Johannes Remmele, Unternehmer und Gesellschafter der Südpack Gruppe.

Johannes Remmele, Unternehmer und Gesellschafter der Südpack Gruppe. (Bild: Südpack)

neue verpackung: Herr Remmele, Südpack engagiert sich für die Etablierung des chemischen Verfahrens als ergänzende Recyclingalternative im Markt. Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen?

Johannes Remmele: Aufgrund fehlender Skaleneffekte und dem unterschiedlichen technologischen Reifegrad von einzelnen Verfahrensstufen ist das chemische Recycling momentan noch sehr teuer. Weltweit arbeiten heute Großunternehmen der chemischen Industrie mit Hochdruck daran, das Verfahren als Industriestandard zu implementieren, um die noch geringe stoffliche Verwertung von Kunststoffabfällen zu erhöhen. Aktuell liegt diese global bei rund 20 Prozent, in der EU bei 31 Prozent und in Deutschland bei 46 Prozent. Der Anteil von Rezyklaten, die aus Post-Consumer-Abfällen in Deutschland hergestellt wurden, beziffert sich auf lediglich 19 Prozent.

Können wir den Pyrolyseprozess tatsächlich in einen kontinuierlichen 24/7-Betrieb überführen, lassen sich mit den entsprechenden Erfahrungswerten hinsichtlich Qualität, Effizienz und Kosten die Prozessparameter besser auf das Prozessmaterial abstimmen, die Mengen sukzessive anheben und eine wettbewerbsfähige Preisstruktur entwickeln.

Allerdings wurde das Verfahren in Deutschland im Gegensatz zu vielen europäischen Ländern bis dato als ergänzende Recyclingalternative zum wertstofflichen Recycling von der Bundesregierung noch nicht anerkannt. Entwickeln wir jedoch das chemische Recycling tatsächlich in Richtung großtechnischer Verfahren weiter, ist zwingend die bisherige Regelsetzung im Verpackungsgesetz auch im Hinblick auf den Beitrag zur Dekarbonisierung und CO2-Reduzierung des chemischen Recyclings im Vergleich zur energetischen Verwertung anzupassen. Das europäische Verfassungsgericht hat das 2030-Klimaziel von 40 auf 55 Prozent verschärft. Das nationale Klimaziel wurde dadurch um 10 Prozent erhöht, wodurch das chemische Recycling noch mehr an Bedeutung gewinnt. Gleiches gilt für die ökologisch sinnvolle Mengensteuerung von nicht recyclingfähigen Abfällen einschließlich der Verpackungen.

Weitere Handlungsfelder betreffen die europäische Harmonisierung wie auch die Standortwahl künftiger Anlagen zum chemischen Recycling in der EU. Dies alles sollte unserer Ansicht nach spätestens dann gesetzlich geregelt werden, wenn Großinvestitionen zum chemischen Recycling anstehen sowie weitere Ökobilanzierungen und europäisch anerkannte Massenbilanzierungsverfahren vorliegen.

neue verpackung: Letztendlich bestimmt auch die Zusammensetzung des Infeed-Materials den Output. Gibt es Mindeststandards für die Qualität der Ausgangsstoffe, die bestimmte Kunststoffabfälle ungeeignet für diesen Prozess machen?

Remmele: Es gibt aus heutiger Sicht keine Mindeststandards. Die Technologie zeigt eine hohe Toleranz gegenüber Verunreinigungen und Sortenmischungen. Daher eignet sich das Verfahren für unterschiedlichste, auch verunreinigte, gemischte oder andere Kunststoffe. Ebenso wie für flexible Verpackungen und für die Wiederverwertung von hochkomplexen Mehrschichtfolien aus mehreren Kunststoffarten, die insbesondere in der Lebensmittelindustrie üblicherweise zum Einsatz kommen. Im Vergleich zum mechanischen Recycling bietet das chemische Recycling also deutlich mehr Möglichkeiten, da es auf die Rückgewinnung der Wertstoffbauteile durch thermische Zersetzung abzielt. Allerdings muss bekannt sein, welche Zusammensetzung der Infeed hat, um die Anlage optimal fahren und am Ende Material erhalten zu können, welches sich in großchemischen Industrieanlagen wie einem Cracker verarbeiten lässt.

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Durch das chemische Recycling können auch Mehrschichtfolien Teil der Kreislaufwirtschaft werden. (Bild: Südpack)

neue verpackung: Stichwort Wirkungsgrad: Wie viel Ausgangsmaterial benötige ich, um am Ende eine Tonne der angestrebten Basis-Chemikalien zu erhalten?

Remmele: Aufgrund der wenigen Kenntnisse, die uns derzeit vorliegen, lässt sich Ihre Frage pauschal nicht beantworten. Hier gilt es in jedem Fall zu differenzieren: Denn zum einen ist die Reinheit und die Zusammensetzung des Eingangsmaterials entscheidend. Zum anderen kommt es darauf an, welcher Rohstoff gewonnen werden soll und welche Parameter dafür im Prozess Anwendung finden. Denn durch das Zusammenwirken von Wärme, Druck, Atmosphäre und verschiedener Stoffe wie Lösemittel oder Katalysatoren werden die Polymerketten der Kunststoffe in kürzere Kohlenwasserstoffe gespalten. So bestimmt unter anderem die Temperatur das Produkt – und sie beeinflusst letztlich auch die Produktausbeute. Vereinfacht ausgedrückt: Bei niedrigeren Temperaturen im Pyrolyseprozess entstehen schwerere Öle, bei hohen Temperaturen leichtere Produkte wie Gase.

Grundsätzlich soll das durch chemisches Recycling gewonnene Pyrolyseöl in einem Cracker wie der primäre fossile Rohstoff Naphta eingesetzt beziehungsweise in deutlich höheren Mengen dem Naphta beigemischt werden. Insofern gehe ich davon aus, dass sich die Input-Output-Relation nicht wesentlich ändern wird.

neue verpackung: Im Begriff Kreislaufwirtschaft steckt ja auch das Wort Wirtschaft. Und die Wirtschaftlichkeit von Verfahren wie dem chemischen Recycling steht vor allem in Abhängigkeit zum – in den vergangenen Jahren recht volatilen – Rohölpreis. Sollte der Gesetzgeber Ihrer Meinung nach hier Rahmenbedingungen schaffen, die die Investition in solche Technologien für mehr Unternehmen interessant machen?

Remmele: Ihre Frage beantworte ich mit einem klaren Ja. Denn die Pyrolyse ist hinsichtlich des Recycelns von bislang nicht mechanisch recycelbaren Verbundfolien wie auch unter CO2-Gesichtspunkten definitiv der thermischen Verwertung vorzuziehen. Fundierte Lebenszyklusanalysen der Rohstoffindustrie beweisen dies bereits eindrücklich. Sie bewerten den ökologischen Fußabdruck von Granulaten aus chemischem Recycling und betrachten deren Auswirkungen nicht nur am Ende des Lebenszyklus, sondern ganzheitlich.

Fakt ist demnach, dass CO2-Emissionen in erheblichem Maße eingespart werden können, wenn Produkte auf Basis von Pyrolyseöl als Sekundärrohstoff im Rahmen eines Massenbilanzansatzes anstelle von Naphtha hergestellt werden. Durch die Vermeidung von CO2-Emissionen, die bei einer Verbrennung dieser Kunststoffabfälle entstanden wären, verursachen die chemisch rezyklierten Kunststoffe deutlich weniger CO2-Emissionen als die fossil hergestellten. Die Herstellung von Kunststoffen – entweder durch Pyrolyse oder durch mechanisches Recycling von gemischten Kunststoffabfällen – führt zu ähnlichen CO2-Emissionen. Hierbei wurde berücksichtigt, dass die Qualität von chemisch recycelten Produkten der von Neuware ähnlich ist und dass in der Regel weniger Inputmaterial aussortiert wird als beim werkstofflichen Recycling.

Ein weiterer Vorteil besteht darin, dass sich Kunststoffprodukte aus chemisch recyceltem Material nach dem Gebrauch erneut ohne Qualitätsverlust recyceln lassen. Je öfter also chemisches Recycling mit bereits chemisch recyceltem Material betrieben wird, umso mehr CO2 wird eingespart.

Demzufolge vertreten wir von Südpack die Ansicht, dass das Verfahren des chemischen Recyclings vom Gesetzgeber ähnlich wie das mechanische Recycling behandelt werden sollte. Da das Verfahren Stand heute zudem höhere Kosten verursacht, müssen auch finanzielle Anreize als Ausgleich für die nicht unerheblichen Investitionen geschaffen werden. Kurzum: Der Umstieg auf ressourcenschonende Produkte wird nur gelingen, wenn wir das Verfahren weiter optimieren, in den Industriestandard überführen und unsere Kunden, der Handel wie auch Konsumenten, bereit sind, einen höheren Preis für das Plus an Nachhaltigkeit zu zahlen.

 

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Ein Lkw mit Öl, das durch chemisches Recycling aus Folienreststoffen von Südpack gewonnen wurde, verlässt die Pilotanlage von Recenso im münsterländischen Ennigerloh. (Bild: Südpack)

neue verpackung: Lassen Sie uns das Thema Massenbilanz bitte noch etwas vertiefen, Herr Remmele.

Remmele: In einem Cracker werden erhebliche Mengen Öl aus fossilen Quellen umgesetzt. Demgegenüber sind die Pyrolyseöl-Mengen heute immer noch sehr gering. Aufgrund dieses kleinen Verhältnisses zwischen eingesetztem Pyrolyseöl und fossilem Naphtha in der Anlaufphase des chemischen Recyclings muss ein sogenannter Massenbilanzierungsansatz verwendet werden. Dabei werden die Mengen an fossilem Öl und Pyrolyseöl getrennt erfasst und anschließend wird der dem Pyrolyseöl zugehörige Recyclinganteil dem Endprodukt rechnerisch zugewiesen. Aber auch solche Massenbilanzverfahren müssen zunächst noch standardisiert und dann von der Politik – analog der Bilanzierung von Strom aus erneuerbaren Quellen – anerkannt werden.

Voraussetzung ist jedoch, dass genügend Pyrolysekapazitäten im Markt vorhanden sind. Dies ist bis jetzt noch nicht der Fall. Unser Engagement und unsere Investitionen zielen daher genau darauf ab, das Verfahren als Industriestandard zu etablieren und so die Mengen signifikant zu erhöhen. Wobei zu erwähnen ist, dass die Cracker auch auf absehbare Zeit nicht ausschließlich mit Pyrolyseöl gefüttert, sondern dem Naphta beigemischt werden müssen.

neue verpackung: Noch einmal zurück zu Ihrem Kooperationsprojekt: Wann wird Südpack erste Verpackungen ins Programm aufnehmen, die aus chemisch recycelten Rohstoffen bestehen? Und welche Voraussetzungen müssten erfüllt sein, damit Sie komplett umstellen können?

Remmele: Mit unserer Kooperation haben wir die Möglichkeit, die bestehenden Pyrolysekapazitäten zu nutzen. Wir können also Rohstoffproduzenten unserer Wahl Pyrolyseöl zur Verfügung stellen, um die daraus hergestellten Kunststoffe zurückkaufen zu können. Anders formuliert: Wir bieten jetzt schon Folien im Markt an, die auf Kunststoffen aus chemischem Recycling basieren.

Wir begrüßen auch andere Kooperationen in diesem Bereich, wie beispielsweise die Zusammenarbeit von Quantafuel, Remondis und der BASF. Wenn auch andere große Unternehmen das chemische Recycling vorantreiben, gibt uns das große Hoffnung, dass das chemische Recycling auch europaweit beziehungsweise weltweit anerkannt wird. Wir als Mittelständler sind daher sehr froh, wenn auch andere Unternehmen in diese Richtung denken – die Industrie muss gemeinsam einen Schulterschluss entwickeln.

Erste erfolgversprechende Konzepte für den Einsatz dieser Materialien haben wir übrigens in den letzten Monaten bereits umgesetzt. Unter anderem berichtete die Presse ausführlich über zwei wegweisende Kundenprojekte, in denen PA und PE aus chemischem Recycling in Hochleistungs-Folien für eine neue Produktverpackung für Wurst sowie eine kommerzielle Mozzarella-Verpackung eingesetzt werden konnten. Die hygienischen Folienverbund-Verpackungen zeichnen sich durch den gleichen, hohen Produktschutz und die Leistungsfähigkeit wie Neuware aus, doch sind sie deutlich ressourcenschonender hergestellt. Weitere Projekte sind initiiert oder bereits in einer konkreten Entwicklungsphase. Sie sehen also, wir sind auf einem guten Weg.

Die Fragen stellte Philip Bittermann, Chefredakteur neue verpackung

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