Save Food

Verluste entlang der gesamten Wertschöpfungskette

In den nächsten Wochen rollt er wieder, der Mango-Express. In Indien übt die etwa faustgroße Mango magisches Interesse auf Genießer aus, vergleichbar vielleicht mit Spargel und Erdbeeren in Deutschland. Indische Kenner schätzen bestimmte Anbaugebiete und bevorzugen die Ware von dort. Im demnächst bevölkerungsreichsten Land der Erde – im Jahr 2022 werden 1,4 Mrd. Inder erwartet – geht die Liebe sogar so weit, dass Feinschmecker die Ernte bestimmter Anbaugebiet bereits im Vorjahr bestellen oder gar die Früchte eines einzelnen Baumes ordern. Kult eben, der die indischen Märkte von April bis Juni beherrscht. Die Frucht ist als Nahrungsmittel vielseitig: Mango ist Zutat in Süßspeisen einerseits und gleichzeitig in den scharfen Currys unverzichtbar. Unreif wird sie für Chutneys eingelegt oder vollreif zu Saft verarbeitet. Dazu kommt der pure Verzehr als Frucht.

Foto: Fotolia
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Andra Pradesh, südöstlich am Pazifik gelegene indische Provinz, ist eines der Hauptanbaugebiete für die Früchte. Andere Anbaugebiete sind das benachbarte Telangana oder Uttar Pradesh, Bihar, Tamil Nadu oder Karnataka. Im Jahr 2014/15 lag Andra Pradesh mit einer Anbaufläche von circa 310.000 Hektar an der Spitze in Indien. Bei der Produktion fielen dort alleine 2,84 Millionen Tonnen an. Das entspricht etwas mehr als 15,27 Prozent der indischen Produktion oder einem Weltmarktanteil von 5,6 Prozent.

SAVE FOOD, die Initiative der UN-Organisationen FAO und UNEP sowie der Messe Düsseldorf, hat die Struktur des Mango-Anbaus in Andra Pradesh untersuchen lassen. Ziel der 2011 zur Messe interpack gegründeten Initiative ist es, durch das Engagement ihrer Mitglieder Nahrungsmittelverluste und -verschwendung zu reduzieren. Mit den jährlichen Mitgliedsbeiträgen werden unter anderem Studien – wie eben die in Indien – finanziert, um Erkenntnisse über Ausmaß und Mechanismen von Verlusten zu gewinnen und diesen mit entsprechenden Maßnahmen entgegenwirken zu können. Im indischen Mangoanbaugebiet Andra Pradesh findet sich vor allem eine kleinstrukturierte Landwirtschaft, die zu 76 Prozent nicht mehr als zwei Hektar Fläche bewirtschaftet. Das restliche Viertel wird von indischen Landwirten mit Flächen zwischen vier und zehn Hektar bewirtschaftet, überwiegend in kleinbäuerlicher Tradition und in Handarbeit.

Aber: Die Frucht hat nur eine kurze Haltbarkeit. Fünf Tage bleiben nach der Ernte für die Vermarktung. Dafür setzt Indien Züge, den Mango-Express ein, um die Früchte so rasch wie möglich auf den Markt oder in die Weiterverarbeitung zu bringen.

Die Verluste beginnen bereits bei der Ernte

SAVE FOOD hat aber auch untersuchen lassen, was tatsächlich in der Vermarktung ankommt. Und hier zeigen sich erschreckende Verluste, hat das durchführende Institut Sathguru aus Hydarabad feststellen müssen. Schon bei der Ernte gehen zwölf Prozent verloren. Ursache sind meist unsaubere Erntetechniken, überreife oder beschädigte Früchte.

Das macht in diesem Stadium lediglich fünf Prozent im Rahmen qualitativer Betrachtungen aus. Besser sieht die Infrastruktur beim Transport in die Weiterverarbeitung aus. Sathguru-Manager Venu Gopal Chintada sieht hier minimale Verluste von 0,5 Prozent. Kurze Transportwege und eine bessere Infrastruktur schlagen hier positiv zu Buche. Anders sieht es bei den langen Wegen des Frischware-Transports aus. Zehn bis 15 Prozent der Menge, oder gar etwa 20 Prozent des Qualitätswerts, verderben hier. Chintada erkennt die Ursachen einerseits in den langen Transportwegen für die empfindlichen Früchte und andererseits in ungeeigneten Verpackungen und Handhabungsgeräten.

Ist bis dahin schon mehr als jede vierte Frucht für die Vermarktung verloren gegangen, so setzt sich diese negative Liste auf dem weiteren Weg der Mangos fort. Bei der traditionellen Reifung beträgt der Verlust zehn bis 15 Prozent, in Reifekammern immerhin nur drei bis sechs Prozent. Unsaubere Handhabung in den Vorstufen, aber auch Quetschschäden in den Reifekammern, sind hier einige Ursachen des Verderbs.

Der Einzelhandel schließlich steht für weitere fünf Prozent Verlust, weil die Lagermöglichkeiten nicht angemessen sind. Hier wird mit 25 Prozent der größte Anteil an Qualität vernichtet, wenngleich ein Gutteil der überreifen Früchte noch im Sonderangebot vermarktet wird.

Wie also den Verlusten entgegenwirken? Damit wirksame Gegenmaßnahmen und Programme zur Verringerung der Verluste umgesetzt werden können, müssen weitere Faktoren berücksichtigt werden. So müssen prinzipiell die Kosten geringer sein als die materiellen Verluste des Verderbs, außerdem müssen die Maßnahmen sozial und kulturell grundsätzlich akzeptabel sein. Selbstverständlich dürfen auch keine hohen Umweltbelastungen oder CO²-Emissionen entstehen oder die Maßnahmen negative Auswirkungen auf den Verbraucher haben.

Optimierung durch Training

Ein erster Ansatzpunkt zur Verringerung der Verluste ist die Verbesserung des Know-hows der Landwirte. Hier sollen Videos bei der Früherkennung von Schädlingen und Krankheitsbefall in der Wachstumsphase helfen, aber auch deutliche Verbesserungen beim sorgfältigen Umgang mit den Früchten im Umfeld der Ernte. Hier wurde nämlich eine allgemein verbreitete Nachlässigkeit festgestellt. Daneben sind aber auch investive Maßnahmen empfehlenswert, die zum Beispiel für die SAVE-FOOD-Mitglieder von Interesse sein könnten. So bietet beispielsweise unreifes Fallobst eine bislang ungenutzte Einnahmequelle. Solche Mangos könnten zu Amchur (getrocknete und pulverisierte Früchte) oder eingelegten, gesalzenen Mangoscheiben oder -stücken verarbeitet werden. Für Amchur sind hier Verarbeitungsschritte, wie Entkernen, Schneiden, Trocknen, Entfeuchten und Mahlen, nötig. Die dafür benötigte Technologie könnten Mitglieder der Initiative liefern.

Die Früchte werden oft mit Keschern vorsichtig vom Baum geholt. Allerdings gehen bereits bei der Ernte viele Früchte verloren. (Foto: Fotolia)
Die Früchte werden oft mit Keschern vorsichtig vom Baum geholt. Allerdings gehen bereits bei der Ernte viele Früchte verloren. (Foto: Fotolia)

Logistikverluste im Bereich der Transportverpackung offenbaren Optimierungspotenzial. Kunststoffkästen sind zwar bislang bereits im eingeschränkten Umfang in Gebrauch, werden aber nicht effektiv genutzt. Eine Lösung könnten Behälter sein, die für verschiedene Produkte oder Feldfrüchte eingesetzt werden können oder gar eine Abkehr vom Besitz der Kästen in Richtung eines Mietmodells.

Andere Überlegungen zielen in Richtung einer besseren Inte-gration der Landwirte in die Wertschöpfungskette. Bislang sind sie abhängig von den aufkaufenden Großhändlern. Mehr Markt- und Preiskenntnis könnte helfen, die eigene wirtschaftliche Basis zu verbessern und den Einfluss der Zwischenhandelsstufen zurückzudrängen.

 

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Bernd Waßmann, freier Mitarbeiter

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Messe Düsseldorf GmbH
Düsseldorf
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