Interview mit Thomas Weller, CEO bei Harro Höfliger, über Turnkey-Lösungen, modulare Automatisierung und digitale Services in der Pharma- und Medtech-Produktion.
Seit mehr als 30 Jahren im Unternehmen: Thomas Weller.Tom Philippi / Harro Höfliger
Anzeige
Redaktion: Herr Weller, Pharma- und Medtech-Unternehmen fragen immer
häufiger komplette Produktionslösungen nach. Warum gewinnt dieses Modell so
stark an Bedeutung?
Weller: Das Interesse sehen wir tatsächlich sehr deutlich. Viele
Kunden bevorzugen heute eine komplette Produktionslinie aus einer Hand – mit
einem Ansprechpartner, einem effizienten, funktionierenden Prozess, einer
einheitlichen Bedienoberfläche und möglichst wenigen Schnittstellen. Früher war es üblicher, einzelne Maschinen bei verschiedenen
Lieferanten zu kaufen und die Integration im eigenen Werk zu organisieren. Das
bedeutet aber einen erheblichen Aufwand – und auch ein Risiko. Wenn später
etwas nicht funktioniert, beginnt schnell die Diskussion darüber, welcher
Lieferant für welche Schnittstelle verantwortlich ist. Heute möchten viele Pharmaunternehmen diese Komplexität
vermeiden. Sie konzentrieren sich stärker auf ihre Kernkompetenz – also die
Entwicklung und Herstellung von Medikamenten – und übertragen die Verantwortung
für die Produktionslinie dem Anlagenbauer. Für sie bedeutet das vor allem
Risikominimierung. Eine Turnkey-Lösung mag auf den ersten Blick etwas teurer
sein, aber sie bietet Sicherheit. Auch die Sicherheit, schnell zur gewünschten Performance
zu kommen. Wenn ich bei einer großen Linie möglicherweise einige hunderttausend
Euro einspare, weil ich alles selbst kaufe und installiere, dafür aber
vielleicht vier Monate mehr Zeit bis zum Produktionsstart brauche, kommt mich
das am Ende deutlich teurer.
Anzeige
Redaktion: Turnkey bedeutet „alles aus einer Hand“. Was heißt das konkret in der stark regulierten Pharmawelt?
Weller: Vor allem, dass die komplette Linie bereits bei uns integriert, getestet und vom Kunden im Rahmen eines Factory-Acceptance-Tests (FAT) abgenommen wird. Gerade im GMP-Umfeld ist das entscheidend. Wenn ein Herstellprozess einmal validiert ist, sind Änderungen sehr aufwendig. Dazu kommt: Mechanische Anpassungen lassen sich im Reinraum nur sehr begrenzt durchführen, allein schon wegen der Partikelbelastung.
Redaktion: Was bedeutet diese Entwicklung für den Maschinenbau?
Anzeige
Weller: Der klassische Maschinenbauer ist zunehmend als
ganzheitlicher Prozesspartner gefragt. Früher stand die einzelne Maschine im
Mittelpunkt. Heute interessiert den Kunden der gesamte Produktionsprozess. Deshalb arbeiten bei uns heute neben Maschinenbauingenieuren
auch Pharmazeuten, Apotheker und Prozesstechniker. Wir betrachten also nicht
nur die technische Lösung, sondern den gesamten Herstellprozess. Die Maschine ist letztlich nur das Werkzeug. Der Kunde
möchte einen Wirkstoff oder Bauteile in den Prozess geben und am Ende möglichst
effizient ein fertiges Produkt mit hoher Qualität und minimalem Ausschuss
erhalten.
Redaktion: Können Sie ein Beispiel aus der Praxis nennen?
Thomas Weller: "Heute interessiert den Kunden der ganze Produktionsprozess."Tom Philippi / Harro Höfliger
Weller: Nehmen wir Produktionslinien für Autoinjektoren. Hier
arbeiten mehrere Business-Units bei uns zusammen. Ein Team ist auf
Montageautomation spezialisiert – also auf das Zusammenbauen der Komponenten.
Ein anderes kümmert sich um Verpackung, Etikettierung, Serialisierung und
Kartonage. Am Ende entsteht eine komplette Linie, die wir im Werk vollständig
testen. Der Kunde bekommt damit eine integrierte Lösung – mit einer gemeinsamen
Steuerungsarchitektur, einer Bedienoberfläche und einem Ansprechpartner für
Service und Ersatzteile.
Anzeige
Redaktion: Wo liegen bei solchen Projekten die größten
Herausforderungen?
Weller: Die Technik muss natürlich stimmen. Aber die größte
Herausforderung ist das Projektmanagement. Bei einer kompletten Linie arbeiten
mehrere Teams parallel – Konstruktion, Automatisierung, Montage, Software,
Inbetriebnahme und Validierung. Dazu kommen teilweise auch Partnerunternehmen. Entscheidend ist, dass diese Teams transparent miteinander
kommunizieren. Wenn irgendwo ein Problem entsteht, muss das frühzeitig
angesprochen werden. Nur dann kann das gesamte Projektteam gemeinsam eine
Lösung finden.
Redaktion: Viele Projekte beginnen mit Pilotanlagen. Wo liegt die
größte Herausforderung beim Übergang zur Serienproduktion?
Harro Höfliger: Von der Garage zum Global Player
Die Harro Höfliger Verpackungsmaschinen GmbH ist ein
deutscher Sondermaschinenbauer mit Sitz in Allmersbach im Tal in
Baden-Württemberg. Das Familienunternehmen wurde 1975 von Harro Höfliger
gegründet und hat sich auf die Entwicklung und Herstellung hochautomatisierter
Produktions- und Verpackungsanlagen spezialisiert. Der Schwerpunkt des Unternehmens liegt auf maßgeschneiderten
Maschinenlösungen für Branchen mit besonders hohen Qualitäts- und
Präzisionsanforderungen. Dazu zählen seit der Jahrtausendwende vor allem die
Pharma- und Medizintechnikindustrie, aber auch Bereiche der Healthcare-Industrie.
Die Anlagen von Harro Höfliger decken häufig die gesamte Prozesskette ab: von
der Produktzuführung und Dosierung über Montage- und Prüfprozesse bis hin zur
Endverpackung. Heute beschäftigt das Unternehmen weltweit rund 2.450
Mitarbeitende und betreibt neben dem Stammsitz mehrere internationale
Niederlassungen und Servicestandorte. Im Geschäftsjahr 2025 erzielte Harro
Höfliger einen Umsatz von etwa 480 Mio. € – bei einem Exportanteil von mehr als
80 %.
Weller: Der entscheidende Punkt ist Skalierbarkeit. Schon in der
Entwicklungsphase muss klar sein, ob sich ein Prozess später auf industrielle
Stückzahlen übertragen lässt. Nehmen wir ein konkretes Beispiel: Ein Abfüllprozess
erfordert, dass wir ein Pulver mit 3 oder 5 mg dosieren. Das funktioniert im
Labor problemlos. In der Industrialisierungsstufe soll die Anlage aber
vielleicht mit 100 Takten pro Minute laufen. Dann muss sichergestellt sein,
dass dieser Prozess auch unter Produktionsbedingungen stabil funktioniert.
Deshalb dokumentieren wir solche Versuche sehr genau – inklusive Parameter wie
Temperatur, Luftfeuchtigkeit oder Materialeigenschaften. Diese Daten werden in Wissensdatenbanken gespeichert, sodass
sie später für die Serienentwicklung verfügbar sind.
Anzeige
Redaktion: Vom Labor zur Produktion – können Sie das anhand eines
Endprodukts konkretisieren?
Weller: Ein interessantes Beispiel sind Anlagen für chirurgisches
Nahtmaterial. Für einen Kunden automatisieren wir Prozesse, bei denen Nadeln
mit chirurgischem Faden verbunden werden – früher geschah das rein manuell. Dabei
wird zunächst die Nadel positioniert, anschließend wird der Faden automatisch
eingefädelt und gecrimpt, dann gewickelt. Roboter übernehmen das Handling, und
Kamerasysteme prüfen anschließend die Qualität der Verbindung.
Redaktion: Ein anderer Trend sind kleinere Chargen. Wie wirkt sich
das auf die Automatisierung aus?
Anzeige
Weller: Das verändert den Maschinenbau deutlich. Gerade bei Zell-
und Gentherapien sind Chargen verhältnismäßig klein. Gleichzeitig sind die
Produkte extrem teuer. Deshalb setzen wir zunehmend auf modulare
Anlagenplattformen. Ein Beispiel dafür ist unsere Montageplattform für Pens und
Autoinjektoren, bei der wir mit dezentralen Steuerungen arbeiten. Jedes Modul besitzt seine eigene Steuerung, und die Module
lassen sich relativ einfach austauschen oder erweitern. Dadurch können neue
Produkte oder Formate schneller integriert werden.
Redaktion: Früher endete ein Maschinenprojekt mit der
Inbetriebnahme. Heute sprechen viele über digitale Services. Welche Rolle
spielen diese bei Ihnen?
Weller: Digitale Services werden immer wichtiger. Wir haben dafür
eine eigene Business-Unit aufgebaut und arbeiten mit einem Softwarepartner
zusammen, an dem wir auch beteiligt sind. Ein Beispiel ist Predictive
Maintenance. Dabei analysieren wir etwa den Energieverbrauch von
Servoantrieben. Wenn ein Antrieb über längere Zeit mehr Strom benötigt als
üblich, kann das ein Hinweis auf Verschleiß sein. Das System kann dann frühzeitig melden: Wenn sich diese
Entwicklung fortsetzt, könnte in einigen Wochen ein Ausfall drohen. Dieser
datenbasierte, vorausschauende Ansatz trägt also zu einer höheren Effizienz der
Anlage bei.
Anzeige
Redaktion: Gibt es auch Anwendungen im Produktionsalltag?
Weller: Ja, etwa beim Thema Formatwechsel. Viele Anlagen müssen
regelmäßig zwischen verschiedenen Produktformaten wechseln. Digitale Assistenzsysteme können dokumentieren, welcher
Bediener einen Formatwechsel besonders effizient durchgeführt hat. Diese
Vorgehensweise wird gespeichert und später anderen Bedienern als
Schritt-für-Schritt-Anleitung angezeigt. Gerade in der Nachtschicht oder bei
weniger erfahrenen Bedienern kann das sehr hilfreich sein.
Redaktion: Welche Rolle spielen Partnerschaften in diesem Umfeld?
Weller: Eine große Rolle. Auf der Technologieseite arbeiten wir
beispielsweise mit Robotikherstellern oder mit namhaften Steuerungsanbietern
zusammen. Darüber hinaus kooperieren wir auch mit Forschungseinrichtungen. Ein
Beispiel ist das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie (IPT) im
Bereich Zell- und Gentherapie. Außerdem arbeiten wir mit Unternehmen wie Leon Nanodrugs
oder Dihesys zusammen. Dort geht es etwa um neue Drug-Delivery-Systeme oder um
den 3D-Druck personalisierter Medikamente. Solche Partnerschaften helfen uns,
neue Technologien schneller in industrielle Anwendungen zu überführen.
Redaktion: Wenn Sie nach vorne schauen: Wie wird sich
Automatisierung in Pharma und Medtech weiterentwickeln?
Weller: Die Systeme werden flexibler, stärker vernetzt und
datengetriebener. Themen wie Künstliche Intelligenz, modulare
Produktionssysteme oder digitale Zwillinge werden zunehmend wichtig. Der
Maschinenbauer wird dadurch immer stärker zum Technologie- und Prozesspartner
für die pharmazeutische Produktion.
Redaktion: Zum Abschluss eine kurze Frage: Wenn Sie „Turnkey“ in
einem Satz definieren müssten – wie würde dieser Satz lauten?
Weller: Turnkey bedeutet für mich: Der Kunde bekommt nicht nur eine
Maschine, sondern eine vollständig integrierte Produktionslösung – inklusive
Prozesswissen und Verantwortung für das gesamte System.