Home Themen Packmittel, Packhilfsmittel, Packstoffe Rezyklat – Ein neues Leben für Verpackungen?

Kreislaufwirtschaft

Rezyklat – Ein neues Leben für Verpackungen?

Immer mehr Verpackungen entstehen aus recycelten Abfällen. Wir sind bereits an Flaschen aus weggeworfenem Kunststoff und Verpackungen aus Recyclingpapier oder Zellstoff gewöhnt. In jüngerer Zeit gab es Berichte über Lebensmittelverpackungen, die aus chemisch recycelten Kunststoff-Mischabfällen hergestellt wurden, darunter Marken wie Magnum-Eis, Knorr-Pudding und italienischer Mozzarella von Zott.

Neben Lebensmitteln werden Körperpflege- und Gesundheitsprodukte bereits in Verbraucherverpackungen aus weggeworfenem Kunststoff verkauft. In Kürze will Tupperware einen wiederverwendbaren Trinkbecher und Strohhalm herausbringen, während Royal Philips einen Prototyp seiner „Avent“-Baby-Trinkflaschen aus chemisch recycelten Polymeren vorstellt.

Für Verpackungsunternehmen ist die Motivation für die Verwendung von Sekundärverpackungsmaterial von einer Verschiebung des Verbraucherbewusstseins und einem sich schnell ändernden regulatorischen Umfeld abhängig. Die Kreislaufwirtschaft, einschließlich neuer Abfall- und Recyclinggesetze, wird „die oberste Priorität“ von Ursula von der Leyens Europäischer Kommission und dem „European Green Deal“ sein. In ihrer „EU-Strategie für Kunststoffe in einer Kreislaufwirtschaft“ erklärt die Europäische Kommission, dass „alle auf dem EU-Markt in Verkehr gebrachten Kunststoffverpackungen so gestaltet sein sollten, dass sie entweder wiederverwendbar oder kostengünstig recycelbar sind“. Gemäß der Richtlinie müssen PET-Flaschen ab 2025 mindestens 25 Prozent recycelten Kunststoff enthalten. Ab 2030 erhöht sich die Quote für alle in Verkehr gebrachten Kunststoffflaschen auf 30 Prozent. Erklärtes Ziel ist es, dass Unternehmen bis 2025 rund zehn Millionen Tonnen recycelte Kunststoffe in ihren Verpackungen verwenden – und damit den aktuellen Bedarf vervierfachen. In der Zwischenzeit hat die Regierung in Großbritannien eine Steuer auf die Herstellung und Einfuhr von Kunststoffverpackungen mit einem Recyclinganteil von weniger als 30 Prozent ab April 2022 vorgeschlagen.

Als Reaktion auf den regulatorischen Druck haben im Februar dieses Jahres 70 Unternehmensverbände freiwillig zugesagt, mehr recycelte Kunststoffe herzustellen oder zu verwenden, um den Markt für recycelte Kunststoffe bis 2025 um mindestens 60 Prozent zu steigern. Die Benutzer von Verpackungen haben sich verpflichtet, den Einsatz von recyceltem Kunststoff in Verpackungen zu verfünffachen, und zwar auf 22 Prozent im Jahr 2025.

Auf dem Weg zu einer neuen Normalität

Diese gemeinsamen Anstrengungen entsprechen dem Trend, dass die Verbraucher zunehmend besorgt sind, was ihre Rolle bei der Bewältigung der Plastikkrise angeht. Fünfzig Jahre nach der Einführung des Recycling-Symbols berücksichtigen sie die Umweltauswirkungen ihrer Kaufentscheidungen und sind motiviert, sich für das Recycling einzusetzen, weil sie sich um den Planeten kümmern. Laut einer kürzlich von GFK durchgeführten Umfrage erwarten die Verbraucher von den Herstellern, dass sie die ersten Schritte einleiten und ihnen helfen, verantwortungsbewusster zu konsumieren, indem sie umweltfreundlichere Produkte anbieten. Eine weltweite Umfrage von Ipsos zeigt, dass jeder zweite Verbraucher bereit wäre, Waren aus recycelten Materialien zu kaufen, was auf ein erhebliches Marktpotenzial hinweist. Eine von DS Smith im Juli 2019 durchgeführte Umfrage ergab schließlich, dass neun von zehn Befragten ein Produkt wählen würden, das mit weniger oder gar keinem Plastik verpackt ist, wenn sie die Wahl zwischen zwei Waren gleicher Qualität hätten.

Da die Öffentlichkeit Produkt und Verpackung immer mehr als Einheit wahrnimmt, sehen sie es als einen Widerspruch – oder sogar als Greenwashing – wenn ein Produkt, das für nachhaltig erklärt wurde, überverpackt oder nicht nachhaltig verpackt wird.

Die Benutzer von Verpackungen haben sich verpflichtet, den Einsatz von recyceltem Kunststoff in Verpackungen zu verfünffachen.
Die Benutzer von Verpackungen haben sich verpflichtet, den Einsatz von recyceltem Kunststoff in Verpackungen zu verfünffachen.
(Bild: Irina – Adobe Stock)

Mach‘ es oder lass‘ es

Während einige Unternehmen stärker auf Compliance ausgerichtet sind, übernehmen andere mit zirkulären Geschäftsmodellen eine Führungsrolle in der Hoffnung, die Vorteile von Kosteneinsparungen zu nutzen, eine Aufwertung der Marke zu erreichen und schließlich Marktanteile zu gewinnen. Ein Beispiel für diesen Ansatz ist Werner & Mertz, ein Hersteller von umweltfreundlichen Reinigungsmitteln und Sanitärprodukten für private und gewerbliche Anwender in Europa, den USA und Japan. Das Unternehmen ist vor allem bekannt für seine Produktlinie und sein Logo „Frosch“.

Seit 2014 verwendet das Unternehmen 100 Prozent Rezyklat für seine Verpackungen, hauptsächlich Flaschen aus PET und HDPE. Nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip wird Kunststoff aus dem Hausmüll entnommen und in einem geschlossenen Stoff- und Produktionskreislauf zugeführt. Damit dies funktioniert, hat Werner & Mertz die „Recyclate Initiative“ ins Leben gerufen und die wichtigsten Partner seiner Lieferkette mit einbezogen. Das Unternehmen setzt eine moderne Lasertechnologie ein, die entwickelt wurde, um PET-Granulate und -Flocken so fein zu sortieren, dass nur noch transparente Partikel übrigbleiben. Durch den anschließenden Extrusionsprozess werden verbleibende Verunreinigungen beseitigt, die zu Rezyklat führen, das in transparente Kunststoffflaschen umgewandelt wird. Im Vergleich zu PET aus Rohöl benötigt dieses Verfahren zwei Drittel weniger Energie und halbiert den CO2-Ausstoß.

Angesichts der höheren Kosten für das Sammeln, Sortieren und Recycling ist die Implementierung eines echten Cradle-to-Cradle-Verpackungsmodells jedoch nicht günstig. Gleichzeitig erwartet der Verbraucher, dass das Endprodukt eine kompromisslose Qualität, Funktionalität und ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis aufweist. Und das schließt die Verpackung ein. Aus diesem Grund musste Werner & Mertz sicherstellen, dass die neu gestalteten PET-Flaschen unverändert – also vollständig transparent – aussahen und gleichzeitig den Einzelhandelspreis des Produkts beibehielten.

„Für uns geht es nicht darum, ‚grüne‘ Produkte zu einem Premiumpreis zu verkaufen, sondern nachhaltige Konsumgüter von höchster Qualität zu einem wettbewerbsfähigen Preis anzubieten“, erklärt Timothy Glaz, Leiter Corporate Affairs. Nach seiner Erfahrung ist es den Kunden wichtig, dass das von ihnen gekaufte Produkt insgesamt umweltfreundlich ist und sich nicht negativ auf die Umwelt auswirkt, wie dies bei nicht recycelbarem, schwer zu recycelndem oder jungfräulichem Kunststoff der Fall ist. Sie möchten Teil der Lösung sein und nicht Teil des Plastikmüllproblems. Die positiven Auswirkungen auf die Kaufentscheidungen wurden deutlich, als das Unternehmen 2018 eine Informationskampagne vor Ort in einem örtlichen Einzelhandelsgeschäft durchführte, in der die Kunden die recycelten PE- und PET-Kunststoffflocken, aus denen die Flaschen hergestellt wurden, berühren und fühlen konnten und lernen, wie viel Plastikmüll sie vermeiden können. Infolgedessen verzeichnete das Unternehmen in dieser Filiale einen deutlichen Umsatzanstieg.

Neue regulatorische Impulse voraus

Um die Nachfrage nach Rezyklaten zu stimulieren und die Wettbewerbsfähigkeit von Kreislaufverpackungsmodellen zu fördern, müsste der relative Marktpreis für Rezyklat im Vergleich zu neuem Kunststoff stabil gesenkt werden. Der im Jahr 2015 verabschiedete EU-Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft hat bereits zu konzertierten politischen und regulatorischen Anstrengungen in verschiedenen Bereichen geführt, um eine nachhaltige Verpackung zu fördern. Nach der überarbeiteten EU-Richtlinie über Verpackungsabfälle sind derzeit strengere „Grundanforderungen“ an Verpackungsmaterialien in Vorbereitung.

Die Kriterien für Ökodesign, umweltfreundliches öffentliches Beschaffungswesen und andere relevante Produktgesetze werden ebenfalls überprüft. Ein wesentlicher Anreiz für die Regulierung, der derzeit von der Europäischen Kommission ausgearbeitet wird, sind öko-modulierte EPR-Gebühren (Extended Producer Responsibility), mit denen Unternehmen, die leicht recycelbare oder bereits recycelte Produktverpackungen auf den Markt bringen, finanziell belohnt werden; ähnlich einem Bonus-Malus-System. Grob gesagt: Je höher die Recyclingfähigkeit, desto niedriger die Gebühren und desto höher die Wettbewerbsfähigkeit. Einige EU-Mitgliedsstaaten erwägen auch Steueranreize.

Auf der Verbraucherseite wächst der Wunsch, sich aktiv an der Verringerung der Verschwendung neuer Ressourcen zu beteiligen und die positiven Auswirkungen dieses Verhaltens auf die Umwelt zu erfassen. Wer würde nicht gerne wissen, dass jede Tonne recycelter Plastikflaschen 3,8 Barrel Rohöl im Boden und letztendlich außerhalb der Atmosphäre hält? Es bleibt jedoch die Herausforderung, die positiven Auswirkungen nachhaltiger Verpackungen effektiv und vertrauenswürdig zu kommunizieren, ohne dass dies als „Greenwashing“ wahrgenommen wird. Das Vertrauen in Etiketten ist aufgrund ihrer Verbreitung, mangelnder Vergleichbarkeit und Zweifel an ihrer Gültigkeit gering.

Aus diesem Grund wird die Produktkennzeichnung derzeit von der EU überprüft, und wir können mit Maßnahmen zur Verschärfung der Vorschriften rechnen. Ein guter Ausgangspunkt hierfür wären die laufenden Arbeiten der Europäischen Kommission zur Methode des Product Environmental Footprint (PEF), mit der die Umweltverträglichkeit des Lebenszyklus und die relevanten Auswirkungen von Produkten, einschließlich des CO2-Fußabdrucks und der Erschöpfung natürlicher Ressourcen, gemessen werden. Auf einem PEF basierende EU-Umweltzeichen würden den Verbrauchern vergleichbare und vertrauenswürdige Informationen zur ökologischen Leistung liefern, während digital gestützte Lösungen wie QR-Codes online auf spezifischere Details verweisen könnten. Und warum nicht ein EU-Label, das die Verwendung von 100 Prozent recyceltem Sekundärverpackungsmaterial bescheinigt? Dies wäre nicht nur für die Verbraucher von Interesse, sondern auch für ein „grünes“ öffentliches Beschaffungswesen.

Nachhaltige Verpackung im Aufwind

In der Vergangenheit lag der Schwerpunkt vieler Initiativen der Kreislaufwirtschaft auf dem Angebot. Damit der Übergang zur Kreislaufwirtschaft gelingt, muss aber auch die Nachfrage verstanden werden. Jüngste Umfragen bestätigen, dass immer mehr Verbraucher nachhaltige Verpackungen als positiv empfinden, sich jedoch schlecht über die Recyclingfähigkeit von Verpackungen im Allgemeinen informiert fühlen. Die Gewissheit, dass ein Produkt in einer nachhaltigen Verpackung mit geringeren Umweltauswirkungen geliefert wird, wirkt sich positiv auf Kaufentscheidungen und Markentreue aus. Es wird geschätzt, solange es die Qualität, Funktionalität und den Preis des Endprodukts nicht beeinträchtigt.

Aus dieser Perspektive ist eine nachhaltigere Verpackung keine Wahl, sondern eine Notwendigkeit für Unternehmen. Angesichts des niedrigen Marktpreises für Neukunststoffe ist dies jedoch eine große Herausforderung. Um die Aufnahme von Rezyklaten in Verpackungen zu wettbewerbsfähigen Preisen zu erleichtern, müssen Wege gefunden werden, um die Kosten für die Neugestaltung und das hochwertige Recycling zu kompensieren oder zu finanzieren. Während solche Anreize geboten werden, müssen gleiche Wettbewerbsbedingungen durch die ehrgeizigen Recyclingziele der EU und strengere Gesetze für Abfall und Verpackungsabfälle aufrechterhalten werden. Diese Kombination von Anreizen und einem klaren rechtlichen Rahmen wird zu nachhaltigeren Verpackungsmodellen führen.

Über den Autor
Autorenbild
Michael Laermann

Nachhaltigkeitsberater, freiberuflicher Redakteur und Gründer von Reason & Rhyme

Newsletter

Das Neueste von
neue verpackung direkt in Ihren Posteingang!