Wenn Einzelmaschinen perfekt arbeiten, heißt das noch lange nicht, dass die Linie stabil läuft. Das Beispiel Schmincke zeigt, wie integrierte Verantwortung und klare Schnittstellen aus drei Aggregaten ein zuverlässiges Gesamtsystem machen.
Susanne Schörner-RichterSusanneSchörner-RichterSusanne Schörner-RichterGeschäftsführerin Gustav Obermeyer Beteiligungs GmbH
3 min
Allein die verschiedenen Materialien wie Aquarell und Öl sind echte Herausforderungen beim Verarbeiten.Gustav Obermeyer
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Es ist völlig nachvollziehbar: Wenn Unternehmen hohe Summen
investieren, sollen die Verpackungsschritte jeweils von besten Anlagen
realisiert werden. Doch im Produktionsalltag bleibt der erhoffte Erfolg aus,
wenn die Anlage als Ganzes nicht stabil läuft. Das Problem liegt dabei selten
an den großen Datenblättern der Maschinen, sondern an den „kleinen“ Übergaben
und den nicht offensichtlichen Schnittstellen dazwischen. Ein aktuelles Projekt
der H. Schmincke & Co. GmbH & Co. KG aus Erkrath zeigt, wie durch ein
integriertes Anlagenkonzept der Gustav Obermeyer GmbH & Co. KG die alte
Weisheit „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“ zur wirtschaftlichen
Realität wird.
Übergabe der Tuben an die FüllungGustav Obermeyer
Drei Maschinen in einem Anlagenkonzept
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Das Herzstück und die strategische Schaltzentrale der neuen
Fertigungslinie ist die Tubenfüll- und Verschließmaschine TU60 von Gustav
Obermeyer, Plauen. In der Anlagenkonfiguration nimmt sie die physikalische und
logische Mitte ein: Sie ist hinter dem Etikettierer platziert und steht direkt
vor der Endverpackung, dem Kartonierer.
Der erste Prozessschritt ist das Etikettieren der Alutuben.
Tuben mit unterschiedlichem Durchmesser und Länge für die teilweise recht
kleinen Losgrößen der Farben sind mit einem Klebeetikett zu versehen. Nur wenn
eine füllbereite Tube vorliegt, kann sie an die Füllanlage übergeben werden.
Dieser wesentliche Prozesszustand gibt eindeutige Freigaben an das
Partneraggregat zum Füllen. Nach dem Füllen und Verschließen der Tube schließt
sich die Endverpackung im Kartonierer von JW Verpackungstechnik an. Der Kartonierer
erhält wiederum Signale zur Abholbereitschaft. Die Kopplung der
Anlagenteile ist bewusst schlank gehalten: Zum Etikettierer fließen
Startsignale und Informationen zur Restmengenproduktion. Durch diese zentrale
Steuerung wird verhindert, dass sich kleine Taktabweichungen oder Störungen wie
ein Ketteneffekt durch die gesamte Linie fortpflanzen. Dieses Konzept sorgt
dafür, dass der Anlagenzustand für den Bediener am HMI jederzeit
nachvollziehbar bleibt, ohne dass komplexe Sonderlogiken den Betrieb
erschweren.
Darum entscheiden Übergaben über den Erfolg
In Linien aus Einzelmaschinen ist immer wichtig: Wer
übernimmt die Verantwortung für das Gesamtsystem? Wenn die Fehlerursache nicht
eindeutig zugeordnet werden kann – ist es die Mechanik, die Steuerung, das
Produkt, das Etikett, der Greifer, ein Sensor? –, wird die Verantwortung
zwischen Lieferanten oft hin- und hergeschoben.
Ein sauber definierter Single Point of Responsibility
innerhalb des Maschinenverbunds ist deshalb kein bloßer Marketingbegriff,
sondern ein wirtschaftlicher Hebel:
Klare
Abnahmekriterien: festgelegte Gesamtausbringung für unterschiedliche Formate,
dokumentierte mögliche Störszenarien, auch an Schnittstellen, mit
Abhilfemaßnahmen
Gemeinsame
Testlogik: FAT nicht nur als Einzelmaschinenabnahme, sondern mit
„Linien-Szenarien“: Start, Stopp, Stau, Formatwechsel, Ausschussfälle,
Reinigung
Anlauf-Ökonomie:
Jeder Zeitraum ohne stabile Produktion kostet und zwingt Kunden oft zu teuren
Nachrüstungen von zum Beispiel zusätzlicher Sensorik, mechanischen Umbauten oder
aufwendigen Softwareanpassungen.
Die Lehre: Kunden wollen nicht zwingend eine Marke für
alles, stattdessen wollen sie, dass die Linie am Ende als Einheit funktioniert.
Genau das ist die Kompetenz, die man als Maschinenbauer zusammen mit Partnern
liefern kann, wenn Schnittstellen und Verantwortung vorab sauber definiert
sind.
Herausforderung: Aquarell, Linol, Acryl und Öl
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Pigmentierte Künstlermalfarben unterscheiden sich deutlich
im Hinblick auf Dichte, Fließverhalten und enthaltene Luftanteile und stellen
im Füllprozess komplexe Anforderungen an das Ansaugen, Dosieren, Entlüften und
Verschließen der empfindlichen Alutube. Das gleiche Füllvolumen kann je nach
Farbe oder Farbsorte eine andere Dynamik erzeugen: Öl verhält sich anders als
Linol, Aquarell anders als Acryl. Hinzu kommen veränderte Verhaltensweisen beim
sukzessiven Antrocknen des Füllguts im Trichter, eventuelles Fadenziehen,
notwendiges Rühren während des Füllens oder die Gefahr von Farbverschleppung und
deren Einfluss auf die Reihenfolgeplanung des Produktwechsels.
Die hochwertigen Künstlermalfarben von Schmincke mit ihrer
enormen Diversität fordern die Fülltechnik heraus. Die unterschiedlichen
Qualitäten variieren in den Dichten von 1,16 bis 2,23 g/cm³ und haben
unterschiedliche Konsistenzen. Und die Farben verhalten sich je nach
Pigmentierung unterschiedlich im Füllprozess. Manche Produkte erfordern ein
permanentes Rühren während des Füllens, andere trocknen schnell an und/oder
neigen beim im Trichter zum Fadenziehen. Die installierte Linie muss
Aluminiumtuben in einem Volumenspektrum von 5 ml bis 200 ml verarbeiten. Diese
Formatvielfalt aus allen denkbaren Kombinationen von zu füllender Farbe und
Tubenvolumen ist der eigentliche Gradmesser für die Wirtschaftlichkeit: Eine
Maschine mag laut Datenblatt 60 Tuben pro Minute leisten, doch die wahre
Leistung zeigt sich darin, wie sie zusammen mit den integrierten vor- und
nachgelagerten Prozessschritten funktioniert und wie schnell und fehlerarm
Formatwechsel und Reinigungsprozesse bei dieser Sortentiefe ablaufen.
Schienensystem für maximale Verfügbarkeit
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Ein entscheidender Durchbruch für die Praxistauglichkeit der
Anlage ist das von Gustav Obermeyer realisierte Zugänglichkeitskonzept. Um die
Prozessverfügbarkeit zu maximieren, wurde eine mechanisch einfache, aber extrem
wirksame Lösung implementiert:
Mobile
Einheit: Der Kartonierer ist auf ein Schienensystem gelagert.
Schnelle
Zugänglichkeit: Für Wartungsarbeiten oder die Beseitigung von Störungen kann
der Maschinenteil jederzeit mit wenigen Handgriffen weggezogen werden.
Effizienz:
Die Tubenfüller und Kartonier werden dadurch sofort an den unzugänglichen
Seiten zugänglich, ohne dass zeitaufwändige Demontagen an der Übergabestelle
nötig sind.
Sicherheitslogik:
Die korrekte Arbeitsposition wird über zweikanalige Sicherheitsschalter
überwacht. Nur wenn beide Maschinen wieder präzise angedockt sind und ihre
Verfügbarkeit signalisieren, geben die Steuerungen den Automatikbetrieb wieder
frei.
Dieses Konzept stellt sicher, dass die Linie nach einem
Eingriff schnellstmöglich wieder perfekt zum Weiterproduzieren zur Verfügung
steht und keine unnötigen Stillstandszeiten durch schlechte Erreichbarkeit
kritischer Stellen entstehen.
Intelligente Schnittstellen: „Clever kommt von einfach“
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An der ersten entscheidenden Schnittstelle, zwischen
Etikettierer und Tubenfüller, zeigt sich die Ingenieurskunst im Detail. Durch
das Aufbringen der Etiketten verändern sich die Reibwerte und das Rollverhalten
der Alutuben. Elektrostatische Aufladung kann dazu führen, dass besonders die
kleinen, leichten, ungefüllten Tuben buchstäblich an der Schurre „festkleben“.
Anstatt auf teure und wartungsintensive Ionisatoren oder
Druckluft zu setzen, wurde eine robuste Low-Tech-Lösung gewählt: Ein sanfter
elektrischer Unwuchtmotor unterstützt die Förderung auf der Schurre und
stabilisiert den Tubenfluss. Mechanisch ist die Übergabe über Langlöcher so
flexibel gestaltet, dass Anpassungen an neue Tubendurchmesser ohne
Spezialwerkzeug möglich sind.
Inline-Kontrolle statt späterer Ausschuss
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Ein wesentlicher Teil der Integrationskompetenz bei Gustav Obermeyer ist die konsequente Vermeidung von Ausschuss in der
Endverpackung. Durch eine integrierte Inline-Füllstandsbewertung mittels
Laser-Lichttastern (Keyence LR-X-Serie) wird jede Tube unmittelbar nach dem
Füllen geprüft. Da die pigmentierten Farben eine klare optische Oberfläche
bieten, liefert der Laser eine zuverlässige Signatur.
Der Vorteil dieser frühen Prüfung ist ökonomisch massiv: Nur
als „gut“ erkannte Tuben werden dem Kartonierer zugeführt. Unterfüllte oder
fehlverschlossene Tuben werden sofort ausgeschleust, bevor sie eine
Faltschachtel verbrauchen oder im schlimmsten Fall erst beim Endkunden
reklamiert werden.
Das Projekt bei Schmincke verdeutlicht, dass die moderne Verpackungstechnik eine Integrationskompetenz erfordert, die weit über den Verkauf von Maschinenstahl hinausgeht. Mit der TU60 von Gustav Obermeyer als zentralem Element wurde ein System geschaffen, das nicht nur technische Parameter erfüllt, sondern den Produktionsalltag planbar macht. Ein sauber definierter Single Point of Responsibility sorgt dafür, dass Schnittstellen nicht zum Streitfall zwischen Lieferanten werden, sondern als funktionale Brücken dienen.
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Am Ende ist die Zuverlässigkeit des Gesamtsystems die eigentliche Währung für den Return on Investment. Dank des innovativen Schienensystems, der klaren Linienführung durch die TU60 und der durchdachten Qualitätsstrategie verfügt Schmincke nun über eine Anlage, die die Summe ihrer Einzelteile übertrifft.
Inline-Füllkontrolle in Tuben
Erforderlich ist eine robuste Entscheidung pro Tube:
ausreichend gefüllt / nicht ausreichend gefüllt, ohne den Linienbetrieb durch
zusätzliche Aggregate, Reinigungsaufwand oder hohen Kalibrierbedarf unnötig
komplex zu machen. Grundsätzlich kommen dafür drei Messansätze in Frage:
Checkweigher (Wiegen)
Etabliert und sehr genau, aber investitionsintensiv und
besonders bei hohen Taktraten und kleinen Gebinden mechanisch anspruchsvoll.
Zusätzliche Übergaben, Transport- und Pufferstrecken sind nötig, was die
Störanfälligkeit erhöhen können.
Durchflussmessung (volumetrisch/Ultraschall)
Prinzipiell inline und teils berührungslos realisierbar. Bei
hoher Sortenvielfalt oder stark wechselnden Dichten der Füllmedien jedoch
häufig nicht als bloßes Plug-&-Play möglich. Teaching-, Kalibrier- und
Rezeptaufwand steigen, bei stark variierenden Produkteigenschaften.
Massedurchflussmessung (zum Beispiel Coriolis)
Misst die „tatsächliche Masse“ und ist damit sehr robust
gegenüber Dichteänderungen. Aber: Meist nicht berührungslos realisierbar, das
bedingt bei Sorten- beziehungsweise Formatwechseln hohe Reinigungsaufwände und -kosten
sowie zusätzlichen Integrationsaufwand ins Reinigungs- und Wartungskonzept.
Optische Füllstandsbewertung per Laser
Die Füllstandsbewertung mit einem Laser-Lichttaster funktioniert besonders gut, weil das Füllgut, die Künstlermalfarben, deckend beziehungsweise pigmentiert sind und damit eine klare optische Signatur liefern. Die Sensorik ist vergleichsweise kosteneffizient, schnell integrierbar und eignet sich sehr gut, Schlechtteile konsequent aus der Linie herauszuhalten, insbesondere vor der Kartonierung
Ein wichtiger Bezugspunkt ist dabei die
Fertigpackungsverordnung beziehungsweise das EU-Regelwerk zur e-Kennzeichnung. Die
zulässige Minusabweichung (TNE) hängt von der Nennfüllmenge ab. Für den
Praxisblick kann man vereinfacht mit folgenden Größenordnungen rechnen:
5–50 ml: 9
% der Nennfüllmenge
50–100 ml:
4,5 ml
100–200
ml: 4,5 % der Nennfüllmenge
Überträgt man diese Volumentoleranzen in eine Längenänderung
der Füllhöhe in der Tube, also das, was ein Laser sehr gut abtasten kann,
ergeben sich bei typischen Tubendurchmessern bereits mehrere Millimeter
Unterschied in der Füllstandshöhe. Und das ist ausreichend, um einzelne Tuben
als „kritisch unterfüllt“ zuverlässig zu detektieren.
Berechnungsergebnisse (Längenunterschied ΔL bei TNE):