Redaktion: Herr Pescher, die deutsche Kunststoffverarbeitung hat zwischen 2021 und 2023 rund 8,5 % Produktionsvolumen verloren, die Kunststoffverpackungsproduktion fiel 2023 auf etwa 3,81 Mio. t. Ist die Branche inzwischen über den Tiefpunkt hinweg – oder erleben wir eine strukturelle Krise des Standorts Deutschland?
Georg Pescher: Der Konsum von Kunststoffverpackungen ist in den vergangenen fünf Jahren eher konstant geblieben, allerdings gab es Sondereffekte. Corona war teilweise ein Boost, der Ukrainekrieg hat vieles deutlich teurer gemacht und zur Konsumzurückhaltung geführt. Auch das zweite Halbjahr 2025 war relativ schwach. Bei Chemie und Bau sehen wir eine länger anhaltende Konjunkturschwäche, der Konsumbereich läuft eher seitwärts.
Gleichzeitig konvertieren wir weniger Tonnage, weil Verpackungen immer leichter werden. Eine 1,5-l-PET-Flasche kam einmal von über 30 g, heute liegen wir teilweise bei 22 g. Kunststoffverpackungen werden aber weiterhin gebraucht. Eine Pleitewelle sehen wir nicht. Die Branche bleibt ein wichtiger und zukunftsfähiger Wirtschaftsfaktor.
Redaktion: Gleichzeitig müssen die Unternehmen in recyclingfähige Verpackungen, neue Materialien und Produktionsprozesse investieren. Fehlt in der aktuellen Situation das Geld für diese Transformation?
Pescher: Eine Investitionszurückhaltung gibt es auf jeden Fall. Die größte Unsicherheit sehe ich im Recyclingbereich: Welche Verfahren werden zugelassen und welche Rezyklatqualitäten dürfen für welche Anwendungen eingesetzt werden? Dass wir Recycling brauchen, ist klar. Unklar ist, welche Anforderungen gelten und welches Preisschild daran hängt. Für Kreislaufwirtschaft und Klimaschutz ist Recycling die Grundlage.
Redaktion: Wo liegen derzeit die größten Engpässe beim Rezyklat?
Pescher: Vor allem fehlen hochwertige Rezyklate auf Basis von Polyolefinen, also PE und PP, für kontaktsensitive Anwendungen – insbesondere Lebensmittel. Hier gibt es große Unklarheiten bei Materialanforderungen und zugelassenen Recyclingprozessen. Für Investitionen ist das Gift.
Beim PET haben wir mit dem deutschen Pfandsystem einen hochwertigen Stoffstrom. Hier kommen rund 400.000 t Pfandware zurück. Davon werden grob 30 % wieder zu Regranulat für PET-Flaschen; ein erheblicher Teil geht aber etwa in Folien oder die Faserindustrie. Bei Fasern ist das wirtschaftlich nachvollziehbar, weil sortierte und gewaschene Flakes eingesetzt werden können. Lebensmitteltaugliches Rezyklat verursacht zusätzliche Kosten; nach meiner Größenordnung entfallen etwa 40 % der Herstellungskosten auf Extrusion und Aufbereitung.
Aus Sicht einer echten Kreislaufwirtschaft stellt sich deshalb die Frage: Was verstehen wir unter Recycling und was unter Downcycling? Aus einer Verpackung sollte möglichst wieder eine Verpackung werden.
Redaktion: Wie lässt sich dieses Downcycling verhindern? Braucht es dafür noch mehr Regulierung?
Pescher: Man könnte Recycling so definieren, dass aus einer Verpackung wieder eine Verpackung wird und Downcycling vermieden wird. Auch eine Verteuerung von Neuware wäre denkbar. Regularien sind sinnvoll, wenn sie Markt, Konsumenten oder Umwelt verbessern. Was wir momentan vielfach sehen, ist dagegen zusätzliche Bürokratie.
Redaktion: Die PPWR verlangt ab 2030 je nach Verpackung Rezyklatanteile von 10 bis 35 %. Gleichzeitig wird eine erhebliche Versorgungslücke erwartet – die Rede ist von mehr als 860.000 t fehlendem Post-Consumer-Rezyklat pro Jahr. Gerade bei Lebensmittelverpackungen fehlen zudem klare technische Rahmenbedingungen. Hat die Politik Ziele formuliert, bevor geklärt wurde, wie sie erreichbar sind?
Pescher: Die Regulatorik scheitert aus meiner Sicht an der Komplexität des Faches. Anwendungen von Medizintechnik über Lebensmittel bis Motoröl und Materialien wie Polyolefine, Polystyrol oder PET haben sehr unterschiedliche Anforderungen. Hinzu kommen besonders anspruchsvolle flexible Lebensmittelverpackungen.
Man müsste deshalb stärker differenzieren. Eine Speiseölflasche aus Polyolefin stellt andere Anforderungen als ein Verschluss auf einer Mineralwasserflasche. Das Gleiche gilt für Anwendungen im Kosmetikbereich, hier lassen sich definitv gute Lösungen entwickeln die Konsumenten sicher sind und ambitionierte Quoten erfüllen können.
Die PPWR-Ziele – Abfallreduzierung, Kreislaufwirtschaft und Ressourcenschonung – müsste man stufenweise umsetzen. Bei Getränkeverschlüssen auf PET-Flaschen könnte man höhere Rezyklatquoten früher umsetzen. Bei Lebensmittelbehältern, für die geeignete Qualitäten fehlen, müsste man schrittweise vorgehen. Wir brauchen keinen Ansatz nach dem Motto null oder eins. Zunächst muss geklärt werden, was mit den heute verfügbaren Qualitäten und Mengen machbar ist, und was künftige Recyclingverfahren bereitstellen können. Darauf aufbauend kann man die Quoten erhöhen.
Redaktion: Zugleich konkurriert die Verpackungsindustrie mit Automobil-, Bau- und anderen Industrien um dieselben Stoffströme. Verschärft das die Situation zusätzlich?
Pescher: Diesen Wettbewerb wird es definitiv geben. Auch die Automobilindustrie muss Rezyklate einsetzen, verfügt bislang aber kaum über eigene Recyclingströme in nennenswertem Umfang. Also wird man auf Post-Consumer-Rezyklat aus unterschiedlichen Quellen zugreifen. Das deutsche Pfandsystem oder – bei guter Sortierung – der Gelbe Sack sind sehr gute Quellen. Diese Rezyklate beanspruchen wir für unsere Industrie. Sie sind das Ergebnis von unserem Design for Recycling und funktionierender Sammlung und Sortierung.
Gerade die PET-Flasche ist ein Role Model für Kreislaufwirtschaft: Über das Pfandsystem entsteht ein gut gesammelter und sortierter Stoffstrom, aus dem wieder ein Produkt hergestellt werden kann, das Neuware eins zu eins ersetzt.
Redaktion: Welche Rolle kann chemisches Recycling dabei spielen?
Pescher: Mechanisches Recycling wird mengenmäßig die dominierende Art des Recyclings bleiben, weil es energiesparender, ökologischer und letztlich auch günstiger ist. Beim chemischen Recycling lassen sich teilweise höherwertige beziehungsweise reinere Rezyklate herstellen. Gleichzeitig entwickelt sich auch das mechanische Recycling durch bessere Sortierung, Extrusion und Reinigung weiter. Auch weitere Technologien wie lösemittelbasierte Verfahren werden sich entwickeln. Unsere Zukunft in Mitteleuropa muss sein, aus Abfällen hochwertige Rohstoffe zu gewinnen, statt neue fossile Ressourcen einzusetzen.
Chemisches Recycling wird dabei eine Rolle spielen. Wegen höherer Anlagenkosten und des Energiebedarfs kann es aber nicht für jeden Stoffstrom die bevorzugte Lösung sein.
Redaktion: Der regulatorische Druck auf Kunststoff könnte dazu führen, dass Unternehmen stärker auf Papier oder Materialverbunde ausweichen. Besteht die Gefahr, dass Verpackungen dadurch zwar ökologischer aussehen, es aber nicht unbedingt sind?
Pescher: Diese Gefahr besteht. Ein solcher Automatismus wäre aber falsch. Verpackungen müssen auf Basis von Zahlen, Daten und Fakten bewertet werden. Kunststoffverpackungen haben beim Ressourceneinsatz große Vorteile. Rezyklateinsatz ist ein zentraler Hebel für den CO2-Fußabdruck. Faktisch kann jedes g Rezyklat, das Neuware ersetzt, den CO2-Fußabdruck je nach Energiequelle um etwa 60 bis 90 % reduzieren.
Das Imageproblem ist trotzdem da. Kunststoff wird mit verschmutzten Meeren und Plastikmüll verbunden. Diese Verschmutzung ist eine Katastrophe, aber zunächst ein Problem von Konsumenten Verhalten und fehlender Entsorgungs Infrastruktur. Der Plastikmüll ist das Resultat einer nicht funktionierenden Abfallwirtschaft, würde es keine Kunststoffverpackungen geben, würden Verpackungen aus anderen Materialien unsachgemäß entsorgt. Das Müllproblem bleibt! In der öffentlichen Diskussion wird häufig nicht differenziert, dass die Regulierung einer Kunststoffverpackung in Deutschland keine direkte Auswirkung auf Kunststoffabfälle in anderen Weltregionen hat. Hier haben wir funktionierende Sammelsysteme.
Redaktion: Wenn wir den Blick auf den Standort richten: Welche Kunststoffverpackungen können perspektivisch überhaupt noch wettbewerbsfähig in Deutschland beziehungsweise Europa produziert werden? Und wie wichtig ist dabei die Resilienz der Wertschöpfungsketten?
Pescher: Kunststoffverpackungen werden grundsätzlich dort produziert, wo man sie benutzt. Innerhalb unserer Industrie muss man aber unterscheiden.
Alles, bei dem wir viel Luft transportieren – vom kleinen Tiegel bis zum 1.000-l-IBC –, wird man nicht beliebig durch die Welt schippern. Bei der Hohlkörperproduktion bin ich deshalb relativ unbesorgt. Folienproduktion ist leichter verlagerbar und relativ wenig personalintensiv, dafür spielt Energie eine große Rolle. Wettbewerbsfähige Energiepreise sind deshalb entscheidend. In Spanien zeigt sich, wie zusätzliche Kunststoffabgaben die Produktion unter Druck setzen und Importe attraktiver machen können.
Europa hat viele gute Unternehmen und hervorragende Technologien. Gerade die Kreislaufwirtschaft bietet für die Resilienz große Chancen: Wir haben die Abfälle und das Know-how, daraus hochwertige Rohstoffe zu machen. Es geht deshalb nicht nur um Rezyklateinsatz, Abfall- und CO2-Reduktion, sondern auch um unabhängigere und widerstandsfähigere Wertschöpfungsketten. Dafür brauchen Unternehmen wettbewerbsfähige Energiekosten, weniger Bürokratie, Fachkräfte und eine materialneutrale Regulierung.
IK Industrievereinigung Kunststoffverpackungen
Die IK Industrievereinigung Kunststoffverpackungen e.V. mit Sitz in Bad Homburg ist der wichtigste Wirtschaftsverband der deutschen Kunststoffverpackungsindustrie. Der Verband vertritt die Interessen von Herstellern von Kunststoffverpackungen und Kunststofffolien gegenüber Politik, Behörden, Medien und Öffentlichkeit. Zu den rund 300 Mitgliedsunternehmen zählen überwiegend mittelständische Kunststoffverarbeiter sowie etwa 50 Fördermitglieder aus angrenzenden Branchen. Die Mitgliedsunternehmen repräsentieren nach Verbandsangaben mehr als 80 % der deutschen Kunststoffverpackungsproduktion. Die Branche erwirtschaftet einen Jahresumsatz von rund 16 Mrd. Euro und beschäftigt etwa 90.000 Mitarbeiter.