Unternehmerische Ursprungsmythen sind so zahlreich
wie die Organisationen, von denen sie berichten. Von der berühmten Garagen- bis
zur Spontangründung mit verschwindend geringem Startkapital gibt es unzählige
Varianten. In Crailsheim begann eine der wohl spannendsten Unternehmungen des
deutschen Maschinenbaus im Atelier eines ortsansässigen Bildhauers. Dessen Sohn
hatte dort die Idee eines modularen Maschinenbaukastens ausgearbeitet, die er
ab 1966 im eigenen Unternehmen weiterentwickelte und vermarktete. Sein Name:
Gerhard Schubert. Eine seiner ersten Entwicklungen, die vollautomatische Schachtelaufrichte-
und -klebemaschine, kurz SKA, ging 1966 an den Lebkuchenhersteller Weiss aus
Nürnberg.
Dabei sollte – und durfte – es allerdings nicht bleiben.
Denn nicht nur deutsche Unternehmen benötigten in Zeiten rascher
Industrialisierung Lösungen, die ihnen den Verpackungsalltag erleichtern, und
häufig mehr als eine SKA. Da traf es sich gut, dass sich das Portfolio bis in
die 1970er-Jahre bereits weiterentwickelt hatte. Lösungen wie das
Hubtelleraggregat, ein Vorgänger der heutigen Pick-and-Place-Roboter, und andere
Baugruppen ermöglichten es, weitere Verpackungsschritte ohne menschliches Zutun
zuverlässig auszuführen. Doch wie an die vielen potenziellen Abnehmer
herantreten? Wie den Kundenkontakt auch über die deutschen Grenzen hinaus herstellen,
damit sich ohne Weiteres an die Erfolgsgeschichte mit Weiss anknüpfen ließ?
Der Lebkuchenhersteller selbst, oder besser gesagt ein mit dem Auftrag vertrauter Geschäftsmann, brachte die Lösung: Karl-Josef
Ehrhart, Geschäftsführer der Heidenheimer Edelmann GmbH & Co. KG, damals
ein wachstumsstarker Hersteller von Verpackungen, hatte Gerhard Schubert mit
Weiss zusammengebracht. Mehr noch: Ehrhart war Mitgesellschafter bei der
Gerhard Schubert GmbH, kannte die Branche aufgrund seiner Tätigkeit bestens und
hatte einen steten Draht zu Gründer Gerhard Schubert. Sich dieses Netzwerk
zunutze zu machen, verstand sich nahezu von selbst, lieferte es doch jene entscheidende
Grundlage, die ein noch junges Unternehmen für ein gesundes Wachstum braucht:
Kontakte und damit Nährboden für die Ausweitung des Geschäfts.
Zwei starke Kanäle
Aus einem Partner wurden rasch zwei: Nicht nur
Edelmann diente als Inlands-Vertriebskanal für den aufstrebenden Maschinenbauer
aus Crailsheim. Auch die Firma Stabernack, ihres Zeichens ebenfalls
Packmittelhersteller, unterstützte beim Vertrieb innerhalb Deutschlands. Wer
hier nur an Maschinen denkt, irrt: Damals wie heute stand „Full Service“ im
Mittelpunkt der unternehmerischen Tätigkeit, und damit die
Verpackungsentwicklung genauso wie die Konzeption passgenauer
Verpackungsprozesse. Schließlich kannten sich beide Partnerfirmen hervorragend
mit allen gängigen Packstoffen aus und ergänzten so die tiefgehende Ingenieurskompetenz
aus Crailsheim.
Für den internationalen Vertrieb zeichnete seit
Beginn der 1970er-Jahre die in Crailsheim ansässige IPS – Internationale
Packungs-Systeme GmbH – verantwortlich, die mit einer SKA nach Finnland ihren
ersten internationalen Auftrag sicherte. Die aus ihr hervorgegangene Schubert
Packaging Systems in Crailsheim vereint heute Engineering- und Systemlösungen
für automatisierte Verpackungsanlagen unter einem Dach. Im Fokus stehen Planung,
Umsetzung und Betreuung komplexer Verpackungslinien für verschiedene Branchen.
Nicht nur für After Eight
Derart breit aufgestellt, könnte man meinen, kann
das Geschäft nur florieren. Das ist für sich genommen nicht falsch, setzt aber
Maschinen voraus, die sich technologisch auf der Höhe der Zeit bewegen. Und das
taten die Entwicklungen aus Crailsheim allemal.
Gerhard Schubert hatte seine Idee eines modularen
Ansatzes unermüdlich vorangetrieben. Das handfeste Ergebnis dieser
Überlegungen, der umfassende Schubert-Sondermaschinen-Baukasten (SSB),
ermöglichte jedem Hersteller, die passende Top-Loading-Verpackungsmaschine aus
verschiedenen mechanischen Baugruppen zusammenzustellen. Dieser
hochindividuelle Ansatz mit einem Hauch „Do it yourself“ – schließlich bestimmt
bis heute der Kunde, was er haben möchte – fand auch international früh Anklang.
Anfang der 1970er Jahre lieferte Schubert über Handelskontakte der IPS bereits
eine Anlage zum Verpacken von Seifenstücken in Geschenkverpackungen nach Japan.
Und in Großbritannien waren Kunden des Süßwarenherstellers Rowntree Mackintosh
auf den Geschmack von „After Eight“ und das Unternehmen auf die Maschinen aus
Crailsheim gekommen. Eine hohe Nachfrage braucht flexible Technologie, die mit
ihr Schritt halten kann.
Immer internationaler
Mit der erfolgreichen Kombination aus mehreren
Vertriebskanälen und Maschinen war es nur eine Frage der Zeit, bis Schubert
seine Aktivitäten konsolidieren würde. Kürzere Wege, ein noch engerer Austausch.
Gerhard Schuberts Wunsch, Dinge stets besser zu machen, umfasste auch den
Vertrieb, den er mit Hilfe erfahrener Köpfe schrittweise ins Unternehmen holte.
Die Vision: eine eigene Vertriebsabteilung am Stammsitz, ergänzt um weitere im
Ausland. Das gelang nicht zuletzt dank international erfahrener Kollegen, die
Gerhard Schubert um sich versammelte.
Erfolge wie die erste robotisierte Pralinen-Packstraße
der Welt in Frankreich belegen eindrucksvoll, dass die Strategie aufging.
Eigenständige Vertriebspartner in Australien, England und den USA machten das
Netz noch effektiver. Im Laufe der Zeit zog Schubert dort vielfach mit eigenen
Organisationen nach. Mit Schubert Packaging Systems in den USA – heute Schubert
North America – und Schubert UK Limited bleibt das Unternehmen jenseits des
Atlantiks beziehungsweise des Ärmelkanals eng an seinen Kunden. Der
Vertriebspartner Selpak in Sydney sorgt dafür, dass die Technologien aus
Crailsheim auch den Weg nach Australien und Neuseeland finden.
Fertigung nach Plan
Ein Vertriebsnetz arbeitet jedoch nur dann
reibungslos, wenn die Pipeline gefüllt ist, sprich, wenn Maschinen aus
Crailsheim kontinuierlich vom Band laufen. Wie passend, dass die Technologie
modular daherkommt: Nicht nur Kunden stellen sich so ihre Anlage passgenau
zusammen. Ihre gesamte Fertigung lässt sich auch standardisieren und damit nahezu
wie am Fließband erledigen.
Mit diesem Gedanken im Hinterkopf konzipierte
Gerhard Schubert 2002 das, was im Firmenjargon „Fließfertigung“ heißt. Dabei
geht es im Kern darum, einzelne Zellen und Teilmaschinen stets nach dem
gleichen Prinzip vorzumontieren, damit die Endmontage sie lediglich zur
fertigen Linie zusammensetzen muss. Schienen im Boden der Halle 2 bilden dabei
das „Band“, an dem die lackierten Gestelle einzelne Stationen durchlaufen und
dabei schrittweise alle Standardaggregate erhalten, vom Picker über
die Steuerung bis zur Elektronik und Strecken fürs Transmodul. Wie die
Stationen sind die Aufgaben klar verteilt; jeder Monteur weiß, was er zu tun hat.
Nach 14 solcher Takte steht eine voll funktionsfähige Teilmaschine bereit für
die Endmontage. Die Fließfertigung legte den Grundstein für kürzere,
einheitliche Montagezeiten und damit eine hocheffiziente Produktion, die zudem fest
in einer speziellen Software wurzelt.
Denn
wie weiß Kollege X, dass jetzt Teilmaschine Y dran ist? Gibt es genügend Leute,
um den Job fristgerecht zu erledigen? Erfolgten Kommunikation und Konstruktion
zu Beginn gewiss noch auf Zuruf, hielt mit Saturn bereits Mitte der 1990er
Jahre ein Produktionsplanungssystem Einzug in Crailsheim, das den Durchblick
verschafft. Wie vieles vor Ort handelt es sich um eine Eigenentwicklung, die
Gerhard Schubert mit Software-Ingenieuren und Lachmann & Rink umsetzte.
Saturn
ist das „Gehirn“ der Produktion
Wie
die Ringe um den bekannten Planeten drehen sich bei Schubert sämtliche Prozesse
um dieses leistungsstarke System, das gewissermaßen als „Gehirn“ der gesamten
Produktion und Planung fungiert. Saturn vereint über 150 Einzelprogramme in
einem für jeden Anwender passgenauen Portal. Hier bildet es von der Kalkulation
eines Auftrags bis zur Auslieferung einer Maschine und ihrer Endabnahme
sämtliche Schritte ab, die ein Unternehmen wie Schubert am Laufen halten.
Dazu
gehört auch eine Übersicht, welche Kapazitäten gerade frei sind, womit sich der
Kreis zur Fließmontage schließt: In Saturn sieht ein Meister frühzeitig, ob an
einem bestimmten Tag ausreichend Kapazitäten und die benötigten Teile verfügbar
sind – und kann gegebenenfalls rechtzeitig Maßnahmen einleiten, um die 14 Takte
reibungslos abzuarbeiten. Die zentrale Entwicklung hat seit Einführung nichts
an Aktualität eingebüßt, da die Software stets mit der Zeit ging.
Auch
die Produktion selbst steht nicht still, weder prozessseitig noch strategisch: Aktuell
baut Schubert das Portfolio aus, wodurch sich auch die Fertigungsprozesse
erneut verändern werden. Schließlich benötigt die TOG-Reihe eigene
Fertigungsprozesse: Anders als TLM und LIGHTLINE läuft die Fertigung der
vollauf standardisierten Einzelfunktionsmaschinen noch nicht über die Vormontage,
soll jedoch perspektivisch in diese integriert werden. Seine Prozesse möchte Schubert
laufend schlanker gestalten, um am Ende leistungsstarke, kostengünstige
Maschinen auf den Markt zu bringen, die bereits dem Firmengründer im Atelier
des Vaters vorschwebten. Wettbewerbsfähig zu bleiben bedeutet, ganz mythenfrei
betrachtet, möglichst effizient zu produzieren und Maschinen zu vermarkten, die
jede Verpackungsaufgabe zu lösen vermögen.