Offener Brief an Bundeskanzler, Wirtschaftsministerin und Umweltminister
Das Kunststoffrecycling in Europa steht vor dem Aus
Das Deutsche Verpackungsinstitut e. V. (DVI) fordert gemeinsam mit Unternehmen aus Industrie, Marken, Handel und Recyclingwirtschaft den sofortigen Dialog und umfassende Maßnahmen zur Rettung des Kunststoffrecyclings in Europa
DVI-Geschäftsführerin Dr. Natalie Brandenburg
André Wagenzik
Der
offene Brief führt die Gründe für das Marktversagen auf, schildert die Folgen
und benennt konkrete Maßnahmen sowie Vorschläge aus der Wertschöpfungskette. „Auch
wenn der Krieg gegen den Iran und dessen Folgen für die globale Wirtschaft aktuell
einen gegenläufigen Einfluss auf die Rohölpreise haben, ändert das nichts an
der langfristigen Situation. Die Verwerfungen in der globalen Wirtschaft zeigen
im Gegenteil nur noch deutlicher, wie notwendig ein funktionierendes und
wettbewerbsfähiges Kunststoffrecycling in und für Deutschland und Europa ist“,
so DVI-Geschäftsführerin Dr. Natalie Brandenburg angesichts der Lage rund um
die Straße von Hormus, die erst nach dem Verfassen des offenen Briefes
eskalierte.
Der Brief im O-Ton
Sehr
geehrter Herr Bundeskanzler Merz,
sehr
geehrte Frau Wirtschaftsministerin Reiche,
sehr
geehrter Herr Umweltminister Schneider,
Politik,
Wirtschaft, NGO und Verbraucher in Deutschland und der EU sprechen sich unisono
für mehr Kreislaufwirtschaft und den Einsatz von Rezyklaten aus. Rezyklate
senken den Ressourcenverbrauch und CO2-Ausstoß erheblich.
Dessen
ungeachtet befinden sich die nationalen und europäischen Kunststoffrecycler in
einer höchst kritischen Situation. Das Fortbestehen einer kompletten
Schlüsselbranche ist akut gefährdet. Bis Ende 2025 sind fast 1. Mio. t Kunststoffrecyclingkapazität durch Werksschließungen und/oder
Insolvenzen verloren gegangen. Die Zahl der Schließungen hat sich 2024
gegenüber 2023 verdoppelt. Für 2025 wird eine Verdreifachung gegenüber 2023
erwartet. Diese
Entwicklung gefährdet Arbeitsplätze, Wirtschaftswachstum, Innovation,
Klimaziele und unsere Unabhängigkeit im Bereich wichtiger Sekundärrohstoffe.
Dem drohenden Strukturverlust in einer Schlüsselbranche der
Kreislaufwirtschaft muss jetzt ohne Zögern und Zeitverlust entschieden begegnet
werden.
Die
Gründe für das Marktversagen
Niedrige
Rohölpreise und globale Überkapazitäten führen zu deutlich sinkenden Preisen
für fossilbasierte Neuware (Virgin-Kunststoffe). Gleichzeitig gelangen
zunehmend preisgünstige Rezyklate aus Drittstaaten sowie Importe nicht
normgerechter Rezyklate auf den europäischen Markt. Unsere eigenen Rezyklate
verlieren unter diesen Bedingungen zunehmend ihre Wettbewerbsfähigkeit – auch
aufgrund der vorherrschenden hohen Energiekosten. Darüber hinaus fehlen klare
Positionen zu den Prozessen (z. B. chemisches Recycling), die Unterstützung
beim Feststellen der Eignung von Rezyklaten (z. B. durch das BfR und die EFSA)
und geeignete Anreize (§21 VerpG, Zielerfüllung von spezifischen
Recyclingquoten).
Die
Folgen
Die
unfaire Angebotssituation führt dazu, dass Anlagen stillgelegt, Investitionen
verschoben und Innovationen ausgebremst werden. Technologische Kompetenz,
industrielle Infrastruktur, der Zugriff auf Wertstoffe, qualifizierte
Arbeitsplätze und wichtige Wertschöpfung gehen unwiederbringlich verloren. Die
erfolgreiche Umsetzung der europäischen Kreislaufwirtschaft wird so unmöglich.
Maßnahmen
Kreislaufwirtschaft
kann im Kunststoffsektor nur funktionieren, wenn Materialströme innerhalb
Europas gehalten und in einem geschlossenen System hochwertig geführt werden.
Es
gibt bereits zahlreiche Vorschläge aus der gesamten Wertschöpfungskette, wie
wir diesen Herausforderungen begegnen könnten:
- Schaffung von Marktanreizen für Rezyklate, z. B. durch steuerliche Vorteile (reduzierte Mehrwertsteuersätze für Rezyklate und daraus hergestellte Produkte), Ökomodulation sowie eine priorisierte Nutzung von Recyclingmaterialien in der öffentlichen Beschaffung.
- Sicherstellung eines Level Playing Fields für Kunststoffrezyklate, u. a. durch gleiche oder strengere Umwelt- und Qualitätsstandards für importierte Sekundärrohstoffe und klare Nachweispflichten bei Importen.
- Entlastungen bei Energiekosten, z. B. Berücksichtigung von Recyclingbetrieben im Rahmen des Industriestrompreises.
- Bürokratieabbau, insbesondere durch beschleunigte und digitalisierte Genehmigungsverfahren.
- Erleichterung des internationalen Handels mit Sekundärrohstoffen.
Wir
ersuchen Sie daher, kurzfristig mit uns als größtes Netzwerk der
Verpackungswirtschaft in den Dialog zu gehen, um den drohenden Strukturverlust
mit all seinen negativen ökonomischen und ökologischen Folgen abzuwenden und
das Kunststoffrecycling als strategischen Wirtschaftszweig zu sichern.