Digitalisierung

Cloud-Lösungen in der Medizintechnik- und Pharmabranche

Noch zögert die Pharmaindustrie in Sachen Cloud. Doch die Vorteile für Betreiber liegen auf der Hand.
(Bild: Gorodenkoff + Fabian – Adobe Stock)

Zwar steht die Digitalisierung in den meisten Unternehmen heute weit oben auf der Agenda, doch bleiben Cloud-Technologien in vielen Chefetagen außen vor. Aufholbedarf herrscht insbesondere in der Pharma- und Chemieindustrie – wie aus dem Monitoring-Report Wirtschaft Digital 2018 des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWI) hervorgeht: Demnach haben lediglich 38 Prozent der Firmen in dieser Branche bereits Cloud-Lösungen in der ein oder anderen Form implementiert; weitere acht Prozent planen den Einsatz. Mehr als die Hälfte hingegen – nämlich 54 Prozent – sieht Cloud-Computing derzeit noch nicht als relevanten Hebel für ihren Unternehmenserfolg.

Woher kommt diese auffallende Zurückhaltung gegenüber einem IT-Modell, das sich in anderen Wirtschaftszweigen längst als ein unverzichtbarer Katalysator für die digitale Transformation erweist? Es sind vor allem Bedenken hinsichtlich der Datensicherheit. Aber auch die Furcht vor einem möglichen Kontrollverlust im Hinblick auf die eigenen Prozesse lässt viele Unternehmen in stark regulierten Branchen wie der Pharma- und Medizintechnikindustrie vor der Cloud-Nutzung zurückschrecken.

Individuelle Cloud-Strategie

Die Sorge um einen möglichen Abfluss vertraulicher Informationen ist sowohl in der Prozess- als auch in der Fertigungsindustrie durchaus verständlich. Schließlich steckt in der Rezeptur für ein Arzneimittel oftmals jahrelange Forschungsarbeit mit kosten­intensiven Studien. Und auch ein digitaler Konstruktionsplan für ein medizintechnisches Hightech-Produkt ist in der Regel das Ergebnis erheblicher Entwicklungsinvestitionen. Verständlich, dass man dieses immaterielle Kapital schützen und nicht leichtfertig aus der Hand geben will. Gleichwohl stellt sich hier die Frage, ob unternehmenskritische Daten in einer Cloud per se einem höheren Risiko unterliegen als in einer konventionellen IT-Umgebung. Die Antwort hängt im Einzelfall zweifellos vom gewählten Cloud-Modell und den konkreten Prozessen ab, die damit unterstützt werden sollen. Tatsächlich aber lassen sich viele Herausforderungen rund um IT-Sicherheit, Datenschutz und Compliance auf einer professionell betriebenen Cloud-Plattform heute deutlich einfacher und kostengünstiger bewältigen als in einem traditionell strukturierten Rechenzentrum. Worauf es in diesem Kontext vor allem ankommt: Auf eine individuelle Cloud-Strategie, die all diejenigen Anwendungen und Prozesse enthält, deren Überführung in das rein serviceorientierte IT-Modell ohne Risiko den größten Nutzen für das betreffende Unternehmen verspricht.

Noch zögert die Pharmaindustrie in Sachen Cloud. Doch die Vorteile für Betreiber liegen auf der Hand.
(Bild: Gorodenkoff + Fabian – Adobe Stock)

Transparenter Material- und Teilefluss

Als Startpunkt für die eigene Strategieentwicklung sollten dabei stets alle wesentlichen Unternehmensziele zusammen mit dem konkreten Wettbewerbsumfeld ins Visier genommen werden. Bei einem Medizintechnikhersteller etwa stellt sich die Ausgangslage dabei ähnlich dar wie auch in anderen Zweigen des produzierenden Gewerbes: Dauerhafte Kundenbindung setzt perfekte Verarbeitungsqualität, termingerechte Fertigung und die Fähigkeit voraus, hochflexibel auf spontane Kundenwünsche reagieren zu können. Gleichzeitig gilt es, die Prozess- und Fertigungskosten auf ein Minimum zu reduzieren.

Ohne Abstriche an der Qualität bei eingekauften Komponenten gelingt dies nur durch eine optimierte Lagerhaltung, die mit möglichst kleinen Beständen (und entsprechend verringerter Kapitalbindung) gleichwohl jeden Engpass in der Produktion ausschließt. Funktions- und standortübergreifende Bestandstransparenz erweist sich somit als eine Grundbedingung für mehr Agilität in der Fertigung – und damit auch für den anhaltenden Wettbewerbserfolg. In Pharmafirmen vereinfacht die durchgängige Transparenz über System- und Standortgrenzen hinweg im Übrigen auch die Konformität mit gesetzlich vorgeschriebenen Compliance-Richtlinien, beispielsweise im Hinblick auf die lückenlose Chargenrückverfolgbarkeit von Medikamenten bis hin zu jeder einzelnen Verpackung. Das Supply-Chain-Management und die Lagerlogistik gehören folglich überall zu den ersten Kandidaten für die Überführung in die Cloud.

Optimal verzahnte Geschäfts- und Produktionsprozesse

Die erwähnte Flexibilität der Produktion, mit der auch ungeplante Kundenwünsche ad hoc erfüllt werden können, verlangt durchgängige Echtzeit-Transparenz aber nicht nur in der Beschaffung und Lagerlogistik, sondern ebenso im Auftragsmanagement und der Produktionssteuerung: Die Ausarbeitung einer individuellen Cloud-Strategie bietet Pharma- oder Medizintechnikunternehmen hierbei die Chance, ihre Geschäfts- und Produktionsprozesse frei von ihrem bisherigen Systemkorsett vollkommen neu zu strukturieren. Dabei kommt es auf eine möglichst enge Integration zwischen ERP-Anwendungen einerseits und den Steuerungslösungen für den Maschinen- und Anlagenpark andererseits an. Denn kurzfristig einplanen und ohne Mehraufwand realisieren lässt sich ein eiliger Kundenauftrag nur dann, wenn es zwischen den Anwendungen und Systemen keine Medienbrüche gibt. Die Cloud wirkt dann gleichsam als Integrator, der sämtliche Informations- und Datenquellen innerhalb eines Unternehmens in Echtzeit zusammenführt.

Die Cloud-basierte Integration vormals isoliert betriebener Anwendungen und Systeme bietet neben höherer Lieferflexibilität auch andere Vorteile: Man denke etwa an die verbesserte Auslastung im Maschinen- und Anlagenpark, weil bei eingehenden Aufträgen nun ohne Verzögerung die jeweils benötigten Maschinenlaufzeiten direkt ins Produktionssteuerungssystem eingestellt werden können. Dasselbe gilt für auftragsbezogene Materialreservierungen, sodass sich die Lagerbestände noch enger am tatsächlichen Bedarf der Produktion ausrichten und somit die Kapitalbindung entsprechend weiter sinkt.

Die Cloud als Innovationsmotor

Kostenvorteile und eine flexiblere Produktion sind aber nur die eine Seite der Cloud-Medaille. Die andere Seite betrifft das Tempo, mit dem die Anwendungslandschaft als Ganzes auf dynamische Marktveränderungen reagieren kann: Eine cloudbasierte Umgebung erleichtert beispielsweise die Systemskalierung etwa aufgrund einer erfolgreichen Neukunden-Akquise oder infolge der Expansion auf dem internationalen Markt.

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, der für die Wettbewerbsfähigkeit mindestens ebenso wichtig ist: Je mehr heterogene Datenquellen via Cloud zusammengeführt werden, desto größer wird der Fundus für intelligente Big-Data-Analysen und darauf aufbauende neue Geschäftsmodelle. Ein Medizintechnikhersteller könnte mit datenbasierten Maintenance-Services beispielsweise die Wertschöpfung seiner Produkte über den Lebenszyklus weiter ausdehnen und somit mehr Umsatz generieren. Die hierbei anfallenden Daten stünden via Cloud anschließend als zusätzlicher Input für die Produktentwicklung zur Verfügung – was wiederum zu einer stetigen Qualitätsverbesserung führt.

Gerade in der Pharmabranche gelten intelligente Big-Data-Anwendungen derzeit als Schlüssel für eine neue Art patientenzen­trierter Medikamenteninnovation, die in deutlich kürzerer Zeit weit genauere Einblicke in die therapeutische Wirkung bestimmter Substanzen ermöglicht als die bisher notwendigen kostspieligen Studien. Es wundert daher nicht, dass laut dem Digital-Report des BMWI überdurchschnittlich viele deutsche Pharmafirmen den Einstieg in die Big-Data-Nutzung planen. Die Überführung aller wichtigen Enterprise-Management-Systeme in die Cloud schafft hierfür gute Voraussetzungen.

Über den Autor
Autorenbild
Christian Zöhrlaut

Director Product Marketing Management Central Europe bei Sage

Über die Firma
Acti-Med AG
Freiensteinau
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