Interview mit Shatrughna Sinha, Generalkonsul von Indien
„Wir wollen Fertigungsstandards von Weltklasse erreichen“
Indien wandelt sich zu einem Fertigungsstandort von Weltklasse. In unserem Interview erläutert Generalkonsul Shatrughna Sinha, wohin sich das Wachstum entwickelt, warum die Partnerschaft mit Deutschland entscheidend ist und wie Automatisierung, Nachhaltigkeit und lokale Produktion die Zukunft prägen werden.
Indien ist für deutsche Maschinenbauer nicht mehr nur ein lukrativer Absatzmarkt, sondern auch ein spannender Produktionsstandort.OpenAI
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Redaktion: Sie haben auf der Packaging Machinery Conference im letzten Jahr das enorme Wachstumspotenzial Indiens im verarbeitenden Gewerbe hervorgehoben. Nun, ein Jahr später: Wie würden Sie das Tempo und die Richtung der heutigen industriellen Entwicklung einschätzen?
Shatrughna Sinha, indischer Generalkonsul in MünchenConsulate General of India
Shatrughna Sinha: Zunächst einmal vielen Dank für die Einladung. Die Packaging Machinery Conference im vergangenen Jahr war eine großartige Gelegenheit, mit Größen der Industrie in den Austausch zu treten.
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Indien ist weiter stark gewachsen. Tatsächlich bleiben wir die am schnellsten wachsende große Volkswirtschaft der Welt. Im Finanzjahr 2023/24 sind wir um 9,2 % gewachsen, 2024/25 lag das Wachstum bei 7,4 %. Und trotz globaler Herausforderungen bleibt unsere Wachstumsdynamik ungebrochen.
Unser Fokus liegt weiterhin auf „Make in India“, also darauf, Indien zu einem globalen Fertigungshub auszubauen. Wir wollen den Anteil der Industrie an Indiens BIP auf 25 % erhöhen. Das wird Zeit brauchen, aber die Richtung stimmt. Die Regierung liberalisiert weiterhin Vorschriften und zieht Investitionen in die industrielle Fertigung an. Über 23 Milliarden US-Dollar wurden bereits im Rahmen von Production Linked Incentive-Programmen für 14 Zukunftssektoren ausgezahlt – Elektronik, Halbleiter, grüner Wasserstoff, E-Mobilität, Batterietechnologien und mehr.
Wir befinden uns im Übergang von einer montagetriebenen Wirtschaft hin zu einem technologiegeführten, designorientierten und innovationsgetriebenen Fertigungsökosystem. Dies eröffnet enorme Chancen für Partnerschaften mit Deutschland. Angesichts der deutschen Ingenieurskunst und der Stärken im Maschinenbau können deutsche Unternehmen eine entscheidende Rolle bei der industriellen Transformation Indiens spielen.
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Redaktion: Sie haben das Ziel erwähnt, einen Anteil der Fertigung am BIP von 25 % zu erreichen. Welchen Zeithorizont sehen Sie – fünf Jahre, zehn Jahre?
Sinha: Unser Premierminister hat das ehrgeizige Ziel gesetzt, Indien bis 2047 zu einem entwickelten Land zu machen. Bis dahin streben wir eine Volkswirtschaft von 35 Billionen US-Dollar an, und dafür ist ein starkes Wachstum im verarbeitenden Gewerbe notwendig.
Die indische Planungskommission NITI Aayog hat festgestellt, dass die Fertigung, um von 17 % auf 25 % des BIP zu kommen, bis 2047 jährlich um rund 15 % wachsen muss. Das ist ehrgeizig, aber machbar. Ich würde den Zeithorizont daher auf ungefähr die nächsten 20 Jahre ansetzen.
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Redaktion: Der indische Verpackungsmarkt durchläuft eine rasante Modernisierung, getrieben durch E-Commerce, Urbanisierung und neue regulatorische Anforderungen. Wie wird sich das auf die Nachfrage nach Lösungen aus Deutschland auswirken?
Sinha: Die Nachfrage wird erheblich sein, da sich der indische Verpackungssektor in einem dreifachen Transformationsprozess befindet:
Wachstum des E-Commerce,
regulatorische Aufwertungen und
Premiumisierung der Verbraucher.
Der indische Verpackungsmarkt liegt derzeit bei rund 100 Milliarden USD und wird voraussichtlich bis 2030 170 Milliarden USD erreichen. Allein die Lebensmittelverarbeitungsindustrie hat ein Volumen von fast 400 Milliarden USD, und ihr Wachstum wird die Nachfrage nach Verpackungslösungen weiter ankurbeln.
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Deutschland exportiert derzeit Maschinen im Wert von rund 4–5 Milliarden USD nach Indien, und dieses Volumen wird steigen – insbesondere, sobald das Indien-EU-Freihandelsabkommen in Kraft tritt. Die BIS-Zertifizierungsstandards werden zudem technologisch fortschrittliche und compliance-bereite Maschinen fördern, was ein Vorteil für deutsche Hersteller ist.
Redaktion: Wenn wir also an Skalierung der Produktion, Automatisierung und Digitalisierung denken – und die deutschen Exporte derzeit bei rund 4 Milliarden USD liegen – mit welchem Wachstum rechnen Sie?
Sinha: Deutsche Hersteller, die in Indien tätig sind, verzeichnen häufig ein jährliches Wachstum von 30–50 %. Doch die zentrale Erkenntnis ist: Der Export von Maschinen aus Deutschland allein wird nicht ausreichen. Um in Indien langfristig erfolgreich zu sein, müssen Unternehmen näher am indischen Kunden produzieren. Indien ist ein riesiger Markt – 1,4 Milliarden Menschen, eine große Mittelschicht und die am schnellsten wachsende große Volkswirtschaft der Welt. Eine lokale Präsenz ist entscheidend, um die Serviceerwartungen zu erfüllen.
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Redaktion: Sprechen wir über Nachhaltigkeit. Indische Unternehmen investieren zunehmend in nachhaltige Verpackungen, bauen Recyclingkapazitäten aus und integrieren mehr recycelte Materialien. Welche Rolle spielt die indische Regierung?
Sinha: Die Regierung Indiens ist der Überzeugung, dass industrielles Wachstum und ökologische Nachhaltigkeit Hand in Hand gehen müssen. Unser Engagement ist tiefgreifend:
• Wir haben die erweiterte Herstellerverantwortung (Extended Producer Responsibility, EPR) im Rahmen der Vorschriften zum Management von Kunststoffabfällen eingeführt und damit Hersteller, Importeure und Markeninhaber für den gesamten Lebenszyklus von Kunststoffverpackungen verantwortlich gemacht.
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• Wir haben den verpflichtenden Recyclinganteil in Hartkunststoffen von 30 % auf einen Zielwert von 60 % bis 2029 erhöht.
• Wir haben bestimmte Einwegkunststoffe verboten und die Industrie damit in Richtung recycelbarer oder biologisch abbaubarer Materialien gelenkt.
• Es gibt außerdem Anreize für nachhaltige Lebensmittelverpackungen, wobei bereits über 730 Millionen USD ausgezahlt wurden.
Deutschland ist als globaler Vorreiter im Recycling, in der Kreislaufwirtschaft und bei ressourceneffizienten Maschinen ein natürlicher Partner. Beide Regierungen sind im Rahmen der „Green Strategic Partnership“ engagiert, und nun muss die Industrie die Zusammenarbeit vertiefen.
Redaktion: Indien diversifiziert und stärkt seine Lieferketten aktiv. Wie attraktiv ist Indien heute im Vergleich zu anderen Standorten in Asien – insbesondere vor dem Hintergrund geopolitischer Verschiebungen?
Sinha: Indien ist einzigartig. Wir sind das bevölkerungsreichste Land der Welt, die am schnellsten wachsende große Volkswirtschaft und ein enormer Markt. Investoren schätzen:
Rechtsstaatlichkeit,
demokratische Institutionen,
eine junge, qualifizierte Erwerbsbevölkerung,
starke politische Unterstützung auf Zentral- und Bundesstaatsebene.
Indien hat kürzlich die Marke von 1 Billion USD an ausländischen Direktinvestitionen über 25 Jahre überschritten. Das Indien-EU-Freihandelsabkommen wird rund 97 % des Handels abdecken und Indien als kosteneffizienten Produktionsstandort positionieren – nicht nur für den heimischen Markt, sondern auch für den Export. Die Bundesstaaten konkurrieren um Investoren, indem sie Flächen, Steuervergünstigungen, niedrige Stromkosten und verschiedene Anreize anbieten. Für deutsche Unternehmen machen unsere gemeinsamen demokratischen Werte und unsere Verlässlichkeit Indien zu einem besonders angenehmen Partner.
Redaktion: Was erwarten indische Unternehmen von deutschen Maschinenherstellern – Spitzentechnologie, lokale Präsenz, gemeinsame Entwicklung?
Sinha: All das. Indische Hersteller suchen Partnerschaft, nicht nur Maschinen. Wir können von Deutschland sehr viel in den Bereichen Ingenieurkunst, F&E und Innovation lernen. Gleichzeitig können deutsche Unternehmen von ihren indischen Partnern einen offenen Umgang mit Digitalisierung und Kosteneffizienz lernen.
Zentrale Erwartungen sind:
Lokale Präsenz,
24/7-Serviceunterstützung,
Co-Development und Co-Production,
Kostensensitive Lösungen,
Nachhaltigkeitsorientierte Konstruktionen.
In Indien gibt es viele Global Capability Centers; die Zusammenarbeit mit indischen Unternehmen ermöglicht es deutschen Firmen, Innovationszyklen deutlich effektiver zu nutzen.
Redaktion: Viele deutsche Unternehmen sind KMU mit begrenzten Ressourcen und Indien-Erfahrung. Welchen einen Ratschlag würden Sie einem mittelständischen Hersteller von Verpackungsmaschinen geben?
Sinha: Mein Rat lautet: Denken Sie langfristig. Reisen Sie nicht nach Indien in der Erwartung sofortiger Ergebnisse oder um den Markt bereits nach einem Jahr zu beurteilen.
Indien ist groß und vielfältig; der Aufbau eines starken Vertriebs- und Servicenetzwerks braucht Zeit. Ob Sie nun mit einem indischen Unternehmen kooperieren oder eine eigene Tochtergesellschaft gründen – investieren Sie erst, nachdem Sie den Markt gründlich verstanden haben. Viele Unternehmen beginnen mit Vertrieb und Service und steigen anschließend in die Produktion ein. Führen Sie eine sorgfältige Due-Diligence-Prüfung durch, bauen Sie Vertrauen auf und entwickeln Sie eine langfristige Denkweise.
Redaktion: Unterstützt die indische Regierung die Vermittlung von Partnerschaften zwischen deutschen und indischen Unternehmen?
Sinha: Auf jeden Fall. Das Generalkonsulat von Indien – und verschiedene Regierungsbehörden – unterstützen aktiv bei der Partnervermittlung. Jedes deutsche Unternehmen, das Indien in Betracht zieht, ist herzlich eingeladen, auf uns zuzukommen. Wir helfen bei der Identifizierung verlässlicher Partner und geben Orientierung. Angesichts der industriellen Ambitionen Indiens ist es sehr wahrscheinlich, dass deutsche Hersteller passende und leistungsfähige Partner finden werden.
Redaktion: Lassen Sie uns über die BIS-Zertifizierung sprechen. Viele Hersteller sind unsicher, was genau gefordert wird. Was können Sie ihnen sagen?
Sinha: Die BIS-Zertifizierung soll die Qualität in Indien sicherstellen. Sie richtet sich nicht speziell an ausländische Hersteller, sondern gilt gleichermaßen für inländische Unternehmen. Ziel ist eine robuste, regelbasierte Regulierungsarchitektur für Industrieanlagen.
Ab dem 1. September 2026 dürfen alle erfassten Maschinen – einschließlich Verpackungsmaschinen – nur noch mit gültiger BIS-Zertifizierung nach Indien importiert oder in Indien verkauft werden, sofern keine Ausnahmeregelung bekanntgegeben wird.
Wir räumen ein, dass es Verzögerungen gegeben hat, und arbeiten daran, den Prozess zu straffen. Wenn ein Unternehmen auf Probleme stößt, bringen wir diese gerne bei den zuständigen Behörden zur Sprache. Wir möchten, dass die BIS-Zertifizierung den Handel zwischen Indien und Deutschland erleichtert – nicht behindert.
Redaktion: Und wenn Unternehmen weiterhin Fragen haben – können sie sich direkt an Sie wenden?
Sinha: Ja, auf jeden Fall. Sie können jederzeit auf uns zukommen. Wir können Anliegen bei den zuständigen Behörden vorbringen und bei der Beschleunigung der Zertifizierung unterstützen. Unternehmen können sich auch direkt an die indischen Behörden wenden, aber wir stehen immer als erste Anlaufstelle zur Verfügung.
Redaktion: Sie haben Indiens qualifizierte Arbeitskräfte erwähnt. Allerdings erfordert der industrielle Ausbau umfangreiche Qualifizierung und Mobilität. Welche Initiativen unterstützen die indisch-deutsche Zusammenarbeit in diesem Bereich?
Sinha: Indien und Deutschland haben ein Migrations- und Mobilitätspartnerschaftsabkommen geschlossen, um den Fachkräftemangel in Deutschland zu adressieren. Indien hat inzwischen über 60.000 Studierende an deutschen Hochschulen – die größte ausländische Studierendengemeinschaft hier. Viele indische Ingenieurinnen und Ingenieure, Forschende und IT-Fachkräfte arbeiten bereits erfolgreich in Deutschland.
Mehrere Bundesländer, darunter Baden-Württemberg und Maharashtra, setzen Programme um, um Fachkräfte nach Deutschland zu bringen. Privatunternehmen müssen diesen Prozess zunehmend vorantreiben, indem sie ihren Bedarf klar definieren. Die indischen Bundesstaaten bieten starke Unterstützung, einschließlich Deutschunterricht in Ausbildungszentren.
Herausforderungen bleiben – Visaverfahren, Anerkennung von Abschlüssen und Sprachanforderungen – aber die Fortschritte sind stetig, und die Mobilität wird in den kommenden Jahren wachsen.
Redaktion: Letzte Frage: Welche technologischen Entwicklungen werden für die industrielle Zukunft Indiens entscheidend sein – insbesondere in der Fertigung?
Sinha: Mehrere Bereiche sind entscheidend:
Automatisierung und Robotik: In Indien mangelt es nicht an Arbeitskräften, aber wir wollen Fertigungsstandards von Weltklasse erreichen. Automatisierung bietet große Chancen für deutsche Unternehmen.
Digitalisierung und Datentechnologien: Der indische Markt erzeugt aufgrund seiner Größe enorme Datenmengen. Deutsche Unternehmen können diese für Innovationen und Produktverbesserungen nutzen.
Halbleiter: Dies ist ein Sektor mit höchster Priorität. Wir bieten erhebliche Anreize und hoffen, bald weitere deutsche Halbleiterhersteller begrüßen zu können.
Wir sehen bereits bedeutende deutsche Investitionen – Bosch, ZF und andere. Ich hoffe, dass deutsche Hersteller von Verpackungsmaschinen in ähnlicher Weise das unterstützende Umfeld in Indien und den großen Markt nutzen werden. Und wie immer steht das Generalkonsulat Indiens bereit, jedem deutschen Hersteller zu helfen, der in den indischen Markt eintritt.
PMC 2026: Neue Geschäftsmodelle im Fokus
Ob im Service oder anderen Bereichen: Der Verpackungsmaschinenbau sucht derzeit nach neuen Geschäftsmodellen. Als Erlösquelle und Unterscheidungsmerkmal zur globalen Konkurrenz. Weshalb wir in der bereits dritten Ausgabe der Packaging Machinery Conference, die 2026 am 16. und 17. Juni in Nürnberg stattfindet, gleich mehrere Vorträge zu dem Thema auf der Agenda haben.
Was und wer Sie in diesem Jahr alles auf der Plattform des deutschen Verpackungsmaschinenbaus erwartet? Unsere Speaker und ihre Themen stellen wir gerade aktuell nach und nach live unter https://www.packaging-machinery-conference.de/