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Im Gespräch mit neue verpackung, das auf der diesjährigen Achema in Frankfurt stattfand, berichtete Dr. Stefan König über aktuelle Entwicklungen des Unternehmens. Dabei ging es sowohl um physische als auch digitale Lösungen. Und warum die enge Zusammenarbeit mit dem Kunden aktuell wichtiger denn je ist.

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neue verpackung: Herr Dr. König, auf der vergangenen Achema vor drei Jahren sprach ich mit Ihrem Vorstandskollegen Uwe Harbauer. Der kündigte damals an, dass Bosch auf der nächsten – also dieser – Achema einige der „weißen Flecken“ in Sachen Linienkompetenz gefüllt haben werde. Was hat sich seitdem getan?
Dr. Stefan König: Drei Jahre sind ja eine verdammt lange Zeit, in der sich bei Bosch natürlich sehr viel getan hat. Darum ist es an dieser Stelle sicherlich sinnvoll, erst einmal zu unterscheiden zwischen unserer Liquid World und der Solid World. In der Solid World haben wir bereits auf der Interpack vor einem Jahr mit der Xelum-Plattform das Thema kontinuierliche Fertigung in den Fokus gerückt. Handelte es sich damals um eine Anlage für den Produktionsmaßstab, so präsentieren wir in diesem Jahr die R-&-D-Variante, um die Skalierbarkeit des Systems zu zeigen. Denn die hier auf der Messe anzutreffenden Unternehmen starten in aller Regel mit kleineren Versuchsanlagen, die es später auf einen groß- oder zumindest höhervolumigen Produktionsmaßstab zu skalieren gilt. Zum anderen stellen wir hier in Frankfurt unsere neue Kapselfüllanlage für Containmentanwendungen bis OEB 5 vor.

Künftig sollen Betreiber in der Lage sein, ihre Systeme individuell über Apps zu konfigurieren. 
(Bild: Sergey Nivens – Adobe Stock)

Künftig sollen Betreiber in der Lage sein, ihre Systeme individuell über Apps zu konfigurieren.
(Bild: Sergey Nivens – Adobe Stock)

In der Liquid World konnten wir mit unserer Gefriertrocknungsanlage einen wichtigen Bereich nun erstmals mit einer Eigenentwicklung besetzen. Wobei wir unseren Kunden aus der Pharmaindustrie hier auf der Messe zunächst einen Small-batch-Trockner zeigen. Grundsätzlich ist es aber nicht unser Ziel, in diesem speziellen Technologiebereich künftig das komplette Spektrum anzubieten, weshalb wir hier jetzt und auch künftig Modelle von Fremdunternehmen anbieten werden. Aber wichtig war es uns, den Einstieg in diese wichtige und hochkomplexe Technologie zu wagen; und dies vor allem im Liniengeschäft im Small-batch-Bereich – zusammen mit unseren Füll- und Verschließlösungen.

Eine weitere spannende Entwicklung, die wir in der Liquid World präsentieren, gibt es im Bereich Abfüllung: Hier zeigen wir eine Linie, die wir gemeinsam mit unserem Kunden GSK entwickelt haben, und in der Roboter zum Einsatz kommen. Diese ist natürlich sehr kundenspezifisch, aber eine gute Grundlage, um mit anderen Unternehmen in die Diskussion zu kommen. Denn hier handelt es sich um ein Zukunftsthema, für das es noch keine Lösungen aus der Schublade gibt, sondern für das wir mit der Anwenderindustrie gerade erste Konzepte erarbeiten.

Außerdem haben wir uns in den vergangenen drei Jahren beim Thema Inspektionssysteme weiterentwickelt und zeigen nun erstmals das Thema Kombinationsprüfungen. Das heißt, wir bieten unseren Kunden nun beispielsweise Vision Control und Dichtigkeitsprüfung auf einer Linie an. Außerdem sind wir jetzt in der Lage, die Laserspektroskopie auf einer Produktionsanlage zu installieren und damit den Sauerstoffgehalt zu überprüfen.

Sie sehen also: In den vergangenen drei Jahren konnten wir einige wesentliche Lücken schließen.

„Wir erleben durch das Thema 
Digitalisierung gerade eine 
spannende Zeit, die uns tolle neue Möglichkeiten bietet.“

Dr. Stefan König, 
Vorsitzender der Geschäftsführung Robert Bosch Packaging Technology 
(Bild: Bosch Packaging Technology)

„Wir erleben durch das Thema Digitalisierung gerade eine spannende Zeit, die uns tolle neue Möglichkeiten bietet.“ Dr. Stefan König, Vorsitzender der Geschäftsführung Robert Bosch Packaging Technology (Bild: Bosch Packaging Technology)

neue verpackung: Nun sind ja die beiden Beispiele der Bereiche Gefriertrocknung und Robotik aus dem hochregulierten Pharma-Bereich. Positionieren Sie sich bewusst in dieser Art, dass Sie die High-End-Lösungen direkt von Bosch anbieten und für einfachere Aufgaben Lösungen von Fremdunternehmen anbieten?
Dr. Stefan König: Als Bosch Packaging Technology wollen wir unseren Kunden das gesamte Spektrum anbieten, wobei es in der Pharmazie nur eine Qualität geben sollte. Beispielsweise Gefriertrocknung: Entweder man hat den Prozess verstanden und beherrscht ihn, oder eben nicht. Einfachere Lösungen sind gekennzeichnet durch weniger Features oder geringere Geschwindigkeit und wir haben beziehungsweise planen auch dafür Lösungen. Diese realisieren wir unter anderem auch mit unseren Standorten in China und Indien. Dort wo wir echte Portfoliolücken haben, arbeiten wir mit Dritten eng zusammen, um eine Systemlösung anbieten zu können.

neue verpackung: Am 11. Juni, also am Tag vor unserem Interview, hat Bosch Packaging die Geschäftszahlen für 2017 veröffentlicht. Mit 1,3 Milliarden Euro war der Umsatz zwar so stark wie im Vorjahr, doch war das ausgemachte Zugpferd für dieses Ergebnis die Auftragslage im Pharmabereich. Bleiben die Aufträge im Foodbereich nun aktuell weg, weil die Industrie nicht investiert, oder hat die Konkurrenz zugenommen?
Dr. Stefan König: Hier spielen zwei Haupteffekte eine Rolle. Zum einen hatte Bosch Packaging in den vergangenen Jahren ein sehr hohes Volumina an Aufträgen von multinationalen Food-Produzenten erhalten, die bis ungefähr ins Jahr 2016 massiv ihre Kapazitäten ausgebaut hatten. Das hat in einer außergewöhnlich hohen Auftragslage resultiert, die realistisch betrachtet auch nicht weiterführbar war. Der zweite Effekt rührt daher, dass wir zwei Firmen aus dem Foodbereich verkauft haben – diese Zahlen fehlen jetzt natürlich in der Bilanz. Hierdurch ergibt sich ein gradueller Rückgang, der aber keine schwierige Wettbewerbssituation widerspiegelt.

neue verpackung: Als Wachstumstreiber nannte Ihr Kollege Uwe Harbauer auf der gestrigen Pressekonferenz China, Afrika und den Mittleren Osten. Werden diese Emerging Markets vielleicht künftig die USA ablösen, die laut VDMA den größten Abnehmermarkt für deutsche Verpackungsmaschinen darstellen?
Dr. Stefan König: Als Unternehmen definieren wir drei Hauptmärkte: Das sind Amerika, Europa und Asien. Unser Langfristziel, dem wir schon sehr nahe sind, ist eine ausgeglichene Bilanz zwischen diesen drei Märkten. Natürlich führen einzelne Großprojekte hier von Jahr zu Jahr immer wieder zu Schwankungen, aber immer nur um ein paar Prozente. Im Mittel bleiben wir stets auf dieser Spur und wollen das auch langfristig bleiben.

In der Liquid World waren neue Möglichkeiten zu Kombinationsprüfung zu sehen. (Bild: Bosch Packaging Technology)
Robotik ist auch für Bosch ein klares Zukunftsthema. Auf der Achema präsentierte das Unternehmen hierzu eine zusammen mit GSK entwickelte Pharmalinie. (Bild: Bosch Packaging Technology)

neue verpackung: Um einmal auf das Branchenthema schlechthin, die Digitalisierung, sprechen zu kommen: Auf der Achema präsentieren Sie die Pharma i 4.0 Starter Edition. „Starter“, das klingt ja nach dem Beginn von etwas. Können Sie uns etwas zu der Idee hinter diesem System erzählen?
Dr. Stefan König: Die Idee war es, eine Lösung zu schaffen, mit der wir die Industrie 4.0 zusammen mit unseren Kunden gestalten können. Wir haben als Bosch natürlich gewisse Erfahrungen mit IOT-Lösungen aus anderen Branchen, die wir auch auf die Pharmaindustrie übertragen können. Aber es gibt auch komplett neue Fragestellungen, die wir erst gemeinsam mit den Anwendern entwickeln müssen. Wir stellen im Gespräch immer wieder fest, dass unsere Kunden auf der einen Seite das Thema Industrie 4.0 angehen wollen, auf der anderen Seite aber auch gewisse Vorbehalte vorhanden sind. Es gab also einen klaren Bedarf, bestehende Hürden zu senken. Das erreichen wir am besten, indem wir unseren Pharmakunden vernünftige verdaubare Einstiegspakete anbieten. Gleichzeitig gibt es in diesem hochregulierten Bereich den Wunsch: Wenn ich schon einsteige, dann aber bitte validierbar. Gleichzeitig möchte sich natürlich auch niemand mit einer limitierten Einstiegslösung in eine Sackgasse bewegen, mit der er sich ab einer bestimmten Stelle nicht mehr weiterentwickeln kann. Das führte bei uns zu der Überlegung, eine Lösung zu schaffen, die nach hinten die volle Erweiterbarkeit in Richtung von MES, Electronic Batchrecording und weitere branchenspezifische Anforderungen ermöglicht, aber gleichzeitig einen Einstieg in 4.0-Lösungen eröffnet, die der Kunde bisher nicht hatte – in diesem Fall im Bereich der Transparenz-Schaffung, Zustandserkennung, Alarmüberwachung und Ähnliches. Und das alles ohne zu große Hürden im Kontext von Softwareprojekten. Weshalb wir einen Browser-basierten Ansatz gewählt haben.

neue verpackung: Digitalisierung lässt sich in Greenfield-Projekten ganz fantastisch umsetzen. Nun stehen auf dem alten Kontinent Europa primär vor allem auch alte Anlagen. Haben Sie Ihre Starter-Edition speziell im Hinblick auf diese Märkte entwickelt?
Dr. Stefan König: Die von uns angebotenen Lösungen sind explizit für Brownfields geeignet. Manche Kunden kommen sogar auf uns zu und wollen uns ganz gezielt als Pilotbereich eine Anlagenstruktur geben, in die wir bisher kein Equipment geliefert haben. Damit können wir dann nachweisen, dass wir auch diese Strukturen für IOT nutzbar machen können. Daneben steht aber natürlich außer Frage, dass wir bei neuen Systemen mit unserem Equipment auch bessere Ergebnisse erzielen können. Denn hier haben wir einfach besseren Zugang zur Steuerung und verfügen über besseres Detailwissen, das dann in Kombination durch das Prozesswissen zu den besten Lösungen führt. Erfreulicherweise haben sich die Steuerungen im Pharmabereich in den vergangenen Jahren aber so stark standardisiert, dass wir auch über Schnittstellen bereits vorhandener Fremdanbieter problemlos Zugriff auf die Datenströme erhalten.

neue verpackung: Nun heißt die Lösung Pharma i 4.0 Starter Edition – Bosch Packaging hat mit Food ja aber noch einen weiteren Bereich. Planen Sie hier noch eine eigenständige Einstiegslösung?
Dr. Stefan König: Im Grunde gibt es diese bereits, da wir im Food-Bereich schon früher mit unseren 4.0-Lösungen gestartet sind. Ganz einfach, weil dort die Hürden auf Seiten der Kunden geringer waren und wir sehr schnell erste Lösungen installieren konnten, die wir im Bosch-Konzern bereits für andere Branchen entwickelt hatten. Diese heißen zwar nicht Starter-Edition, verfügen aber über die selbe Ausbaufähigkeit bis hin zur MES-Anbindung, wie es bei der jetzt vorgestellten Lösung der Fall ist.

Für die Pharmaindustrie hatten wir uns aufgrund der erwähnten Validierbarkeit für die nun vorgestellte Plattform entschieden. Die von uns angebotenen Lösungen sind aber alle so offen ausgelegt, dass wir davon ausgehen, künftig einzelne Apps untereinander austauschen zu können. Wir planen darum aktuell auch intern die vorhandenen Architekturen zurück, sodass der Anwender sich seine Lösungen aus dem App-Container nach Bedarf zusammenstellen und konfigurieren kann, völlig unabhängig, ob er nun aus dem Bereich Pharma oder Food kommt. Ohnehin gibt es in der Food-Industrie einen Trend zu immer mehr Sicherheit und damit auch der Pflicht zu Validierung, wie es sie derzeit bereits in der Pharma-Industrie gibt.

neue verpackung: Wäre es da bei dieser Entwicklung für Bosch nicht ab irgendeinem Zeitpunkt fast schon sinnvoll, die bisherige Trennung beziehungsweise Unterscheidung zwischen den beiden Branchen innerhalb des Unternehmens aufzulösen?
Dr. Stefan König: Mittelfristig ist es unser Eigeninteresse, diese Plattformen zusammenzulegen. Aktuell geht es uns aber erst einmal darum, zusammen mit unseren Kunden die Digitalisierung überhaupt voranzutreiben und dann gemeinsam zu sehen, welche Lösungen besondere Added Values für sie haben – darum erst einmal der branchenspezifische Ansatz.

Die Botschaft an unsere Kunden lautet daher: Lassen Sie uns offen sein! Wir erleben durch das Thema Digitalisierung gerade eine spannende Zeit, die uns tolle neue Möglichkeiten bietet, wie wir Maschinen gestalten und Daten aus diesen Maschinen nutzen können, um die Qualität noch besser abzusichern und die Produktivität zu steigern. Auf Seiten der Anwender ist darum eine gewisse Offenheit für Pilotprojekte von Vorteil, in denen wir verschiedene Dinge einfach einmal gemeinsam ausprobieren. Dieser Pioniergeist ist erfreulicherweise auch bei vielen Kunden vorhanden, die gemeinsam mit uns auf die Reise gehen – auch wenn nicht immer 100-prozentig klar ist, wo diese gerade hinführt.n

Die Fragen stellte Philip Bittermann, Chefredakteur neue verpackung

Unternehmen

Robert Bosch Packaging Technology GmbH

Stuttgarter Str. 130
71332 Waiblingen
Deutschland

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