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Verpackung in der Praxis

Müssen Gewichtsunterschiede von 290 Prozent sein?

PET Flaschen unterscheiden sich nicht nur in ihrer Form.
PET Flaschen unterscheiden sich nicht nur in ihrer Form.
(Bild: Baibaz – Stock.Adobe.com)

PET-Flaschen für karbonisierte Getränke weisen normalerweise ein höheres Taragewicht auf als solche für stille Getränke. Das hat etwas mit der CO2-Beaufschlagung und den hohen Innendruckverhältnissen zu tun. Eine Stichprobenuntersuchung für Flaschen mit gleichem Inhalt von 0,5 l zusammen mit deren Verschlüssen im Bereich der stillen Getränke zeigte prozentuale Gewichtsdifferenzen von 18,88 g, gleich 290 Prozent je nach Inverkehrbringer auf.

Nicht ganz so groß sind die Gewichtsunterschiede bei den untersuchten Flaschen für karbonisierte Getränke. Krass hingegen wieder die Unterschiede bei den Verschlüssen: bis zu 427 Prozent. Gezeigt wird im Beitrag, wie sehr diese Unterschiede erhebliche Einflüsse auf die CO2-Bilanz, die Umweltbelastung, die Gewichtseinsparungen von Material und die ungefähren Kostenreduzierungen haben, wenn die jeweils leichteste jedoch erfolgreich bereits im Markt befindliche Version als Maßstab zugrunde gelegt wird.

Ausgangssituation

Erfrischungsgetränke in PET-Flaschen sind seit Jahrzehnten weltweit mit die größten Massenartikel in der Lebensmittel- beziehungsweise Getränkeindustrie. Sie haben heute eine Art Kultstatus erreicht und gehören selbstverständlich zu unserem Alltag wie beispielsweise unsere Kleidung. Die großen internationalen Player auf diesem Markt sind dabei bekannte Konzerne wie Coca-Cola oder Nestlé mit ihren marktbeherrschenden Positionen. Für das Jahr 2020 wird in Deutschland mit einem Pro-Kopf-Verbrauch von 135,3 l gerechnet, ungefähr 11,23 Mrd. l. Diese Zahl nur für Deutschland soll lediglich die Größe dieses Massenartikels skizzieren.

Die 0,5-l-Flaschen sind das klassische Geschäft in Kiosken, Tankstellen und Automaten. Unwahrscheinlich ist, dass Coca-Cola diese Größe mittelfristig beibehalten wird, und sicher ist, dass der Konzern knallhart und typisch amerikanisch als Vorgabe aus Atlanta/USA in Zukunft auf die PET-Einwegflasche zu Ungunsten der Glasflasche setzen wird. Die anderen großen Marktplayer werden gleichziehen. Das ist der Trend.

Um nachfolgend überschlagmäßig zu zeigen, welchen Einfluss Tara-Gewichtsunterschiede von 18,88 g pro Flasche haben können, werden die Berechnungen lediglich auf Basis von zehn Millionen Flaschen pro Jahr durchgeführt, ein sicherlich eher vorsichtiger Wert. Maßstab ist auch hier die leichteste und somit umweltgünstigste Flasche.

Würde nun das Verpackungsmanagement der jeweiligen Inverkehrbringer die jeweils günstigste Version mit seiner eigenen vergleichen und vielleicht auch noch mittelfristig umsetzen, so sind sogleich jedoch erhebliche Einsparungspotenziale erkennbar. Diese Untersuchung zeigt, wie es geht.

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(Bild: BFSV)

Einsparungspotenzial 1

Auf Basis zehn Millionen Flaschen bei einem Gewichtsunterschied Tara zwischen leichtester und schwerster Flasche von 5,45 g bedeutet das in der Größenordnung

  • 54,5 t PET-Kunststoff weniger
  • 165.000 t CO2 weniger in der Atmosphäre
  • 57.900 Euro Kosteneinsparungen beim Material
  • 5.700 Euro Kosteneinsparungen bei Entsorgung

Einsparungspotenzial 2

Krass der Gewichtsunterschied der miteinander verglichenen 0,5-l-Flaschen-Getränke: 18,88 g zwischen der leichtesten und der schwersten:

  • 1.880 t PET-Kunststoff weniger
  • 6.209.000 t CO2 weniger in der Atmosphäre
  • 1.996.500 Euro Kosteneinsparungen beim Material
  • 197.870 Euro Kosteneinsparungen bei Entsorgung

Verschlusssituation für die stillen

Auch bei den Verschlüssen ergibt sich ein Einsparpotenzial, das in den allermeisten Fällen nicht beachtet wird. Vier unterschiedliche Verschlussgrößen und -gewichte bei diesem Vergleich dürfen nicht außer Acht gelassen werden. Sie variieren zwischen 0,74 g und bei einem (heute kaum noch verständlich zu vermittelnden) Weithals-Verschluss 3,16 g ohne Berücksichtigung des Sicherungsringes am Flaschenhals – eine Differenz von 427 Prozent oder einfacher ausgedrückt: der Nestea-Verschluss benötigt circa viermal so viel Material wie die modernste Version aus den USA.

Einsparungspotenzial 3

Das Delta der Verschlussgewichte bei den untersuchten Flaschen beträgt (leichteste gegen schwerste) 2,42 g pro Flasche. Würde künftig die jeweils leichteste Version bei zehn Millionen Flaschen zum Einsatz kommen, würde das heißen:

  • 24,2 t PP-Kunststoff gespart
  • 79.900 t CO2 weniger in der Atmosphäre
  • 25.600 Euro Kosteneinsparungen beim Material
  • 2.550 Euro Kosteneinsparungen bei der Entsorgung

Diese Werte müssten zu den Einsparungspotenzialen 1 und 2 hinzugerechnet werden.

Ein Appell

Ironisch, aber doch ernsthaft, sei die Frage erlaubt, ob nicht nur der Inverkehrbringer von Nestea in Europa, sondern auch einige andere seines Wettbewerbs immer noch glauben, ihre Kunden mit so einem aufwendigen großen Verschluss beglücken und motivieren zu können, diese und keine andere Flasche zu kaufen, aus der sich angeblich leichter trinken lässt. Der Appell an solche Verschlussverwender ist: abschaffen!

Einfach ausgedrückt: Alle großen Verschlüsse sind nicht mehr zeitgemäß, Amerika macht es in weiten Teilen uns vor. Haben Amerikaner andere Münder als der Rest der Welt, oder können einige Europäer nur aus wirklich größeren Trinköffnungen trinken? Wo bleibt modernes, zeitgemäßes Marketing zu Zeiten unseres Verpackungsgesetzes?

Schlussbemerkung

Vieles ist historisch gewachsen, zu einer Zeit, als es noch kein so hohes Umweltbewusstsein wie heute gab. Gezeigt werden soll, dass es doch erhebliche Möglichkeiten für jeden Kunststofflaschen-Verwender gibt, mitzuhelfen, unsere Umwelt zu entlasten.

Über die Autoren
Autorenbild
Prof. Ulrich Mack

Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg/Vorstandsmitglied und Beirat der BFSV e. V.

Autorenbild
Prof. Dr.-Ing. Bernd Sadlowsky

Geschäftsführer, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied BFSV e. V.

Über die Firma
BFSV Institut für BFSV an der HAW Hamburg
Hamburg
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