Schachfiguren Europa Russland

Die Russland-Sanktionen werden auch in Deutschland spürbar sein. (Bild: Feydzhet Shabanov – stock.adobe.com)

Deutschland hat eine vor allem Export-getriebene Wirtschaft – und dabei war Russland bisher ein wichtiger (wenn auch nicht der wichtigste) Abnehmermarkt: Mit einem Anteil von 2,3 % am deutschen Außenhandel zählte Russland im Jahr 2021 zu den 15 wichtigsten Handelspartnern. Zur Einordnung: Spitzenreiter China hatte einen Anteil von 9,5 %, gefolgt von den Vereinigten Staaten mit 7,5 % .

Mit Blick auf Verpackungs-relevante Bereiche betrug der Gegenwert der von Deutschland nach Russland exportierten Nahrungsmittel- und Verpackungsmaschinen in den ersten 11 Monaten von 2021 rund 296 Mio. Euro. Ein Wert, den die Branche bisher hoffen durfte künftig zu übertreffen, da Russland in Sachen verpackte Nahrungsmittel als Wachstumsmarkt gilt. So geht das Marktforschungsinstitut Euromonitor von einem Nachfragewachstum von insgesamt 5 % auf dann 31 Mio. t aus.

Nun also die Zäsur, die der VDMA wie folgt zusammenfasst: Das gesamte Russlandgeschäft kommt auf den Prüfstand.

Auswirkungen auf die Exporte im Maschinenbau

Wie hoch der wirtschaftliche Schaden am Ende sein wird, lässt sich natürlich nicht mit einer konkreten Zahl belegen, doch betreffen die aktuellen Lieferverbote laut Thilo Brodtmann, VDMA-Hauptgeschäftsführer, bereits jetzt weite Teile des europäischen Maschinen- und Anlagenbaus und damit Exporte im Volumen von mehreren hundert Millionen Euro. Nicht dabei berücksichtigt sind etwaige Gegensanktionen von russischer Seite, die wiederum Auswirkungen auf die dezentralisierte, global verteilte Wertschöpfungsketten vieler Unternehmen haben könnten und deren Produktion aufgrund von Teilemangel plötzlich stillstehen könnte.

Im Übrigen sollten auch Unternehmen, die nach aktueller Rechtslage noch grundsätzlich nach Russland exportieren dürfen, ihre Geschäfte überdenken. Denn als Reaktion auf die russische Aggression hat die Bundesregierung die Hermesdeckung, also die Übernahme von Exportkredit- sowie Investitionsgarantien, für Russland und Belarus „bis auf Weiteres“ ausgesetzt.

Auswirkungen auf die Verfügbarkeit von Packmitteln

Auch am Bereich Packmittel geht die aktuelle Krise nicht spurlos vorbei, so teilte Stora Enso beispielsweise mit, seine Produktion in Russland einzustellen, wozu auch drei Wellpappenwerke gehören. Da die Produktion von faserbasierten Packmitteln allerdings größtenteils immer für lokale Märkte passiert, sind von dieser Seite keine unmittelbaren Auswirkungen auf Deutschland zu erwarten.

Spannender ist da die Frage des Rohstoffs Zellstoff, den Deutschland im größeren Maße aus dem Ausland bezieht. Doch auch hier Entwarnung: Denn zwar importiert Deutschland laut „Die Papierindustrie“, dem industriellen Spitzenverband der deutschen Zellstoff- und Papierindustrie jährlich 175.000 t Zellstoff aus Russland – doch fällt dieser Anteil bei einem Gesamtvolumen von jährlich 10 Mio. t importiertem Zellstoff nicht wirklich ins Gewicht.

Der Verband der Wellpappen-Industrie (VDW) kommentiert die Lage wie folgt:

„Die Wellpappenindustrie verurteilt den Angriff auf die Ukraine und unterstützt ausdrücklich die verhängten wirtschaftlichen Sanktionsmaßnahmen gegen Russland. Zugleich zählen wir darauf, dass die Politik alle notwendigen Anstrengungen unternimmt, um die deutsche Wirtschaft bestmöglich vor negativen Auswirkungen der Sanktionen zu schützen. Dies gilt insbesondere für systemrelevante Bereiche, die Tag für Tag die Versorgung sicherstellen – hierzu zählt auch die Wellpappenindustrie. Wellpappe ist für den internationalen Güterverkehr unverzichtbar. Gleiches gilt – wie momentan deutlich zu beobachten ist – auch für die Versorgung mit Hilfsgütern.

Russland spielt gegenüber vielen anderen Staaten eine untergeordnete Rolle beim Import von Wellpappenrohpapier. So wurden 2020 lediglich 216 t Testliner aus Russland nach Deutschland importiert, aus der gesamten EU hingegen 512.145 t.

Mit deutlich größerer Sorge hingegen betrachten wir die Bedrohung der Gasversorgung durch die aktuelle Lage, denn die Wellpappenindustrie ist derzeit noch maßgeblich auf diesen Energieträger angewiesen. Daher appellieren wir nachdrücklich an die Bundesregierung, ihre Ankündigungen zur Sicherung der Gasversorgung zügig umzusetzen. Hiervon hängt das reibungslose Funktionieren der Wellpappenindustrie wie auch anderer systemrelevanter Wirtschaftsbereiche ab.“

Kunststoffverpackungen unter Druck?

Die Auswirkungen auf faserbasierte Packmittel, zumindest was die Versorgung mit Rohstoffen angeht, scheinen also zunächst vernachlässigbar zu sein. Bei Kunststoffverpackungen könnte dies allerdings anders aussehen, da diese größtenteils auf fossilen Rohstoffen basieren, Erdöl und Gas also. Und genau diese beiden machten im vergangenen Jahr stolze 59 % aller Importe aus Russland in die BRD aus. Weshalb zu befürchten ist, dass sich die ohnehin angespannte Rohstoffsituation hier noch einmal verstärken könnte.

Paletten und holzbasierte Verpackungen

Die European Federation of Wooden Pallet & Packaging Manufacturers (FEFPEB) geht davon aus, dass der Konflikt in der Ukraine in den kommenden Wochen voraussichtlich erheblichen Druck auf die Versorgung mit Holz und damit Paletten und Verpackungen ausüben wird.

Denn im vergangenen Jahr exportierte die Ukraine mehr als 2,7 Mio. m3 Nadelschnittholz, einen erheblichen Teil davon für Holzpaletten und -verpackungen, die auf europäischen Märkten wie Frankreich, Deutschland, Italien, den Niederlanden und Polen hergestellt wurden. Das Land selbst produzierte und exportierte bisher schätzungsweise 15 Mio. Paletten, hauptsächlich nach Europa.

Die starke Verlangsamung der ukrainischen Wirtschaft und der Produktionsstopp werden nach Einschätzung der FEFPEB schwerwiegende direkte Auswirkungen auf Länder wie Ungarn, Italien und Deutschland (die drei produktivsten Nadelholzimporteure aus der Ukraine) haben und auch indirekte Auswirkungen auf ganz Europa, indem sie den Markt aus dem Gleichgewicht bringen und den Wettbewerb um begrenztere Holzvorräte verstärken und drucken, was den Preis nach oben drücken würde.

Da Russland etwa 4,5 Mio. m3 Nadelholzholz in die EU exportiert (Estland, Deutschland, Finnland die größten Importeure) und Weißrussland etwa 3,1 Mio. m3 exportiert (Fichte und Kiefer zusammen), wird Europa voraussichtlich erheblich von Handelssanktionen betroffen sein, die gegen die beiden Länder verhängt wurden.

Einige Länder beziehen bis zu 25 % ihres Paletten- und Verpackungsholzes aus den drei Ländern. Alternative Holzquellen wie Skandinavien, Deutschland und die baltischen Staaten sind nur in der Lage, einen kleinen Teil des Defizits zu decken.

FEFPEB-Generalsekretär Fons Ceelaert kommentiert: „Die schrecklichen Ereignisse, die sich in der Ukraine abspielen, hatten unmittelbare Auswirkungen auf Industrien aller Art, störten lebenswichtige Handelsströme und verringerten die Verfügbarkeit vieler verschiedener Materialien und Waren. Die üblichen Holzvorräte, die für die Herstellung und Reparatur von Holzpaletten und -verpackungen benötigt werden, wurden hart getroffen und die Verfügbarkeit wurde erheblich reduziert.

Neben den großen internationalen Herausforderungen, die bereits auf dem Markt bestehen, erwarten wir einen allgemeinen Aufwärtstrend bei den Preisen aller Rohstoffe, einschließlich Holz. In der Zwischenzeit arbeiten die Unternehmen unserer Mitgliedsverbände in ganz Europa hart daran, die Versorgung ihrer Partner zu sichern, um die Kontinuität der Paletten- und Verpackungsproduktion zu gewährleisten.“

Doch nicht nur die Rohstoffe auf Zellulose-Basis bereiten der Palettenindustrie sorgen:Aufgrund der Russland-Sanktionen drohen den Herstellern die Nägel für die Produktion auszugehen, die bisher vor allem aus russischem Stahl hergestellt wurden, wie der Bundesverband Holzpackmittel, Paletten, Exportverpackung (HPE) am 6. April 2022 meldet. In jeder Europalette stecken laut Verband 78 Nägel.

KFW-Sonderprogramm für günstige Sonderkredite gestartet

Da deutsche Unternehmen durch den Ukraine-Krieg gleich mehrfach finanziell belastet sind, so kommen zu den Auswirkungen durch die Sanktionen seitens Russlands auch stark gestiegene Energiepreise hinzu.

Aus diesem Grund startete die KFW (Kreditanstalt für Wiederaufbau) am 9. Mai 2022 ein Kreditprogramm, das vom Ukraine-Krieg nachweislich betroffene Unternehmen unterstützen soll. Diese erhalten, unabhängig von Branche und Größe, Zugang zu zinsgünstigen Krediten bei denen die KFW bis zu 80 % des Bankenrisikos übernimmt.

Das „KFW-Sonderprogramm UBR 2022“ fördert das Institut alles „was für Ihre unternehmerische Tätigkeit notwendig ist“. Dazu zählen:


• Anschaffungen wie Maschinen und Ausstattung (Investitionen)
• alle laufenden Kosten wie Miete, Gehälter oder Waren¬lager (Betriebsmittel)
• Übernahmen und Beteiligungen

Nicht förderfähig sind:

• Umschuldungen und Nachfinanzierungen
• Treuhandkonstruktionen
• Stille Beteiligungen
• Vermögensübertragungen, z. B. Kauf
• Ausschüttung von Gewinn und Dividenden

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