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Interview mit Jean-Pascal Bobst, CEO der Bobst Group

„Große Messen müssen sich neu erfinden“

Jean-Pascal Bobst,
Jean-Pascal Bobst, CEO der Bobst Group.
(Bild: Bobst)

Warum hat sich Bobst gegen eine Teilnahme an der drupa 2021 entschieden?

Jean-Pascal Bobst: Bobst hat seit 1951 an jeder drupa teilgenommen und ist den Themen „Druck und Papier“ seit jeher verpflichtet. Aber unsere Welt unterliegt einem permanenten Wandel. Es zählt zu unseren unternehmerischen Aufgaben, Trends im Markt frühzeitig zu erkennen und unsere Aktivitäten auf diese auszurichten. 

Der Nutzen großer Fachmessen mit langer Dauer liegt vor allem in den sozialen Kontakten rund um Produkte sowie in der Entwicklung eines Gefühls der Zugehörigkeit, des Stolzes und unserer Kultur. Das Covid-19-Virus hat uns hier vor neue Herausforderungen gestellt: Wir müssen die Gesundheit aller Beteiligten wahren und unsere soziale Verantwortung wahrnehmen. Auch unsere neue Branchenvision wirkt sich auf unsere Präsenz auf Messen aus. Es war offensichtlich und vorhersehbar, dass wir Dinge verändern würden.

Die notwendigen Reisen, die erforderliche Distanzierung und die Sorge, dass sich in Messehallen zu viele Menschen aufhalten könnten, haben uns zu der Entscheidung veranlasst, im kommenden Jahr nicht an Messen und Ausstellungen teilzunehmen. Zusätzlich sind wir – mit Blick auf unsere soziale Verantwortung – zu der Überzeugung gekommen, dass es aus ökologischer Sicht nicht länger zu verantworten ist, tonnenweise Maschinen und Anlagen zu Messen zu transportieren und dabei Berge von Abfall zu produzieren. Andererseits wollen unsere Kunden unsere Lösungen sehen und anfassen. Und sie suchen zunehmend vollständig integrierte Lösungen für eine vernetzte Produktion. Wir statten unsere sechs Competence Center mit entsprechenden Möglichkeiten aus. Streaming-Demos und Online-Seminare eröffnen uns zusätzliche, neue Optionen. Insbesondere zu Beginn der Pandemie haben unsere Kunden die Vorteile virtueller Demonstrationen entdeckt – und sie tun das nach wie vor. Aus unserer Sicht wird sich die Funktion von Fachmessen weiterentwickeln. Bobst wird diesen Wandel begleiten. Covid-19 hat Entscheidungen beschleunigt, mit denen wir uns ohnehin schon länger beschäftigen. Mit Blick auf die aktuelle Situation sind wir überzeugt, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Kunden im Competence Center
Bobst will seine Competence Center weiterentwickeln, um Kunden Zugang zu Produkt- und Lösungsdemonstrationen zu bieten.
(Bild: Bobst)

Halten Sie internationale Großveranstaltungen generell noch für sinnvoll?

Jean-Pascal Bobst: Große Messen können sinnvoll sein, aber sie müssen sich neu erfinden. Die Kunden des Jahres 2020 haben andere Bedürfnisse als die Kunden des Jahres 1980. Ein Blick auf die Entwicklung der Messen zeigt, dass sich diese wenig verändert haben. Der Informationsaustausch, das Entdecken neuer Anwendungen und das Kennenlernen neuer Techniken ist für die Verpackungsindustrie von entscheidender Bedeutung. Wir gehen davon aus, dass die großen Messegesellschaften Mittel und Wege finden werden, bei der Weiterentwicklung ihrer Geschäftsmodelle auf die heutigen Bedürfnisse ihrer Kunden und der gesamten Industrie einzugehen.

Fernassistenzservice von Bobst, bei dem der Kunde und der Bobst-Servicetechniker über ein Headset mit Augmented-Reality-Brille verbunden sind.
Bei diesem Fernassistenzservice von Bobst sind der Kunde und der Bobst-Servicetechniker über ein Headset mit Augmented-Reality-Brille verbunden.
(Bild: Bobst)

Wird Bobst künftig auch die Teilnahme an Veranstaltungen wie die interpack oder die ICE/CCE absagen?

Jean-Pascal Bobst: Für 2021 haben wir entschieden, an keinen Fachmessen teilzunehmen – ausgenommen eventuell in aufstrebenden Märkten. Wir werden Messeteilnahmen künftig auch anders ausrichten und uns verstärkt auf Anwendungen in Kombination mit entsprechenden Technik-Lounges konzentrieren, statt tonnenweise Maschinen und Anlagen durch die Welt zu transportieren.

Welche Erwartungen verbinden Sie mit dezentralen, persönlicheren Veranstaltungsformaten?

Jean-Pascal Bobst: Sie sprechen den Kern der Diskussionen an: Wir haben massiv in unsere Competence Center investiert und entwickeln diese zu „Smart Factories“ weiter, indem wir sie um innovative Möglichkeiten für die Demonstration neuester Lösungen und für virtuelle Vorführungen erweitern. Viele Kunden werden es begrüßen, auf Informationen und Demonstrationen zugreifen zu können, ohne Zeit in Reisen investieren zu müssen. Zudem können sich Kunden und Interessenten an unseren industriesegmentbezogenen Standorten die Lösungen ansehen, die sie einsetzen wollen. Viele dieser Lösungen können wir nicht auf Messen zeigen. 

Welche Art von Veranstaltungen planen Sie in Zukunft ganz konkret?

Jean-Pascal Bobst: Wir sehen in Verbänden – lokale und internationale – wichtige Plattformen, um unsere Kunden und Interessenten zu treffen. Auch über themenspezifische Online-Seminare lassen sich wirksam Inhalte vermitteln. Zudem werden wir in unseren Competence Centern mehr Veranstaltungen und Maschinenpräsentationen organisieren. Das können sowohl maßgeschneiderte Demonstrationen als auch Veranstaltungen für größere Personengruppen sein.

Connected Services  auf dem Weg zum vorausschauenden Management der Verpackungsproduktion
Connected Services auf dem Weg zum vorausschauenden Management der Verpackungsproduktion
(Bild: Bobst)

Wird die Verpackungs- und Druckbranche künftig generell verstärkt auf datenbasierte digitale Geschäftsmodelle setzen?

Jean-Pascal Bobst: Tatsächlich entstehen neue digitale Geschäftsmodelle. Das gilt nicht nur für die Art und Weise, wie Kunden ihre Produktionsanlagen kaufen. Sondern auch dafür, wie sie ihre Produkte vermarkten. Auch wir haben unsere Serviceangebote für unsere Kunden inzwischen zum Teil digitalisiert. Zum Beispiel können unsere Kunden Services online bestellen und ihre Produktion aus der Ferne überwachen. Für die Zukunft können wir uns neue Workflow-Lösungen vorstellen, die es ermöglichen, Kunden Rechnungen zu schicken, die sich an der Effizienz bestimmter Prozesse orientieren. Verpackungshersteller wiederum entwickeln Plattformen für Web-to-Pack, auf denen kleine und mittelgroße Kunden online Etiketten oder Faltschachteln bestellen können. Die digitale Revolution verändert die Verpackungsindustrie genauso wie andere Branchen.

Was gleichermaßen für das Thema Nachhaltigkeit gilt?

Jean-Pascal Bobst: Das Thema Nachhaltigkeit umfasst viele Aspekte. Wir arbeiten an neuen Lösungen, die die Herstellung tatsächlich recycelbarer Beutel ermöglichen. Dabei setzen wir Monomaterialtechniken ein, die wir in partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit führenden Materialanbietern entwickeln. Hier bringen wir unser umfassendes Know-how rund um das Beschichten, Kaschieren und den Druck ein. 

Darüber hinaus entwickeln wir Techniken, die eine Null-Fehler-Verpackungsproduktion ermöglichen. Das heißt, Verpackungshersteller, die mit unseren Maschinen arbeiten, erzeugen beim Einstellen ihrer Maschinen lediglich minimale Mengen Makulatur. Und sie liefern in den Abpackprozess zu 100 Prozent kontrollierte Verpackungen, die in den Verpackungslinien keinerlei Probleme verursachen. Zudem arbeiten wir an energieeffizienteren Maschinen, die weniger Druckfarben verbrauchen und weniger Makulatur produzieren. Unsere neue Digi-Flexo-Technik, unser kürzlich vorgestelltes Ink-On-Demand-System, die neue One-ECG-Technik und Digitaldrucksysteme sind perfekte Beispiele für Innovationen, die den Forderungen nach mehr Nachhaltigkeit entsprechen. Wir werden hier in Zukunft weitere Innovationen präsentieren. Für uns ist Nachhaltigkeit keine Option, sondern vielmehr eine Säule unserer neuen Industrievision, die auf Vernetzung, Digitalisierung, Automatisierung und Nachhaltigkeit baut.

Bobst auf einen Blick

Bobst ist einer der weltweit führenden Lieferanten von Anlagen und Services für die Substratverarbeitung, den Druck und die Weiterverarbeitung in den Bereichen Etiketten, flexible Materialien, Faltschachteln und Wellpappe. Das 1890 von Joseph Bobst in Lausanne, Schweiz, gegründete Unternehmen Bobst ist in mehr als 50 Ländern vertreten, besitzt 15 Produktionsstätten in acht Ländern und beschäftigt mehr als 5.500 Mitarbeiter auf der ganzen Welt. Das Unternehmen erzielte im vergangenen Geschäftsjahr, das am 31. Dezember 2019 endete, einen Umsatz von CHF 1.636 Millionen.

Welche Technikkonzepte haben Sie hier im Blick?

Jean-Pascal Bobst: Die Digitalisierung und Vernetzung ganzer Produktionswerke zählen zu den strategischen Prioritäten von Bobst. Wir glauben, dass Daten künftig in allen Prozessschritten, die zur Herstellung von Verpackungen erforderlich sind, eine zentrale Rolle spielen. Datenerfassung, Datenanalyse, das Internet der Dinge (IOT), der Digitaldruck und das digitale Laserstanzen sind noch junge Techniken, die Bestandteile flexibler, effizienter und nachhaltiger Verpackungsproduktion werden.

Gibt es darüber hinaus ein Thema, das aus Ihrer Sicht besondere Beachtung verdient?

Jean-Pascal Bobst: Ein wichtiges Thema ist die Vorbereitung der nächsten Generation auf die Zukunft der Verpackungsbranche. Wir müssen neue Maschinenführer aus- und weiterbilden und unsere Branche für die junge Generation attraktiver machen. Unsere Kunden haben Schwierigkeiten, Mitarbeiter zu gewinnen und zu halten. Für uns hat das Thema bei der Entwicklung unserer Maschinen respektive der Benutzerschnittstellen eine strategische Bedeutung. Nachhaltigkeit ist ein weiteres Thema, das wir im Rahmen einer tiefgreifenden Strategie im Markt vorantreiben.

Wie sehen Sie die Entwicklung der Verpackungsbranche in den kommenden drei bis fünf Jahren?

Jean-Pascal Bobst: In den vergangenen 50 Jahren hat die Verpackungsindustrie mit neuen Entwicklungen primär die Produktivität und Qualität der konventionellen Produktionsverfahren gesteigert. Wir stehen jetzt an der Schwelle zu Jahrzehnten, in denen die Branche in einer digitalen Welt neuen Verbraucheranforderungen gerecht werden wird. Bobst wird weiterhin marktbeste Maschinen liefern und diese um zusätzliche Intelligenz, neue Software-Möglichkeiten und cloudbasierte Plattformen ergänzen, um die Verpackungsproduktion besser denn je zu machen. Wir treten eine neue Reise an, die uns helfen wird, die Zukunft der Verpackungswelt im nächsten Jahrzehnt zu gestalten. 

Über die Firma
Bobst SA
Lausanne
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