Wie IT und OT verschmelzen

SEW treibt die Software-definierte Fabrik voran

SEW treibt die softwaredefinierte Fabrik voran: Mit der neuen Orchestration Suite will das Unternehmen IT und OT zusammenführen, Software zentral managen und Produktionsprozesse transparenter, effizienter und resilienter machen. Digitalisierung wird zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor.

4 min
Dr. Hans Krattenmacher, Geschäftsführung Corporate Innovation Mechatronik bei SEW, führte ins Thema des Tages ein.
Dr. Hans Krattenmacher, Geschäftsführung Corporate Innovation Mechatronik bei SEW, führte ins Thema des Tages ein.

Mit einer klaren Vision zur Zukunft der Industrie und einer konkreten Produktneuheit hat SEW Eurodrive auf der Interpack 2026 seine Digitalstrategie untermauert. Im Mittelpunkt der Pressekonferenz am Ende des ersten Messetages stand die neue „Orchestration Suite“ – eine Cloud-basierte Plattform zur Verwaltung und Orchestrierung von OT-Software.

Doch die Vorstellung des Tools war nur ein Teil der Botschaft: SEW positioniert sich als Treiber der „Software-defined Factory“ und sieht in der Digitalisierung den entscheidenden Hebel für Produktivität, Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit.

Digitalisierung als Schlüssel zur industriellen Zukunft

Zum Auftakt wurde deutlich gemacht, warum Digitalisierung heute weit mehr ist als ein Schlagwort. Sie ist – so die Argumentation – die zentrale Antwort auf vier globale Megatrends: Deglobalisierung, demografischer Wandel, Dekarbonisierung und Digitalisierung selbst. Insbesondere der zunehmende Fachkräftemangel zwinge die Industrie dazu, Prozesse zu automatisieren, transparenter zu gestalten und effizienter zu machen.

SEW betont dabei eine Perspektive, die bewusst über klassische Industrie-4.0-Konzepte hinausgeht. Zwar habe die Industrie in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte bei Modularisierung und Flexibilisierung gemacht – echte digitale Durchgängigkeit sei jedoch vielerorts noch nicht erreicht. Fehlende Transparenz über Daten, Bestände oder Prozesse habe sich spätestens in den jüngsten Lieferkettenkrisen als Schwachstelle erwiesen.

Der nächste Entwicklungsschritt sei daher die „Software-definierte Fabrik“: eine Umgebung, in der Software, Daten und IT Services stärker im Mittelpunkt stehen als klassische hardwaregetriebene Automatisierung.

IT trifft OT – und schafft neue Herausforderungen

Ein zentrales Thema der Präsentation war die zunehmende Konvergenz von IT und OT. Während die klassische Automatisierungstechnik auf Echtzeitfähigkeit und deterministische Prozesse ausgelegt ist, fokussiert die IT-Welt auf Datenverarbeitung, Skalierbarkeit und Sicherheit. Diese unterschiedlichen Anforderungen führen in der Praxis häufig zu Reibungen.

Mit wachsender Datenmenge verschiebt sich der Schwerpunkt jedoch zunehmend in Richtung IT. Die Folge: Fabriken entwickeln sich von starren Automatisierungspyramiden hin zu flexiblen, schichtenbasierten Architekturen, in denen OT weiterhin für Echtzeitprozesse zuständig ist, während IT Systeme zentrale Daten- und Softwarefunktionen übernehmen.

Orchestration Suite als Baustein der digitalen Integration

Im Zentrum der Pressekonferenz auf der Interpack 2026 stand die Orchestrationsuite.
Im Zentrum der Pressekonferenz auf der Interpack 2026 stand die Orchestrationsuite.

Vor diesem Hintergrund präsentierte SEW die Orchestration Suite als Schlüsseltechnologie. Die webbasierte Plattform soll die Verwaltung, Verteilung und Aktualisierung von Software in heterogenen Automatisierungslandschaften deutlich vereinfachen.

Im Kern adressiert die Lösung drei zentrale Herausforderungen:

  • Vereinheitlichung von Daten: Transparenz über Zustände und Prozesse auf dem Shopfloor
  • Virtualisierung: Entkopplung von Software und proprietärer Hardware
  • Orchestrierung: Effizientes Management verteilter Systeme

Besonders relevant ist dabei der Multi-Vendor-Ansatz: Die Plattform ist bewusst nicht auf SEW-Komponenten beschränkt, sondern ermöglicht die Integration unterschiedlicher Hersteller – ein entscheidender Faktor in realen Produktionsumgebungen.

Die Zielsetzung ist klar: weniger Vor-Ort-Einsätze, höhere Systemverfügbarkeit und eine deutlich vereinfachte Verwaltung komplexer Anlagen.

Durchgängige Softwareprozesse

Die Orchestration Suite deckt den gesamten Lebenszyklus industrieller Software ab – von der Entwicklung über die Inbetriebnahme bis zum Betrieb. Für Maschinenbauer bietet sie eine kollaborative Entwicklungsplattform, auf der Teams weltweit Code gemeinsam erstellen, verwalten und deployen können.

Für Betreiber liegt der Fokus hingegen auf Betriebssicherheit und Transparenz. Sie erhalten einen zentralen Zugriff auf alle Systeme, inklusive Versionsverwaltung, Updates und Backup-Funktionen. Änderungen am Code lassen sich lückenlos nachvollziehen – ein wichtiger Schritt hin zu mehr Resilienz und Compliance.

Gerade in bestehenden Fabriken mit gewachsenen Strukturen soll die Plattform ihre Stärke ausspielen: Sie ist darauf ausgelegt, sowohl klassische Automatisierungskonzepte als auch zukünftige softwaredefinierte Architekturen zu unterstützen.

Partnerschaft mit Software Defined Automation

Technologische Basis der Lösung ist die Zusammenarbeit mit dem Unternehmen Software Defined Automation (SDA). Dessen Plattform ermöglicht es, selbst große und heterogene Installationen mit tausenden Steuerungen zentral zu verwalten.

Ein wesentlicher Vorteil liegt in der Skalierbarkeit: Die Infrastruktur ist darauf ausgelegt, große Datenmengen und zahlreiche Systeme parallel zu managen. Gleichzeitig setzt der Ansatz stark auf einfache Integration – Maschinen können mit vergleichsweise geringem Aufwand angebunden werden.

Praxisbeispiele zeigen das Potenzial: In einer Anwendung konnte die Aktualisierung von Steuerungssoftware bei mehreren Hundert fahrerlosen Transportsystemen von mehreren Wochen auf wenige Minuten reduziert werden.

Künstliche Intelligenz als „Supertool“

Ein weiterer Schwerpunkt der Pressekonferenz war der Einsatz von Künstlicher Intelligenz. SEW versteht KI dabei nicht als Allheilmittel, sondern als Werkzeug zur Verarbeitung großer Datenmengen.

Ähnlich einem Elektroschrauber steigert KI vor allem Effizienz und Geschwindigkeit – etwa bei der Analyse von Prozessdaten oder bei der Generierung und Dokumentation von Code. Voraussetzung ist allerdings eine saubere Datenbasis: Ohne strukturierte und verfügbare Daten kann KI ihr Potenzial nicht entfalten.

Entsprechend verfolgt SEW einen schrittweisen Ansatz. Automatisierte Eingriffe in Produktionsprozesse erfolgen nur kontrolliert und mit Freigabe, um Risiken zu minimieren.

Cloud-Nutzung und Sicherheit im Wandel

Auch beim Thema Cloud zeigt sich ein Wandel in der Industrie. Während viele Unternehmen in der Vergangenheit zurückhaltend waren, setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass Cloud-Infrastrukturen häufig ein höheres Sicherheitsniveau bieten als lokale Lösungen.

Gleichzeitig treiben regulatorische Anforderungen – etwa im Bereich Cybersecurity und Dokumentation – die Digitalisierung voran. Werkzeuge wie die Orchestration Suite können helfen, Compliance-Vorgaben zu erfüllen, etwa durch lückenlose Nachverfolgung von Änderungen und standardisierte Sicherheitsmechanismen.

Demografie als unterschätzter Treiber

Ein Aspekt zog sich wie ein roter Faden durch die Veranstaltung: der Fachkräftemangel. In vielen Industriebetrieben hängt Wissen noch immer an einzelnen Mitarbeitern. Mit deren Ausscheiden droht ein Verlust von Know-how, der Produktionsprozesse gefährden kann.

Digitale Plattformen sollen dieses Wissen künftig systematisch sichern und verfügbar machen. SEW erwartet, dass dieser Faktor zu einem der wichtigsten Treiber für Investitionen in digitale Lösungen wird.

Fazit

Mit der Orchestration Suite präsentiert SEW nicht nur ein neues Produkt, sondern formuliert eine klare Vision für die Zukunft der Industrie. Die Kombination aus Software-orientierter Automatisierung, durchgängiger Datenintegration und KI-gestützten Prozessen soll den Weg zur vollständig digitalen Fabrik ebnen.

Die Interpack 2026 zeigt damit exemplarisch: Die nächste Evolutionsstufe der Automatisierung ist weniger hardwaregetrieben – und zunehmend eine Frage intelligenter Software.