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Auf der Anuga Foodtec 2018 hatte die Redaktion von neue verpackung die Gelegenheit für ein Interview mit Jorge Izquierdo, Vice President Market Development bei PMMI, dem Veranstalter der Pack Expo International, die im Oktober dieses Jahres in Chicago, USA, stattfindet. Im Gespräch gab Izquierdo einen Überblick zu den Themen, die die Industrie derzeit beschäftigen. Und damit auch den Schwerpunkten der diesjährigen Messe.

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Viele Lösungsanbieter reden nun bereits seit einigen Jahren im Kontext der Digitalisierung von einer industriellen Revolution. Aber auch wenn Klappern vielleicht ein wenig zum Handwerkszeug eines Menschen wie Jorge Izquierdo gehört, so ist er doch eher ein Freund unaufgeregter Wortwahl: „Im Grunde ist der Begriff nicht ganz korrekt. Denn speziell in den Industrieländern in Europa und den USA ist die Automatisierung bereits heute schon so stark ausgebaut, dass die anstehenden Änderungen vielleicht besser mit dem Begriff Evolution zu beschreiben wären.“ Aber ob die Änderungen nun organisch oder disruptiv passieren, in ihrem Zentrum wird auf jeden Fall das HMI als Schlüsselkomponente stehen, da ist sich Izquierdo sicher. Denn über das Human Machine Interface soll nicht nur das Steuern von Maschinen oder ganzen Linien möglich sein – diese Funktionalitäten sind bereits heute Realität – sondern vielmehr sollen solche Interfaces in der Fabrik der Zukunft auch das Monitoring innerhalb der Produktion ermöglichen. „Aufgabe des HMI wird es künftig in der Produktion sein, die Prozessdaten zu sammeln und dem Betreiber alle für ihn relevanten Daten zu kommunizieren.“ So soll beispielsweise die Berechnung des OEE-Wertes (Overall equipment effectiveness; Gesamtanlageneffektivität) künftig eine Standardfunktion einer jeden HMI sein.

Der menschliche Mangel an der Linie

Die hierfür nötigen Daten von der Sensor- beziehungsweise Feldebene „nach oben zu drücken“, ist dabei technisch kein Problem. Was Unternehmen derzeit hingegen Kopfzerbrechen bereitet, ist die Frage, wie sich die Komplexität solcher Datenströme so darstellen lässt, dass das Personal am Empfängerende diese verstehen und entsprechend handeln kann. Denn es fehlt der Industrie derzeit nicht nur an Ingenieuren, die solche Automatisierungslösungen entwickeln, sondern auch auf Bedienerseite fehlt es an qualifiziertem Personal. Im Alltag führt dies bereits heute dazu, dass Unternehmen angelernte Mitarbeiter beschäftigen, die trotzdem in der Lage sein müssen, technisch komplexe Prozesse über das angebotene HMI steuern zu können – und zwar über Sprachbarrieren hinweg. Daneben sollen Automatisierungslösungen es Betreibern künftig ermöglichen, das Personal in der Produktion generell zu reduzieren; so der Wunsch der Unternehmen. Der Grund dafür ist nicht, wie man spontan vermuten würde, dass die Betreiber Personalkosten sparen wollen: „Es wird für Hersteller immer schwieriger, überhaupt noch Personal für die Produktion zu finden. Und dies ist kein exklusives Problem der Industrieländer. Selbst Schwellenländer wie Indien haben derzeit Probleme, Stellen in diesem Bereich zu besetzen. Das kann dann im Extremfall dazu führen, dass das Werk stillsteht“, erklärt Izquierdo.

Betreiber kämpfen mit Personalmangel, auch bei einfachen Tätigkeiten. Weshalb sie versuchen, hier mehr zu automatisieren. (Bild: Sveta – Adobe Stock)

Betreiber kämpfen mit Personalmangel, auch bei einfachen Tätigkeiten. Weshalb sie versuchen, hier mehr zu automatisieren. (Bild: Sveta – Adobe Stock)

Der industrieweite Mangel an Spezialisten wiederum führt dazu, dass Unternehmen im Zuge der Digitalisierung zwar mittels Sensortechnik alle relevanten Daten für Optimierungsmaßnahmen in der Herstellung erheben können – aber nicht über das Personal verfügen, um diese Daten dann auch selbst auszuwerten. Als Lösung bietet sich hier beispielsweie an, dass Betreiber diese Verantwortung an den Maschinenbauer/Lösungsanbieter aussourcen. Doch führt dies bereits wieder zum nächsten Problem: Um Monitoring zu ermöglichen, benötigt es sichere Verbindungen, um die Gefahr von Datendiebstahl oder sogar Manipulationen zu unterbinden. An dieser Stelle müssen OEMs und Endanwender darum laut Izquierdo gleichermaßen in den kommenden Jahren eine steile Lernkurve in Sachen Cybersecurity durchlaufen, um sich in der Welt des konstanten Datenaustauschs „wohlzufühlen“.

Der moderne Kunde: zahlungsbereit und mobil

Während die fortschreitende Automatisierung vor allem auf den Wunsch der Hersteller nach mehr Effizienz in der Produktion zurückzuführen ist, sind Auslöser anderer Entwicklungen die Menschen, um die es am Ende geht: die Kunden. Zumindest in westlichen Ländern herrscht hier weiterhin die Tendenz, dass diese immer weniger Fleisch verzehren und stattdessen nach alternativen Möglichkeiten suchen, über vegetarische oder auch vegane Angebote ihren Proteinbedarf zu decken. Ungebrochen ist auch der Wunsch nach Nahrungsmitteln, die nicht nur gesund sind, sondern die sich auch möglichst lange halten. Das hierfür eingesetzte Verfahren heißt HPP (High Pressure Preservation) und erzeugt Drücke, die selbst Wasser um 14 Prozent komprimieren lassen. Der hierfür erforderliche energetische Aufwand ist natürlich immens, entsprechend auch die Kosten. „Aber anders als in der Vergangenheit, sind die Kunden nun auch bereit, hierfür zu bezahlen“, kommentiert Izquierdo. Neben der Zahlungsbereitschaft hat sich aber auch noch etwas anderes bei den Konsumenten im Nahrungsmittelbereich verändert: deren Mobilität. Was natürlich auch Konsequenzen auf das Verpackungsdesign hat. Und Izquierdo weiß auch einen weiteren Trend zu benennen: „Clean Labelling wird am POS immer wichtiger, weshalb die Produzenten – salopp gesagt – versuchen, Inhaltsstoffe mit Zahlen oder X-en zu vermeiden.“

„Aufgabe des HMI wird es künftig in der Produktion sein, die Prozessdaten zu sammeln und dem Betreiber alle für ihn relevanten Daten zu kommunizieren.“ Jorge Izquierdo, Vice President Market Development bei PMMI

„Aufgabe des HMI wird es künftig in der Produktion sein, die Prozessdaten zu sammeln und dem Betreiber alle für ihn relevanten Daten zu kommunizieren.“ Jorge Izquierdo, Vice President Market Development bei PMMI

Drohender Kontrollverlust durch E-Commerce

Immer wichtiger für Markenartikler sind nicht nur eine effiziente Produktion und der Moment, in dem der mobile Konsument seine Verpackung convenient öffnet, sondern auch der Zeitraum dazwischen: „Der E-Commerce führt dazu, dass die Hersteller ein Stück weit die Kontrolle über ihre Produkte verlieren. Denn wird ein Produkt beispielsweise bei einem kleinen Versandhändler ungeeignet gelagert und kommt dann beschädigt an, dann trägt der Hersteller zwar keine Schuld – der Kunde wird sein Negativerlebnis aber mit dem Markenartikler verbinden und bei Folgeeinkäufen einen anderen Hersteller wählen“, beschreibt Izquierdo die Problematik. Das Stichwort, das die Anforderungen an Verpackungslösungen in dieser Hinsicht beschreibt, lautet „Fulfillment“, sprich: die Verpackung muss gewährleisten, dass das Produkt vollständig und bruchfrei beim Kunden ankommt.

Eine weitere Änderung im Verhalten der Kunden, wenn sie online shoppen: Produkte verkaufen sich nicht mehr über das Label, sondern über die Bewertung anderer Konsumenten. Weshalb in diesem Bereich die einfache Kommunikation zwischen Kunde und Markenartikler eminent wichtig wird, wenn ein Produkt einmal nicht das Herstellerversprechen erfüllt. Denn dessen Unzufriedenheit muss möglichst behoben werden, noch bevor der seine Bewertung auf Portalen wie Amazon hinterlässt. Das Mittel der Wahl sind hier aktuell QR-Codes, die der Käufer einfach einscannen kann, um Kontakt mit dem Hersteller aufzunehmen.

Für Sie entscheidend

Die Messe kurz vorgestellt
Die Pack Expo ist eine alle zwei Jahre stattfindende Fachausstellung für Verpackungstechnik. Die dort ausstellenden Unternehmen präsentieren aktuelle Entwicklungen bei Verpackungsmaschinen, Verpackungsmaterial, Kartonagen und Containern. Auf der Pack Expo sind laut Veranstalter die führenden Techniker und Ingenieure der Verpackungsindus­trie anzutreffen mit Lösungen für alle Herausforderungen im Bereich Verpackung. Die Messe findet in diesem Jahr vom 14. bis 17. Oktober in Chicago, USA, statt.

Autor

Philip Bittermann, Chefredakteur neue verpackung

Unternehmen

PMMI Packaging Machinery Manufacturers Institute

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Vereinigte Staaten

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