Brandbrief an die EU-Kommission
Europäische Kunststoffbranche fordert Sofortprogramm
28 Organisationen entlang der Kunststoff-Wertschöpfungskette schlagen Alarm: Angesichts sinkender Produktionskapazitäten, hoher Energiekosten und zunehmender Importkonkurrenz fordern sie von der EU-Kommission kurzfristige Maßnahmen zur Stärkung der europäischen Kunststoff- und Recyclingindustrie.
Im Zentrum der Forderungen stehen sogenannte Spiegelmaßnahmen.
OpenAI
Die europäische Kunststoff- und Kunststoffrecyclingindustrie fordert von der Europäischen Union ein umfassendes Maßnahmenpaket zur Sicherung ihrer Wettbewerbsfähigkeit. In einem gemeinsamen Schreiben an EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bekräftigen 28 Verbände und Organisationen aus der gesamten Wertschöpfungskette sechs strategische Handlungsempfehlungen, die aus Sicht der Unterzeichner dringend umgesetzt werden müssen:
Faire Wettbewerbsbedingungen gegenüber Importen
Wettbewerbsfähige Energiekosten
Wirksamere Kontrollen und Durchsetzung bestehender Regeln
Abbau regulatorischer Fragmentierung innerhalb Europas
Bessere Rahmenbedingungen für Innovation und private Investitionen
Stärkung der EPR-Systeme
Kritische Situation beim Kunststoffrecycling
Hintergrund ist die sich weiter verschärfende wirtschaftliche Lage der Branche. Nach Angaben der Initiatoren mussten zwischen 2023 und dem zweiten Quartal 2026 Recyclingunternehmen mit einer Gesamtkapazität von rund 1,1 Mio. t ihre Anlagen schließen. Gleichzeitig stagnierte die europäische Kunststoffproduktion 2024 bei 54,6 Mio. t. Der Anteil Europas an der globalen Kunststoffproduktion sank demnach von 25 % im Jahr 2006 auf 12 % im Jahr 2024 und könnte bis 2034 auf lediglich 7 % zurückgehen.
Besonders kritisch sehen die Verbände die Lage im Kunststoffrecycling. Bereits heute gefährdeten ungünstige Marktbedingungen bestehende Recyclingkapazitäten und Investitionen in neue Anlagen. Niedrigpreisige Importe von Rezyklaten sowie Halb- und Fertigprodukten aus Drittstaaten würden den Wettbewerbsdruck zusätzlich erhöhen.
Im Zentrum der Forderungen stehen deshalb sogenannte Spiegelmaßnahmen. Importierte Kunststoffe und Recyclingmaterialien sollen denselben Umwelt-, Qualitäts- und Nachhaltigkeitsanforderungen unterliegen wie in Europa hergestellte Produkte. Zudem verlangen die Verbände strengere Zollkontrollen sowie eine bessere Marktüberwachung, um Herkunft und tatsächlichen Rezyklatgehalt importierter Materialien verlässlicher überprüfen zu können.
Verlust von Arbeitsplätzen droht
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Kostenbelastung durch Energie. Die Unterzeichner fordern einen besseren Zugang zu wettbewerbsfähiger Energie und den Abbau regulatorischer Unsicherheiten sowie administrativer Hürden.
Darüber hinaus sprechen sich die Organisationen für stärkere Investitionsanreize und die Weiterentwicklung der erweiterten Herstellerverantwortung (EPR) aus. Diese soll dazu beitragen, recyclinggerechtes Produktdesign und den Einsatz von Rezyklaten wirtschaftlich attraktiver zu machen.
Die Verbände sehen im geplanten EU-Kreislaufwirtschaftsgesetz eine entscheidende Gelegenheit, die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Kunststoffindustrie mit den Zielen der Kreislaufwirtschaft zu verbinden. Ohne kurzfristige Gegenmaßnahmen drohten weitere Werksschließungen, der Verlust von Arbeitsplätzen und eine Schwächung der europäischen Recyclingwirtschaft. Ein wettbewerbsfähiger und resilienter Kunststoffsektor sei nicht nur für die Branche selbst wichtig, sondern auch für Europas industriepolitische Ziele, strategische Autonomie und den Aufbau einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft.