüsse, wie diese bei Putzmitteln häufig zu finden sind, für Kinder zu einfach zu öffnen.

Problemprodukte identifiziert
Diese Problemstellung wird vom Institut für Distributions- und Handelslogistik (IDH) des VVL e. V. in dem aktuell laufenden IGF-Forschungsvorhaben „Erarbeitung allgemeingültiger Lösungen für seniorengerechte Produktverpackungen unter Einbezug kindersicherer Lösungen sowie des Diebstahlschutzes - Geronto-Safe" bearbeitet. Das IGF-Vorhaben (17504 N) der Forschungsvereinigung Gesellschaft für Verkehrsbetriebswirtschaft und Logistik (GVB) e. V., München wird über die AiF im Rahmen des Programms zur Förderung der Industriellen Gemeinschaftsforschung (IGF) vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages gefördert.

Das Ziel dieses Forschungsprojektes besteht in der Identifikation beziehungsweise Entwicklung von Verpackungsöffnungen oder -verschlüssen, die möglichst allen Anforderungen des oben dargestellten Spannungsfeldes entsprechen. Nachdem bereits typische „Problemprodukte" identifiziert und eine Auswahl an Produkten, die sowohl von Senioren häufig genutzt aber auch gleichzeitig kindersicher oder ggf. auch manipulationssicher sein müssen getroffen wurde, werden derzeit geeignete Verpackungslösungen untersucht. Erste Ergebnisse werden voraussichtlich bereits zum Ende des Jahres 2013 vorliegen.

Über die Firma
Institut für Distributions- und Handelslogistik (IDH) des VVL e.V.
Dortmund
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