Nachhaltigkeit

So wenig Kunststoff wie möglich?

Kein Kunststoff – Gurken werden jetzt häufig ganz ohne Schrumpffolie angeboten.
(Bild: Rewe)

Die Fachpack hat 2019 das Leitthema „Umweltgerechtes Verpacken“ ausgerufen. Was gibt es dazu auf der Messe zu sehen? „Um das Leitthema ‚Umweltgerechtes Verpacken‘ greifbarer zu machen, haben wir es in vier Bereiche unterteilt“, erklärt Cornelia Fehlner, Leiterin der Fachpack bei der Nürnberg Messe. „Konkret geht es um recycelte Verpackungen, ressourcenschonende Materialien, Mehrwegverpackungen und -systeme und neue umweltschonende Prozesse.“ 

Kooperationen von Maschinenherstellern und Packmittelproduzenten

Nachhaltige Verpackungen stehen bei Verbrauchern und Markeninhabern weltweit hoch im Kurs. Angesichts der Verschmutzung von Gewässern mit Kunststoffmüll sind ganz besonders Alternativen zu Kunststoffverpackungen gefragt. Diese werden häufig gemeinsam von Packmittelproduzenten und Maschinenherstellern entwickelt, wie auch auf der kommenden Fachpack zu sehen sein wird. Der Grund: Die Materialien stellen nicht selten höhere Ansprüche an eine maschinelle Verarbeitung als ihre Vorgänger aus Kunststoff. 

Bosch Packaging Technology und Billerud Korsnäs haben neue nachhaltige Verpackungsinnovationen auf Papierbasis entwickelt. „Die Entwicklung nachhaltiger Verpackungslösungen ist dringend nötig, aber auch eine große Herausforderung. Neue Lösungen müssen zugleich nachhaltig sein und eine effiziente Verarbeitung sicherstellen. Durch die Kombination der Expertise von Billerud Korsnäs im Bereich papierbasierter Verpackungsmaterialien mit unserem technologischen Know-how werden wir beide Herausforderungen meistern können“, sagt Dr. Stefan König, Vorsitzender der Geschäftsführung bei Robert Bosch Packaging Technology.

Pearl: papierbasiertes Verpackungskonzept 

Das erste konkrete Ergebnis dieser intensivierten Zusammenarbeit ist die Entwicklung eines neuen Verpackungskonzepts namens Pearl. Die geformten Papierkapseln entstehen dank der Formbarkeit des Materials Fibre-Form – ein von Billerud Korsnäs patentiertes 3-D-formbares Papier. Die Verarbeitung des Materials erfolgt auf Maschinen von Bosch Packaging Technology.  

Bis zu 75 Prozent weniger Kunststoff

Eine weitere Kooperation demonstriert das Flatskin, eine gemeinsame Entwicklung von Van Genechten und Sealpac. Für Flatskin werden unter anderem Karton-Produktträger eingesetzt, die aus nachwachsenden, gebleichten oder ungebleichten Frischfasern bestehen. So wird bis zu 75 Prozent weniger Kunststoff eingesetzt. Die Unterlagen sind beidseitig mit migrationsarmen Farben und Lacken bedruckbar und werden mit einer polymeren Schutzschicht kaschiert. Eine hochtransparente Barriere-Skinfolie fixiert das Produkt direkt auf den flachen Kartonträger. Eine Peellasche erleichtert das Öffnen der Verpackung. Nach der Produktentnahme wird die dünne untere Kunststoffbeschichtung einfach vom Karton abgezogen und getrennt entsorgt. Flatskin eignet sich für ein breites Produktspektrum wie Wurstwaren, Käse, Fleisch, Geflügel, frischer Fisch oder vegetarische Patties.

Ebenfalls zusammen mit Van Genechten zeigt Multivac das Paper Board Tray (MAP). Damit kann der Kunststoffeinsatz um bis zu 75 Prozent reduziert werden. Das Tray ist für MAP-Verpackungen geeignet. Es erlaubt Easy-Opening sowie auch eine einfache Trennung der Materialien. Besonders eignet es sich für den Einsatz zum Verpacken von Fisch, Fleisch, Geflügel, Käse, Snacks, Salaten.

Einstofflösung mit Hochbarriere

Der Flowpack-Spezialist Fuji Packaging aus Hamburg und der Iserlohner Verpackungshersteller Maag zeigen auf der Fachpack 2019 erstmalig ihre gemeinsame Lösung für eine nachhaltige HFFS-Schlauchbeutel-Verpackung.

Das Besondere an der neuen Lösung ist der Einsatz einer Einstoffverpackung mit Hochbarriere-Eigenschaften, die auf allen Fuji-Maschinen angewendet werden kann. Der Vorteil: Das eingesetzte Material ist recyclingfähig, und die Anwendung spart über 70 Prozent Packstoff gegenüber einer herkömmlichen im Markt eingesetzten Tiefziehverpackung ein.

Gasdichte Schale aus gepresstem Karton

Stora Enso und die zur AR Packaging Gruppe gehörende CC Pack haben zusammen eine neue gepresste gasdichte Schalenverpackung für gekühlte Lebensmittel entwickelt. Schutzgasverpackungen sind ein neuer Anwendungsbereich für gepresste Kartonschalen. Die neue gasdichte Schale ist mit ihrem hohen Anteil  an erneuerbaren Materialien sowie der attraktiven Haptik von Papier eine kostengünstige und nachhaltige Alternative zu Kunststoffschalen.

„Wir freuen uns, dass aus dieser Kooperation eine neue erneuerbare Verpackungslösung entstanden ist“, erläutert Henna Paakkonen-Alvim, Vice President, Innovations, bei Stora Ensos Division Consumer Board. „Die neue Schale mit ihrem hohen Anteil an erneuerbaren Materialien ist eine nachhaltige Verpackungsalternative für gekühlte Lebensmittel, ein Marktsegment, in dem bisher Kunststoffmaterialien dominierten.“ 

„Die zunehmende Nachfrage nach nachhaltigen Verpackungen hat zu einer intensiven Forschung nach gasdichten Kartonschalen geführt“, betont Åke Larsson, Geschäftsführer bei CC Pack. „Die Form der Schale ist so optimiert, dass die Verpackung mit Sicherheit dicht ist und so, je nach Verpackungsinhalt, eine Haltbarkeit von bis zu 18 Tagen gewährleistet werden kann. Somit werden die Anforderungen für eine Vielzahl von gekühlten Lebensmitteln, wie zum Beispiel Frischfleisch, Hühnerfleisch, verarbeitetes Fleisch, Käse und Fertiggerichte, erfüllt.“

Am Point of Sale

Wie haben sich die ersten Verpackungen, bei denen Kunststoff durch Papier oder Karton ersetzt wurde, im Markt behauptet? Seit einem Jahr  stehen sie im Regal: die neuen Pasta-Papierbeutel von Alb-Gold, dem schwäbischen Nudelhersteller aus Trochtelfingen. Gemeinsam mit Billerud Korsnäs als Papierhersteller und Bosch Packaging Technology auf der Maschinenseite wurde das Projekt der gesiegelten Papierverpackung realisiert. 

„Die Frage, wie wir unsere Nudelpackungen nachhaltiger machen können, beschäftigt uns schon sehr lange. In den letzten rund eineinhalb Jahren hat sich dann die Idee der Papierverpackung verfestigt“, erklärte Oliver Freidler aus der Geschäftsleitung die Beweggründe des Packstoffwechsels. Und wie sieht es heute, ein Jahr nach der Markteinführung, aus? „Wir haben ausschließlich positive Rückmeldung – und auch verhältnismäßig viele Rückmeldungen – seitens der Endverbraucher erhalten. Es ist ja eher selten, dass sich Endverbraucher mit positivem Feedback melden. Normalerweise bekommt man nur die Beschwerden ab.  Das Bewusstsein für Themen wie Müllvermeidung, weniger Plastik etc. ist beim Verbraucher sehr präsent. Auch vom Handel kommen positive Zeichen“, berichtet Matthias Klumpp, Leitung Marketing, Nachhaltige Entwicklung & Kommunikation.

„Im Gegensatz zu Folie wird ein Siegelmedium exakt an den Stellen aufgetragen, an denen nachher eine Naht entstehen soll. Hierfür musste eine neue Verpackungsmaschine mit einem speziellen „Siegel-Modul“ angeschafft werden. Ansonsten haben wir nun sortenreine Papierrollen (jede Sorte mit eigenem Klischee), was vorher über eine neutrale, unbedruckte Folie mit Bauch­etikett deutlich einfacher gelöst werden konnte. Die Verarbeitung des Papiers über die Formschultern selbst funktioniert ausgezeichnet und ohne gravierenden Unterschied zu Kunststoff“, so Matthias Klumpp weiter. Zum Januar 2020 plant das Unternehmens eine deutliche Ausweitung des Sortiments, welches in Papier verpackt wird.  

Nachhaltigkeit auf dem Packaging Summit

Auch bei Nestlé wird seit Kurzem ein neuer Beutel für Nesquik eingesetzt. Er besteht aus einem beschichteten Papier, das im Papierstrom recycelbar ist. Das Papier stammt aus nachhaltigen Quellen, zertifiziert vom Forest Stewardship Council (FSC). Die Beutel wurden ausgiebig getestet, um sicherzustellen, dass sie das Nesquik-Pulver während des Transports und der Lagerung in perfektem Zustand halten. Dr. Christian Detrois, Corporate Packaging Manager, Nestlé Deutschland, berichtete auf dem Packaging Summit, der von der neuen verpackung zusammen mit Werben & Verkaufen veranstaltet wurde, von dem Projekt: „Jetzt muss die Praxis zeigen, wie gut der neue Beutel von den Konsumenten angenommen wird und wie er funktioniert, denn die Verpackung ist nicht so reißfest wie die PP-Verpackung, die wir vorher hatten. Auch vom Footprint her ist sie nicht so viel besser, wenn man Verpackungsmaterial gegen Verpackungsmaterial direkt vergleicht.“ 

In seinem Vortrag ging es ihm darum, aufzuzeigen, wie hoch der Packaging-Footprint tatsächlich ist. „Der durchschnittliche Packaging-Footprint eines europäischen Bürgers ist relativ klein. Er macht rund 1,5 bis 2 Prozent des gesamten Footprints aus. Dieser gesamte Footprint wird verursacht durch beispielsweise  Wohnen, Heizen, Ernährung, Mobilität, Kleidung etc.“ „Wenn ich das übersetze, entspricht ein Flug von Berlin nach Paris und zurück dem jährlichen Packaging-Footprint“, gibt er ein anschauliches Beispiel für die Bedeutung der Belastung durch Verpackung.

Der Footprint von Verpackungen sei also eigentlich nicht das große Problem, so Christian Detrois weiter. „Der größte Teil des Footprints wird von den Produkten selbst verursacht. Das gilt für Lebensmittel wie auch für andere Konsumgüter.“

Deshalb wiegen Produktverluste schwerer als der Footprint von Verpackungen. „Aus unserer Sicht ist es überhaupt keine Lösung, auf Verpackungen zu verzichten, insbesondere dann nicht, wenn wir Produktverluste in Kauf nehmen müssen“, erklärt Christian Detrois. Deshalb schaue man sich bei Nestlé grundsätzlich den ganzen Prozess an. Das beginnt bei sämtlichen Rohstoffen für ein Produkt und dessen Verpackung, geht über den Transport sowie Handel und reicht bis zu den Konsumentenprozessen wie Kochen und Erwärmen bis hin zur Entsorgung.

Das führt zur Frage, ob eine Kunststoffverpackung mit den existierenden Entsorungswegen in Europa überhaupt ein Problem ist und durch Karton/Papieralternativen ersetzt werden muss. Zwar wollen viele Konsumenten, schockiert durch die Verschmutzung der Weltmeere,  auf Kunststoff verzichten. Aber wenn man sich ansieht, woher der Kunststoffeintrag in die Weltmeere kommt, ist fraglich, ob dies der richtige Ansatz ist. Zehn Flüsse befördern weltweit mit großem Abstand den meisten Plastikmüll ins Meer. Zu diesem Ergebnis kommen Forscher des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung Leipzig und der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf in einer Studie. Dabei sind acht asiatische Gewässer vertreten. Die einzigen nichtasiatischen Flüsse in der Liste sind der Nil und der Niger.

„Plastikverpackungen bei Lebensmitteln haben ihre Berechtigung, denn sie erfüllen wichtige Funktionen“,  meint auch Philipp Hengstenberg, Geschäftsführer des Konservenherstellers Hengstenberg und neuer Präsident der deutschen Lebensmittelwirtschaft in einem Interview in der „Welt“. „Wir haben hier einen klassischen Zielkonflikt: Auf der einen Seite wird beklagt, dass zu viele Lebensmittel weggeworfen werden, auf der anderen Seite gibt es Forderungen, das entscheidende Material, das sie länger haltbar macht, zu verbieten. Diesen Konflikt müssen wir konstruktiv lösen.“ 

Über den Packaging Summit

Nach erfolgreicher Erstveranstaltung ging der Packaging Summit am 3. und 4. April 2019 im Hochhaus des Süddeutschen Verlags in seine zweite Runde.  Mit „Smart Packaging – Design – Branding“ hatten die Veranstalter neue verpackung und Werben & Verkaufen auf die richtigen Themen gesetzt: knapp 120 Namen umfasste die Teilnehmerliste. Weitere Bilder sowie ein Video zur Veranstaltung mit Stimmen der Teilnehmer sind zu finden unter 

 

www.packagingsummit.de.

 

Und gleich vormerken: Der 3. Packaging Summit findet am 7. und 8. Juli 2020 statt.

Über die Autorin
Eva Middendorf

Redakteurin, neue verpackung

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