Dr. Natalie Brandenburg, Geschäftsführerin DVI, im Interview

„Es sollte eine Offenheit gegenüber sinnvollen Alternativen geben“

DVI Geschäftsführerin Dr. Natalie Brandenburg erklärt im Interview, warum fragmentierte Regeln, hohe Regulierungslasten und globale Krisen die Verpackungsbranche fordern – und weshalb Offenheit für praktikable Alternativen jetzt entscheidend ist.

6 min
Stabil, angespannt oder im Umbruch? Die Verpackungsbranche ist aktuell auf einmal.
Stabil, angespannt oder im Umbruch? Die Verpackungsbranche ist aktuell auf einmal.

Redaktion: Welche drei großen Herausforderungen sieht das dvi aktuell für die deutsche und europäische Verpackungswirtschaft?

Dr. Natalie Brandburg, Geschäftsführerin DVI
Dr. Natalie Brandburg, Geschäftsführerin DVI

Dr. Natalie Brandenburg: Aus aktuellem Anlass möchte ich auf zwei Aspekte etwas genauer eingehen: Level Playing Field und Regulatorik.

Mit Blick auf das Level Playing Field muss man feststellen, dass wir trotz der zahlreichen europäischen Regulierungen noch ein gutes Stück von gleichen Regeln, Bedingungen und Voraussetzungen für alle Marktteilnehmer innerhalb der EU entfernt sind. Das wirkt sich nicht nur auf die Wettbewerbsfähigkeit aus, sondern auch auf die ohnehin massiven administrativen und bürokratischen Belastungen für die Unternehmen. Darüber hinaus konterkariert es die Bemühungen und Ziele der Kreislaufwirtschaft. Die EU-Kommission zählt in ihrem Jahresbericht 2026 über den Binnenmarkt und die Wettbewerbsfähigkeit das Problem der fragmentierten Vorschriften für Verpackung zu den „Terrible Ten“ der schädlichsten Binnenmarkthindernisse.

Die Regulatorik selbst stellt ebenfalls eine zentrale Herausforderung dar. Insbesondere dann, wenn Anforderungen unklar und inkonsistent formuliert sind beziehungsweise über delegierte Rechtsakte erst final definiert werden müssen. Dazu kommt die Gefahr, dass es im Zuge der Umsetzung in nationales Recht zu Abweichungen kommt, die unterschiedliche Bestimmungen und Anforderungen innerhalb der EU entstehen lassen.

Im Endeffekt schafft die fehlende Planungssicherheit in Kombination mit wachsenden Dokumentationspflichten ein schwieriges Umfeld für wichtige unternehmerische Entscheidungen, beispielsweise für Investitionen in Forschung und Entwicklung oder in heimische Standorte.

Bei der Frage nach den aktuell größten Herausforderungen kommt man fraglos auch nicht an den Folgen der jüngsten Krisen und geopolitischen Kriege vorbei. Hohe Energie- und Rohstoffkosten, fragile Lieferketten, Zölle und schwacher Konsum treffen Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern der EU zum Teil besonders stark. Gleichzeitig wächst der Wettbewerbsdruck durch Importe aus weniger regulierten oder staatlich subventionierten Märkten.

Redaktion: Wie schätzen Sie die wirtschaftliche Lage der Verpackungsindustrie 2026 ein – stabil, angespannt, im Umbruch?

Brandenburg: Ich würde sagen, alle drei genannten Beschreibungen treffen zu. Auch wenn man den Eindruck haben kann, dass vor allem die Herausforderungen sehr stabil sind und uns noch eine Weile erhalten bleiben.

Wenn man auf die Details von „stabil, angespannt, im Umbruch“ schaut, stößt man auf die bereits genannten Aspekte. Da sind zum einen die Regulierungen, die zu hohen Aufwänden und auch Kosten führen. Dazu kommt erhebliche regulatorische Unsicherheit, die beispielsweise Investitionsentscheidungen bremsen. Speziell für Deutschland macht sich auch bemerkbar, dass wir weiterhin auf eine spürbare Erholung des privaten Konsums warten, der in der Vergangenheit ein verlässlicher Wachstumstreiber für die Verpackungsbranche war. Zahlen der GVM – Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung gehen für 2030 von einem Rückgang des Verpackungsaufkommens gegenüber 2023 um 7,5 % beziehungsweise 1,3 Mio. t aus. Hinzu kommen volatile Rohstoffpreise und die speziell in Deutschland sehr hohen Energiepreise, die viele Unternehmen nur begrenzt weitergeben können und die daher unmittelbar auf die Margen drücken.

In Summe sehen wir in der aktuellen Situation entsprechend eher begrenzte Wachstumsimpulse bei gleichzeitig hoher Dynamik und kurzfristigen Veränderungen im Marktumfeld – und gehen davon aus, dass sich dieses Muster erst einmal fortsetzen wird. Die Insolvenzen im Jahr 2025, auch bei traditionsreichen Unternehmen, unterstreichen den strukturellen Druck, unter dem die Branche steht.

Aber, um auch das noch einmal zu wiederholen: Die Branche verfügt über erhebliche Gestaltungskraft, und die PPWR setzt zusätzliche Impulse. Wenn es uns gelingt, das aufzugreifen und wirtschaftlich tragfähige sowie skalierbare, nachhaltige Lösungen zu entwickeln, wird das zu einem echten Wettbewerbsvorteil.

Redaktion: Gibt es aus Sicht des DVI Bereiche, in denen Politik und Wirtschaft noch nicht genügend miteinander sprechen?

Brandenburg: Aus unserer Sicht geht es vor allem um die Qualität der Gespräche.

Qualität bedeutet zunächst, die Perspektiven und realen Anforderungen möglichst vieler Akteure entlang der gesamten Wertschöpfungskette einzubeziehen. Gerade hier sind wir als DVI besonders sensibilisiert, weil unsere Mitglieder alle Stufen der Kette abdecken.

Entscheidend ist aber vor allem: Es darf nicht nur darum gehen, was erreicht werden soll, sondern ebenso darum, wie diese Ziele in der Praxis umgesetzt werden können. Genau dieses „Wie“ muss im Dialog offen diskutiert werden. Wenn dieser Gestaltungsspielraum fehlt, entstehen Regelungen, die zwar ambitioniert sind, aber an der Umsetzung scheitern, die übergeordneten Ziele verfehlen oder unnötig hohe Kosten verursachen.

Wie wichtig dieser Ansatz ist, zeigt sich ganz konkret auch bei der PPWR. Beim deutschen Pfandsystem oder in den Diskussionen zu Wiederverwendungszielen bei Ladeeinheitensicherung in Artikel 29.2-3 hat der Dialog dazu beigetragen, praxistauglichere Lösungen zu entwickeln. Bei Artikel 29.1 gibt es weiterhin Hoffnung, dass sich im Dialog eine praktikable Lösung findet, die auf die übergeordneten Ziele einzahlt und gleichzeitig machbar ist. Denn genau darum geht es letztlich: In gemeinsamer Arbeit die übergeordneten Ziele erreichen. Dafür sollten Systeme, die bereits funktionieren und etabliert sind, nicht zerstört werden und es sollte eine Offenheit gegenüber sinnvollen Alternativen geben.

Nebenbei erwähnt: Der Aspekt des Wissenstransfers aus der unternehmerischen Praxis in die Politik steht von Anfang an im Pflichtenheft des DVI und gehört zu unserer DNA. Als der damalige Bundesumweltminister Klaus Töpfer Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre das Duale System und die erste Verpackungsverordnung (VerpackV) einführte, suchte er vergeblich einen Ansprechpartner in der damals extrem heterogenen und von Einzel- und Materialinteressen dominierten Verpackungswirtschaft. Auf der Suche nach Expertise hatte er sich mit Prof. Dieter Berndt den Begründer des Studienganges Verpackungstechnik an der heutigen Berliner Hochschule für Technik in seinen Beraterkreis geholt und ihm gegenüber das Fehlen dieser gemeinsamen Branchenstimme beklagt. In der Folge gründete Prof. Berndt dann das Deutsche Verpackungsinstitut e. V., das von Anfang an Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu seinen Mitgliedern zählt.

Redaktion: Das DVI vergibt seit vielen Jahren den Deutschen Verpackungspreis und hat damit einen recht guten Überblick zum Stand der Technik. Welche Entwicklungen bewerten Sie aktuell als besonders wegweisend – etwa in Materialentwicklung, Digitalisierung, Sortierung oder Maschinenbau?

Brandenburg: Der Deutsche Verpackungspreis bietet als größte Leistungsschau rund um die Verpackung in Europa zehn Kategorien von Design über Warenpräsentation, Software und Maschinen, Neues Material, Digitalisierung und Nachhaltigkeit bis hin zu einem Sonderpreis für den Nachwuchs. Durch die Breite sehen wir, dass es in so gut wie allen Kategorien großartige Innovationen gibt – und das in verlässlicher Regelmäßigkeit Jahr für Jahr.

Auf eine Weise besonders wegweisend ist der Bereich Nachhaltigkeit. Es ist inzwischen so, dass nicht nur die Einreichungen in der Kategorie Nachhaltigkeit selbst dieses Ziel bedienen. Kreislaufwirtschaft und Nachhaltigkeit sind längst Meta-Themen, die im Grunde bei jeder Innovation zum Tragen kommen.

Nicht zuletzt durch die PPWR erwarten wir, dass quer über alle Kategorien und Materialien hinweg Aspekte im Vordergrund stehen werden, die auf die großen Ziele der PPWR 2030 einzahlen, also beispielsweise Minimierung, Recyclingfähigkeit, Rezyklateinsatz oder Mehrweg. Hier werden wir vermehrt Monomateriallösungen sehen, neue biobasierte Materialien, weitere Fortschritte bei Coatings und Hochleistungsbarrieren aber auch starke Einflüsse durch KI und Digitalisierung bei Maschinen und bei der Sortierung.

Redaktion: Wie unterscheidet sich die Diskussion um nachhaltige Verpackungen in Europa von Märkten wie Asien oder den USA?

Brandenburg: In Europa wird nachhaltige Verpackung derzeit vor allem als Regulierungs- und Umsetzungsfrage diskutiert. Die PPWR rückt dabei vor allem Rezyklierbarkeit und Rezyklateinsatz sowie Wiederverwendungspflichten und klare Nachweispflichten in den Vordergrund. In den USA ist das Bild deutlich fragmentierter. Dort prägen einzelne Bundesstaaten, EPR-Regeln und Sondervorgaben die Debatte, was für Unternehmen vor allem operative Komplexität zur Folge hat. Asien wiederum kann man in dieser Form nicht als einheitlichen Markt betrachten. Dort bietet sich ein sehr heterogenes Bild mit einzelnen Vorreitern wie Japan oder Südkorea und stark unterschiedlichen Ansätzen je nach Land und Materialstrom.

Was sich ganz klar zeigt: Nachhaltige Verpackungen sind global ein Thema – aber die Antworten darauf sind regional sehr unterschiedlich. Europa setzt stark auf Regulierung. Asien kombiniert staatliche Lenkung mit Technologieoffensiven. In Nord- und Südamerika reicht das Spektrum von ambitionierten Vorgaben über einen Flickenteppich von Einzelmaßnahmen bis hin zum Vertrauen auf die unsichtbare Hand des Marktes.

Redaktion: Wo sehen Sie deutsche Unternehmen international im Wettbewerb – führend, unter Druck oder im Übergang?

Brandenburg: Aus unserer Sicht verfügen deutsche Unternehmen in einzelnen Bereichen, vor allem bei Verpackungsmaschinen, Automatisierung, Anlagenbau und hochwertigen Speziallösungen, vor allem im Pharmabereich, weiterhin über eine sehr starke internationale Position. Hohe Ingenieurkompetenz, Qualitätsanspruch und Innovationsfähigkeit zahlen sich hier aus.

Gleichzeitig nimmt der Wettbewerbsdruck deutlich zu. Steigende Energie- und Rohstoffkosten, wachsende regulatorische Anforderungen, Fachkräftemangel und zunehmende internationale Konkurrenz belasten insbesondere material- und kostenintensive Teilsegmente der Branche. Hinzu kommt, dass die globalen Märkte insgesamt beschleunigt auf kreislauffähige, materialeffiziente und preislich robuste Lösungen umstellen.

Unter dem Strich und notgedrungen verkürzt formuliert könnte man so formulieren: Die deutsche Verpackungswirtschaft ist stark in der Spitze, aber in der Breite im Transformationsprozess. Die internationale Führungsrolle bleibt dort erhalten, wo Technologie, Prozesswissen und Systemkompetenz gefragt sind. Für die Gesamtbranche wird jedoch entscheidend sein, wie schnell es gelingt, Innovation, Kreislaufwirtschaft und Wirtschaftlichkeit zusammenzubringen.

Redaktion: Welche Trends oder Innovationen erwarten Sie persönlich auf der Interpack 2026 in Düsseldorf?

Brandenburg: Ich glaube, dass die Trends und Innovationen auf der Interpack sich nicht grundlegend von dem unterscheiden werden, was beim Deutschen Verpackungspreis 2026 im Mittelpunkt stehen wird: Es wird in hohem Maße um die kurz- und mittelfristigen Zielvorgaben der PPWR gehen, aber gleichzeitig auch um die Aspekte von Wirtschaftlichkeit und Kosten, Skalierung und Effizienz entlang der gesamten Value Chain.

Was ist das DVI?

Das Deutsche Verpackungsinstitut e. V. (DVI) ist ein branchenübergreifendes Netzwerk der Verpackungswirtschaft mit Sitz in Berlin. Es wurde 1990 als gemeinnütziger Verein gegründet und vereint heute Unternehmen aus allen Stufen der Wertschöpfungskette – von Materialherstellern über Verpackungsmaschinenbau bis hin zu Handel und Recyclingwirtschaft.

Das DVI versteht sich als Plattform für Information, Dialog und Innovation: Es vernetzt Akteure, fördert den Know-how-Transfer und setzt Impulse für zukunftsweisende Verpackungslösungen. Zudem organisiert es zentrale Branchenveranstaltungen wie den Deutschen Verpackungspreis, den Deutschen Verpackungskongress, den Tag der Verpackung und die Verpackungsakademie.