Nachbericht zur Keynote KI von Malcolm Werchota auf der Packaging Machinery Conference

„Mach ein Dashboard, Digger!“

Malcolm Werchota, ehemals Global AI Evangelist bei Novartis und mittlerweile freier Consultant, lieferte in seiner Keynote auf der Packaging Machinery Conference 2026 eine teils provokante und immer praxisnahe Anleitung für den echten KI-Durchbruch in Unternehmen.

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Malcolm Werchota während seines Vortrags auf der Packaging Machinery Conference 2026
Malcolm Werchota während seines Vortrags auf der Packaging Machinery Conference 2026

Mit einer bewusst zugespitzten These eröffnet Malcolm Werchota seine Keynote: „Nach den nächsten 40 Minuten hoffe ich, dass ihr drei Dinge macht: Euren Head of AI oder IT feuert, versteht, wie meine Achtjährige euch bei der Datenanalyse wegputzt, und wisst, worauf ihr wirklich setzen sollt.“

Schon in den ersten Minuten wurde klar: Werchota will nicht nur erklären, sondern aufrütteln. Und er zielte direkt auf das zentrale Problem vieler Industrieunternehmen – die Diskrepanz zwischen KI-Ambitionen und tatsächlicher Umsetzung.

Zwischen Pilotphase und Realität: das KI-Dilemma der Industrie

Werchota beschrieb eine Situation, die vielen im Publikum vertraut vorkommen musste: „Viele Unternehmen […] experimentieren, aber oft geht es selten aus der Pilotphase in die Hochskalierung.“ Der Grund dafür liege nicht in fehlender Technologie, sondern in falscher Anwendung. Statt echte Wertschöpfung zu generieren, beschränkten sich die meisten Unternehmen auf interne Effizienzsteigerung – etwa beim Schreiben von E-Mails oder der Erstellung einfacher Inhalte.

Der Nutzen bleibt so schwer messbar. „Wenn ein Vorstand sagt: Ich brauche eine Million für ein KI-Projekt – was ist der ROI?“, fragte Werchota. Genau hier liege das Kernproblem. Während interne Projekte oft keine klar quantifizierbaren Ergebnisse liefern, sei der Nutzen beispielsweise im Vertrieb unmittelbar sichtbar. Seine Diagnose ist drastisch: Nur rund 11 % der Unternehmen weltweit nutzen KI aktiv zur Umsatzsteigerung – in Deutschland sogar nur etwa 2 %.

Der Perspektivwechsel: KI als Umsatztreiber

Der strukturelle Konstruktionsfehler der globalen KI-Strategie: Kapital wird nicht nach Marktpotenzial, sondern nach interner Bequemlichkeit allkokiert.
Der strukturelle Konstruktionsfehler der globalen KI-Strategie: Kapital wird nicht nach Marktpotenzial, sondern nach interner Bequemlichkeit allkokiert.

Die zentrale Forderung des Beraters lautet daher: radikale Verschiebung des Fokus. „Es kann nicht nur 2 % in Sales und Commercial gehen – es muss ein riesengroßer Prozent sein.“ Denn hier lasse sich der Erfolg direkt messen: „Hier sind 1.000.000 Euro, wie lange brauchst du? – Ein halbes Jahr. – Haben wir jetzt 1.000.000 mehr verdient?“

Für Werchota ist diese Logik eindeutig: Erst zusätzliche Umsätze generieren, dann daraus interne Projekte finanzieren.

„Mach ein Dashboard, Digger“ – neue Arbeitsweise statt alter Tools

Besonders eindrucksvoll demonstriert Werchota, wie sich KI-Tools wie Microsoft Copilot im Alltag einsetzen lassen. Seine Botschaft: Die Art zu arbeiten muss sich grundlegend ändern.

Statt komplexe Excel-Analysen manuell zu erstellen, empfiehlt er eine radikal vereinfachte Herangehensweise:

• Daten hochladen

• per Spracheingabe analysieren lassen

• mehrere Visualisierungen und Handlungsempfehlungen erzeugen

Sein demonstrativer Prompt: „Mach mir […] zehn Diagramme, erklär mir, was drin ist […] und gib mir einen 30-60-90-Tage-Plan.“

Das Ergebnis: automatisiert generierte Auswertungen, Dashboards und Handlungsempfehlungen in wenigen Minuten. Sein Fazit: „Ihr solltet nie wieder in der Firma irgendeine Excel aufmachen lassen, ohne dass sie vorher Copilot fragen.“

Dabei geht es nicht nur um Effizienz, sondern um Denkweise. Kreative Ideen entstehen laut Werchota eben nicht vor Excel, sondern „unter der Dusche, beim Joggen oder aus dem Fenster schauen“. KI soll genau diese Denkfreiheit ermöglichen.

Die Achtjährige als Sinnbild für den Wandel

Den wohl größten Effekt erzielt Werchota mit einem überraschenden Beispiel: seiner achtjährigen Tochter Sophia, die in einer Video-Einspielung einen Datensatz aufbereitete.

Sie nutzte KI intuitiv, spielerisch und ohne Berührungsängste. Ihr Ansatz: Bilder hochladen, Dashboards erstellen lassen, iterativ verbessern. Ihr Kommentar dazu: „Mach’s cool, Digga!“ Was zunächst wie ein Gag wirkte, hatte eine ernsthafte Botschaft: „Meine Tochter promptet besser als jeder im Zimmer.“

Das Beispiel zeigt, wie sehr es inzwischen auf KI-Kompetenz – nicht auf Fachwissen allein – ankommt. Besonders eindrucksvoll ist die Anwendung bei komplexen Dokumenten: Selbst schwer lesbare, eingescannt Steuerunterlagen verwandelt die KI in strukturierte Analysen inklusive Maßnahmenplan.

Sales neu gedacht: Agentic Workflows als Gamechanger

Ein weiterer Schwerpunkt der Keynote war der bereits erwänte Vertrieb. Werchota zeichnet ein ernüchterndes Bild klassischer Sales-Prozesse: unvollständige CRM-Einträge, vergessene Follow-ups, mangelnde Analysefähigkeit.

Sein Gegenentwurf basiert auf sogenannten „Agentic Workflows“ – automatisierten, KI-gestützten Abläufen:

• Meetings werden aufgezeichnet oder nachgesprochen

• Inhalte automatisch analysiert

• Dashboards und Zusammenfassungen erstellt

• Follow-up-Mails und Angebote generiert

• Aufgaben in Planungstools übertragen

Das Ergebnis: Bereits wenige Minuten nach einem Besuch kann ein vollständig aufbereiteter Bericht inklusive personalisierter Ansprache beim Kunden sein.

Für Werchota liegt hier der eigentliche Wettbewerbsvorteil – insbesondere gegenüber internationalen Wettbewerbern: „Amerikanische und chinesische Firmen machen Riesendruck, dass ihre Sales-Leute so arbeiten.“

Produkt ist nicht mehr Differenzierungsmerkmal

Ein weiterer zentraler Gedanke knüpft an vorangegangene Vorträge an: Die Qualität des physischen Produkts reicht nicht mehr zur Differenzierung. „Auch wenn eure Maschinen fünfmal besser sind […] das ist heutzutage wurscht.“

Entscheidend sei stattdessen das Verständnis des Kunden und die Geschwindigkeit, mit der darauf reagiert wird. KI wird damit vom Effizienztool zum Schlüssel für Marktbearbeitung.

Investitionen, die sich wirklich lohnen

Werchota sparte nicht mit Kritik an unternehmerischen Prioritäten: „30 Euro im Monat für Copilot sind zu teuer – aber ein Mittagessen mit Mitarbeitern ist okay?“

Für ihn ist klar: KI-Lizenzen und Schulungen sind eine minimale Investition im Vergleich zum möglichen Nutzen. Entscheidend sei, die Mitarbeiter aktiv zu befähigen – und ihnen Spielraum zu geben, mit der Technologie zu experimentieren.

Personalfrage: Schluss mit „KI-Neandertalern“

Ein besonders zugespitzter Punkt betrifft die Personalstrategie. Werchota kritisiert klassische Stellenausschreibungen, in denen Erfahrung mit MS Office gesucht wird. „Mein Vater ist 76 Jahre alt – der kennt MS Office. Wollt ihr den einstellen?“

Stattdessen fordert er konsequent:

• KI-Kompetenz als Einstellungskriterium

• Fokus auf Copilot, Agenten, Prompting

• Aufbau echter „AI Literacy“

Denn: „Wenn wir denken, dass KI wichtig ist, müssen wir auch die richtigen Leute dafür einstellen.“

Playbook statt Strategie

Das Playbook für den erfolgreichen Einsatz von KI im Vertrieb.
Das Playbook für den erfolgreichen Einsatz von KI im Vertrieb.

Zum Abschluss fasst Werchota seine Empfehlungen in einem pragmatischen „Playbook“ zusammen – bewusst nicht als abstrakte Strategie, sondern als konkrete Handlungsanleitung. Im Kern geht es darum:

• klare Ziele definieren (Umsatz, Profitabilität)

• KI primär im Vertrieb einsetzen

• Mitarbeiter konsequent schulen

• Agenten und Automatisierungslösungen implementieren

• Führungskräfte aktiv einbinden („Mach selbst ein Dashboard“)

Sein Ansatz ist bewusst spielerisch und direkt: „Ich hasse das Wort Strategie […] macht einfach A, B, C, D.“

Fazit

Werchotas Keynote war Technologiedemo und Weckruf in einem. Er zeigte eindrücklich, dass die größte Herausforderung nicht in der Verfügbarkeit von KI liegt, sondern im Mindset der Unternehmen.

Sein zentrales Credo:

Nicht experimentieren – anwenden.

Nicht optimieren – Umsatz generieren.

Nicht reden – machen.

Oder, in seinen Worten:

„Ihr habt Copilot – dann nutzt es. Mach ein Dashboard, Digger.“