Integriertes Anlagenkonzept

Gesamtverantwortung statt Schnittstellenfrust

Wenn Einzelmaschinen perfekt arbeiten, heißt das noch lange nicht, dass die Linie stabil läuft. Das Beispiel Schmincke zeigt, wie integrierte Verantwortung und klare Schnittstellen aus drei Aggregaten ein zuverlässiges Gesamtsystem machen.

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Allein die verschiedenen Materialien wie Aquarell und Öl sind echte Herausforderungen beim Verarbeiten.

Es ist völlig nachvollziehbar: Wenn Unternehmen hohe Summen investieren, sollen die Verpackungsschritte jeweils von besten Anlagen realisiert werden. Doch im Produktionsalltag bleibt der erhoffte Erfolg aus, wenn die Anlage als Ganzes nicht stabil läuft. Das Problem liegt dabei selten an den großen Datenblättern der Maschinen, sondern an den „kleinen“ Übergaben und den nicht offensichtlichen Schnittstellen dazwischen. Ein aktuelles Projekt der H. Schmincke & Co. GmbH & Co. KG aus Erkrath zeigt, wie durch ein integriertes Anlagenkonzept der Gustav Obermeyer GmbH & Co. KG die alte Weisheit „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“ zur wirtschaftlichen Realität wird.

Übergabe der Tuben an die Füllung

Drei Maschinen in einem Anlagenkonzept

Das Herzstück und die strategische Schaltzentrale der neuen Fertigungslinie ist die Tubenfüll- und Verschließmaschine TU60 von Gustav Obermeyer, Plauen. In der Anlagenkonfiguration nimmt sie die physikalische und logische Mitte ein: Sie ist hinter dem Etikettierer platziert und steht direkt vor der Endverpackung, dem Kartonierer.

Der erste Prozessschritt ist das Etikettieren der Alutuben. Tuben mit unterschiedlichem Durchmesser und Länge für die teilweise recht kleinen Losgrößen der Farben sind mit einem Klebeetikett zu versehen. Nur wenn eine füllbereite Tube vorliegt, kann sie an die Füllanlage übergeben werden. Dieser wesentliche Prozesszustand gibt eindeutige Freigaben an das Partneraggregat zum Füllen. Nach dem Füllen und Verschließen der Tube schließt sich die Endverpackung im Kartonierer von JW Verpackungstechnik an. Der Kartonierer erhält wiederum Signale zur Abholbereitschaft. Die Kopplung der Anlagenteile ist bewusst schlank gehalten: Zum Etikettierer fließen Startsignale und Informationen zur Restmengenproduktion. Durch diese zentrale Steuerung wird verhindert, dass sich kleine Taktabweichungen oder Störungen wie ein Ketteneffekt durch die gesamte Linie fortpflanzen. Dieses Konzept sorgt dafür, dass der Anlagenzustand für den Bediener am HMI jederzeit nachvollziehbar bleibt, ohne dass komplexe Sonderlogiken den Betrieb erschweren.

Darum entscheiden Übergaben über den Erfolg

In Linien aus Einzelmaschinen ist immer wichtig: Wer übernimmt die Verantwortung für das Gesamtsystem? Wenn die Fehlerursache nicht eindeutig zugeordnet werden kann – ist es die Mechanik, die Steuerung, das Produkt, das Etikett, der Greifer, ein Sensor? –, wird die Verantwortung zwischen Lieferanten oft hin- und hergeschoben.

Ein sauber definierter Single Point of Responsibility innerhalb des Maschinenverbunds ist deshalb kein bloßer Marketingbegriff, sondern ein wirtschaftlicher Hebel:

  • Klare Abnahmekriterien: festgelegte Gesamtausbringung für unterschiedliche Formate, dokumentierte mögliche Störszenarien, auch an Schnittstellen, mit Abhilfemaßnahmen
  • Schnittstellen-Matrix: mechanische Übergaben (Höhen, Toleranzen, Puffer), Steuerung (Signale, Verriegelungen, Zustände), Sicherheit (Schutzräume, Not-Halt, Betriebsarten)
  • Gemeinsame Testlogik: FAT nicht nur als Einzelmaschinenabnahme, sondern mit „Linien-Szenarien“: Start, Stopp, Stau, Formatwechsel, Ausschussfälle, Reinigung
  • Anlauf-Ökonomie: Jeder Zeitraum ohne stabile Produktion kostet und zwingt Kunden oft zu teuren Nachrüstungen von zum Beispiel zusätzlicher Sensorik, mechanischen Umbauten oder aufwendigen Softwareanpassungen.
  • Die Lehre: Kunden wollen nicht zwingend eine Marke für alles, stattdessen wollen sie, dass die Linie am Ende als Einheit funktioniert. Genau das ist die Kompetenz, die man als Maschinenbauer zusammen mit Partnern liefern kann, wenn Schnittstellen und Verantwortung vorab sauber definiert sind.

Herausforderung: Aquarell, Linol, Acryl und Öl

Pigmentierte Künstlermalfarben unterscheiden sich deutlich im Hinblick auf Dichte, Fließverhalten und enthaltene Luftanteile und stellen im Füllprozess komplexe Anforderungen an das Ansaugen, Dosieren, Entlüften und Verschließen der empfindlichen Alutube. Das gleiche Füllvolumen kann je nach Farbe oder Farbsorte eine andere Dynamik erzeugen: Öl verhält sich anders als Linol, Aquarell anders als Acryl. Hinzu kommen veränderte Verhaltensweisen beim sukzessiven Antrocknen des Füllguts im Trichter, eventuelles Fadenziehen, notwendiges Rühren während des Füllens oder die Gefahr von Farbverschleppung und deren Einfluss auf die Reihenfolgeplanung des Produktwechsels.

Die hochwertigen Künstlermalfarben von Schmincke mit ihrer enormen Diversität fordern die Fülltechnik heraus. Die unterschiedlichen Qualitäten variieren in den Dichten von 1,16 bis 2,23 g/cm³ und haben unterschiedliche Konsistenzen. Und die Farben verhalten sich je nach Pigmentierung unterschiedlich im Füllprozess. Manche Produkte erfordern ein permanentes Rühren während des Füllens, andere trocknen schnell an und/oder neigen beim im Trichter zum Fadenziehen. Die installierte Linie muss Aluminiumtuben in einem Volumenspektrum von 5 ml bis 200 ml verarbeiten. Diese Formatvielfalt aus allen denkbaren Kombinationen von zu füllender Farbe und Tubenvolumen ist der eigentliche Gradmesser für die Wirtschaftlichkeit: Eine Maschine mag laut Datenblatt 60 Tuben pro Minute leisten, doch die wahre Leistung zeigt sich darin, wie sie zusammen mit den integrierten vor- und nachgelagerten Prozessschritten funktioniert und wie schnell und fehlerarm Formatwechsel und Reinigungsprozesse bei dieser Sortentiefe ablaufen.

Schienensystem für maximale Verfügbarkeit

Ein entscheidender Durchbruch für die Praxistauglichkeit der Anlage ist das von Gustav Obermeyer realisierte Zugänglichkeitskonzept. Um die Prozessverfügbarkeit zu maximieren, wurde eine mechanisch einfache, aber extrem wirksame Lösung implementiert:

  • Mobile Einheit: Der Kartonierer ist auf ein Schienensystem gelagert.
  • Schnelle Zugänglichkeit: Für Wartungsarbeiten oder die Beseitigung von Störungen kann der Maschinenteil jederzeit mit wenigen Handgriffen weggezogen werden.
  • Effizienz: Die Tubenfüller und Kartonier werden dadurch sofort an den unzugänglichen Seiten zugänglich, ohne dass zeitaufwändige Demontagen an der Übergabestelle nötig sind.
  • Sicherheitslogik: Die korrekte Arbeitsposition wird über zweikanalige Sicherheitsschalter überwacht. Nur wenn beide Maschinen wieder präzise angedockt sind und ihre Verfügbarkeit signalisieren, geben die Steuerungen den Automatikbetrieb wieder frei.

Dieses Konzept stellt sicher, dass die Linie nach einem Eingriff schnellstmöglich wieder perfekt zum Weiterproduzieren zur Verfügung steht und keine unnötigen Stillstandszeiten durch schlechte Erreichbarkeit kritischer Stellen entstehen.

Intelligente Schnittstellen: „Clever kommt von einfach“

An der ersten entscheidenden Schnittstelle, zwischen Etikettierer und Tubenfüller, zeigt sich die Ingenieurskunst im Detail. Durch das Aufbringen der Etiketten verändern sich die Reibwerte und das Rollverhalten der Alutuben. Elektrostatische Aufladung kann dazu führen, dass besonders die kleinen, leichten, ungefüllten Tuben buchstäblich an der Schurre „festkleben“.

Anstatt auf teure und wartungsintensive Ionisatoren oder Druckluft zu setzen, wurde eine robuste Low-Tech-Lösung gewählt: Ein sanfter elektrischer Unwuchtmotor unterstützt die Förderung auf der Schurre und stabilisiert den Tubenfluss. Mechanisch ist die Übergabe über Langlöcher so flexibel gestaltet, dass Anpassungen an neue Tubendurchmesser ohne Spezialwerkzeug möglich sind.

Inline-Kontrolle statt späterer Ausschuss

Ein wesentlicher Teil der Integrationskompetenz bei Gustav Obermeyer ist die konsequente Vermeidung von Ausschuss in der Endverpackung. Durch eine integrierte Inline-Füllstandsbewertung mittels Laser-Lichttastern (Keyence LR-X-Serie) wird jede Tube unmittelbar nach dem Füllen geprüft. Da die pigmentierten Farben eine klare optische Oberfläche bieten, liefert der Laser eine zuverlässige Signatur.

Der Vorteil dieser frühen Prüfung ist ökonomisch massiv: Nur als „gut“ erkannte Tuben werden dem Kartonierer zugeführt. Unterfüllte oder fehlverschlossene Tuben werden sofort ausgeschleust, bevor sie eine Faltschachtel verbrauchen oder im schlimmsten Fall erst beim Endkunden reklamiert werden.

Das Projekt bei Schmincke verdeutlicht, dass die moderne Verpackungstechnik eine Integrationskompetenz erfordert, die weit über den Verkauf von Maschinenstahl hinausgeht. Mit der TU60 von Gustav Obermeyer als zentralem Element wurde ein System geschaffen, das nicht nur technische Parameter erfüllt, sondern den Produktionsalltag planbar macht. Ein sauber definierter Single Point of Responsibility sorgt dafür, dass Schnittstellen nicht zum Streitfall zwischen Lieferanten werden, sondern als funktionale Brücken dienen.

Am Ende ist die Zuverlässigkeit des Gesamtsystems die eigentliche Währung für den Return on Investment. Dank des innovativen Schienensystems, der klaren Linienführung durch die TU60 und der durchdachten Qualitätsstrategie verfügt Schmincke nun über eine Anlage, die die Summe ihrer Einzelteile übertrifft.

Inline-Füllkontrolle in Tuben

Erforderlich ist eine robuste Entscheidung pro Tube: ausreichend gefüllt / nicht ausreichend gefüllt, ohne den Linienbetrieb durch zusätzliche Aggregate, Reinigungsaufwand oder hohen Kalibrierbedarf unnötig komplex zu machen. Grundsätzlich kommen dafür drei Messansätze in Frage:

Checkweigher (Wiegen)

Etabliert und sehr genau, aber investitionsintensiv und besonders bei hohen Taktraten und kleinen Gebinden mechanisch anspruchsvoll. Zusätzliche Übergaben, Transport- und Pufferstrecken sind nötig, was die Störanfälligkeit erhöhen können.

Durchflussmessung (volumetrisch/Ultraschall)

Prinzipiell inline und teils berührungslos realisierbar. Bei hoher Sortenvielfalt oder stark wechselnden Dichten der Füllmedien jedoch häufig nicht als bloßes Plug-&-Play möglich. Teaching-, Kalibrier- und Rezeptaufwand steigen, bei stark variierenden Produkteigenschaften.

Massedurchflussmessung (zum Beispiel Coriolis)

Misst die „tatsächliche Masse“ und ist damit sehr robust gegenüber Dichteänderungen. Aber: Meist nicht berührungslos realisierbar, das bedingt bei Sorten- beziehungsweise Formatwechseln hohe Reinigungsaufwände und -kosten sowie zusätzlichen Integrationsaufwand ins Reinigungs- und Wartungskonzept.

Optische Füllstandsbewertung per Laser

Die Füllstandsbewertung mit einem Laser-Lichttaster funktioniert besonders gut, weil das Füllgut, die Künstlermalfarben, deckend beziehungsweise pigmentiert sind und damit eine klare optische Signatur liefern. Die Sensorik ist vergleichsweise kosteneffizient, schnell integrierbar und eignet sich sehr gut, Schlechtteile konsequent aus der Linie herauszuhalten, insbesondere vor der Kartonierung

Ein wichtiger Bezugspunkt ist dabei die Fertigpackungsverordnung beziehungsweise das EU-Regelwerk zur e-Kennzeichnung. Die zulässige Minusabweichung (TNE) hängt von der Nennfüllmenge ab. Für den Praxisblick kann man vereinfacht mit folgenden Größenordnungen rechnen:

  • 5–50 ml: 9 % der Nennfüllmenge
  • 50–100 ml: 4,5 ml
  • 100–200 ml: 4,5 % der Nennfüllmenge
  • Überträgt man diese Volumentoleranzen in eine Längenänderung der Füllhöhe in der Tube, also das, was ein Laser sehr gut abtasten kann, ergeben sich bei typischen Tubendurchmessern bereits mehrere Millimeter Unterschied in der Füllstandshöhe. Und das ist ausreichend, um einzelne Tuben als „kritisch unterfüllt“ zuverlässig zu detektieren.

Berechnungsergebnisse (Längenunterschied ΔL bei TNE):

  • 5 ml, Ø ≈ 13,5 mm: ΔL ≈ 3,1 mm
  • 15 ml, Ø ≈ 19 mm: ΔL ≈ 4,8 mm
  •  35 ml, Ø ≈ 25 mm: ΔL ≈ 6,4 mm
  • 60 ml, Ø ≈ 30 mm: ΔL ≈ 6,4 mm
  • 120 ml, Ø ≈ 35 mm: ΔL ≈ 5,6 mm