Nachhaltigkeit

Wie reagieren Handel und Hersteller von Konsumgütern?

Große Lebensmittelketten, wie Aldi, Lidl, Edeka und Rewe, bieten Plastiktüten gar nicht mehr oder nicht mehr gratis an. Und auch bei Kunststoffverpackungen wollen die Handelsunternehmen abspecken. Zum Beispiel beim Obst- und Gemüseangebot: Die Discounter und Supermärkte wollen künftig mehr von den Waren unverpackt statt in Plastikfolie eingeschweißt verkaufen.

Auf dem Packaging Summit, den die „neue verpackung“ zusammen mit der Zeitschrift „Werben und Verkaufen“ in München veranstaltet hat, berichtete Kerstin Erbe, als Geschäftsführerin bei dm-drogerie markt verantwortlich für das Ressort Produkt­management, von den  Nachhaltigkeitsinitiativen ihres Unternehmens.
Auf dem Packaging Summit, den die „neue verpackung“ zusammen mit der Zeitschrift „Werben und Verkaufen“ in München veranstaltet hat, berichtete Kerstin Erbe, als Geschäftsführerin bei dm-drogerie markt verantwortlich für das Ressort Produkt­management, von den Nachhaltigkeitsinitiativen ihres Unternehmens.

Unilever hat sich verpflichtet, ab 2025 nur noch Kunststoffe einzusetzen, die vollständig wiederverwendbar, recyclebar oder kompostierbar sind. Das Unternehmen hat sich bereits im Rahmen des Unilever Sustainable Living Plans, dem Nachhaltigkeitsprogramm des Unternehmens, verpflichtet, das Gewicht der Verpackungen bis 2020 um ein Drittel zu reduzieren. Zudem soll der Anteil von recyceltem Kunststoff für Verpackungen bis 2025 auf mindestens 25 Prozent erhöht werden.

Als Teil der Verpflichtung will Unilever zudem sicherstellen, dass es bis 2025 technisch möglich sein wird, die Kunststoffverpackungen wiederzuverwenden oder zu recyceln. Außerdem wird es Pilotprojekte geben, die zeigen, dass diese Verfahren für die Kunststoff-verarbeitende Industrie wirtschaftlich sinnvoll sind. Auch Nestlé hat ähnliche Ambitionen. „Wir wollen, dass 100 Prozent unserer Verpackungen bis 2025 recyclingfähig oder wiederverwertbar sind", sagt Marco Settembri, Nestlé CEO Zone Europa, Naher Osten, Nordafrika. Dafür will man nicht recyclingfähigen Kunststoff, wie PVC, PS und ePS, vermeiden, wie es bei Nestlé heißt. Kunststoffsorten, die höhere Recyclingquoten ermöglichen, wie PET, PP und PE, sollen begünstigt werden, und Verpackungskombinationen, wie Kunststoff/Papier oder Materialverbünde, sollen vermieden oder verändert werden.

Biologisch abbaubare Kunststoffe werden nicht als „die" Antwort auf das Müllproblem angesehen, denn sie zersetzen sich nur unter den definierten Bedingungen von industriellen Kompostieranlagen, ihr Zersetzungsprozess in der freien Natur würde viel zu lange dauern. Sie werden laut Gerhard Kotschik, Abfallexperte des Umweltbundesamts, auch nicht recycelt und können sogar das Recycling der herkömmlichen Kunststoffe stören.

Biologisch abbaubare Kunststoffe als Lösung?

Auch bei dm macht man sich Gedanken um Nachhaltigkeit und Alternativen zu Kunststoffen. Auf dem Packaging Summit, den die „neue verpackung" zusammen mit der Zeitschrift „Werben und Verkaufen" Mitte März in München veranstaltet hat, berichtete Kerstin Erbe, als Geschäftsführerin bei dm-drogerie markt verantwortlich für das Ressort Produktmanagement, von den Initiativen ihres Unternehmens. „Der Gesetzgeber hat eine klare Vorgabe gemacht: 100 Prozent Kunststoff-Recycling bis 2030. Das ist eine Herausforderung und erfordert Investitionen in die richtigen Prozesse." Schon seit 2008 werden bei den Produkten der dm-Marken im Rahmen der unternehmensweiten Verpackungsstrategie alle Verpackungsbestandteile hinterfragt, um unnötige Verpackungen zu vermeiden. Weiter wird – wo möglich – Karton statt Kunststoff oder Kunststoff mit Recycling-Anteilen eingesetzt.

Allerdings gebe es heute wenige sinnvolle nachhaltige Alternativen zu Kunststoffen, wenn es um flüssige Produkte geht, gibt Erbe zu bedenken. Zwar mache das Unternehmen erste Versuche mit biobasierten Kunststoffen, „aber Bioplastik ist noch nicht da, wo es sein sollte. Es gibt das Problem der Lebensmittelkonkurrenz, und die Ökobilanz sieht auch nicht super aus." Allerdings ist Kerstin Erbe der Meinung, dass mittelfristig weiter an biobasierten Kunststoffen gearbeitet werden muss: „Wir als Handelsunternehmen müssen auf der Nachfrageseite dran bleiben."

Und wo ist das Unternehmen heute? Beim Design und der Konzeption von Produkten werden im Rahmen von „Design for Recycling" umfassend Wiederverwertungsaspekte berücksichtigt. Beim Badreiniger der dm-Marke „Denk mit nature", einem Produkt aus Tensiden auf Basis nachwachsender Rohstoffe, wird beispielsweise eine Flasche, die zu 100 Prozent aus Rezyklat besteht, eingesetzt. Allerdings ist der Verschluss aus technischen Gründen noch nicht aus Rezyklat hergestellt, ist aber recyclebar.

Bei den Produkten der Marke Alverde Naturkosmetik besteht der Karton, aus dem die Faltschachteln gefertigt werden, aus mindestens 80 Prozent Recyclingmaterial. Die Druckfarbe ist mineralölfrei und zu 80 Prozent auf Basis nachwachsender Rohstoffe produziert. Die Tuben selbst bestehen momentan noch nicht aus einem Material mit Recyclinganteil. „Das werden wir aber in Zukunft ändern. Zusammen mit den Vorlieferanten unserer Flaschen haben wir die letzten zwei Jahre an einem Projekt gearbeitet. So haben wir eine Lösung gefunden, die demnächst auf den Markt kommen wird. Dann werden wir auch Rezyklate in unseren Tuben verarbeiten", kündigt Kerstin Erbe an. Erste biobasierte Kunststoffe werden bei Teeverpackungen der Marke dm-Bio eingesetzt. Die Cellophanhülle der Faltschachteln besteht aus 89 Prozent nachwachsender Rohstoffe, die zudem gartenkompostierbar sind.

Grenzen des Machbaren

Allerdings gibt es immer wieder Hindernisse, die es zu überwinden gilt. Zwar sind die Verbraucher in Deutschland Weltmeister im Sammeln und Sortieren von Abfällen, aber nur ein kleiner Teil wird wirklich aufbereitet. „Im PET-Bereich ist das sehr gut, da sind hohe Rezyklat-Anteile möglich", erklärt Erbe. „Aber wenn ich dann für unsere dm-Marke Balea nach Rezyklaten für die von uns benötigten Mengen frage, wird es eng. Bei Alverde beispielsweise setzen wir Rezyklate aus Milchflaschen aus England ein." Doch nicht nur die erforderlichen Mengen sind ein Problem, es geht auch um die mangelnde Qualität der Rezyklate. „Es gibt Probleme mit Verunreinigung, Geruch, Migration, Materialsprödigkeit. Kurz: Der Kreislauf funktioniert noch nicht, wie er angedacht ist. Wir benötigen mehr Rezy­klate, die den Kosmetikstandard erreichen. Diese sind dann voraussichtlich teurer als Virgin-Kunststoff. Durch eine erhöhte Nachfrage können wir dazu beitragen, die Preise attraktiver zu gestalten", so Erbe.

Und der Verbraucher?

Verbraucher sagen zwar, dass sie nachhaltig konsumieren möchten, aber dann entscheiden sie sich oft doch anders. „Wir müssen den Verbraucher sensibilisieren und sehen uns in der Pflicht, die Verbraucher entsprechend aufzuklären", ist Kerstin Erbe überzeugt. Rund 90 Prozent der Konsumenten seien bereit, eine nachhaltige Verpackung zu nutzen, vor allem, wenn sie nicht mehr kostet. Einer aktuellen PWC-Verpackungsstudie zufolge sehen die Verbraucher aber die Hersteller an erster Stelle in der Verantwortung, wenn es um die Reduzierung von Verpackungsmüll geht. „Wir als Hersteller und Inverkehrbringer müssen Lösungen finden", appelliert Erbe an die gemeinsame Verantwortung von Industrie, Handel und Packmittelherstellern.

 

Für Sie entscheidend

Der Packaging Summit
Am 14. März 2018 veranstalteten die Zeitschriften „neue verpackung" und „Werben und Verkaufen" den ersten Packaging Summit im Hochhaus des Süddeutschen Verlages. Unter den Referenten fanden sich Vertreter aus dem Handel und von Markenartiklern, wie dm und Mymüsli, aber auch Lösungsanbieter, wie Wipak Walsrode, die STI Group sowie Verpackungsdesigner. Gleich zur Premiere der Veranstaltung konnte der Packaging Summit mehr als 80 Teilnehmer verzeichnen, die die Möglichkeit zur Diskussion mit den Referenten rege nutzten. Der nächste Packaging Summit findet im April 2019 statt.

 

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