Vortrag von Dr. Marius Grathwohl, Senior Vice President Digital Products & Transformation bei Multivac auf der PMC 2026
KI als Enabler für neue Geschäftsmodelle
Wie lässt sich KI im Verpackungsmaschinenbau so einsetzen, dass daraus nicht nur Effizienzgewinne, sondern neue Leistungs- und Servicemodelle entstehen? Die Antwort auf der PMC 2026: KI entfaltet ihren Wert nicht durch technologische Faszination allein. Entscheidend ist, ob sie konkrete Probleme löst, Kunden messbaren Nutzen bringt und in Prozesse, Produkte und Geschäftsmodelle übersetzt wird.
Redaktion .Redaktion.neue verpackung
4 min
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Multivac bringt dafür eine breite industrielle Basis mit.
Das Unternehmen verweist auf mehr als 40.000 realisierte Kundenprojekte
weltweit und versteht sich längst nicht mehr nur als Maschinenbauer, sondern
als Lösungsanbieter für komplette Linien. Der Schwerpunkt liegt weiterhin auf
Lebensmittelverpackungen und -verarbeitung, ergänzt um Anwendungen etwa in
Consumables und Medical. Die Gruppe ist global aufgestellt, mit 7.500
Mitarbeitenden, 85 Landesgesellschaften, 14 Produktionsstandorten, 18 Trainings-
und Anwendungszentren sowie rund 1.400 Beratern und Servicetechnikern.
Von der Digitalisierung zur KI
Dr. Marius Grathwohl ist Senior Vice President Digital Products & Transformation bei Multivac.PMC 2026
Grathwohl ordnete KI zunächst in die
Digitalisierungsstrategie von Multivac ein. Das Unternehmen beschäftigt sich
seit 2017 intensiv mit IoT und Smart Services. Ziel war von Beginn an,
vernetzte Maschinen nicht nur als Datenquelle zu nutzen, sondern gemeinsam mit
Kunden Produktivität, Effizienz, Anlagenverfügbarkeit und Qualität zu
verbessern. Daraus entstand das Leistungsversprechen „PEAQ Promise“:
Productivity, Efficiency, Availability und Quality.
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Im digitalen Portfolio finden sich heute unter anderem My-Multivac
als Kundenportal, Smart Services als Effizienz-Tools, Line Control als
Liniensteuerung, Remote Assistance sowie integrierte KI-Anwendungen. Bei den
Smart Services reicht das Spektrum vom Smart Production Dashboard über
OEE-Analyse, Log-Analyse und Produktions-Insights bis hin zu Smart Machine
Reports, Maintenance Manager und Watchdog. Die Logik dahinter: Daten sollen
nicht gesammelt werden, weil es technisch möglich ist, sondern weil daraus konkrete
Assistenz-, Analyse- oder Präventionsfunktionen entstehen.
Denn ,so Grathwohl, im Rückblick auf die ersten
Smart-Services-Gespräche mit Kunden sei deutlich geworden, dass diese weniger
an abstrakten Zukunftsversprechen interessiert waren als an der Lösung
unmittelbarer Probleme. Viele Lebensmittelhersteller wollten zunächst Transparenz
über ihre Maschinen, OEE-Kennzahlen oder Zustände auf dem Shopfloor – und erst
danach Predictive Maintenance.
Bottom-up trifft Top-down
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KI ist bei Multivac Teil der Agenda 2030. Das Ziel:
Künstliche Intelligenz als Schlüsseltechnologie in allen Unternehmensbereichen
einsetzen, die eigene Effizienz steigern und Kunden innovative Lösungen mit
messbarem Mehrwert bieten. Für Grathwohl liegt die eigentliche Kür aber nicht
allein darin, interne Prozesse wie Vertrieb oder Marketing effizienter zu
machen. „Ich finde, die Kür ist es, das Ding dann wirklich in die Produkte auch
reinzubringen.“
Organisatorisch verbindet Multivac dafür Top-down- und
Bottom-up-Ansätze. Vor rund zwei Jahren wurde eine KI-Managerin eingestellt.
Zudem organisierte das Unternehmen einen KI-Tag, um Potenziale sichtbar zu
machen und Mitarbeitende aus unterschiedlichen Bereichen zu inspirieren.
Anschließend entstanden zahlreiche Einzelprojekte – häufig dort, wo engagierte
Teams selbst Handlungsbedarf und Anwendungspotenzial sahen. Beispiele reichten
vom internen Chatbot für Unternehmenswissen über KI-gestützte Marketingkampagnen
bis hin zu Anwendungen in IoT, Service und Vision-Systemen.
Nach etwa anderthalb bis zwei Jahren stellte sich die Frage,
wie sich diese Einzelinitiativen bündeln lassen. Multivac leitete daraus
Potenzialfelder ab, die strategisch weiterentwickelt werden. Dazu zählen unter
anderem visuelle Qualitätskontrolle, vorausschauende Wartung,
Prozessverbesserung, Wissensmanagement, automatisierte manuelle Workflows und
die Erstellung von Inhalten. Der Ansatz zeigt: KI-Management ist weniger ein
einmaliger Strategieprozess als ein ständiges Verdichten von Erfahrungen aus konkreten
Projekten.
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Vision AI erweitert die Inspektion
Automatisch wird der Inhalt erkannt und entsprechend gelabelt.Multivac
Ein besonders greifbares Anwendungsfeld ist Vision AI.
Multivac nutzt kamerabasierte Qualitätsinspektion bereits seit vielen Jahren,
etwa für OCR-Erkennung oder klar definierte Prüfaufgaben im Medical-Bereich.
Diese Systeme waren überwiegend regelbasiert und eigneten sich vor allem für
Objekte, die standardisiert, gleich positioniert und eindeutig beschreibbar
sind. Bei Naturprodukten wie Fleisch, Backwaren oder Geflügel stoßen solche
Systeme jedoch an Grenzen: Form, Farbe, Struktur und Lage variieren stark.
KI erweitert hier das Anwendungsspektrum. Bei der
KI-basierten Klassifikation von Fleischprodukten werden Bilder zunächst
gelabelt, anschließend mit den entsprechenden Produktkategorien trainiert und
später automatisch anhand gelernter Merkmale identifiziert. Realisierte
Anwendungen nennt Multivac für Schweine-, Rind- und Hähnchenfleisch.
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Der Nutzen zeigt sich etwa an einer Traysealer-Linie, die
auf der Interpack 2026 vorgestellt werden soll. Unterschiedliche gefüllte Trays,
etwa mit Hähnchenschenkeln, Flügeln oder anderen Produkten, können über zwei
oder mehr unabhängige Zuführströme verarbeitet werden. Die KI erkennt das
Produkt, steuert das produktspezifische Aufbringen des passenden Labels per
Print & Apply und ermöglicht anschließend das produktspezifische
Ausschleusen beziehungsweise Vereinzeln. Für Anwender bedeutet das mehr
Flexibilität, weniger Umstellaufwand und potenziell weniger Maschinen- und
Linien-Footprint.
Ein zweiter Vision-AI-Use-Case ist die Anomalieerkennung bei
Naturprodukten. Dabei wird das System mit Bildern von Gut-Produkten trainiert.
Abweichungen wie Defekte, Formfehler oder Qualitätsmängel werden anschließend
automatisch erkannt. Multivac nennt realisierte Anwendungen bei Backwaren,
Geflügel und Tarte Flambée. Bei Brezeln etwa lernt das System, wie eine
akzeptable Produktform aussieht; deutlich abweichende Exemplare können
aussortiert werden.
Das KI-basierte System erkennt, ob die Brezen korrekt geformt sind.Multivac
Vom Pay-per-Use zum Pay-per-Good-Product
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Damit wird KI auch zum Enabler neuer Bezahlmodelle.
Grathwohl nannte das Beispiel „Pay per good Pretzel“ als Weiterentwicklung des
klassischen Pay-per-Use-Gedankens. Der Kunde bezahlt dabei nicht pauschal für
Maschinennutzung, sondern orientiert an gut produzierten, qualitätskonformen
Produkten. Das verschiebt Verantwortung: Der Maschinenbauer übernimmt stärker
Mitverantwortung für das Ergebnis, nicht nur für die Bereitstellung der
Technik.
Allerdings zeigte Grathwohl auch die Grenzen solcher
Modelle. Pay-per-Use sei vielfach diskutiert, aber nicht automatisch ein
Selbstläufer. Entscheidend bleibe, ob der Kunde das Modell wirklich will und ob
es sein Problem besser löst als ein klassischer Kauf, Servicevertrag oder
Wartungsvertrag. Grathwohl brachte es mit einem einfachen Bild auf den Punkt:
„Köder sollte in der Regel dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.“
Predictive Maintenance verändert den Service
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Das zweite große Anwendungsfeld ist Predictive Maintenance.
Auch hier war die Vision früh klar. Bereits 2018 skizzierte Multivac Schritte
von Maschinenkonnektivität über Datenvisualisierung und Big-Data-Analytics hin
zu datenbasierten Services, Predictive Maintenance und Machine Learning. Seit
2019 ist der Watchdog als erste Lösung zur Live-Zustandsüberwachung im Einsatz.
Er richtet sich an Kunden, Serviceorganisationen und Business Units.
Neu hinzugekommen ist seit 2025 das Service Intelligence
Center. Anders als frühere Smart-Services-Angebote ist es stärker auf den
Service als Anwendergruppe fokussiert. Multivac hat dafür interne
Servicegesellschaften in den Mittelpunkt gestellt und gefragt, warum vorhandene
digitale Werkzeuge nicht intensiver genutzt werden. Eine zentrale Erkenntnis:
Serviceteams wollen nicht durch zahlreiche einzelne Maschinen klicken, sondern
kritische Zustände schnell erkennen, priorisieren und daraus konkrete Serviceeinsätze
ableiten können.
Das System bündelt relevante Maschinen, sortiert sie nach
Kritikalität und macht erkennbare Probleme sichtbar, etwa bei Kühlwasser, USV,
Heizungen, Druckluft oder Evakuierungszeiten. Für Kunden ist die KI dabei
häufig nicht direkt sichtbar. Wahrnehmbar wird vor allem ein besserer,
proaktiverer und schnellerer Service.
Der wirtschaftliche Hebel überzeugt
Die Beispiele zeigen den wirtschaftlichen Hebel. Bei einem
defekten Heizmodul erkannte ein Algorithmus die Anomalie und schlug den
Austausch vor; die spätere Inspektion bestätigte den fehlerhaften Zustand. In
einem anderen Fall führte eine nicht rechtzeitig genutzte Vorwarnung zu 32
Stunden Stillstand und 180.000 verlorenen Packungen. Bei undichter
Druckluftversorgung konnte ein übermäßiger Luftverbrauch erkannt und ein
defektes Ventil proaktiv getauscht werden. Der Kundennutzen lag laut Multivac
bei eingesparten Kosten von 12.000 bis 26.000 Euro pro Jahr. Ein weiterer Use
Case identifizierte über schwankende Evakuierungsdauern und Langzeitanalyse ein
defektes Ventil; der Austausch erhöhte die Produktionsgeschwindigkeit um 1,5 s
pro Takt und senkte den Energieverbrauch.
Aus Predictive Maintenance können neue Servicemodelle
entstehen: von Condition Monitoring über vorausschauende Wartung bis zu
All-inclusive-Maintenance-Verträgen, Pay per Availability oder Equipment as a
Service. Dafür braucht es jedoch mehr als Sensorik und Algorithmen. Notwendig
sind Konnektivität, Visualisierung, Big-Data-Strukturen, KI-Unterstützung,
technisches Maschinen- und Linien-Know-how, Ersatzteilmanagement, proaktiver
Field Service und die Fähigkeit, technische Risiken zu quantifizieren.
Fazit: KI ist ein mächtiges Werkzeug, aber kein
Geschäftsmodell an sich. Sie braucht das richtige Problem, Anwender, die
wissen, wann sie das Werkzeug sinnvoll einsetzen, und Training, damit es
richtig bedient wird. Grathwohl: „KI ersetzt natürlich keine Jobs. Aber ja, die
KI-Neandertaler, die werden halt früher oder später aussterben.“ Ob daraus neue
Geschäftsmodelle entstehen, entscheidet nicht die Technologie, sondern der
Kundennutzen.