Die Glasindustrie steht vor dem Umbruch: Das Zero-CO2-Glas-Projekt der International Partners in Glass Research e. V. (IPGR) treibt die Entwicklung emissionsfreier Glasproduktion voran. Erste CO2-freie Glasbehälter entstehen in der neuen Forschungsanlage – ein Meilenstein für nachhaltige Verpackungen.
Alternative Rohstoffe und Energiequellen können den CO₂-Ausstoß beim Schmelzen drastisch verringern.Vetropack Holding
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Die Herstellung
von Glas ist ein energieintensiver Prozess, der bislang maßgeblich von
fossilen Energieträgern abhängig war. In einer Zeit, in der Klimaziele,
politische Regularien und gesellschaftliches Bewusstsein nachhaltigen Wandel
fordern, steht die Branche deshalb vor einer grundlegenden Transformation. Mit
dem Zero-CO2-Glas-Projekt verfolgt die IPGR das Ziel, ein ganzheitliches,
CO2-neutrales Produktionsverfahren für Glas zu entwickeln und zu erproben.
Innovationsmotor
für eine klimafreundliche Glasindustrie
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Die IPGR fungiert
als internationale Plattform und Koordinatorin für vorwettbewerbliche Forschung
und Entwicklung, stets mit dem Ziel, technische und wissenschaftliche Expertise
für alle Mitglieder nutzbar zu machen. Sie bündelt Know-how aus der ganzen Welt und
stößt zum Beispiel Forschungsprojekte an, in denen alternative Rohstoffe und
neue Energiesysteme getestet werden – wie im Zero-CO2-Glas-Projekt.
Herzstück des
Projekts ist ein eigens errichtetes Technologiezentrum, das von einer
ehemaligen Lagerhalle zu einer modernen Forschungseinrichtung umgebaut wurde. „Unsere
Versuchsanlage bildet 1:1 ein echtes Glaswerk im verkleinerten Maßstab ab, mit
allen entscheidenden Prozessschritten der industriellen Glasproduktion“, sagt Dominik
Orzol, Geschäftsführer der IPGR. Nach der Projektierung im Jahr 2021 begannen
2023 die ersten Bauarbeiten und Umbaumaßnahmen, 2024 folgte die Inbetriebnahme
des Schmelzofens. Im Anschluss an eine Einfahrphase wurden im April 2025 die
ersten Versuche gestartet. Aktuell läuft die sogenannte Referenzphase, in welcher
der Ausgangszustand der Anlage als Basis für spätere Vergleiche dokumentiert
wird.
Der Weg zur
CO2-freien Produktion
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Das Projekt setzt
an drei Hebeln an, um die CO₂-freie Glasherstellung voranzutreiben: Zum einen
wird auf carbonatfreie Rohstoffe umgestellt, die beim Schmelzen keine
Emissionen verursachen. In der klassischen Glasproduktion kommen
carbonathaltige Stoffe wie Soda oder Kalk zum Einsatz – beide Rohstoffe setzen
beim Erhitzen in der Schmelzwanne CO2 frei, da die Carbonate bei hoher
Temperatur zerfallen. Um die Schmelzprozesse besser zu verstehen, führen
IPGR-Projektleiter Simon Pietsch und Doktorand Tomasz Engelmann (RWTH Aachen) Messungen
an der Wanne durch. Dabei nutzen sie unter anderem Tracerversuche: Dem Gemenge
werden Spurenelemente beigemischt, die im Glas sonst nicht vorkommen. Ihre
Konzentration im Zeitverlauf zeigt, wie sich einzelne Bestandteile im
Schmelzprozess verhalten, und bildet die Grundlage für die sichere Umstellung
auf neue Rohstoffe.
Wir können Produktionsprozesse unabhängig vom Marktdruck testen und weiterentwickeln
Dominik Orzol, Geschäftsführer IPGR
Zusätzlich wird
die Energieversorgung neu gedacht: Statt wie bisher auf fossile Brennstoffe zu
setzen, nutzt die Anlage elektrische Energie sowie wasserstoffbasierte
Heizsysteme. Während herkömmliche Glasschmelzwannen bislang meist mit Gas und
lediglich bis zu 20 % elektrischem Anteil geheizt werden, ist die
Versuchsanlage auf bis zu 80 % elektrischer Beheizung ausgelegt. Unter der
Projektleitung von Simon Pietsch wird der Energieeintrag gezielt variiert und das
Boosting, also die Zufuhr von Energie über elektrische Heizsysteme,
schrittweise erhöht. Der Anteil soll zunächst auf 50 % und langfristig auf 80 %
steigen – ein bisher in der Branche unerreichter Meilenstein. Durch diese
Kombination aus alternativen Rohstoffen und Energiequellen kann der CO2-Ausstoß
des Schmelzprozesses drastisch verringert oder sogar auf null reduziert werden.
Das Ziel: klimaneutrale GlasherstellungVetropack Holding
Als dritten Hebel
nimmt das Projektteam die Formgebung der Flaschen in den Blick. Ziel ist es, die
CO2-frei geschmolzenen, neuen Glaszusammensetzungen auf ihre Eignung
als Behälterglas zu testen. Mithilfe eines viskositätsgestützten Modells werden
die Formgebungsprozesse analysiert und auf neue Glaszusammensetzungen
übertragen. Perspektivisch kann es dann dazu verwendet werden, leichtere
Flaschen, die nicht nur Material sparen, sondern auch Transportemissionen
reduzieren, zu entwickeln. Im IPGR-Technologiezentrum werden solche innovativen
Verfahren im Auftrag der Forschung erprobt und optimiert. „Unsere
Versuchsanlage bietet den Vorteil, dass wir Produktionsprozesse unabhängig vom
Marktdruck testen und weiterentwickeln können. Diese Flexibilität ermöglicht es
uns, technisch anspruchsvolle Ansätze zu erproben und die Ergebnisse direkt an
alle Projektpartner weiterzugeben“, betont Dominik Orzol.
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Technische
Herausforderungen als Chance zur Weiterentwicklung
Die Umstellung
auf alternative Rohstoffe und Energiequellen stellt die gesamte Glasproduktion
vor völlig neue Herausforderungen. Carbonatfrei hergestellte Gläser erfordern
höhere Produktionstemperaturen, was Wanne, Vorherd und das Formgebungsequipment
stärker beansprucht. Damit bestehende Flaschendesigns und -formate weiterhin
umgesetzt werden können, bedarf es innovativer Werkstoffe, angepasster
Formgebungsprozesse und teilweise neuer Formmaterialien – denn deren Verhalten
unter den veränderten Belastungen ist noch wenig erforscht.
Ein Fokus der
IPGR liegt daher auf der Wandstärken- und Glasverteilung – insbesondere
Letztere ist eines der wichtigsten Qualitätskriterien der Behälter. Sie
bestimmt die Festigkeit der Flaschen und ist zudem entscheidend für Ressourcenverbrauch
und damit auch ein Kostenfaktor. Durch die Analyse und Optimierung
verschiedener Formgebungsprozesse arbeitet das Forschungsteam um Projektleiterin
Swantje Thiele und Marvin Bay von der RWTH Aachen daran, Ressourcen einzusparen
und dennoch eine hohe Produktqualität bei gleicher Festigkeit zu sichern. Hochgeschwindigkeits-Thermografie
macht den gesamten Formgebungsprozess sowie die Wärmeverteilung in Echtzeit
sichtbar. Vermessungen mit Messrobotern liefern detaillierte Daten zur
Wandstärkenverteilung der Flaschen aus den jeweiligen Stichproben.
Diese Messdaten
fließen in digitale Modelle ein, die es ermöglichen, die Auswirkungen
unterschiedlicher Maschineneinstellungen zu bestimmen und zu bewerten. Das Ziel:
für jeden Produktionsschritt die optimalen Einstellungen hinsichtlich
Materialeinsatz und Geschwindigkeit zu identifizieren – und die Grundlage für
eine CO2-freie Glasherstellung zu schaffen.
Zentral für den Erfolg des Zero-CO2-Glas-Projekts ist die partnerschaftliche Zusammenarbeit innerhalb der IPGR und mit externen Forschungseinrichtungen – in diesem Fall zwei Lehrstühle der RWTH Aachen. Hier bringen Experten aus Glasproduktion, Wissenschaft und Anlagenbau ihr Know-how ein. Gemeinsam analysieren sie Herausforderungen, diskutieren Lösungswege und überprüfen innovative Ansätze direkt in der Versuchsanlage. Auch Vetropack ist Mitglied der IPGR und engagiert sich aktiv. Eine Schlüsselrolle nimmt dabei Guido Stebner als Chief Technology Officer der Vetropack-Gruppe und seit 2023 Vorsitzender der IPGR ein.
Nach Abschluss der Projektierungs- und Aufbauphase ist die Zero-CO2-Glas-Versuchsanlage nun vollständig in Betrieb. Mit dem Ende der Referenzphase ist die Schmelzwanne umfassend charakterisiert – das Projektteam kennt die relevanten Stellhebel und weiß nun gezielt, woran weitergearbeitet werden kann. Damit startet die nächste Entwicklungsphase: Geplant sind Versuche mit höheren elektrischen Energieanteilen, um zukünftig die ambitionierten Ziele von 50 oder sogar 80 % Elektrifizierung des Schmelzprozesses Wirklichkeit werden zu lassen.
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Für das IPGR-Team und das Forschungskonsortium markiert dies einen wichtigen Meilenstein: „Wir sind bereit! Mit unserer Versuchsanlage können wir jetzt mutige Schritte Richtung Dekarbonisierung gehen. Ohne Produktionsdruck haben wir die Freiheit, echte Innovationen für die CO2-freie Glasherstellung zu entwickeln“, so Dominik Orzol. Der Start des Zero CO2-Glas-Projekts zeigt, dass klimaneutrale Glasproduktion keine ferne Utopie, sondern ein realistisches Ziel ist. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen auf industrielle Maßstäbe übertragen werden und der Branche neue Wege eröffnen – in eine emissionsarme Zukunft.
Die IPGR
Die International Partners in Glass Research (IPGR) sind eine 1984 gegründete internationale Forschungsorganisation der Glasverpackungsindustrie mit Sitz in Aachen. Ihr Fokus liegt auf vorwettbewerblicher Forschung, mit der sich die Herstellung von Behälterglas technologisch und wirtschaftlich weiterentwickeln lässt. Dazu bündelt IPGR die Forschungsaktivitäten ihrer Mitglieder und fördert die Zusammenarbeit zwischen Industrie, Hochschulen und Behörden. Inhaltlich arbeitet die Organisation vor allem an Themen wie stärkerem Glas, präziserem Formgebungsverhalten, effizienteren Produktionslinien und der Senkung von CO2-Emissionen.