Abenteuer Unternehmensnachfolge

Wie kaufe ich eigentlich ein Unternehmen?

„Wenn Du in den ersten fünf Minuten vor Ort keine Vorstellung entwickeln kannst, wo Du mit dem Unternehmen hinwillst, dann wird das nix“, resümiert Marco De Pizzol. Gemeinsam mit Knox hat er sich rund zehn Verpackungsunternehmen angeschaut und Anfang November 2025 die Akquisition der schleswig-holsteinischen Gebeke Verpackungen GmbH abgeschlossen.

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Um Markteintrittsbarrieren zu vermeiden kann es sinnvoll sein, ein bestehendes Unternehmen zu kaufen, statt ein neues zu gründen.
Um Markteintrittsbarrieren zu vermeiden, kann es sinnvoll sein, ein bestehendes Unternehmen zu kaufen, statt ein neues zu gründen.

Ursprünglich hat den 39-Jährigen ein Headhunter in die Verpackungsbranche geholt. Rako-Etiketten (heute All-4-Labels) suchte 2015 einen Projektmanager für China und Marco De Pizzol brachte durch seine Bachelorzeit bei ZF Friedrichshafen in Shanghai und seine Tätigkeit als Wirtschaftsingenieur für Hansgrohe sowohl China-Erfahrung als auch ein tiefgreifendes Produktionsverständnis mit.

Der neue Besitzer von Gebeke Verpackungen: Marco De Pizzol.
Der neue Besitzer von Gebeke Verpackungen: Marco De Pizzol.

„Rako hatte mich im Rahmen des Bewerbungsprozesses zu einem Schnuppertag eingeladen und ich war sofort fasziniert von Etiketten. Bei Hansgrohe war man sehr gut darin, ein und dasselbe Produkt über Jahre in hoher Auflage zu fertigen und die Produktion bis ins Kleinste zu optimieren. Bei Etiketten war aber jeder Auftrag anders. Selbst ein Wiederholer erforderte oftmals irgendwelche Veränderungen. Diese Flexibilität in einem industriellen Umfeld hat mich sofort angefixt.“

Mit dieser Begeisterung sprang De Pizzol ins kalte Wasser, übernahm binnen kurzer Zeit die Verantwortung für den Rako-Standort in Hangzhou, danach die Aufgabe, eine Greenfield-Produktion in Guangzhou aufzubauen. Was ihn dafür prädestinierte, waren auch seine Erfahrungen bei ZF und Hansgrohe. In der Analyse und Optimierung von Produktionsprozessen war man im Maschinenbau damals deutlich weiter als in der Verpackungsbranche, zerlegte Arbeitsprozesse in ihre Teilschritte und analysierte immer wieder, was man noch besser machen kann. „Und es zeigte sich, dass ich gut darin bin, im Chaos eine Struktur zu finden und daraus etwas aufzubauen“, so De Pizzol.

Seine Erfolge in China bescherten ihm in der Folge einige weitere interessante Aufgaben im Projektmanagement der All-4-Labels-Gruppe, in kaufmännischer Interimsverantwortung und als Managing Director von All-4-Labels South Africa, bevor er 2022 zu ATB Systemetiketten (mittlerweile Asteria Group) wechselte und Geschäftsführer des Herner Etikettenherstellers wurde.

Ein lang gehegter Wunsch nimmt langsam Gestalt an

„Innerlich hegte ich allerdings schon lange den Wunsch, etwas Eigenes zu haben“, erläutert De Pizzol. Tatsächlich war er schon während seines Bachelorstudiums mit zwei Kommilitonen als Berater selbstständig tätig, entschied sich aber dann, nach dem Masterstudium „erstmal etwas zu lernen“ und Industrie- und Praxiserfahrung zu sammeln. Mit seinem Blick für die Optimierung von Produktionsprozessen, aber auch durch seine Affinität zum Kunden, konnte De Pizzol über die Jahre viel Mehrwert für Unternehmen der Verpackungsbranche schaffen und war 2024 an dem Punkt angekommen, die Suche nach einem eigenen Unternehmen aktiv in die Hand zu nehmen. „Ich wusste, dass ich es kann. Ein Unternehmen zu entwickeln, das kriege ich hin. Und wenn es mein eigenes ist, dann kann ich dort mit meinen eigenen Werten agieren und dadurch bei meinen Mitarbeitern wie auch bei meinen Kunden Vertrauen und Loyalität gewinnen“, fasst der Unternehmer seine Gedanken zusammen. Trotzdem war es keine Alternative für De Pizzol, selbst ein Unternehmen zu gründen. Zu hoch sieht er die Markteintrittsbarrieren, um als Neueinsteiger im Verpackungsmarkt erfolgreich sein zu können.

Wie gelang die Suche nach einem geeigneten Unternehmen?

Dass Gebeke einen Schwerpunkt auf Pharma-Faltschachteln hat, hat De Pizzol begeistert.
Der Fokus von Gebeke auf Faltkartons für die Pharmaindustrie begeisterte De Pizzol.

Gemeinsam mit Knox hat De Pizzol die Suche nach einem geeigneten Unternehmen gestartet, wobei nach jahrelanger Pendelei die Firma idealerweise in seiner schleswig-holsteinischen Heimat ansässig sein und gewisse Kriterien an Ausrichtung, Größe und Ertragskraft erfüllen sollte. „Bis auf ein bis zwei alte Kontakte war im Wesentlichen Knox der Treiber, hat Unternehmen identifiziert, die man erwerben könnte, oder auch aus seinem Netzwerk mitbekommen, wo Unternehmensnachfolgen anstehen. Das alles wurde sehr gut vorbereitet, Informationen herausgesucht, kurz und knapp zusammengefasst, sodass wir uns sehr systematisch und ohne zu viel Emotionen zu entwickeln einen ersten Eindruck verschaffen konnten“, würdigt De Pizzol die Zusammenarbeit mit Andreas Frey, die zur Ansprache und zum Besuch mehrere norddeutscher Verpackungsunternehmen führte.

Darunter welche, bei denen De Pizzol nicht in den ersten fünf Minuten das richtige Gefühl entwickeln konnte, bei denen eine verbaute Betriebsimmobilie Optimierungs- und Wachstumsmöglichkeiten im Weg stand oder die Produktion einen eher hoffnungslosen Eindruck hinterließ. Aber auch eines, mit dem man bereits im Sommer 2024 recht weit in den Gesprächen war, bei dem sich aber zeigte, dass der Unternehmer trotz fortgeschrittenen Alters im Grunde nicht willens war, sich von seinem Unternehmen zu lösen, immer wieder neue Themenfelder aufmachte und auch heute, eineinhalb Jahre nachdem De Pizzol die Gespräche abgebrochen hat, seine Nachfolge noch nicht umsetzen konnte.

Als weitere spannende Möglichkeit bot sich eine Übernahme der Gebeke Verpackungen GmbH in Horst bei Elmshorn an. „Bei Gebeke gefiel mir, dass die Ausgangsbasis unglaublich gut war. Du hast ein Unternehmen, das kleine Auflagen kann, aber auch Volumen, und Du hast Mitarbeiter und Prozesse, die beides vernünftig und professionell handeln können. Zudem bist Du durch den Schwerpunkt in Pharma-Faltschachteln mit einem hohen Qualitätsanspruch unterwegs“, schwärmt De Pizzol für das Unternehmen, das er zwischenzeitlich übernommen hat.

Auch Brigitte Gebeke, die ihr Unternehmen im Alter von 76 Jahren aus der Hand gab, fiel es lange schwer loszulassen. Doch bei De Pizzol hat sie neben der Person des jungen Unternehmers die Sicherheit für ihr Lebenswerk und für ihre Mitarbeiter überzeugt, die Gewissheit, dass das Unternehmen unter seinem Namen weiter besteht und dass das, was sie aufgebaut hat – wenn auch sicherlich nach und nach weiterentwickelt –, fortgeführt wird.

Warum das Know-how eines M&A-Beraters wichtig ist

Bei all dem hat De Pizzol auch die Zusammenarbeit mit einem M&A-Berater geholfen. Auch wenn er im Rahmen der Wachstumsstrategie von All-4-Labels schon Berührungspunkte mit Akquisitionen hatte, steuert ein branchenerfahrener M&A-Spezialist aus seiner Sicht nicht nur den Zugang zu passenden Unternehmen bei, sondern auch das Verständnis eines M&A-Prozesses, das Know-how, wo man genauer hinschauen muss, und letztlich auch die Möglichkeiten der Ausgestaltung einer Transaktion und ihrer Finanzierung. Die Finanzierungslandschaft für Unternehmensnachfolgen hat De Pizzol durchaus unterschiedlich wahrgenommen: „Es gab ein paar Banken, die sehr offen waren, den jungen Nachfolger gesehen haben, meine Ideen und meine mitgebrachten Erfahrungen. Aber ich habe auch Banken erlebt, die nicht bereit waren, den neuen Weg zu verstehen, mitzugehen und zu unterstützen. Einige Banken waren in meiner Wahrnehmung wahnsinnig konservativ.“

So hat auch der Aufbau der Finanzierung Zeit gekostet und die Gestellung privater Sicherheiten des Jungunternehmers erfordert. Für De Pizzol war es jedoch wichtig, nicht nur die Übernahme des Unternehmens und der Betriebsimmobilie zu finanzieren, sondern auch einen großzügigen Puffer einzubauen. „Es kann immer irgendetwas passieren oder Investitionen in Maschinen oder Warenlager erforderlich werden und man sagt nicht umsonst, dass die meisten Ideen nicht am Willen scheitern, sondern daran, dass einem die Zeit oder das Kapital ausgeht. Und man will ja nicht, dass das Abenteuer Unternehmensnachfolge endet, bevor es angefangen hat.“ Die Finanzierung großzügig anzulegen, ist auch einer der Tipps, die De Pizzol jedem anderen Nachfolgeunternehmer geben möchte. Ein weiterer Hinweis von ihm ist, dass man als Management-Buy-In Zeit und Geduld braucht – um den Unternehmer zu überzeugen, ihn für sich zu gewinnen, um Unterlagen einzufordern, Strukturen zu besprechen und zu verhandeln – und dass man vielleicht auch mal die Bereitschaft zeigen muss, beim Kaufpreis noch eine kleine Schippe draufzulegen, um den letzten Ausschlag zu geben.

Seit Anfang November 2025 in der Verantwortung bei Gebeke, erlebt De Pizzol, wie wichtig die erfolgreiche Nachfolge auch für das Unternehmen ist. Angesichts des Alters der ausscheidenden Unternehmerin schwebte für die Mitarbeiter natürlich seit Längerem die Frage im Raum, wie und mit wem es weitergeht, auf die der 39-Jährige nun die Antwort ist. Dabei hat er auch eine klare Vorstellung, wohin er das Unternehmen mit seinem Team entwickeln will. Von der unglaublich guten Ausgangsbasis des Pharma-Faltschachtel-Herstellers, der kleine Volumen ebenso wie große abbilden kann, sieht De Pizzol die Aufgaben, die Prozesse weiterzuentwickeln, einen Fokus auf den Vertrieb zu legen, neue Kunden zu gewinnen und diese vernünftig onzuboarden. Dabei soll die Expertise und das Qualitätsbewusstsein aus dem Pharma-Produktionsprozess genutzt werden. De Pizzol ist sich aber bewusst, dass der Aufbau neuer Pharmakunden ein eher mittelfristiger Prozess ist: „Kurzfristig wollen wir unsere Chancen auch in dynamischeren Märkten suchen, wie im Bereich Nahrungsergänzungsmittel, bei hochwertiger Kosmetik oder bei ausgewählten hochwertigen Food-Produkten.“

Dabei wird De Pizzol nicht nur sein Know-how und seine Kontakte aus 15 Jahren Label-Business einfließen lassen. „In fünf Jahren sehe ich uns mit 50 Prozent mehr Mitarbeitern bei einem verdoppelten Umsatz und erwarte, dass Gebeke sich auch in benachbarten Branchen positioniert hat, so lange dies nicht im Widerspruch zu den hochwertigen Produkten steht, die wir für unsere Pharma-Kunden fertigen. Und in zehn Jahren kann ich mir vorstellen, dass wir neben Faltschachteln auch eine kleine, aber feine digitale Etikettenproduktion haben. Schließlich kommt in viele unserer Faltschachteln ein etikettiertes Produkt oder es erfolgt der Verschluss der Schachteln Tamper-evident durch entsprechende Labels.“ Ob dies die Vorstellung war, die De Pizzol schon in den ersten fünf Minuten vor Ort bei Gebeke Verpackungen in Horst/Schleswig-Holstein entwickelt hat, bleibt sein Geheimnis.

Knox

Knox ist eine Unternehmens- und Personalberatungsgesellschaft, deren Engagement der Verpackungs- und Druckindustrie gilt, sei es in der Produktion, im Handel oder im Dienstleistungsbereich. Das Team von Knox berät seit nahezu 20 Jahren in Deutschland, Europa und darüber hinaus Unternehmen in diesem Branchenumfeld bei strategischen Herausforderungen, insbesondere auch durch die umfängliche Betreuung und den erfolgreichen Abschluss von Unternehmenstransaktionen.

Wie kaufe ich ein Unternehmen? Die Kurzfassung:

1. Wie findet man das richtige Unternehmen?

  • systematische Suche, idealerweise mit M&A‑Berater
  • schneller Ersteindruck entscheidet oft
  • Fokus auf Potenzial, nicht Perfektion

2. Welche Auswahlkriterien können entscheidend sein?

  • Standort, Größe, Ertrag
  • Zustand von Produktion und Prozessen
  • Zukunftsfähigkeit und Investitionsbedarf

3. Warum kann ein M&A‑Berater hilfreich sein?

  • Zugang zu passenden Unternehmen
  • strukturierte Analyse und Risikobewertung
  • Unterstützung bei Prozess, Verhandlung, Gestaltung, Finanzierung

4. Warum Übernahme statt Neugründung?

  • höhere Eintrittsbarrieren im Markt
  • bestehende Prozesse, Kunden, Mitarbeiter vorhanden
  • schnellere Stabilität und Wachstumsmöglichkeiten

5. Welche typischen Ziele verfolgen Nachfolger?

  • Ausbau von Kapazitäten
  • Erschließen neuer Märkte
  • ergänzende Produktion oder neue Technologien integrieren