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Brau Beviale

Trendthema Individualisierung auf der Brau Beviale

Wie kann man auf einer Anlage blitzschnell Produkt A, beispielsweise eine Orangenlimonade in der 0,3-l-Flasche, dann Produkt B, eine Bio-Zitronenlimo mit fünf Prozent Saft­anteil in der 0,5-l-Flasche, und dann Produkt C, auch eine Bio-Zitronenlimo, aber mit 19 Prozent Saftanteil, 0,3 l, abfüllen?
(Bild: Nürnberg Messe)

Die Losgröße beschreibt bekanntermaßen die zu einem Los zusammengefasste Stückzahl einer Produktart, die ohne Unterbrechung in einem Rutsch hergestellt wird. Bei der aktuell viel diskutierten Losgröße 1 geht es darum, individuelle Sonderanfertigungen quasi serienmäßig, am laufenden Band und zu möglichst den gleichen Konditionen wie die Massenproduktion herstellen zu können. 

Aktuell wird erforscht, wie man Herstellungsanlagen bauen und steuern kann, die, ohne dass jedwede zeitfressende und kostenverursachende Umbaumaßnahmen nötig sind und Verluste enstehen, blitzschnell Produkt A, beispielsweise eine Orangenlimonade in der 0,3-l-Flasche, dann Produkt B, eine Bio-Zitronenlimo mit fünf Prozent Saftanteil in der 0,5-l-Flasche, und dann Produkt C, auch eine Bio-Zitronenlimo, aber mit 19 Prozent Saftanteil, 0,3 l, ausspucken können. 

Warum Losgröße 1? 

Nur: Warum sollte man das wollen? Einfach, weil der Kunde es so will. Professor Peggy Näser forscht und lehrt an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg im Fachgebiet Fabrikplanung und Fabrikbetrieb. Sie erklärt das Interesse an der Losgröße 1 so: „Es gibt einen zunehmenden Willen, dass jeder Kunde sein ganz eigenes, nach seinen Wünschen gestaltetes Produkt bekommen soll. Vorreiter ist hier sicherlich die Automobilbranche, wo schon lange jeder Kunde sein Fahrzeug konfigurieren kann. Mittlerweile sehen wir die Form der Individualisierung aber auch in ganz anderen Bereichen: So kann man beispielsweise das eigene Müsli online konfigurieren und sich zuschicken lassen oder den eigenen Turnschuh.“ Es ist ein Leichtes, individuell bedruckte T-Shirts zu bestellen, die ureigenen Fotobücher, oder auch die Cola-Dose mit dem eigenen Namen. 

Umsetzung in der Getränkebranche: Robo-Fill 4.0 

Um also das Thema Losgröße 1 in der Getränkebranche anzupacken, haben sich bereits vor vier Jahren Größen sowohl aus der Industrie als auch der Forschung zusammengetan und getüftelt. Zwischen 2015 und 2019 arbeiteten der Lehrstuhl für Brau- und Getränketechnologie (TUM), der Lehrstuhl für Lebensmittelverpackungstechnik (TUM), Fraunhofer IGCV – Projektgruppe RMV, Bayerische Staatsbrauerei Weihenstephan, Beckhoff Automation, Infoteam Software, Krones, Proleit, Siemens, Dekron, Yaskawa Europe und Zimmer gemeinsam an der Realisierung der Getränkelosgröße 1. Das Ergebnis: Robo-Fill 4.0. 

Robo-Fill 4.0 ist ein „völlig neuartiges, flexibles und einfach um weitere Produktionsmodule erweiterbares Automatisierungskonzept zur industriellen Bereitstellung von kundenindividuellen Getränkeflaschen beziehungsweise -gebinden“, heißt es auf der Webseite. Bisher gibt es davon „nur“ einen Demon­strator, heißt, es gibt genau eine Maschine weltweit, die die Ziele des vierjährigen Forschungsprojektes erfüllt und umsetzt. Er steht in der Forschungsbrauerei Weihenstephan unter der Obhut von Christoph Neugrodda, dem Projektleiter. „Mit dieser Anlage können wir 150 Flaschen pro Stunde herstellen – jede Einzelne individuell befüllt und bedruckt“, erklärt er. 

Christoph Neugrodda hat ganz konkrete Anwendungsbeispiele für eine Anlage wie Robo-Fill 4.0 parat: „So etwas könnte für ein Brauerei-Besucherzentrum eine tolle Sache sein. Zu Beginn einer Brauereiführung wird vom Gast ein Foto gemacht, danach bekommt er eine individuell für ihn befüllte Flasche mit diesem Bild auf dem Etikett als Give-away.“ Die Losgröße 1 ist also vor allem anderen ein Marketing-Asset. „Gerade für den kleinen Brauer ist das Thema interessant. Durch das Aufkommen der Craftbrauerbewegung geht der Trend zu individuelleren Bieren. Durch Robo-Fill 4.0 kann man nun sein besonderes Bier noch besonderer machen“, fährt Christoph Neugrodda fort. 

Die Brau Beviale wird in diesem Jahr weltweit die wichtigste Investitionsgütermesse für die Getränkeindustrie sein. Erwartet werden circa 1.100 Aussteller, davon 53 Prozent international.
(Bild: Nürnberg Messe)

Innovationen auch in der Produktionsplanung 

Die Technologie bei Robo-Fill 4.0 geht weiter. „Das betrifft die komplette Produktionsplanung. Anstelle einer starren Verkettung der einzelnen Prozesse in der Abfüllung, wie wir es heute kennen, werden alle autonomen Anlagenkomponenten als cyber-physische Systemkomponenten intelligent miteinander vernetzt. Das bedeutet, es gibt eine physisch vorhandene Abfüllanlage und dazu einen digitalen Zwilling. Sogar jede einzelne Flasche hat einen digitalen Zwilling. Über den digitalen Zwilling sind alle Komponenten in der Lage, miteinander, mit dem Kunden, oder auch dem Betreiber der Anlage zu kommunizieren. Auf diese Weise ist es jetzt möglich, die Produktion individuell und autonom zu steuern. Die Flasche wird zu einem intelligenten Produkt und steuert sich sozusagen selbst durch die Produktion. Wir können mit diesem Konzept über die Produktionsplanung einzelne Aufträge vorziehen. Man hat keine starren Pläne mehr, muss erstmal 10.000 Flaschen 0,5 l abfüllen, um dann mit den 0,3-l-Flaschen weiterzumachen.“  

Im Rahmen des Projektes wurde auch ein Webportal entwickelt, über das Kunden ihre individuellen Getränkewünsche aufgeben können, und das diese direkt an die Anlage übermittelt – ganz ohne dass hier jemand im Büro sitzen und kompliziert die vielen Kleinaufträge planen muss. 

Ein großer Vorteil des Robo-Fill-4.0-Konzeptes ist seine hohe Flexibilität: Er kann um einzelne Komponenten erweitert werden, genauso wie einzelne Komponenten ohne alle anderen eingesetzt werden können. So berichtet man bei Krones etwa, dass die Direktbedruckung eine solche Komponente ist, die bereits vielfach Einsatz findet und an der das Unternehmen intensiv weiterarbeitet. Auch wenn es vielleicht am Ende nicht das individuell gemischte Radler ist, das hier abgefüllt wird, kann doch ein hochindividualisiertes Flaschendesign bei gleicher Füllung spannend sein. 

Über die Brau Beviale

Die Brau Beviale ist eine der wichtigsten Investitionsgütermessen für die Getränkewirtschaft weltweit. Drei Tage lang präsentieren im Messezentrum Nürnberg internationale Aussteller ein umfassendes Angebot rund um die gesamte Prozesskette der Getränkeproduktion: Rohstoffe, Technologien, Komponenten, Verpackung und Marketing. Die Besucher kommen aus dem technischen und kaufmännischen Management der europäischen Getränkewirtschaft sowie aus Handel und Gastronomie. Abgerundet wird das Fachangebot durch ein attraktives Rahmenprogramm, das Trendthemen der Branche aufgreift, vorstellt und diskutiert. Zentrales Thema: die Zukunftsfähigkeit der Getränkebranche. Weitere Highlights: Das Forum Brau Beviale, die Craft Drinks Area sowie zahlreiche Themenpavillons. Die gewohnt familiäre Atmosphäre machte die Brau Beviale 2018 wieder zum „Stammtisch der Branche“. Ideeller Träger der Brau Beviale sind die Privaten Brauereien Bayern. Die Brau Beviale ist Mitglied der Beviale Family, dem globalen Netzwerk von Veranstaltungen rund um die Herstellung und Vermarktung von Getränken. 

Innovative Füllventile 

Ein weiteres Kernelement ist das im Rahmen der Konzeptstudie „Bottling on Demand“ bei Krones im Zusammenhang mit dem Robo-Fill entwickelte Füllventil, das von einer Haupt- und einer Nebenleitung gespeist wird. Was hier in die Flasche fließt, lässt sich – ganz im Sinne des Zeitgeists – individuell dosieren. Das könnte insbesondere im Bereich der Softdrinks interessant sein, weil damit das Mischen durch einen vorgeschalteten Mixer entfällt: Hauptleitung füllt Wasser, Nebenleitung den individuell für diese eine Flasche vorbestimmten Anteil Sirup, Fruchtsaft oder andere Komponenten. Dadurch, dass mehrere Nebenleitungen an das Ventil angeschlossen sind, kann man von einem Füllgut, zum Beispiel Kirschsirup, zum anderen, zum Beispiel Orangensirup, wechseln, ohne umzurüsten. „Die damit mögliche Individualisierung des Produkts kann besonders für Healthy Drinks oder kundenspezifische Sportmixgetränke in der Zukunft interessant sein“, Jennifer Schöffel, Control Technology, Corporate Research and Development bei Krones. 

Innovatives Transportsystem 

Auch das Transportsystem das im Robo-Fill verwendet wird, ist eine Komponente für sich, die auf dem Weg zur Losgröße 1 entscheidend ist. Hier bieten unterschiedliche Hersteller verschiedene Innovationen. Der Automatisierungsspezialist B & R löst mit Acopostrak eine der größten Herausforderungen der Losgröße-1-Fertigung: Wie kann der Materialfluss so geleitet werden, dass immer genau jene Komponente zur Stelle ist, die gerade gebraucht wird? Das Transportsystem Acopostrak kann das dank einer einzigartigen Hochgeschwindigkeitsweiche, die Produkte von einer Tracklinie auf die andere übergibt – und das bei voller Produktionsgeschwindigkeit und der Fähigkeit, die Shuttles, auf denen die Komponenten angerast kommen, in sehr kleinen Abständen auf komplett flexibel und individuell gebauten Tracklinien fahren zu lassen. 

Das Angebot in den neun Messehallen umfasst die gesamte Prozesskette der Getränkeherstellung: von Rohstoffen über Technologien und Komponenten bis hin zur Verpackung sowie Zubehör und Vermarktungsideen.
(Bild: Nürnberg Messe)

Aus-der-Box gedachte Anwendungsbeispiele der Losgröße 1 

Wie kann die Losgröße 1 im Getränkebereich jenseits des individuell bedruckten Logos und der speziellen Mischung noch gedacht werden? Ausgerecht im Bereich Wasser gibt es hier ein paar Hingucker: Ein Start-up aus München setzt auf das retronasale Geschmacksempfinden und hat ein Trinkflaschensystem entwickelt, in dem Wasser allein durch Duft der Anschein von Geschmack verliehen wird. Funktioniert so: Am Hals der Flasche sitzt der Air-Pod, eine Art Duftring, aus dem das gewünschte Frucht-/Kräuter-/Blütenaroma in Nase und Rachenraum des Trinkenden strömt. „Mit unserem System kannst du jederzeit flexibel die Geschmacksrichtung wechseln. Falls dein Lieblingsgeschmack noch nicht in unserem Sortiment ist, schick uns gerne deinen Vorschlag. Theoretisch können wir alles, was riecht, auch schmeckbar machen“, heißt es auf der Webseite des Unternehmens. 

Bei einem österreichischen Unternehmen sorgen Flavourkapseln, die direkt in die Flasche gesteckt werden, für Geschmack. Ein Stäbchen pimpt einen knappen Liter Wasser – es darf auch gemischt werden. Ähnlich funktionieren klitzekleine Aromawürfel, die in die Wasserflasche oder den Krug gegeben werden, für den Geschmack. Aktuell gibt es zwölf verschiedene Sorten, die der Kunde bequem im Webshop aussuchen und zu bunten Paketen packen kann. Damit keiner am Tisch oder im Büro das gleiche schnöde Wasser trinken muss – sondern halt jeder seins. 

Brau Beviale auf einen Blick
  • Veranstaltungsort: Messezentrum Nürnberg
  • Veranstaltungstermin: Dienstag, 12. bis Donnerstag, 14. November 2019 
  • Öffnungszeiten: 12. und 13. November 2019: 9:00 - 18:00 Uhr,  14. November 2019: 9:00 - 17:00 Uhr
  • Messeturnus: jährlich, pausiert alle vier Jahre
  • Nächster Termin: 10. - 12. November 2020
Über die Firma
NürnbergMesse GmbH
Nürnberg
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