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Verschlüsse

Leichte Handhabung im Blick

Das Öffnen einer Glaskonserve erfordert sehr viel Kraft in den Händen. (Foto: iStock.com/triffitt)
Das Öffnen einer Glaskonserve erfordert sehr viel Kraft in den Händen. (Foto: iStock.com/triffitt)

 Bei der Verpackungsentwicklung werden diese Eigenschaften jedoch häufig vernachlässigt, mit entsprechenden Folgen: Resultierende Handhabungsprobleme rufen beim Verbraucher Unzufriedenheit hervor. Dieser greift wahrscheinlich beim nächsten Mal auf ein vergleichbares Konkurrenzprodukt zurück. Um dies zu vermeiden, sollte eine leichte Handhabung bereits während der Verpackungsentwicklung sichergestellt werden. Akzeptanztests bieten hierbei Unterstützung: Mit ihrer Hilfe lassen sich unter anderem etwaige Schwierigkeiten beim Handling aufzeigen und die Bedürfnisse der Verbraucher identifizieren, sodass eine Grundlage für Optimierungsmaßnahmen geschaffen wird. Das in der DIN CEN/TS 15945:2011 beschriebene Verfahren überprüft zum Beispiel das leichte Öffnen von Verpackungen sowie die grundsätzliche Zufriedenheit des Verbrauchers mit der Handhabung unter Beachtung der physischen Beeinträchtigungen von Senioren.

Oft fehlt es an Kraft

Der menschliche Körper unterliegt mit steigendem Alter physischen Veränderungen, die die Handhabung von Verpackungen zusätzlich erschweren. So haben laut BAGSO 92 Prozent der befragten Senioren allgemein Probleme mit dem Öffnen von Verpackungen. Häufig ist dafür viel Kraft oder koordinative Geschicklichkeit erforderlich, die im Alter kaum noch aufgebracht werden kann. Bei Flaschen mit kleinen Schraubverschlüssen muss verhältnismäßig viel Kraft aufgebracht werden; auch sind kleine flache Verschlüsse schwer zu fassen. Ebenfalls wird für das Öffnen von Glaskonserven (zum Beispiel Marmeladenglas) wegen des Unterdrucks eine hohe Handkraft benötigt.

Das Öffnen von Konservendosen mit Ring-Pull-Verschlüssen bereitet Senioren auch oft Probleme. Der Metallring lässt sich mit arthritischen Fingern nur schwer greifen und anheben, darüber hinaus fehlt die für das Abziehen des Deckels benötigte Kraft in den Händen. Des Öfteren bricht der Ring ab, sodass auf ein Dosenöffner zurückgegriffen werden muss. Blisterverpackungen sind ohne Zuhilfenahme diverser Hilfsmittel so gut wie nicht zu öffnen. Häufig werden Öffnungsmechanismen nicht verstanden oder erst gar nicht gefunden, da diese unzureichend gekennzeichnet sind. Senioren ärgern sich über peelbare Verpackungen wie für Wurst- und Käseaufschnitt: Die Aufreißlaschen sind schwer zu finden und lassen sich mit nachlassendem Fingerspitzengefühl mühsam fassen. Die Folie ist aufgrund der abnehmenden Handkraft schwer abzuziehen. Weiter wird moniert, dass Verpackungen oft keine zufriedenstellende Restentleerung ermöglichen, auch mangelt es an Portionierungsmöglichkeiten. Kontrastarme und zu klein gedruckte Informationen sind wegen Beeinträchtigungen im Sehverhalten kaum zu entziffern. Nicht nur Senioren ärgern sich über schlecht zu handhabende Verpackungen, sondern ebenso jüngere Menschen.

Folgen von „Frustverpackungen“

Zuhilfenahme diverser Hilfsmittel steigert das Verletzungsrisiko. 
(Foto: Wikiphoto)
Zuhilfenahme diverser Hilfsmittel steigert das Verletzungsrisiko. (Foto: Wikiphoto)

Wenn Verpackungen nicht beziehungsweise nur mit grober Gewalt zu öffnen sind, der Öffnungsvorgang umständlich ist oder viel Zeit in Anspruch nimmt, so führt dies zu Unzufriedenheit beim Verbraucher. Der eine oder andere vermag sogar aggressiv zu werden und die Verpackung aus Frust in die Ecke zu verbannen. Es kommt vor, dass Verbraucher sich beim Versuch, die Verpackung zu öffnen, ihre Hände und Kleidung mit dem plötzlich aus der Verpackung herausspritzenden Produkt beschmieren. Darüber hinaus steigt das Verletzungsrisiko, wenn für das Öffnen auf Hilfsmittel (Schere, Messer, Schraubenzieher) zurückgegriffen wird. Aber auch an scharfkantigen Verpackungen kann man sich Schnittwunden hinzuziehen wie am Deckelrand von Konservendosen oder an Blisterverpackungen. Verbraucher ärgern sich jedoch meist im Stillen: Es besteht eine Diskrepanz zwischen den Kundenrückmeldungen zum Hersteller und der kaufentscheidenden Rolle beim Verbraucher. Speziell für Senioren ist die Handhabung der Verpackung entscheidend für den Wiederkauf eines Produkts. Treten Schwierigkeiten beim Handling auf, werden Senioren bei ihrem nächsten Kauf auf ein konkurrierendes Produkt zurückgreifen.

Aber genau die Zielgruppe der Senioren sollte beachtet werden, da ihr prozentualer Anteil in Deutschland laut des demografischen Wandels zunimmt. Der Großteil der Seniorenhaushalte ist finanziell gut bis sehr gut aufgestellt und weist eine hohe Kaufkraft auf. Senioren sind jedoch kritisch, haben ihre Ansprüche und wollen keinesfalls mit ihrem Alter konfrontiert werden. Sie erwarten, dass man ihnen eine weitgehende Beibehaltung ihrer Konsum- und Lebensgewohnheiten ermöglicht. Verpackungen sollten daher eine unterstützende Wirkung haben und nicht als Barriere im Raum stehen, was aber häufig der Fall ist. Um sicher zu gehen, dass Verpackungen barrierefrei sind, sollten diese im Vorfeld durch Verbraucher, bevorzugt durch Senioren, auf ihre Handhabung getestet werden.

Evaluation der Verbraucherakzeptanz

Foto: IVM
Foto: IVM

Ein geeignetes Verfahren zur Ermittlung der Verbraucherakzeptanz von Verpackungen wird in der DIN CEN/TS 15945:2011 beschrieben. Mit diesem Zielgruppenprüfverfahren lässt sich ermitteln, ob eine Verpackung leicht zu öffnen ist und ob Verbraucher mit der Handhabung grundsätzlich zufrieden sind. Hierfür werden 100 zufällig ausgewählte Teilnehmer/-innen im Alter von 65 und 80 Jahren geladen und gebeten, eine vorliegende Verpackung zu öffnen. In der ersten Stufe bekommen die Teilnehmer fünf Minuten Zeit eingeräumt, sich durch das Lesen der Öffnungsanleitung mit der Verpackung vertraut zu machen, diese zu öffnen und eine vorgesehene Menge des Produktes zu entnehmen. Handelt es sich um eine wiederverschließbare Verpackung, muss diese wieder ordnungsgemäß verschlossen werden (Effektivität). In der zweiten Stufe muss eine identische Verpackung erneut geöffnet werden, diesmal innerhalb einer Minute (Effizienz). In der letzten Stufe können die Teilnehmer ihre grundsätzliche Zufriedenheit mit der Verpackungshandhabung auf einer Skala angeben. Zusätzlich lassen sich gezielte Fragen zur Identifikation von Schwierigkeiten beim Handling stellen. Für das Bestehen der Prüfung muss der Zufriedenheitswert insgesamt positiv sein und höchstens sechs der 100 Teilnehmer darf es nicht gelungen sein, die Verpackung in den vorgegebenen Fristen zu öffnen. Nach erfolgreicher Prüfung besteht die Grundlage für eine Zertifizierung der verbraucherfreundlichen Verpackung. Das Verfahren nach DIN CEN/TS 15945:2011 erfolgt durch akkreditierte Dienstleister (zum Beispiel ivm-lab.de).

Mit einem Monitoring können Frustverpackungen rechtzeitig aufgezeigt und vermieden werden. Es werden Probanden aufgefordert, Verpackungen auf ihre Handhabung zu prüfen. Dabei werden sie beobachtet und zu einem lauten Denken angeregt, sodass die Beobachter besser nachvollziehen können, was die Probanden während der Handhabung empfinden. Diese Empfindungen und etwaige Probleme beim Handling werden ausführlich dokumentiert, sodass sie später als Optimierungsgrundlage dienen. Anschließend können Gruppendiskussionen oder Einzelinterviews durchgeführt werden, um zu ermitteln, was genau auf Unzufriedenheit gestoßen ist und was als positiv empfunden wurde.

Leicht zu handhabende Verpackungslösungen

Ergonomisch geformter Schraubverschluss unterstützt Öffnungsvorgang. (Foto: IVM)
Ergonomisch geformter Schraubverschluss unterstützt Öffnungsvorgang. (Foto: IVM)

Werden die Erkenntnisse aus den Akzeptanztests bei der Verpackungsentwicklung berücksichtigt, lassen sich Verpackungen konzipieren, die für jeden leicht zu handhaben sind. Solche Verpackungen sind an den Bedürfnissen des Verbrauchers ausgerichtet. Der Öffnungsmechanismus ist selbsterklärend und optisch deutlich hervorgehoben. Das Öffnen gelingt ohne viel Kraftaufwand und Fingerfertigkeit. Große oder polygonale Schraubverschlüsse sind besser zu greifen und wirken beim Öffnen unterstützend. Bei peelbaren Verpackungen sollte die Aufreißlasche groß und leicht fassbar (angeraut, gummiert etc.) sein. Generell erleichtern ergonomisch geformte Verpackungen die Handhabung und somit auch das Öffnen. Eine rutschfeste und angenehme Haptik wird durch geriffelte oder genoppte Packmitteloberflächen erzielt. Eine einfache und saubere Entnahme des Produktes und gegebenenfalls praktische Portionierungs- beziehungsweise Dosierungsmöglichkeiten tragen zur Verbraucherzufriedenheit positiv bei. Flaschen und Getränkekartons können beispielsweise skalierte Sichtfenster aufweisen. Bei Ketchup-Flaschen kann das Etikett „umgedreht“ werden, sodass es für den Verbraucher offensichtlicher ist, dass er die Flasche für eine effektive Restentleerung auf dem Kopf stellen muss. Auch die Wiederverschließbarkeit von Verpackungen ist von Wichtigkeit, um Lebensmittel unterwegs genießen zu können und um deren Haltbarkeit zu erhöhen. Darüber hinaus sollten Produktinformationen problemlos zu lesen und übersichtlich sein.

Im Vorfeld durchgeführte Akzeptanztests liefern aufschlussreiche Erkenntnisse über die Handhabung von Verpackungen. Mit ihrer Hilfe lassen sich etwaige Fehlentwicklungen rechtzeitig aufzeigen und die Bedürfnisse der Verbraucher identifizieren. Als Resultat wird eine Optimierungsgrundlage für die Erzielung einer leicht zu handhabenden Verpackung gewonnen. Daneben können Akzeptanztests auch als Entscheidungshilfe für die Auswahl der geeignetsten Verpackung aus mehreren Alternativen gesehen werden. Bei erfolgreicher Zielgruppenprüfung nach DIN CEN/TS 15945:2011 besteht die Grundlage für eine Zertifizierung der verbraucherfreundlichen Verpackung. Akkreditierte Dienstleister (zum Beispiel ivm-lab.de) liefern hierbei qualifizierte Unterstützung.

 

Über den Autor
Autorenbild
M.Eng. Karen Grandt, IVM Institut Verpackungsmarktforschung GmbH

Über die Firma
ivm Institut VerpackungsMarktforschung GmbH
Braunschweig
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