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Versorgungsschieflage

Rohstoffmangel und seine Auswirkungen auf die Verpackungsbranche

Wenn auch nicht der Auslöser der Situation, so machte der Stau im Suezkanal auch Menschen außerhalb der Industrie auf die aktuellen Versorgungsengpässe aufmerksam.
Wenn auch nicht der Auslöser der Situation, so machte der Stau im Suezkanal auch Menschen außerhalb der Industrie auf die aktuellen Versorgungsengpässe aufmerksam.
(Bild: Corona Borealis – stock.adobe.com)

Angefangen hat alles mit dem Wetter. Und zwar mit einem als historisch bezeichneten Wintereinbruch Anfang des Jahres in Texas – Houston hatte ein Problem. Sowohl die Öl- als auch die Polymerindustrie wurden durch das Schneetreiben stark beeinträchtig, einige Standorte meldeten gar Force majeure.

Verschärft wurde die Situation durch etwas, das normalerweise in Krisenzeiten als gute Meldung gilt: Die pandemiegeschüttelte Industrie erholte sich schneller als gedacht, vor allem die zuvor stark eingebrochene Automobilindustrie fuhr wieder hoch. Da dieses Wieder­erwachen zuerst in Asien geschah, lenkten die Rohstofflieferanten aus den USA und Saudi-Arabien ihre Rohstoffströme eben genau dorthin – und damit vorbei an Europa. Einher mit der mangelnden Verfügbarkeit gingen auch Preissteigerungen, die IK Industrievereinigung Kunststoffverpackungen sprach gar von einer „nie dagewesenen Preisexplosion“. Die höchsten Aufschläge verzeichneten im ersten Quartal 2021 LLDPE und LDPE mit + 55 beziehungsweise + 50 %, gefolgt von PP, HDPE, PE, PS, PVC und EPS (jeweils zwischen + 41 und + 48 %).

Im Gespräch mit neue verpackung bestätigt Erik Bouts, Sprecher der Geschäftsführung bei Südpack, dies: „Wir sind wie die gesamte Branche sehr stark von der aktuellen Situation betroffen, konnten bisher allerdings Produktionsstillstände vermeiden und die steigenden Kundenbedarfe durch einen erhöhten Planungsaufwand bedienen. Der Planungsaufwand in unserem Hause wird zusätzlich dadurch erhöht, dass bereits zugesagte Lieferungen teilweise kurzfristig storniert werden. Begleitet wird die angespannte Rohstoffsituation von extremen Preiserhöhungen.“ 

Auch die Holzpreise kennen aktuell nur eine Richtung.
Auch die Holzpreise kennen aktuell nur eine Richtung.
(Bild: HPE)

Informationspolitik in der Kritik

Doch nicht nur die Rohstoffe fehlen bei den Herstellern, sondern auch die Informationen seitens der Lieferanten. So berichtet der eingangs erwähnte Kunststoffverpackungshersteller, dass manchmal erst am Morgen klar wäre, ob und in welcher Menge Rohstoff angeliefert worden wäre. Und auch der IK berichtet von Lieferanten, die schlicht auf „unvorhersehbare Umstände“ verweisen würden.

Die Informationen, die die es bis zu den Unternehmen schaffen, sind dann leider selten positiv. So berichtet Bouts von weiteren Force-majeure-Meldungen von Rohstoffherstellern, weshalb er auch für die kommenden Wochen von einer angespannten Situation ausgeht. Stand April 2021 waren laut IK zwei von drei Herstellern von Kunststoffverpackungen von einem oder gleich mehreren Force-majeure-Fällen betroffen. 

Auch Holz ist Mangelware

Wenn sich auch die Berichterstattung aktuell größtenteils um Kunststoffe dreht, herrscht auch an anderer Stelle Mangel: So meldete der Bundesverband Holzpackmittel, Paletten, Exportverpackungen (HPE) Ende Februar ebenfalls von einer anhaltenden Preisspirale, die die Branche zunehmend unter Druck setze. Einige Sortimente seien schlicht nicht mehr für die Branche verfügbar beziehungsweise nur mit Lieferzeiten von bis zu vier Monaten zu erhalten. Das betreffe laut HPE vor allem Palettenhölzer, Sperrholz und Sonderschnitte.

Zu ihrer wirtschaftlichen Lage befragt, nannten 71 % der Branchenunternehmen die Preisentwicklung beim Holzeinkauf die größte Herausforderung, gefolgt von der Holzverfügbarkeit (60 %) und der Einhaltung der Lieferzusagen der Lieferanten (47 %).

„Geht die Entwicklung in dieser Form in den kommenden Monaten weiter, womit laut Branchenumfrage mindestens für die kommenden sechs Monate zu rechnen sei, ist es nicht mehr ganz auszuschließen, dass bestimmte Paletten- und Holzpackmittelhersteller nicht mehr ausreichend Transportmittel werden produzieren können“, warnt Marcus Kirschner, Geschäftsführer des HPE. „Da die Preisbereitschaft auf dem kostensensiblen Holzpackmittel- und Palettenmarkt stets sehr gering ist, kommt es in der jetzigen Situation umso mehr darauf an, dass sich Lieferanten, Unternehmen und Kunden auf ihre langjährigen Geschäftsbeziehungen besinnen. Nur so wird es gemeinschaftlich möglich, die derzeitigen Herausforderungen zum Vorteil und Gewinn aller zu bewältigen.“

Die Verknappung der Rohstoffe ging mit starken Preissteigerungen einher.
Die Verknappung der Rohstoffe ging mit starken Preissteigerungen einher.
(Bild: IK)

Faltschachteln erweisen sich als krisenfest

Positive Meldungen hingegen gibt es aus der Faltschachtelindustrie: Laut dem Fachverband der Faltschachtel-Industrie (FFI) erweist sich die Branche als robust. „Die Faltschachtelhersteller profitieren davon, dass sie zum größten Teil in Deutschland produzieren und Teil einer krisenfesten Lieferkette sind“, erklärt Andreas Helbig, Sprecher des FFI. Der Grund dafür simpel: Die für die Produktion benötigten Rohstoffe sind Holzfasern, Zellulose oder auch aufbereitetes Altpapier – also alles Dinge, deren Lieferfähigkeit von der Pandemie nicht betroffen waren.

„Darüber hinaus haben die Hersteller umfangreiche Vorsorgemaßnahmen getroffen, um die Lieferkette von Transport- und Verkaufsverpackungen durchgehend zu gewährleisten“, führt Helbig weiter aus. Hierfür untersuchten die Unternehmen, welche ihrer Lieferanten als prozesskritisch einzustufen waren und erhöhten für all diese Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe die Lagerbestände.

Möglichkeiten für die Kunststoffbranche?

Ähnliche Pläne verfolgen auch die Hersteller von Kunststoffverpackungen, erklärt Erik Bouts von Südpack: „Neben dem Aufbau von Lagerbeständen ist auch die Qualifizierung von alternativen Rohstoffen ein gangbarer Weg, der allerdings nur in Abstimmung mit unseren Kunden erfolgen kann. Deshalb trägt diese Initiative eher mittelfristig zu einer erhöhten Unabhängigkeit bei. Ebenfalls sind wir bestrebt, in einem immer größeren Maße Regranulate in unseren Lösungen zu verarbeiten und arbeiten kontinuierlich an der Reduzierung der Dicke unserer Materialien bei gleichbleibender Performance.“

Über den Autor
Autorenbild
Philip Bittermann

Chefredakteur neue verpackung

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