Interzero-Vortrag auf der Packaging Machinery Conference 2026
Recyclingfähigkeit beginnt auf der Maschine
Die PPWR macht Design for Recycling vom freiwilligen Optimierungsfeld zur regulatorischen Pflicht. Jonathan Scheck von Interzero zeigte, warum recyclingfähige Verpackungen nicht erst im Entsorgungsprozess entstehen, sondern bereits bei Materialwahl, Konstruktion und Maschinengängigkeit.
Redaktion .Redaktion.neue verpackung
4 min
Vielfalt nicht nur in Form und Farbe: Plastikverapckungen.Petra Hoeß, FABION GbR / abfallbild.de
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Wie muss eine Verpackung gestaltet sein, damit optimales
Recycling funktionieren kann? Diese Frage stand im Mittelpunkt des Vortrags von
Jonathan Scheck. Die Antwort ist technischer, als es der Begriff
Recyclingfähigkeit zunächst vermuten lässt. Denn ob eine Verpackung am Ende
hochwertig verwertet werden kann, entscheidet sich nicht allein daran, ob ihr
Grundmaterial prinzipiell recycelbar ist. Entscheidend ist, ob sie in realen
Sammel-, Sortier- und Verwertungsprozessen funktioniert.
Für den Verpackungsmaschinenbau ist das Thema damit
hochrelevant. Denn die Anforderungen der europäische Verpackungsverordnung PPWR
treffen nicht nur Markenartikler und Packmittelhersteller. Auch Maschinenbauer
müssen künftig stärker verstehen, welche Materialien, Verbundstrukturen,
Barrieren, Etiketten oder Verschlüsse ihre Kunden verarbeiten müssen – und
welche Prozessfenster dafür erforderlich sind.
Interzero beschäftigt sich mit Kreislauflösungen,
Verpackungslizenzierung und Kunststoffrecycling. In Deutschland betreibt das
Unternehmen fünf Sortieranlagen für Leichtverpackungen in Walldürn, Marl,
Berlin, Braunschweig und Leipzig. Nach Unternehmensangaben werden dort rund 30
% der in Deutschland gesammelten leichten Verpackungen sortiert; die
Sortierkapazität liegt bei etwa 810.000 t pro Jahr. Eingesetzt werden unter
anderem NIR-Sortiersysteme, Robotik und Deep-Learning-Technologien. Hinzu
kommen drei Verwertungsanlagen für Kunststoffe mit Schwerpunkten auf LVP (Leichtverpackungen),
LDPE (Low-density Polyethylen), PET (Polyethylenterephthalat) und EPS (expandiertes
Polystyrol).
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Jonathan Scheck, Team Lead Packaging Consulting InterzeroRonja Prokosch
Recyclingfähigkeit ist zentrales Marktzugangskriterium
Aus dieser Praxis leitet Interzero seine Bewertungs- und
Beratungsarbeit ab. Das Packaging Consulting, hervorgegangen aus „Made for
Recycling“, analysiert Verpackungen, bewertet ihre Recyclingfähigkeit,
begleitet Portfolio-Screenings und unterstützt Unternehmen bei PPWR-Fragen. Die
Relevanz steigt, weil die PPWR Recyclingfähigkeit, Rezyklatanteile,
Verpackungsminimierung, Leerraumreduktion und Dokumentationspflichten
europaweit stärker verbindlich macht. Scheck formulierte es entsprechend
deutlich: „Man kann Verpackungen heute nicht mehr ohne PPWR buchstabieren.“
Wer Verpackungen in Europa in Verkehr bringt, muss künftig
nachweisen können, dass diese den regulatorischen Anforderungen entsprechen.
Recyclingfähigkeit wird damit zu einem zentralen Marktzugangskriterium.
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Man kann Verpackungen heute nicht mehr ohne PPWR buchstabieren.
Jonathan Scheck, Team Lead Packaging Consulting
Doch was heißt recyclingfähig? Scheck unterschied zwischen
theoretischer, technischer und realer Recyclingfähigkeit. Theoretisch kann ein
Material grundsätzlich wiederverwertbar sein. Technisch muss die Verpackung
aber auch sortierbar sein und in einem vorhandenen Recyclingprozess verarbeitet
werden können. Real recyclingfähig ist sie erst dann, wenn dies in der
jeweiligen Region über bestehende Sammel-, Sortier- und Verwertungsstrukturen
tatsächlich funktioniert und für das entstehende Sekundärmaterial auch ein
Markt existiert.
Diese Differenzierung ist wichtig, weil die PPWR genau in
diese Richtung weist. Ab 2030 müssen Verpackungen nach Design recyclingfähig
sein. Ab 2035 kommen zusätzliche Anforderungen hinzu: Verpackungen müssen
getrennt gesammelt, sortiert und im großen Maßstab recycelt werden können. Für
2038 ist vorgesehen, dass nur noch Verpackungen mit höheren Recyclingklassen
zulässig sind. Verpackungen unterhalb von 70 % Recyclingfähigkeit gelten
bereits ab 2030 nicht als recyclingfähig. Die genauen Design-for-Recycling-Kriterien
und Bewertungsmethoden sollen in delegierten Rechtsakten definiert werden.
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In der Praxis zeigt sich: Pauschale Aussagen wie „100 %
recycelbar“ sind häufig problematisch. Scheck verwies auf Verpackungen, die aus
mehreren Materialien bestehen – etwa Joghurtbecher mit Kunststoffkörper,
Papierbanderole und Aluminiumplatine. Theoretisch lassen sich diese
Bestandteile trennen. Tatsächlich werden sie von Konsumenten aber meist als
Einheit entsorgt. In der Sortieranlage kann dann die Aluminiumplatine dafür
sorgen, dass die gesamte Verpackung in der Aluminiumfraktion landet, statt die einzelnen
Materialströme sauber zu erreichen.
Für die Verpackungsgestaltung bedeutet das: Das gesamte
System zählt. Hauptkörper, Materialverbund, Barriere, Etiketten, Sleeves,
Klebstoffe, Druckfarben, Einfärbungen, Füllgutreste, Verschlüsse und
Zusatzkomponenten beeinflussen, ob eine Verpackung erkannt, sortiert und
verwertet werden kann. Gerade Labels und Sleeves können die
Nahinfrarot-Erkennung stören, wenn sie zu große Flächen bedecken, zu dick sind
oder aus einem Material bestehen, das das Hauptmaterial überdeckt. Dunkle,
rußbasierte Einfärbungen können NIR-Systeme ebenfalls vor Probleme stellen.
Verbünde und Monostrukturen
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Die Sortierung mittels NIR-Technologie bildet in LVP-Anlagen
einen Kernprozess. Verpackungen werden mit infrarotem Licht bestrahlt, das von
den Materialien unterschiedlich reflektiert wird. Aus den Spektren erkennt das
System Kunststoffe, Papier-Kunststoff-Verbunde oder andere Materialien und
steuert Luftdruckdüsen an, die einzelne Verpackungen in Zielströme
ausschleusen. Entscheidend ist, welches Material das System an der Oberfläche
erkennt. Wird etwa bei einer PET-Flasche aufgrund eines dominierenden Etiketts
nicht PET, sondern PP erkannt, kann die gesamte Flasche im falschen Stoffstrom
landen.
Neben der Sortierung spielt auch die Dichte eine wesentliche
Rolle. Bei Polyolefinen wie PE und PP schwimmt die Zielfraktion in der
Dichtetrennung, während andere Bestandteile absinken sollen. Bei PET ist es
umgekehrt: Die PET-Fraktion sinkt, leichtere polyolefinische Komponenten
schwimmen auf. Kappen, Labels oder Sleeves sollten deshalb so gestaltet sein,
dass sie sich in der Aufbereitung vom Hauptmaterial abtrennen lassen.
Andernfalls verschlechtern sie die Rezyklatqualität.
Praxisbeispiele verdeutlichen, wohin die Entwicklung geht.
Klassische Kaffeeverpackungen aus PET-Alu-PE-Verbunden bieten hohe Barriere,
sind aber kaum recyclingfähig. Eine Alternative sind Monostrukturen aus PE oder
PP, bei denen Barrierefunktionen über Metallisierung, SiOx (Siliziumoxid)- oder
AlOx (Aluminiumoxid)-Beschichtungen realisiert werden. Solche Lösungen können
Produktschutz und Recyclingfähigkeit besser zusammenbringen – vorausgesetzt,
sie laufen stabil auf der Maschine und erfüllen die geforderten Siegel-, Form-
und Barriereeigenschaften.
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Der Trend zur "Paperization"
Auch beim Wechsel von Kunststoffblistern mit Papierrückseite
zu überwiegend papierbasierten Verpackungen zeigt sich der Unterschied. Bei
klassischen Blistern stellt sich für Konsumenten die Frage, ob sie in den
gelben Sack oder die Papiertonne gehören. In der Sortierung konkurrieren PET
und Papier, die Faserausbeute kann gering ausfallen. Verpackungen mit höherem
Papieranteil und kleinerem Kunststofffenster lassen sich dagegen leichter dem
Papierstrom zuordnen und erreichen deutlich höhere Faserausbeuten.
Der Trend zur „Paperization“ braucht jedoch technische
Differenzierung. Ein Papier-PE-Verbund mit Barriere kann zwar nachhaltig
wirken, im Papierrecycling aber nur eine reduzierte Faserausbeute liefern und
Sortierprobleme verursachen. Besser geeignet können flexible Barrierepapiere
ohne Extrusionsbeschichtung sein, wenn sie in der blauen Tonne erfasst und mit
hoher Faserausbeute verwertet werden können. Entscheidend ist also nicht der
Materialwechsel an sich, sondern die recyclinggerechte Ausführung.
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Prozesskompetenz und Recyclingwissen
Für Maschinenbauer ergibt sich daraus ein klarer Auftrag:
Sie müssen sich früher in die Verpackungsentwicklung einschalten und
Prozesskompetenz mit Recyclingwissen verbinden. Wenn Kunden von
hochfunktionellen Verbunden auf Monomaterialien, Barrierepapiere oder neue
Rezyklatqualitäten umstellen, ändern sich Verarbeitungsparameter.
Siegeltemperaturen, Reibung, Abrieb, Bahnführung, Formgebung, Taktzahlen und
Prozessstabilität können neu bewertet werden. Scheck formulierte diese
Verschiebung als strategische Aufgabe: „Als Verpackungsmaschinenhersteller
muss man wissen, was die Anforderungen sind, die die Kunden in Zukunft haben.“
Damit verschiebt sich auch die Rolle des Maschinenbaus. Er
liefert nicht mehr nur Technik für bestehende Packstoffe, sondern wird zum
Sparringspartner bei der Entwicklung PPWR-fähiger Verpackungssysteme. Wer
versteht, warum ein Etikett die NIR-Erkennung stört, warum eine
Dichtekombination die Aufbereitung erschwert oder warum ein Barriereverbund
regulatorisch zum Risiko werden kann, kann Kunden gezielter beraten – und
Maschinen so auslegen, dass neue Materialien industriell funktionieren.