Person sitzt an Tisch mit aufgebautem PC und Maschine

Diese Maschine (rechts im Bild) soll in Zukunft eine Verletzung ihres Bedieners erkennen und daraufhin stoppen können. (Bild: Redaktion)

17. Mai 2022, fast 30 °C und blauer Himmel – ein Tag, an dem ein Schreibtischjob Sehnsüchte wecken kann. Der Makeathon des Packaging Valley findet bei diesem wunderbaren Wetter zwar drinnen statt, aber das scheint niemanden zu stören.

Als ich um 13:55 Uhr am Standort Waiblingen bei Syntegon ankomme, sind die Teams bereits geschäftig am Werk. Menschen laufen von A nach B, suchen Bauteile heraus und besprechen sich. Dr. Johannes Rauschnabel, der schon zum dritten Mal die Veranstaltung bei Syntegon betreut, berichtet, dass es direkt beim ersten Makeathon eine Idee gab, aus der heraus ein Patent angemeldet wurde. Details verrät Rauschnabel leider keine, da das Verfahren noch läuft.

Was ist der Makeathon des Packaging Valley?

Makeathon ist eine Wortneuschöpfung aus dem englischen „to make“ also machen und dem Marathon. Bei diesem Challenge-Event haben Teams aus mehreren Teilnehmenden 48 Stunden Zeit für eine Problemstellung aus der Verpackungsbranche eine kreative Lösung zu finden.

Teilnehmen kann jeder der Interessiert ist und jede, die aufgrund ihres Know-how in den Bereichen Digitalisierung, IT, industrielle IT oder Mechatronik einen signifikanten Beitrag leisten kann. Meistens sind es Studierende, die partizipieren. Aber das ist genauso wenig ein Muss, wie ein Verpackungsbranchen-Hintergrund. Denn ein Ziel der Veranstaltung ist, dass Probleme von außen betrachtet werden und auch die begrenzte Zeit ist bewusst gewählt. Beim Makeathon wird nach 48 Stunden gepitcht was fertig ist, es muss nicht perfekt sein – nur durchdacht.

Die Veranstaltung findet parallel an mehreren Standorten statt. Gastgeber sind Unternehmen, die dem Packaging Valley angehören. Sie skizzieren bereits, während der Anmeldephase grob die Problemstellung, die bei ihnen gelöst werden soll, damit potentielle Teilnehmende sich daran orientieren und für einen Standort entscheiden können. Nachdem die 48 Stunden abgelaufen sind, pitchen die Teams sich standortübergreifend ihre Lösungen via Videoübertragung. Ein Gewinner wird nicht gekürt, denn das ist nicht das Ziel, sondern die Zusammenarbeit und die Möglichkeit kreative und vielleicht im ersten Moment absurd erscheinende Lösungsansätze umzusetzen.

(Noch) ratloser Cobot

Bastelmaterialien auf einem Tisch
Ohne Kontext sieht es aus wie "Grundschule hat Basteltag", aber all die Gegenstände können richtig verwendet auch helfen, Lösungsansätze für Probleme der Verpackungsbranche zu finden. (Bild: Redaktion)

Ich beschließe mich unter die Leute zu mischen, um zu erfahren, an welchen Projekten die Teams in den nächsten 48 Stunden basteln wollen. Nach einem kurzen Weg über den Flur, vorbei an den Tischen mit Verpflegung, stehe ich in einem leicht abgedunkelten Raum. Ein Beamer wirft ein Programm an die Wand, in der Ecke steht ein Cobot noch etwas ratlos vor bunten Bausteinen. Mir scheint, wir sind aktuell auf demselben Wissensstand, deshalb frage ich die Anwesenden (Menschen) woran sie gerade arbeiten. Erkennung und Sortierung von Gegenständen durch RFID erhalte ich als Antwort.

Zwei der Teammitglieder programmieren einen RFID-Sensor, die anderen zwei den Cobot. Am Ende soll der Cobot Bausteine, die mit entsprechenden Chips ausgestattet sind, vor den Sensor halten. Daraufhin erhält der Roboter vom Sensor ein Signal, das ihm sagt, welche Farbe der Baustein hat. Der Roboter soll die Bausteine dann anhand ihrer Farbe der passenden Bauplatte zuordnen. Bausteine, denen der Chip fehlt, symbolisieren Ausschussware und sollen vom Roboter in einen Behälter für fehlerhafte Ware geworfen werden. Das Team ist mitten in der Programmierarbeit – um nicht weiter zu stören, suche ich mir den nächsten Gesprächspartner.

„Der Druck macht´s cool“

Einen Raum weiter geht es auch um Erkennung, aber von Menschen und ohne die anschließende Sortierung. Vielmehr sollen über eine Kamera und eine Wärmebildkamera Maschinenbediener geschützt werden, wenn sie beispielsweise nicht die entsprechende Schutzkleidung tragen, um die Maschine zu bedienen oder eine Verletzung haben. Gerade wenn eine Verletzung während des Bedienens oder sogar durch die Maschine geschieht, soll die Kamera dies erkennen und ein Signal für den Maschinestopp auslösen.

Ich frage in die Runde wie die drei Studierenden dazu kamen, diese zwei Tage bei bestem Wetter drinnen zu verbringen – schließlich ist ein Student nicht unbedingt an die klassischen 9-to-5-Arbeitszeiten gebunden. Markus und Tobias studieren Mechatronik an der Hochschule Aalen und haben einen sehr engagierten Professor, der ihnen die Veranstaltung ans Herz gelegt habe. Sascha, der Informatik studiert, hat nur über Markus von der Challenge erfahren. Aber alle sind mit Volleifer dabei. „Der Druck macht´s cool“ fasst Tobias souverän zusammen. Sascha wünscht sich, dass mehr Professoren für solche Veranstaltungen werben und das nicht nur bei den angehenden Mechatronikern. Schließlich werde auch viel programmiert, also die ideale Veranstaltung, um im Informatikstudium Gelerntes an einem realen Problem anzuwenden.

Auch in einem späteren Gespräch mit Professor Dr. Peter Eichinger – besagter engagierter Mechatronik-Professor – erfahre ich, dass auch er sich wünscht, dass sowohl mehr Werbung gemacht wird für solche Veranstaltungen, als auch mehr Studierende teilnehmen. Er selbst hat einen eigenen Ansatz, um seine Studierenden zu engagieren: Diejenigen, die am Makeathon teilnehmen, verbessern ihre Klausurnote um eine Notenstufe. Außerdem finden keine seiner Vorlesungen während der Challenge statt. Auf diese Weise steht kein Studierender vor der Entscheidung zur Vorlesung oder zu einer freiwilligen Zusatzveranstaltung zu gehen.

Drei Männer an Laptops auf Tisch mit Arbeitsmaterial
Überwacht vom Wahrzeichen Frankreichs bringen Tobias, Markus und Sascha (von links) der Kamera bei, Verletzungen eines Menschen zu erkennen. (Bild: Redaktion)

Orientierung durch Farbe

Meine Aufmerksamkeit wird von einem kleinen Gefährt beansprucht, das auf dem Tisch über verschiedenfarbige Pappbögen fährt und bei jeder neuen Farbe einen kurzen Sound abspielt. Interessiert wende ich mich den umstehenden Teammitgliedern zu und erkundige mich. Das Gefährt hat ein Teilnehmer mitgebracht – es gehört eigentlich seiner Tochter. Während sich mir nicht ganz erschließt, wofür ein Kind einen Mini-Roboter mit integriertem Farbsensor benötigt, ergibt das Anwendungsbeispiel für die Verpackungsindustrie, welches das Team mir erklärt, durchaus Sinn. Das Fahrzeug soll durch Farbmarkierungen auf dem Boden gesteuert werden. Sowohl die Richtungsangaben als auch welches Verpackungsmaterial benötigt wird und wo es zu finden ist, sind dort hinterlegt. Dafür bekommt das Gefährt zunächst die Farbe des Packmittels gezeigt, welches es holen soll. Anhand von ausgelegten verschiedenfarbigen Pappen orientiert es sich dann im Raum und findet den Weg zum entsprechenden Lagerort.

Nicht alles, was ich an diesem sonnigen Dienstag gesehen habe, hat das Zeug als nächstes Patent angemeldet zu werden. Aber darum geht es auch nicht, betont Rauschnabel in unserem abschließenden Gespräch. Vielmehr ist es eine Möglichkeit für Studierende Probleme mit Anwendungsbezug zu lösen als Abwechslung zum eher theoretischen Studium. Und die Unternehmen dürfen junge Köpfe in ihrer Mitte begrüßen, die ganz neue Ansätze für alte Probleme finden. Das endet dann vielleicht nicht vor dem Patentamt, aber mit einem Angebot für eine Abschlussarbeit oder einem Jobangebot.

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