Wie Getränkekartons zu neuen Verpackungen werden

Warum Recycling verlässliche Abnehmer braucht

Ob aus gebrauchten Getränkekartons wieder neue Verpackungen werden, entscheidet sich nicht allein in der Recyclinganlage. Auch Getränkeabfüller und Wellpappenhersteller haben es in der Hand: Mit der gezielten Beschaffung von Recyclingpapier können sie Stoffkreisläufe schließen und die Nachfrage nach Sekundärrohstoffen sichern.

1 min
Herzstück der Aufbereitung ist eine rotierende Auflösetrommel.

Für viele Verbraucher ist das Recycling eines Getränkekartons mit dem Wurf in die Gelbe Tonne erledigt. Für seine Fasern beginnt dort jedoch erst der Weg zurück. Zu bis zu 70 % besteht die Packung aus Papierfasern. Hinzu kommen dünne Schichten aus Polyethylen und bei vielen Varianten aus Aluminium. Dieser Verbund schützt Milch und Saft zuverlässig, muss aber wieder aufgelöst werden, bevor die Fasern ein zweites Leben bekommen können. Jedes Jahr werden für den deutschen Markt rund 180.000 t Getränkekartons hergestellt, etwa acht Mrd. Packungen. Ob daraus wieder Papier wird, hängt von drei Voraussetzungen ab: Die Kartons müssen sauber erfasst und sortiert werden. Ihre Fasern müssen aufbereitet werden. Und für das neue Papier braucht es Abnehmer.

Erster Schritt: Getränkekartons sauber erfassen und sortieren

 Aus Gelber Tonne und Gelbem Sack gelangen die Kartons in Sortieranlagen, die im Auftrag der dualen Systeme arbeiten. Dort erkennen Nahinfrarot-Scanner die Getränkekartons auf dem Förderband am reflektierten Licht, ein gezielter Luftstoß aus einer Druckluftdüse lenkt sie in einen eigenen Schacht.

Dr. Karsten Derks ist CEO der Papierfabrik Niederauer Mühle GmbH in Kreuzau. Das Unternehmen stellt weiß gedecktes Wellpappenrohpapier für die Verpackungsindustrie her.

Zu Ballen gepresst, gehen sie anschließend an die Papierfabrik. Schon hier entscheidet sich ein Teil der Bilanz. Jeder Karton im Restmüll ist für das Recycling verloren. Was die Anlage nicht als Getränkekarton erkennt, kann nicht wiederverwendet werden. Zudem verlieren Ballen bei langer Lagerung an Wert, weil das papierreiche Material unter der Witterung leidet. Die Kartons sauber zu erfassen und zügig weiterzuverarbeiten, ist deshalb die erste Voraussetzung für einen erfolgreichen Kreislauf.

Zweiter Schritt: Papierfasern industriell aufbereiten

In Deutschland gewinnt heute nur die Papierfabrik Niederauer Mühle diese Fasern industriell zurück. Die Kapazität liegt bei bis zu 120.000 t im Jahr, das entspricht rund zwei Dritteln der Menge für den gesamten deutschen Markt.

Herzstück der Aufbereitung ist eine rotierende Auflösetrommel. In ihr werden die Kartons mit Wasser umgewälzt, bis sich die Papierfasern von Kunststoff und Aluminium lösen. Chemikalien braucht es dafür nicht. Die Fasern gelangen mit dem Wasser durch kleine Öffnungen in der Trommelwand nach außen. Kunststoff und Aluminium bleiben zurück. Dieser Rest wird separat verwertet, etwa in der Zementindustrie oder in spezialisierten Recyclinganlagen.

Der Faserbrei wird anschließend gereinigt, eingedickt und zur Papiermaschine gepumpt. Aus einem Verbundmaterial ist damit ein Rohstoff geworden, der sich wie jeder andere verarbeiten lässt. Wertvoll ist dieser obendrein, denn Getränkekartons werden aus Frischfasern hergestellt, die dann also zum ersten Mal recycelt werden. Neben dem klassischen Altpapier entsteht so eine zusätzliche Faserquelle für Verpackungspapiere. Damit ist die zweite Voraussetzung erfüllt. Diese zurückgewonnenen Fasern fließen dann in einen weiß gedeckten Testliner ein. Das ist ein Deckenpapier aus Recyclingfasern, das bei Wellpappe die glatten Außenlagen um die gewellte Mittelbahn bildet. Wellpappenhersteller verarbeiten es zu Kartons, Trays oder Displays. Die weiß gedeckte Oberseite lässt sich gut bedrucken und eignet sich für Verpackungen, die im Handel als Umverpackungen sichtbar sind. So kehren Fasern aus einer Verpackung in eine neue zurück. Ein Beispiel für einen solchen Testliner ist der Eifelliner Paperloop, der garantiert zu mindestens 25 % aus Fasern recycelter Getränkekartons besteht.

Dritter Schritt: Der Kreislauf schließt sich erst im Einsatz des neuen Papiers

Wie gut das Recycling von Getränkekartons insgesamt funktioniert, soll die Recyclingquote zeigen. Sie gibt an, welcher Anteil der bei den dualen Systemen lizenzierten Getränkekartons dem Recycling zugeführt wird. Der im Jahr 2024 ermittelte Wert von 69,5 % stammt von der Zentralen Stelle Verpackungsregister und dem Umweltbundesamt. Ob die Fasern danach in den Kreislauf des Getränkekartons zurückkehren, etwa als Umverpackung, mit der Milch und Saft in den Handel kommen, zeigt die Quote jedoch nicht. Das entscheidet sich erst beim Absatz des neuen Papiers. Dieser Absatz ist die schwierigste Voraussetzung. Der Wellpappenmarkt folgt der Konjunktur, während die Menge gebrauchter Getränkekartons relativ stabil bleibt. Findet das Wellpappenrohpapier mit den zurückgewonnenen Fasern keine Käufer, droht den gesammelten Getränkekartons im Ernstfall die thermische Verwertung. Der Kreislauf braucht deshalb Abnehmer, die sich bewusst und dauerhaft für Verpackungen aus Getränkekartonfasern entscheiden.

Eine Chance für Getränkeabfüller

 Über Lizenzentgelte finanzieren die Getränkeabfüller in der Regel bereits die Sammlung und Sortierung ihrer Kartons. Was danach aus den Fasern wird, konnten sie bislang kaum beeinflussen. Dabei gelangen ihre Produkte meist auf Trays oder in Kartons aus Wellpappe in den Handel und sind oft auch als Produktpalette für die Endkundschaft sichtbar. Wenn diese Umverpackung Fasern aus gebrauchten Getränkekartons enthält, kehrt das Material in denselben Produktkreislauf zurück. Die Milchpackung im Supermarkt steht dann auf einem Tray, das zum Teil aus Fasern früherer Getränkekartons besteht. Den Anstoß dazu können Abfüller selbst geben, indem sie solches Papier bei ihrem Wellpappenlieferanten anfragen und in der Spezifikation ihrer Umverpackung festschreiben. Der Kreislauf, den sie über ihre Lizenzentgelte mitfinanzieren, wird so für sie selbst belegbar und kommunikativ nutzbar.

Eifelliner Paperloop im Detail

Produktart: weiß gedeckter Testliner (White Top Testliner)
Getränkekartonanteil: garantiert mindestens 25 % Getränkekartonfasern im Papier
Aufbau: untere, stabilitätsgebende Lage mit Getränkekartonfasern, darüber eine weiße Deckschicht aus Altpapier und nassfesten Stoffen, rein mechanisch gereinigt und nicht gestrichen
Grammaturen: 107 bis 164 g/m2
Weißegrad: 71 bis 73 %

Wenn der Anteil an Getränkekartonfasern im Papier garantiert ist, können sie ihn gegenüber dem Handel, auf der Verpackung oder im Nachhaltigkeitsbericht konkret benennen. Zugleich sichern Abfüller mit jeder Bestellung den Absatz der zurückgewonnenen Fasern und damit eine Voraussetzung dafür, dass die Lücke zur gesetzlichen Recyclingquote kleiner wird und Forderungen nach einem Pfandsystem für Getränkekartons analog zu PET-Flaschen verstummen. Eine ähnliche Chance haben Wellpappenhersteller. Als Bindeglied zwischen Papierfabrik und Abfüller entscheiden sie mit, welches Rohpapier in einer Umverpackung steckt. Papier mit Getränkekartonfasern lässt sich in ihre bestehenden Prozesse integrieren und erweitert ihr Angebot um etwas, das Abfüller zunehmend brauchen, einen überprüfbaren Beleg für gelebte Kreislaufwirtschaft. Wer diesen Beleg von sich aus anbietet, liefert Getränkeabfüllern eine nutzbare Kreislaufgeschichte und hebt sich damit im Wettbewerb ab.

Die Entscheidung fällt beim Einkauf

Ohne eine langfristige Nachfrage nach Sekundärrohstoffen ist das Recycling von Getränkekartons eine Einbahnstraße. Es muss stärker in Materialkreisläufen und Wertschöpfungsketten gedacht werden, weniger in einzelnen Verpackungen. Beim Getränkekarton können hochwertige Papierfasern zurückgewonnen und erneut für Verpackungen eingesetzt werden. So kann ein Materialkreislauf entstehen, der beim eigenen Produkt beginnt und in dessen Verpackungskette wieder ankommt. Der Abfüller kann diesen Kreislauf unmittelbar unterstützen, indem er beim Einkauf seiner Umverpackungen gezielt nach Rohpapier mit Getränkekartonfasern fragt, etwa nach unserem Eifelliner Paperloop.