Philipp Lehner

Philipp Lehner ist seit 1. Januar 2021 CEO der Alpla Group. (Bild: Alpla)

neue verpackung: Alpla stellt Kunststoffverpackungen her und möchte dies auch möglichst nachhaltig tun. Hier spielen Rezyklate eine entscheidende Rolle. Nun kann es bereits in Deutschland, wo die Kreisläufe für Kunststoff gut ausgebaut sind, herausfordernd sein, Rezyklat in ausreichenden Mengen zu erhalten. Wie ist Ihre Strategie in Ländern, die hier erst am Anfang stehen?
Philipp Lehner: Grundsätzlich muss man sagen: Der Markt ist im Aufbruch, ein wirklich etabliertes System gibt es auf globaler Ebene noch nicht. Die bei uns vorliegende Supply Chain für Kunststoffe hat sich über viele Jahrzehnte eingependelt; dazu gehören das Vertragswesen, aber auch Verlässlichkeiten, die sich erst über die Zeit ergeben. Und jetzt kommt dieses neue Material namens Rezyklat.

Hier muss man erst einmal unterscheiden zwischen dem, was direkt nach dem Konsum an Wertstoff anfällt, und was tatsächlich in Summe als Ergebnis eines Recyclingprozesses zur Verfügung steht, sei es in Form von Flakes oder in Form von Pellets. Hier gibt es gleich ein paar Themen, die das Vertrauen in das System untergraben: Da ist zum einen die Verfügbarkeit auf der Bail-Seite, die sich im Bereich der Sammelquoten gerade verbessert, aber immer noch recht volatil daherkommt. Zum anderen ist da der Abnehmermarkt. Denn es gibt aktuell sehr viel Downcycling und leider nur wenige Cradle-to-cradle-Applikationen. Das macht es für uns als Hersteller im Feld der Getränkeverpackungen manchmal schwierig, wenn wir beispielsweise mit Herstellern von Autositzen oder T-Shirts um PET-Rezyklat konkurrieren müssen.

Um in dieses System Sicherheit – und damit meine ich auch Preissicherheit – zu bekommen, verfolgen wir aktuell zwei Ansätze: Wir setzen auf unser eigenes Netzwerk von Rezyklatherstellern, in das wir jedes Jahr rund 50 Mio. Euro investieren, indem wir entweder Maschinen in eigene, bestehende Infrastruktur investieren oder aber auch Unternehmen integrieren. Zum anderen sind wir aktuell in einer Situation, wo der Markt in Sachen Qualitätsanspruch noch komplett ungeformt ist.

Natürlich gibt es Bereiche, wie die Getränkeflasche, aus der wir reines Material erhalten, das sich zu Granulat verarbeiten und dann leicht wieder prozessieren lässt. Um Lieferfähigkeit gewährleisten zu können, müssen wir hier aber flexibler werden, welche Art von Verpackung wir einspeisen können. Hier ist der Schulterschluss von Kundenverständnis, Manufaktur- beziehungsweise Produktionsverständnis und auch Rezyklat-Prozessverständnis entscheidend, um das Gesamtsystem vorantreiben zu können.

Das hatten wir uns bei Alpla von Anfang an auf die Fahne geschrieben und konnten hier auch bereits tolle Fortschritte erreichen, beispielsweise bei der Definition von Cosmetic-Grades, regulativen Entscheidungen rund um Food, Grenzwertbestimmungen und Ähnlichem.

Das ist im Übrigen nicht nur für uns, sondern auch für unsere Kunden wichtig. Denn wer überlegt, auf Rezyklat umzusteigen, der will natürlich auch wissen, dass der Rohstoff verlässlich lieferfähig ist.

2 Hände halten rPET
Qualitativ hochwertiges rPET ist gefragt – nicht nur in der Getränkeindustrie. (Bild: Alpla)

neue verpackung: Nun gibt es mittlerweile sogar Stimmen, die fordern, sogar technische Kunststoffe in den Kreislauf miteinzubeziehen. Was ist hier – Stand heute – für Alpla möglich? Und wo setzen Sie die Grenze?
Lehner: Rein technisch ist Recycling ja ein relativ gut erkundeter Prozess und rein technisch kann ein Großteil der anfallenden Kunststoffe auch recycelt werden. Nun sind die Anforderungen auf der Applikationsseite teils sehr hoch, beispielsweise wenn Foodgrade oder Kosmetik-Grade gefordert ist. Hier ist aktuell noch unklar, bis zu welchen Grenzwerten Material zulässig ist, um Konsumentensicherheit gewährleisten zu können. Im Bereich Getränke sind wir hier in Sachen Kreislauf bereits weit vorangeschritten und ich denke, der nächste Schritt wird auf Seiten der Markenartikler sein, sich genau zu überlegen: Welche Materialien verwende ich und welche Farben gebe ich ihnen? Denn das beeinflusst dann logischerweise auch, mit was es das nachgelagerte Recycling zu tun bekommt und wie dieses Material aufbereitet werden kann. Will jetzt beispielsweise ein Kosmetikhersteller einen bestimmten Goldton in seiner Flasche haben, dann ist dieses Material für den Kreislauf im Grunde verloren.

Hier gibt es bereits einen laufenden Optimierungsprozess, auch weil der Kunde sich mehr mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigt und dieses auch in den Marketingabteilungen der Unternehmen ankam.

Und nicht zuletzt gibt es dann noch den Aspekt der Regulierung, beispielsweise seitens der EU-Kommission. Denn wenn der Gesetzgeber Produkte, die nicht oder nur mit erhöhtem Aufwand in einen Kreislauf überführt werden können, abstraft, dann hat dies natürlich auch unmittelbare Auswirkungen auf die Strategie der Inverkehrbringer.

Philipp Lehner mit Kollegen von Werner & Mertz
Alpla und Werner & Mertz arbeiten eng zusammen und bilden mittlerweile sogar gemeinsam aus. (Bild: Alpla)

neue verpackung: PET aus Flaschen ist beliebt in allen Branchen, Beispiele sind Textilien oder auch ein großer Hersteller von Klemmbausteinen, der erste Prototypen aus ehemaligen PET-Flaschen vorstellte, wodurch das hochwertige Rezyklat dem Kreislauf dauerhaft entzogen wird. Wäre es ob der aktuellen Knappheit vielleicht ein Weg, lebensmitteltaugliches Rezyklat solchen Unternehmen vorzubehalten, die dieses auch wieder für den Lebensmittelkontakt verwenden wollen?
Lehner: Es ist richtig, dass an vielen Stellen ein klares Downcycling passiert, weil Unternehmen mit rPET aus Flaschen ihr eigenes Nachhaltigkeitsthema bedienen wollen. Ich meine, wer transparente PET-Flaschen herstellen möchte, der sollte auch Teil eines entsprechenden geschlossenen Kreislaufs sein. Das würde auch die nötige Versorgungssicherheit herstellen.

neue verpackung: Neben Ihrem Engagement für eine Kreislaufwirtschaft arbeiten Sie auch an bioabbaubaren/heimkompostierbaren Lösungen. Sind diese vielleicht auch der Schlüssel für Teile der Erde, in der eine Recycling-Infrastruktur auf absehbare Zeit nicht realisierbar sein wird?
Lehner: An dieser Stelle ist es vielleicht ganz grundsätzlich, über die Frage zu sprechen: Warum wollen wir eigentlich einen Kreislauf? Denn gerade im Kunststoffbereich haben wir da zwei Thematiken, die oft vermischt werden, obwohl sie gar nichts miteinander zu tun haben. Das eine ist das Thema Handhabung von Konsumgüterverpackungen nach deren Gebrauch – also Post-consumption-handling. Das andere ist energieeffizientes Leben. Diese beiden Aspekte werden in der öffentlichen Debatte oft durcheinandergeworfen und im Ergebnis heißt es dann, Kunststoff sei schlecht. Wobei bei genauer Betrachtung die Erkenntnis steht, dass dieses Material in Sachen Energiebilanz ganz vorne steht – egal ob Single-use oder Mehrweg.

Um nun aber zur Ausgangsfrage zurückzukommen: Das Thema „Sammlung nach Konsum“ hat Europa relativ gut im Griff. Jetzt kann man natürlich diskutieren, was wir mit dem gesammelten Wertstoff machen: Führen wir ihn einem Kreislauf zu, hat er einen weiteren zweiten Nutzen wie thermische Verwertung, oder wird er an anderer Stelle sicher – und ich betone hier sicher – abgelegt? Ob nun also Kreislauf oder etwas anderes, am Ende geht es darum, dass der Kunststoff nicht unkontrolliert in die Umwelt gelangt.

Nun gab es im Bereich der bioabbaubaren Kunststoffe in den vergangenen Jahren spannende Entwicklungen, und es ist sicher gut, zu wissen, hier Möglichkeiten zu haben. Was wir hier allerdings noch nicht haben, ist die nötige Skalierbarkeit für den großflächigen Einsatz. Bis uns dies gelingt, bleiben solche Materialien speziellen Anwendungen vorbehalten, da es sich kostentechnisch sonst nicht darstellen lässt.

Fairerweise muss man hier aber hinzufügen, dass diese neuen Materialien gegen ein System mit 60 Jahren Entwicklung konkurrieren. Die Frage, die sich hier also stellt, ist die, inwiefern sich das neue dem alten System annähern kann. Alpla forscht hier, wie viele andere Einrichtungen auch, aktuell an Möglichkeiten, solche bioabbaubaren Kunststoffe künftig in Industriemengen bereitstellen zu können, und wir sehen hier durchaus bereits konkrete Applikationsfelder.

Die Fragen stellte Philip Bittermann, Chefredakteur neue verpackung

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