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Convenience-Verpackungen für den Pharmamarkt

Anforderungen an „höfliche“ Pharmaverpackungen

Blisterverpackungen sind im Pharmabereich häufig anzutreffen, obwohl sie speziell älteren Menschen Schwierigkeiten bei der Entnahme bereiten können.
Blisterverpackungen sind im Pharmabereich häufig anzutreffen, obwohl sie speziell älteren Menschen Schwierigkeiten bei der Entnahme bereiten können.
(Bild: Wernerimages – stock.adobe.com)

Weltweit ist seit rund 20 Jahren eine Entwicklung zu beobachten, die inzwischen auch Bedeutung für die Technik und Gestaltung von Verpackungen bekommt. Es handelt sich um den Trend „Convenience“. Treibergrößen für den Convenience-Trend sind unter anderem knapper werdende Zeitbudgets der Verbraucher, Zunahme des Außer-Haus-Konsums sowie der demografische Wandel. Vor allem dieser letzte Aspekt – die wachsende Zahl älterer Menschen – hat Auswirkungen auf die Pharmabranche und ihre Verpackungen. Viele ältere Menschen haben aufgrund körperlicher Einschränkungen Schwierigkeiten beim Umgang mit Pharmaverpackungen. Ursachen sind unter anderem nachlassendes Sehvermögen, weniger Kraft, Verlust an Fingerfertigkeit, schmerzempfindliche Haut; Schwierigkeit, Druck auszuüben. Ziel dieses Beitrags ist es, für die Thematik Convenience zu sensibilisieren und Anregungen und Beispiele für die Anpassung und Optimierung von Pharmaverpackungen zu geben.

Die Entstehung des Convenience-Marktes

In der Lebensmittelindustrie ist der Begriff Convenience seit vielen Jahren geläufig für Produkte und Mahlzeiten, die sich schnell und mit geringem Aufwand zubereiten lassen. Ihren Start erlebten Convenience-Produkte mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Aus Erbsen- und Bohnenmehl entwickelte Julius Maggi 1886 die erste kochfertige Suppe. Im Jahr 1900 führte er den bekannten Suppenwürfel ein. Diese Produkte wurden von den Verbrauchern als zweckmäßig, bequem, praktisch und zeitsparend erlebt. Und genau das ist mit dem Begriff Convenience gemeint, den es damals noch nicht gab.

Zu den Convenience Goods lassen sich auch moderne Pharmazeutika zählen, die – industriell gefertigt – die Zubereitung durch die Apotheke überflüssig machen und inzwischen für eine große Zahl von Anwendungen bequem, leicht dosierbar und sicher zur Verfügung stehen.

In den vergangenen Jahren hat der Convenience-Trend auch die Verpackungsbranche erreicht. Man spricht von Convenience Packaging, hier als „höfliche Verpackungen“ bezeichnet. Diese Entwicklung ist logisch, denn bei Convenience-Produkten erwarten Verbraucher häufig auch entsprechend bequeme Verpackungen.

Einfluss des Convenience-Trends auf Pharmaverpackungen

Eine der Ursachen für die zunehmende Stärke des Convenience-Trends liegt an der Vielzahl seiner Ursachen, wobei für die Pharmaindustrie die folgenden beiden Treibergrößen eine besondere Rolle spielen:

1. die wachsende Zahl alter, alleinlebender Menschen sowie

2. die immer größere außerhäusige Mobilität der Menschen (weitestgehend unabhängig vom Alter). 

Zu 1.: Durch die stetige Zunahme der Lebenserwartung und den Wegfall der Großfamilie in modernen Gesellschaften, lebt eine wachsende Zahl alter Menschen allein. Das hat zur Folge, dass diese Menschen auf Produkte angewiesen sind, die sie, trotz altersbedingter körperlicher Einschränkungen, ohne fremde Hilfe nutzen können.

Die Verpackungen der Arzneimittel sind die Schnittstelle zwischen Patient und Produkt und häufige Quelle für Misserfolgserlebnisse und der daraus folgenden indirekten Botschaft „du bist alt geworden, du brauchst Hilfe“. Die folgenden Aspekte sind bei Arzneimitteln besonders kritisch: Das sichere Unterscheiden verschiedener Präparate, das Lesen wichtiger Hinweise, das Öffnen, das Entnehmen, das Einnehmen beziehungsweise Anwenden bis zum restlosen Entleeren.

Zu 2.: In früheren Zeiten blieben Menschen mit gesundheitlichen Problemen eher zu Hause. Heute möchten auch Menschen mit chronischen Erkrankungen aktiv und mobil sein. Arzneimittel, die durch Darreichungsform und Verpackung einen aktiven Lebensstil ermöglichen, liegen deshalb im Convenience-Trend und werden möglicherweise erfolgreicher sein.

Da die Sehkraft bei vielen Menschen im Alter nachlässt, sollte eine »höfliche« Verpackung wichtige Informationen gut lesbar darstellen.
Da die Sehkraft bei vielen Menschen im Alter nachlässt, sollte eine „höfliche“ Verpackung wichtige Informationen gut lesbar darstellen.
(Bild: amenic 181 – stock.adobe.com)

Lesbarkeit wichtiger Informationen

Da viele ältere Menschen auf mehrere Medikamente angewiesen sind, ist eine sehr wichtige Information zur Orientierung, um was für ein Präparat es sich überhaupt handelt. In der Konsumgüterbranche ist es Standard, dass die Packung Hinweise auf den Inhalt beziehungsweise Nutzen des Produktes gibt, beispielsweise Gemüsebrühe, Fleischbrühe, Sekundenkleber, Shampoo, Tönung usw. Bei OTC-Präparaten folgt man dieser Vorgehensweise: Entzündungen der Atemwege wie Bronchitis, Reizhusten-Lutschtabletten usw. Der Grund liegt auf der Hand: Viele dieser Produkte gibt es in der Freiwahlzone der Apotheke oder im Drogeriemarkt.

Frage: Wäre es nicht auch sinnvoll, ethische Präparate mit einem Hinweis auf die häufigste Indikation zu versehen? Bluthochdruck, Diabetes usw.? Multimorbiden älteren Patienten mit Polymedikation könnte man auf diese Weise erleichtern, die Präparate einfach und sicher zu unterscheiden.

Ein weiterer Aspekt der Lesbarkeit betrifft das Verfallsdatum. Im Hinblick auf alte Patienten mit häufig eingeschränkter Sehfähigkeit wäre eine Angabe in größerem Schriftgrad (zumindest auf der Umverpackung) sinnvoll und im Sinne dieses Beitrags „höflicher“.

Verpackungen öffnen

In der Verpackungsbranche ist bekannt, dass Menschen mit eingeschränkter Fingerfertigkeit bereits mit dem Öffnen einer herkömmlichen Faltschachtel Probleme haben. Wenn diese Faltschachtel zusätzlich beidseitig mit einem fast unsichtbaren Klebestreifen als Erstöffnungsschutz ausgestattet ist oder fest verklebte Laschen hat, steigert sich der Schwierigkeitsgrad. Sollte es dem Patienten dennoch gelingen, die Faltschachtel zu öffnen, besteht eine 50-%-ige Wahrscheinlichkeit, dass er die Packung an der Seite geöffnet hat, wo ihn der Beipackzettel am Zugriff auf die Blister hindert.

Wer sich mit Menschen beschäftigt, die nicht über die Kräfte, die Fingerfertigkeit und die Sehschärfe eines 35-jährigen Verpackungsingenieurs verfügen, erkennt schnell, dass auch das Öffnen von handelsüblichen Tuben seine Tücken haben kann. Thomy (Schweiz) hat auf dieses Problem schon 2007 reagiert und seine Tuben mit einem Schraubverschluss in Form eines Kleeblatts ausgestattet. Dieser Drehverschluss überträgt (schwache) Kräfte sehr effizient. Darüber hinaus lässt sich die Tube damit sogar senkrecht aufstellen.

Voltaren hat einige Zeit später eine ähnliche Lösung mit einem dreieckigen Tubenverschluss gewählt. Kürzlich hat das Unternehmen seine „Höflichkeits-Strategie“ um einen Tubenverschluss erweitert, der sich mit nur einer Hand bedienen lässt. Damit folgt die Marke einer Design-Philosophie, die ihren Ursprung um 2010 in den USA hatte: single-handed design.

Seit dem 9. Februar 2019 ist bei Pharmaverpackungen ein Erstöffnungsschutz vorgeschrieben. Dies hat zu einer Vielzahl von innovativen Lösungen geführt, die sich nicht durchgängig als höflich einordnen lassen. Wer seinen Kunden/Patienten eine höfliche Verpackung anbieten möchte, sollte darauf achten, eine Lösung zu wählen, die auch bei Menschen mit den beschriebenen körperlichen Einschränkungen leicht und reibungslos funktioniert. Und im Idealfall auch noch umweltfreundlich ist.

Inhalt aus Verpackung entnehmen/anwenden

Ein großer Teil der aktuellen Arzneimittel in Tabletten-, Kapsel- oder Drageeform ist verblistert. Dies ist eine bewährte Lösung, um die empfindlichen Produkte zuverlässig vor externen Einflüssen wie Luftfeuchtigkeit, Sauerstoff und Licht zu schützen. Für Patienten, insbesondere ältere oder in anderer Weise eingeschränkte, ist dies nicht unbedingt die beste Lösung.

In einem Patientenratgeber des Universitätsklinikums Heidelberg „Arzneimittel richtig anwenden“ heißt es dazu: „Viele Menschen haben Probleme beim Entblistern. Dies kann viele Gründe haben. Es kann zum Beispiel sein, dass die Kraft in den Händen fehlt. Es kann aber auch sein, dass die Folie, die für das Verblistern der Tabletten verwendet wird, so stark ist, dass bei manchen Medikamenten mehr Kraft als gewöhnlich benötigt wird. Wenn Sie Schwierigkeiten haben, Ihre Tabletten aus dem Blister zu bekommen, können Sie in Ihrer Apotheke nach einem speziellen Hilfsmittel fragen, das Ihnen das Entblistern erleichtert. Eine andere Möglichkeit wäre, dass Sie von einer anderen Person unterstützt werden, indem Ihnen die Medikamente im Voraus gerichtet werden (zum Beispiel wochenweise). Dabei sollten Sie darauf achten, dass Sie Ihre Medikamente trocken und vor Licht geschützt aufbewahren.“

Kaum zu glauben, aber Realität: verschluckte Blisterteile. Zum Vermeiden von Komplikationen mit zum Teil letalem Ausgang durch verschluckte Blister gibt es in den Kliniken Sindelfingen, Klinikverbund Südwest, eine Dienstanweisung, die es dem Personal verbietet, Tabletten im Blister an das Patientenbett zu stellen.

So sinnvoll Blister für die langfristige Qualität von Arzneimitteln sind, so unpraktisch und möglicherweise sogar gefährlich können sie also für Patienten sein. Die Entwicklung von Alternativen zur Verblisterung könnte in immer älter werdenden Gesellschaften Sinn ergeben.

Über den Autor
Autorenbild
Dr. Gundolf Meyer-Hentschel

Consultant und Keynote Speaker, unter anderem zum Thema Convenience-Trend

Über die Firma
Meyer-Hentschel Institut
Saarbrücken
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