Kunststoffland NRW Branchentag 2019

Kunststoff – Innovationstreiber oder Umweltsünder?

Die Veranstaltung stieß auf großes Interesse bei den rund 120 Teilnehmern aus Großunternehmen und Mittelkette Kunststoff abdeckten.
(Bild: Covestro Deutschland)

Sehr aufschlussreich waren die Ergebnisse aus einer Vorabbefragung der rund 120 Teilnehmer, die der Verein Kunststoffland NRW im Vorfeld durchgeführt hatte. Über 90 Prozent der Befragten meinen, dass der Werkstoff Kunststoff aktuell negativ in der Öffentlichkeit wahrgenommen werde und es bestünde dringend Handlungsbedarf.

„Wenn man die Diskussion in den Medien verfolgt, sind die Kunststoffindustrie und der Kunststoffverarbeiter immer diejenigen, die auf der Anklagebank sitzen“, führt Reinhard Hoffmann, Vorsitzender Kunststoffland NRW und Geschäftsführender Gesellschafter der Gerhardi Kunststofftechnik, Lüdenscheid, in seiner Eröffnungsrede aus. „Das wollen wir ändern. Die Diskussion muss wieder auf einer fachlichen und sachlichen Ebene geführt werden. Die Frage ist: Sind die Teilnehmer dazu bereit oder nicht?“

Hoffmann ging auch auf die am gleichen Tag veröffentlichte Ankündigung der Allianz gegen Plastikmüll ein: „Hier haben sich die großen Konzerne der Kunststoffhersteller, der Konsumgüterhersteller und die Chemieindustrie zusammengetan mit dem Ziel, Plastikmüll in den Meeren zu reduzieren. Das ist ein guter Ansatz und ich hoffe, dass es nicht nur eine Publicity-Veranstaltung ist, sondern dass wir es schaffen, daraus die richtigen Prozesse anzustoßen.“

Kunststoff ist ein Innovationstreiber

Reinhard Hoffmann, Vorsitzender Kunststoffland NRW, Geschäftsführender Gesellschafter Gerhardi Kunststofftechnik: „Welche Lösungen fallen uns ein, damit in Indien der Ganges am Ende ohne Kunststoff auskommt?“
(Bild: Covestro Deutschland)

Dr. Hermann Bach, Vorstandsmitglied von Kunststoffland NRW und Innovationschef von Covestro, Leverkusen, stellte in seinem Vortrag die Vorzüge des Kunststoffs in den Mittelpunkt: „Kunststoff ist ein Innovationstreiber. Er ist Teil der Lösung für eine ganze Reihe von Herausforderungen unserer Zeit: Erneuerbare Energien, Klimaschutz, Elektromobilität. Nichts davon geht ohne Kunststoff. Ich gebe offen zu, die Erfolgsgeschichte des Kunststoffs hat eine Schattenseite. Wir haben ein Abfallproblem, insbesondere in Afrika und Asien und insbesondere bei Verpackungsmaterialien. Dieses Problem werden wir nur gemeinsam lösen können.“

„Neben seinen positiven Eigenschaften hat Kunststoff den Massenkonsum und damit einhergehend die Verschwendung erst möglich gemacht“, erklärt Katharina Istel den Standpunkt des Naturschutzbunds Deutschland (NABU), Landesverband NRW. „Jedes Jahr ein neues Handy, Über-Verpackungen und viel zu wenig Recyclat-Einsatz im Bereich der Verpackungen sind nur einige wenige Beispiele, die die Ressourcenverschwendung deutlich machen.“ Ein gutes Beispiel sei die Auszeichnung „Mogelpackung des Jahres“ der Verbraucherzentrale Hamburg, so Istel weiter.

Trotz akuter Probleme mit Plastik in der Umwelt produzieren die Hersteller von Fertiglebensmitteln und Drogerieartikeln nach Einschätzung der Verbraucherzentrale Hamburg noch immer viel zu viel unnötigen Verpackungsmüll. Bei einer stichprobenartigen Untersuchung von 14 Produkten, über die sich Verbraucher beschwert hatten, ermittelten die Hamburger Verbraucherschützer mit Hilfe von Röntgenbildern eine durchschnittliche Höhe von 59 Prozent für den Verpackungsanteil ohne Inhalt. Die Höhe des tatsächlich gefüllten Teils der Verpackung lag im Mittel bei nur 41 Prozent.

„Dazu leisten wir es uns immer noch, über 60 Prozent des Kunststoffmülls und 50 Prozent der Verpackungsabfälle zu verbrennen“, betont Istel. „Gerade die Verpackungen als eine der Hauptursachen für das Litter-Problem müssen recyclingfähiger werden, um sie einfacher dem Wertstoffkreislauf zuzuführen.“ Sie räumte aber auch ein, dass Kunststoffe oft eine bessere Ökobilanz als andere Materialien hätten und neue Funktionen und Anwendungen erst ermöglichen. „Ein ‚Weiter-so‘ darf es trotzdem auf keinen Fall geben, auch wenn sich selten einfache oder widerspruchsfreie Lösungen finden lassen“, bezog Istel klar Position.

Diskussion auf Augenhöhe

v.l.n.r.: Dr. Hermann Bach (Covestro), Lothar Becker (ZDF), Ulrike Schell (Verbraucherzentrale NRW), Katharina Istel (NABU, Bundesverband), Prof. Dr. Andreas Pinkwart (Wirtschaftsminister des Landes Nordrhein-Westfalen), Frauke Hoffmann (Hoffmann + Voss), Reinhard Hoffmann (Vorsitzender Kunststoffland NRW, Geschäftsführender Gesellschafter Gerhardi Kunststofftechnik).
(Bild: Covestro Deutschland)

Bei der anschließenden Diskussion zwischen Prof. Dr. Andreas Pinkwart, Wirtschaftsminister des Landes Nordrhein-Westfalen, Dr. Hermann Bach, Covestro, Lothar Becker, ZDF, Ulrike Schell, Verbraucherzentrale NRW, Katharina Istel, NABU, Frauke Hoffmann, Hoffmann + Voss, Reinhard Hoffmann, Vorsitzender Kunststoffland NRW begegneten sich Wirtschaft, Politik, NGOs und Medien auf Augenhöhe.

Lothar Becker vom ZDF als Stellvertreter der Medien erklärte das aufkommende Interesse der Öffentlichkeit an Kunststoffabfällen: „In der Wahrnehmung der Öffentlichkeit spielen Fotos eine besondere Rolle. Von Plastikmüll verschmutzte Traumstrände, riesige Plastikstrudel in den Ozeanen und durch Plastiktüten verendete Meerestiere haben eine starke Wirkung.“

Ulrike Schell von der Verbraucherzentrale NRW nimmt die Wirkung der Bilder sehr polarisierend war: „Auf der einen Seite gibt es Verbraucher, die das zum Anlass nehmen, ihr eigenes Konsumverhalten zu hinterfragen und auch zu ändern. Auf der anderen Seite gibt es weiterhin viele, die sich darüber aufregen, dass es im Supermarkt keine Plastiktüten mehr gibt.“

Prof. Dr. Andreas Pinkwart, Wirtschaftsminister des Landes Nordrhein-Westfalen sieht Deutschland beim Thema Recycling gut aufgestellt und bei anderen Ländern noch großen Nachholbedarf: „Deutschland hat in den vergangenen 40 Jahren viel Erfahrung mit Recycling gesammelt. Diese deutsche Lernkurve muss auch in Länder exportiert werden, die derzeit die Verursacher des Problems sind“, sagte Pinkwart. Maß und Mitte seien hier wichtig.

Frauke Hoffmann, Vertriebsleitung bei Hoffmann + Voss, Viersen, empfindet die Plastikmüll-Debatte als sehr schwierig, da sie emotional aufgeladen sei: „Wir recyceln seit 1962. Das versetzt viele Leute in Erstaunen. Der Teilbereich in dem unser Unternehmen tätig ist, ist ein funktionierender Markt. Wir stellen einen wertvollen Rohstoff her. Solche Beispiele tauchen in der öffentlichen Wahrnehmung nicht auf. Auch muss deutlich gemacht werden, dass Recycling Geld kostet. Qualitativ hochwertiger Rohstoff aus Recyclingmaterial ist oftmals genauso teuer wie Neuware.“

Die anschließende Diskussion mit dem Publikum machte sehr schnell deutlich, wie schwierig das Thema auch unter Fachleuten zu lösen ist. Von der großen Betrachtung ging es sehr schnell in kleinste Details, die unlösbar erscheinen. Reinhard Hoffmann mahnte in seinem Schlusswort, die eigene Verantwortung und das Thema Image des Kunststoffs ernst zu nehmen. „Lassen Sie uns die Herausforderungen gemeinsam angehen. Nur geschlossen mit allen Akteuren werden wir dieses hochkomplexe Thema meistern.“

Details zum Verein

Kunststoffland NRW

Mit über 1.000 Unternehmen, mehr als 145.000 Beschäftigten und 37 Mrd. Euro Umsatz ist NRW der Kunststoffstandort Nr. 1 in Europa. Von der Kunststofferzeugung, der Kunststoffverarbeitung, dem Kunststoffrecycling über den Maschinenbau bis hin zu den Forschungsinstituten ist der Verein ein Partner für die gesamte Wertschöpfungskette Kunststoff in NRW. Der Verein ist eine Plattform für Information, Kommunikation und Kooperation für die Kunststoffbranche in NRW.

Über den Autor
Autorenbild
Oliver Lange

Über die Firma
Hüthig GmbH
Heidelberg
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