Neues Geschäftsfeld und Teil der Transformation              

"Erste Produkte befinden sich bereits in der Testphase"

Recyclingfähigkeit, Kreislaufführung und natürliche Anmutung: Faserguss erfüllt zentrale Anforderungen moderner Verpackungen. Während der Bedarf kontinuierlich steigt, investiert die Perlen Industrieholding gezielt in diesen Zukunftsmarkt. Interview mit CEO Dr. Florian Geiger.  

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Seit Mai 2025 ist Florian Geiger CEO der Perlen Indsutrieholding.

Faserguss gewinnt im Verpackungsbereich derzeit deutlich an Bedeutung. Mehrere Entwicklungen zahlen gleichzeitig auf dieses Material ein. Ein zentraler Treiber ist der regulatorische Rahmen in Europa. Mit der EU-Verpackungsverordnung PPWR rücken Materialien in den Fokus, die gut recyclingfähig sind und sich in bestehende Sammel- und Verwertungssysteme integrieren lassen. Faserguss erfüllt diese Anforderungen vergleichsweise gut. Gleichzeitig steigt der Druck, Kunststoffe in bestimmten Anwendungen zu substituieren.

Hinzu kommt die Wahrnehmung des Materials im Markt. Faserguss wird von Endkunden häufig als natürlich und umweltfreundlich eingeordnet, was ihn für Markenartikler attraktiv macht, um Nachhaltigkeitsziele sichtbar umzusetzen. Parallel dazu hat sich die Technologie weiterentwickelt. Effizientere Trocknungsprozesse, verbesserte Werkzeugtechnik und ein höherer Automatisierungsgrad machen die industrielle Fertigung wirtschaftlicher und skalierbar, auch für größere Stückzahlen.

Jetzt hat sich auch die PerlenIndustrieholding entschieden, in die Produktion von Faserguss einzusteigen. Darüber sprachen wir mit CEO Dr. Florian Geiger.

Herr Geiger, weshalb hat sich die Perlen Industrieholding entschieden, gerade jetzt einen eigenen Geschäftsbereich für Faserguss aufzubauen?

Florian Geiger: Nach der Optimierung der Produktionskosten und einer durchgeführten Restrukturierung in der zweiten Jahreshälfte 2025 zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit in einem nachhaltig anspruchsvollen Marktumfeld im Kerngeschäft der grafischen Papiere setzt die Perlen Industrieholding AG, gemeinsam mit ihrem Tochterunternehmen Perlen Papier AG, weitere Elemente ihrer Transformationsstrategie um. Mit neuen Papierprodukten, dem Einstieg in fasergussbasierte Verpackungslösungen als komplementäres Geschäftsfeld sowie dem Bau eines 10-MW-Batteriespeichers realisiert die Perlen Industrieholding AG erste wesentliche Etappenziele in ihrer Neuausrichtung hin zu einem zukunftsorientierten Industrieunternehmen.

Welche strategische Bedeutung hat Faserguss für Ihr Verpackungsportfolio insgesamt?

Geiger: Der Einstieg in fasergussbasierte Verpackungslösungen stellt einen weiteren strategischen Entwicklungsschritt der Perlen Industrieholding AG hin zu einem diversifizierten Industrieunternehmen dar – ebenso wie die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit im Kerngeschäft der Presse- und Magazinpapiere in Europa und mit gezielten Produktinnovationen wie neu entwickelte, rezyklierbare Spezialpapiere für flexible Verpackungen, unter anderem für den Lebensmittel- und Etikettenbereich, sowie wie die Entwicklung und optimale Nutzung des weitläufigen Industrieareals in Perlen.

Inwiefern ergänzt Faserguss das bestehende Papiergeschäft von Perlen Papier – technologisch und marktorientiert?

Geiger: Ein wesentlicher Bestandteil unserer Wertschöpfung ist, Fasern, sowohl aus Altpapier als auch Holz, möglichst schonend und optimal für ihren Einsatz im Papierbereich aufzubereiten. Diese Fasern wollen wir künftig auch in anderen Anwendungsgebieten einzusetzen - wie zum Beispiel Fasergussprodukte für Verpackungslösungen. Diese gelten als vielversprechende, rezyklierbare Alternative zu Kunststoff und finden zunehmend Anwendung, beispielsweise als Schalen, Verpackungen oder Flaschen. Mit Faserguss bietet die Perlen Papier AG eine kreislauffähige Lösung, die sich einfach im Altpapier entsorgen lässt und Wirtschaftlichkeit mit Nachhaltigkeit verbindet. Dank vorhandener Faserinfrastruktur (Altpapier, Holzstoff, Zellstoff) und umfassendem Know-how ist das Unternehmen ideal positioniert, um dieses Geschäftsfeld in der Schweiz aufzubauen. Erste Produkte befinden sich bereits in der Testphase.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Marktdynamik im Bereich Faserguss, insbesondere im Vergleich zu klassischen Papier- und Kartonlösungen?

Über die Perlen Papier

Die Perlen Papier AG in Perlen (Kanton Luzern) ist seit über 150 Jahren eine Vorreiterin in der Produktion von Zeitungsdruck- und Magazinpapieren in Europa. Moderne Technik, Innovation und Nachhaltigkeit zeichnet sie aus. Ihr Tätigkeitsfeld umfasst die Verfahrenstechnik der Holzstofferzeugung, die Verarbeitung von Altpapier bis hin zur Produktion von hochwertigen, grafischen Papieren sowie Papierprodukte im Bereich der flexiblen Verpackung und Faserguss. Perlen Papier ist seit 25. Juni 2024 Teil der Perlen Industrieholding AG, die auch alle Immobilien am Standort Perlen umfasst. Im Kalenderjahr 2024 erzielte die Unternehmensgruppe einen Umsatz von 244 Mio. Franken. Trotz des Preisdrucks im Markt konnte Perlen Papier seine Absatzmenge um 14 % steigern und seine Marktanteile bei Zeitungs- und Magazinpapieren in Westeuropa weiter ausbauen.  Zum Jahresende 2024 beschäftigte die Perlen Industrieholding AG 376 Mitarbeitende. Sie ist damit weiter ein zentraler Player der Schweizer Papierindustrie. Die Fabrik in Perlen ist die letzte große Papierfabrik des Landes und produziert jährlich rund 560.000 t Papier.

Geiger: Die Marktdynamik im Bereich Faserguss ist derzeit von starkem Wachstum und steigendem Interesse seitens Industrie und Handel geprägt. Diese Entwicklung wird maßgeblich durch Nachhaltigkeitsanforderungen, steigenden gesetzlichen Druck zur Reduktion von Kunststoffen und eine zunehmende Sensibilisierung der Endverbraucher für ökologische Verpackungslösungen getrieben. Im Vergleich zu klassischen Papier- und Kartonlösungen nimmt Faserguss eine klare Differenzierungsposition ein: Er bietet deutlich höhere Formstabilität und Schutzfunktionen bei gleichzeitig sehr guter Recyclingfähigkeit und Nutzung nachwachsender Rohstoffe.

In welchen Anwendungen oder Branchen sehen Sie derzeit das größte Wachstumspotenzial für Fasergussprodukte?

    Geiger: Lebensmittel & Getränke: Besonders im Bereich nachhaltiger Primär‑ und Sekundärverpackungen, darunter Tabletts, Take‑away‑Verpackungen, wächst die Nachfrage stark, da Marken Kunststoff reduzieren und wiederverwertbare Lösungen anbieten wollen. 

    Elektronik & E-Commerce: Faserguss wird zunehmend für Innenverpackungen und Schutz‑Inserts verwendet, um empfindliche elektronische Komponenten während Transport und Logistik sicher zu schützen – kombiniert mit dem Wunsch nach umweltfreundlichen Materialien. 

     Kosmetik, Pharmazie & Premiumgüter: Branchen mit hohem Anspruch an Marken‑ und Nachhaltigkeitsimage setzen stärker auf individuell gestaltbare, biologisch abbaubare Verpackungen. 

    Industrielle und technische Anwendungen: Schutz‑ und Polsterlösungen für Automobil‑ oder Industriegüter gewinnen an Bedeutung, besonders dort, wo Kunststoff‑Schäume ersetzt werden sollen. 

    Insgesamt profitieren Fasergusslösungen von der globalen Nachfrage nach plastikfreien, kompostierbaren und recyclingfähigen Verpackungen – getrieben sowohl durch gesetzliche Vorgaben als auch durch Konsumentenpräferenzen. 

Wodurch will sich Perlen im Faserguss-Markt von bestehenden Wettbewerbern differenzieren?

Geiger: Wir sind Experten, wenn es um Fasern geht – wir arbeiten seit über 150 Jahren damit. Die Perlen Papier AG ist die größte Recyclerin von Altpapier in der Schweiz. So werden die Fasergussprodukte, die in Perlen produziert wurden, wieder zu uns zurückgeführt und zu neuen Produkten wiederaufbereitet – ein perfekter Kreislauf. Im Vergleich zu anderen Papierherstellern ist unser CO2-Ausstoss um 76 % tiefer.

Hersteller wie Papacks sehen Faserguss als Alterative zu den meisten Verpackungsmaterialien. Wo sehen Sie heute noch Grenzen des Materials im Verpackungseinsatz?

Geiger: Faserguss ist eine sehr leistungsfähige Verpackungslösung, hat heute aber noch funktionale Grenzen. Dazu zählen vor allem eingeschränkte Barriereeigenschaften gegen Feuchtigkeit und Fett sowie Grenzen bei sehr filigranen Designs oder hohen Maßtoleranzen. Auch die Herstellung ist zum Teil im Vergleich zu klassischen Kartonlösungen noch kostenintensiver. Diese Einschränkungen werden jedoch zunehmend durch technologische und regulatorische Weiterentwicklungen adressiert. Insgesamt erweitern sich die Einsatzmöglichkeiten von Faserguss kontinuierlich.

Wie weit lassen sich Barriereeigenschaften, Oberflächenqualität und Designfreiheit bei Faserguss bereits realisieren?

Geiger: Faserguss kann heute schon erstaunlich viel: Durch spezielle Beschichtungen lassen sich Barrieren gegen Feuchtigkeit, Fett oder Sauerstoff realisieren. Auch die Oberflächenqualität ist deutlich feiner und ansprechender geworden, während die Designfreiheit hohe Flexibilität für individuelle Formen und massgeschneiderte Verpackungen bietet. Damit lassen sich viele Anwendungen abdecken, die früher klassischen Karton- oder Kunststofflösungen vorbehalten waren.

Welche Relevanz hat die geplante EU-Verpackungsverordnung (PPWR) für Ihre Entscheidung, in Faserguss zu investieren?

Geiger: Die neue Verpackungsverordnung spielt insofern in unsere Hände, als dass Hersteller aktiv auf der Suche nach neuen Lösungen sind, und rezyklierbares Papier eine echte Alternative zu Kunststoff darstellt. Also Produkte im Sinne von „Design to recycle“ zu entwickeln, so dass sie am Ende ihres Lebens möglichst einfach, hochwertig und wirtschaftlich recycelt werden können.

Wie bewerten Sie Faserguss im Hinblick auf Recyclingfähigkeit und Kreislaufwirtschaft?

Geiger: Als ideal für Recycling und Kreislaufwirtschaft. Verpackungen aus Papierfasern sind ressourcenschonend, biologisch abbaubar, einfach im Altpapier zu entsorgen und haben einen geringen CO2-Fussabdruck.

Faserguss kann mit verschiedenen Materialien hergestellt werden. Was wird Perlen als Ausgangsmaterial einsetzen?

Geiger: Wir setzen Papierfasern als Ausgangsmaterial ein. Die Verfügbarkeit ist aufgrund der Papierfabrik jederzeit sichergestellt.

Welche Bedeutung wird Faserguss aus Ihrer Sicht in fünf bis zehn Jahren im Verpackungsmarkt haben?

Geiger: In fünf bis zehn Jahren wird Faserguss eine wichtige Rolle im Verpackungsmarkt spielen. Die Nachfrage nach nachhaltigen, plastikfreien Lösungen steigt, und Faserguss verbindet Umweltschutz mit hoher Stabilität und flexibler Gestaltung. Er wird sich von einer Nischenlösung zu einer echten Mainstream‑Alternative entwickeln, besonders in Lebensmitteln, Elektronik und Premiumprodukten.