Offener Brief an Bundeskanzler, Wirtschaftsministerin und Umweltminister

Das Kunststoffrecycling in Europa steht vor dem Aus

Das Deutsche Verpackungsinstitut e. V. (DVI) fordert gemeinsam mit Unternehmen aus Industrie, Marken, Handel und Recyclingwirtschaft den sofortigen Dialog und umfassende Maßnahmen zur Rettung des Kunststoffrecyclings in Europa

2 min
DVI-Geschäftsführerin Dr. Natalie Brandenburg

Der offene Brief führt die Gründe für das Marktversagen auf, schildert die Folgen und benennt konkrete Maßnahmen sowie Vorschläge aus der Wertschöpfungskette. „Auch wenn der Krieg gegen den Iran und dessen Folgen für die globale Wirtschaft aktuell einen gegenläufigen Einfluss auf die Rohölpreise haben, ändert das nichts an der langfristigen Situation. Die Verwerfungen in der globalen Wirtschaft zeigen im Gegenteil nur noch deutlicher, wie notwendig ein funktionierendes und wettbewerbsfähiges Kunststoffrecycling in und für Deutschland und Europa ist“, so DVI-Geschäftsführerin Dr. Natalie Brandenburg angesichts der Lage rund um die Straße von Hormus, die erst nach dem Verfassen des offenen Briefes eskalierte.

Der Brief im O-Ton

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Merz,
sehr geehrte Frau Wirtschaftsministerin Reiche,
sehr geehrter Herr Umweltminister Schneider,

 Politik, Wirtschaft, NGO und Verbraucher in Deutschland und der EU sprechen sich unisono für mehr Kreislaufwirtschaft und den Einsatz von Rezyklaten aus. Rezyklate senken den Ressourcenverbrauch und CO2-Ausstoß erheblich.

 Dessen ungeachtet befinden sich die nationalen und europäischen Kunststoffrecycler in einer höchst kritischen Situation. Das Fortbestehen einer kompletten Schlüsselbranche ist akut gefährdet. Bis Ende 2025 sind fast 1. Mio. t Kunststoffrecyclingkapazität durch Werksschließungen und/oder Insolvenzen verloren gegangen. Die Zahl der Schließungen hat sich 2024 gegenüber 2023 verdoppelt. Für 2025 wird eine Verdreifachung gegenüber 2023 erwartet. Diese Entwicklung gefährdet Arbeitsplätze, Wirtschaftswachstum, Innovation, Klimaziele und unsere Unabhängigkeit im Bereich wichtiger Sekundärrohstoffe. Dem drohenden Strukturverlust in einer Schlüsselbranche der Kreislaufwirtschaft muss jetzt ohne Zögern und Zeitverlust entschieden begegnet werden.

Die Gründe für das Marktversagen

Niedrige Rohölpreise und globale Überkapazitäten führen zu deutlich sinkenden Preisen für fossilbasierte Neuware (Virgin-Kunststoffe). Gleichzeitig gelangen zunehmend preisgünstige Rezyklate aus Drittstaaten sowie Importe nicht normgerechter Rezyklate auf den europäischen Markt. Unsere eigenen Rezyklate verlieren unter diesen Bedingungen zunehmend ihre Wettbewerbsfähigkeit – auch aufgrund der vorherrschenden hohen Energiekosten. Darüber hinaus fehlen klare Positionen zu den Prozessen (z. B. chemisches Recycling), die Unterstützung beim Feststellen der Eignung von Rezyklaten (z. B. durch das BfR und die EFSA) und geeignete Anreize (§21 VerpG, Zielerfüllung von spezifischen Recyclingquoten).

Die Folgen

Die unfaire Angebotssituation führt dazu, dass Anlagen stillgelegt, Investitionen verschoben und Innovationen ausgebremst werden. Technologische Kompetenz, industrielle Infrastruktur, der Zugriff auf Wertstoffe, qualifizierte Arbeitsplätze und wichtige Wertschöpfung gehen unwiederbringlich verloren. Die erfolgreiche Umsetzung der europäischen Kreislaufwirtschaft wird so unmöglich.

Maßnahmen

Kreislaufwirtschaft kann im Kunststoffsektor nur funktionieren, wenn Materialströme innerhalb Europas gehalten und in einem geschlossenen System hochwertig geführt werden.

 Es gibt bereits zahlreiche Vorschläge aus der gesamten Wertschöpfungskette, wie wir diesen Herausforderungen begegnen könnten:

  • Schaffung von Marktanreizen für Rezyklate, z. B. durch steuerliche Vorteile (reduzierte Mehrwertsteuersätze für Rezyklate und daraus hergestellte Produkte), Ökomodulation sowie eine priorisierte Nutzung von Recyclingmaterialien in der öffentlichen Beschaffung.
  • Sicherstellung eines Level Playing Fields für Kunststoffrezyklate, u. a. durch gleiche oder strengere Umwelt- und Qualitätsstandards für importierte Sekundärrohstoffe und klare Nachweispflichten bei Importen.
  • Entlastungen bei Energiekosten, z. B. Berücksichtigung von Recyclingbetrieben im Rahmen des Industriestrompreises.
  • Bürokratieabbau, insbesondere durch beschleunigte und digitalisierte Genehmigungsverfahren.
  • Erleichterung des internationalen Handels mit Sekundärrohstoffen.

Wir ersuchen Sie daher, kurzfristig mit uns als größtes Netzwerk der Verpackungswirtschaft in den Dialog zu gehen, um den drohenden Strukturverlust mit all seinen negativen ökonomischen und ökologischen Folgen abzuwenden und das Kunststoffrecycling als strategischen Wirtschaftszweig zu sichern.