Myco Composite in Formen

In Formen gefüllt wachsen hier Verpackungen aus Myco Composite heran. (Bild: Grown.bio)

Aus der Ferne sieht es ein wenig aus wie Styropor. Beim näheren Hinschauen erkennt man die holzartige Struktur der Hanfschäben – das sind Reststoffe, die bei der Fasergewinnung aus Hanf übrigbleiben und normalerweise deponiert oder verbrannt werden. Diese sind gebunden in einer hellen Masse: Myzel. Dabei handelt es sich um die Wurzelstruktur von Pilzen, die hier die Agrarreststoffe binden.

Beim Streichen über das Material fühlt es sich ein wenig samtig an. Es wirkt stabil und leichter als Holz. Wofür eignet sich dieses besondere Verpackungsmaterial?

Zeichnung für Formteil
Der fertige Produktschutz beginnt mit einer Zeichnung. (Bild: Grown.bio)

"Kommt ohne fossile Grundstoffe aus“

Keine Frage, eine gute Verpackungslösung muss zunächst einmal ihre Aufgabe erfüllen. Denn tut sie das nicht, ist das ganze Produkt, das geschützt werden soll, nicht mehr zu gebrauchen. Das wäre weder nachhaltig noch gut. Durch ihre feste Struktur gibt die Schutzverpackung aus Myzel dem kompletten System Stabilität. Bei einfachen geometrischen Formen des zu schützenden Produktes reichen einige wenige Kantenschutzecken oder Winkel, um dieses in einer Wellpappenverpackung zu fixieren. Für komplexere Geometrien können individuelle Formen hergestellt werden. Denkbar sind auch Formteile, die als Ladungsträger im Mehrfacheinsatz genutzt werden. Auch Werkzeuge und Maschinen können in Einsätzen aus Myzel sicher in einer Kiste oder einem Koffer zum Einsatzort transportiert werden. Für die sichere Rückholung von Elektrogeräten zu Wartungs- oder Reparaturzwecken werden beispielsweise vorgefertigte Verpackungssysteme genutzt. Diese können dann für den Transport zum Anwender erneut verwendet werden.

Die Anfänge dieses Ansatzes, Verpackungen wachsen zu lassen, statt sie zu produzieren, geht in die Nullerjahre zurück, wo die Gründer von Ecovative in den USA erste Verpackungen gezüchtet haben. „Heute ist der Prozess ausgereift und wir stellen seit fünf Jahren in Europa Verpackungen aus Myzel her,“ erläutert Jan Berbee, Gründer und Geschäftsführer von Grown.bio in den Niederlanden. Dabei wird weiter geforscht und verbessert, sodass sich die Kostenstruktur kontinuierlich verbessert. „Gerade in der heutigen Zeit ist ein absoluter Pluspunkt, dass Mushroom Packaging ohne fossile Grundstoffe auskommt,“ fügt Michael Arndt, Geschäftsführer von Fixum und Grown.bio-Vertriebspartner hinzu. „Die direkten Kosten für Kunststoffe und Wellpappe steigen kontinuierlich. Hinzu kommen noch die aktuell explodierenden Energiekosten und die steigenden Entsorgungskosten.“

2 Formteile
Für den sicheren Versand reichen manchmal zwei Formteile aus (Bild: Grown.bio)

Wie die Verpackungen wachsen

Wie genau es zu einer gewachsenen Verpackung kommt, sieht man am besten an einem ganz konkreten Beispiel. Um ein Tischreinigungsgerät für Becher und Gläser während des Transports zum Anwender zu schützen, werden zunächst die Anforderungen abgesteckt. Dabei werden Gewicht, Größe und wirkende Kräfte betrachtet. Darauf aufbauend erstellen die Verpackungsexperten von Grown.bio sinnvolle Designvorschläge. Anschließend können mittels 3D-Druck erste Musterformen erstellt werden, in denen dann Muster heranwachsen. Anhand dieser werden erste Tests unternommen, um mögliche Verbesserungen auszumachen. Steht das finale Design, wird ein Werkzeug hergestellt, womit die Formen, in denen das Produkt entsteht, erstellt werden.

Die Hanfschäben werden zwischenzeitlich mit in Nährlösung gelöstem Myzel beimpft. Dieses Substrat, genannt Myco Composite, wird dann in die Formen gebracht und in kontrollierter Umgebung macht der Pilz seine Arbeit. Dazu benötigt er lediglich ein konstantes Klima und den Sauerstoff aus der Luft. Nach vier bis fünf Tagen hat das Myzel die Hanfreste gebunden. Daraufhin werden die Verpackungen entformt und getrocknet. Das deaktiviert den Pilz, wodurch sein weiteres Wachstum unterbunden wird. Die entstandene Verpackung nennt sich dann Mushroom Packaging.

Weil Hanf während des Wachstums viel Kohlenstoff bindet – bis zu viermal mehr als Holz – startet die Emissionsberechnung mit einem enormen Bonus. Und da das Myzel seine Aufgabe nahezu allein bewältigt, entstehen auch während der Fertigungsphase wenig Emissionen. Das ermöglicht eine unter CO2-Gesichtspunkten bestmögliche Verpackung.

Zurzeit wachsen die Verpackungen in Heerewaarden in den Niederlanden. Gemeinsam wollen Grown.bio und Fixum die Produktion auch in Deutschland starten. „Damit wollen wir nicht nur unsere Kapazitäten ausweiten, sondern dem Aspekt der Regionalität folgen,“ gibt Berbee an. Denn neben Hanfresten lassen sich auch viele andere Agrarabfälle sinnvoll weiternutzen.

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