Interview mit Michael Seeböck, Product Manager Fiber Packaging bei Kiefel
„Faser ist Ergänzung, kein Ersatz“
Von der Nische zur Industrialisierung: Kiefel treibt faserbasierte Lebensmittelverpackungen mit hoher Dynamik voran. Welche Rolle Materialwahl, Barrierekonzepte und der „Perfect Match“-Ansatz spielen – und wo Kunststoffe weiter Vorteile haben.
Michael Seeböck ist seit sechs Jahren bei Kiefel.Kiefel
Anzeige
Redaktion: Was
war für Kiefel der strategische Auslöser, 2018 in den Bereich
Verpackungsmaschinen für faserbasierte Lösungen einzusteigen – und wie haben
sich der Markt und dieser Geschäftsbereich seitdem entwickelt?
Michael Seeböck: Bereits 2018
haben wir erkannt, dass Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung und der Wunsch nach
alternativen Materialien die Verpackungsindustrie langfristig verändern werden.
Naturfasern waren für uns dabei kein Ersatz, sondern eine sinnvolle Ergänzung
bestehender Materiallösungen. Als Technologiepartner unserer Kunden haben wir
deshalb früh in diesen Bereich investiert.
Seitdem hat
sich der Markt dynamisch entwickelt. Das Interesse an faserbasierten
Verpackungen ist weltweit deutlich gestiegen, gleichzeitig sind die
Anforderungen an Qualität, Funktionalität und Wirtschaftlichkeit gewachsen.
Heute verfügt Kiefel über mehrere hundert installierte
Fiber-Produktionsmaschinen weltweit sowie ein umfassendes Portfolio aus
Wet-Fiber- und Dry-Fiber-Technologien einschließlich Labor- und
Entwicklungsanlagen. Mit unserem „Perfect Match“-Ansatz kombinieren wir die
Stärken beider Verfahren: Wet Fiber für komplexe, tiefgezogene und funktionale
Verpackungen, Dry Fiber für wirtschaftliche, flachere Lösungen aus Papier von
der Rolle.
Anzeige
Die Qualität
und Leistungsfähigkeit von Faserverpackungen haben in den vergangenen Jahren
große Fortschritte gemacht. Gleichzeitig bleibt die Wirtschaftlichkeit ein
zentrales Thema. Deshalb arbeiten wir kontinuierlich daran, Prozesse
effizienter zu gestalten und neue Anwendungen zu erschließen. Naturfasern
können heute in vielen Bereichen eine attraktive Alternative oder Ergänzung zu
Kunststoffen darstellen – ebenso wie recycelte oder biobasierte Polymere.
Entscheidend ist dabei immer die jeweilige Anwendung und die technisch wie
wirtschaftlich beste Lösung.
Redaktion:
Welche Lebensmittelverpackungen eignen sich heute besonders gut für Wet Fiber
und Dry Fiber, und bei welchen Anwendungen sehen Sie noch technische Grenzen?
Seeböck: Besonders
geeignet sind heute Anwendungen für trockene Lebensmittel sowie Produkte mit
kurzer bis mittlerer Haltbarkeit. Für höhere Barriereanforderungen stehen
bereits verschiedene Funktionalisierungsansätze zur Verfügung – beispielsweise
Additive im Rohstoff, Beschichtungsverfahren wie Spray Coating, innovative
Lösungen wie unser Double-Dip-Prozess oder, je nach Anwendung, auch
Laminierungen.
Anzeige
Technische
Herausforderungen bestehen vor allem dort, wo sehr lange Haltbarkeiten oder
besonders hohe Anforderungen an Sauerstoff-, Wasser- oder Fettbarrieren
gefordert sind. Hier kommt es darauf an, die passende Kombination aus Material,
Funktionalisierung und Herstellprozess zu wählen.
Redaktion: Wo
liegen die wichtigsten Unterschiede zwischen Wet Fiber und Dry Fiber –
technologisch, wirtschaftlich und anwendungsbezogen?
Seeböck: Wet Fiber und
Dry Fiber verfolgen unterschiedliche technologische Ansätze und ergänzen sich
deshalb ideal. Beim Wet-Fiber-Verfahren werden die Fasern zunächst in Wasser
aufbereitet und anschließend neu geformt. Dadurch lassen sich auch komplexe,
tiefgezogene Geometrien realisieren und unterschiedlichste Faserstoffe sowie
Materialkombinationen verarbeiten. Die Technologie bietet eine hohe
Gestaltungsfreiheit, erfordert aber aufgrund der Pulpeaufbereitung und des
Nassprozesses entsprechendes Prozess-Know-how.
Anzeige
Dry Fiber
hingegen verarbeitet Papier- und Faserstoffe direkt von der Rolle und kommt
ohne große Wassermengen im Formprozess aus. Das Verfahren eignet sich besonders
für flachere, formstabile Verpackungen und zeichnet sich durch eine hohe
Oberflächenqualität, sehr hohe Ausstoßleistungen und einen vergleichsweise
geringen Prozessaufwand aus.
Für uns ist
deshalb nicht die Frage „Wet oder Dry Fiber“, sondern welche Technologie für
die jeweilige Anwendung den größten Nutzen bietet. Genau diesen Ansatz
verfolgen wir mit unserem „Perfect Match“-Konzept: Für jede Anwendung die
optimale Kombination aus Material, Funktion und wirtschaftlichem
Herstellprozess.
Redaktion:
Welche Anforderungen stellen Lebensmittelhersteller und Converter aktuell an
faserbasierte Verpackungslösungen?
Anzeige
Seeböck: Grundsätzlich
unterscheiden sich die Anforderungen an faserbasierte Verpackungen zunächst
nicht von denen anderer Verpackungslösungen. Im Vordergrund stehen
Produktschutz, Transportfähigkeit, Funktionalität und Wirtschaftlichkeit. Hinzu
kommen Anforderungen wie Siegel- und Peelfähigkeit, beispielsweise beim
Verschließen eines Fasertrays mit einer Folie, sowie eine zuverlässige
Verarbeitung auf bestehenden Verpackungslinien.
Darüber hinaus
spielen regulatorische Anforderungen und die Lebensmittelkontaktfähigkeit der
eingesetzten Materialien eine zentrale Rolle. Für viele Hersteller ist die
Einhaltung einschlägiger Vorschriften und Empfehlungen – beispielsweise der FDA
in den USA oder der BfR-Empfehlungen in Deutschland – eine Grundvoraussetzung.
Welche weiteren Anforderungen im Detail relevant sind, hängt stark von der
jeweiligen Anwendung, dem Zielmarkt und den produktspezifischen Anforderungen
an Haltbarkeit, Barriereeigenschaften und Convenience ab.
Zwei Technologien, eine Lösung: Perfectmatch.Kiefel
Redaktion: Wo
liegen die technischen Grenzen von Wet Fiber und Dry Fiber bei Geometrie,
Ziehtiefe, Wandstärkenverteilung und Maßhaltigkeit?
Anzeige
Seeböck: Pauschal lässt
sich das nicht beantworten, da die technischen Möglichkeiten immer von der
konkreten Anwendung, dem eingesetzten Material sowie der Werkzeug- und
Prozessauslegung abhängen. In unseren Customer Innovation Centern entwickeln
wir gemeinsam mit Kunden regelmäßig Lösungen für Anwendungen, die zunächst als
technisch anspruchsvoll oder sogar nicht realisierbar galten.
Grundsätzlich
bietet Wet Fiber eine sehr hohe Formfreiheit und eignet sich besonders für
komplexe, tiefgezogene Geometrien wie Schalen oder Becher. Dry Fiber spielt
seine Stärken vor allem bei flacheren, formstabilen Anwendungen wie Deckeln,
Trays oder technischen Verpackungen aus und ermöglicht dabei eine sehr hohe
Oberflächenqualität sowie hohe Ausstoßleistungen. Bei stark ausgeprägten
dreidimensionalen Geometrien stößt Dry Fiber jedoch naturgemäß früher an
Grenzen als Wet Fiber.
Ein gutes
Beispiel ist die Kombination aus einer Margarineschale im Wet-Fiber-Verfahren
und einem passenden Dry-Fiber-Deckel. Beide Technologien haben unterschiedliche
Stärken und können je nach Anforderung optimal eingesetzt oder miteinander
kombiniert werden. Deshalb betrachten wir weniger die Grenzen einzelner
Technologien, sondern vielmehr die Frage, welche Lösung für die jeweilige
Anwendung technisch und wirtschaftlich am besten geeignet ist.
Anzeige
Redaktion: Wie
lässt sich Barriereleistung gegen Fett, Öl, Feuchtigkeit und Sauerstoff ohne
klassische Kunststoffbeschichtung erreichen?
Seeböck: Für
faserbasierte Verpackungen gibt es verschiedene Möglichkeiten,
Barriereeigenschaften zu erzielen – beispielsweise durch Additive im
Fasermaterial oder durch Beschichtungsverfahren im Formprozess oder
nachgelagert. Die Sauerstoffbarriere bleibt jedoch weiterhin eine der größten
technologischen Herausforderungen für rein faserbasierte Verpackungslösungen.
Mit unserem
Double-Dip-Prozess gehen wir noch einen Schritt weiter: Durch eine zusätzliche
mikrofibrillierte Zelluloseschicht (MFC) lassen sich Fett- und Ölbarrieren
vollständig aus Naturfasern beziehungsweise 100 % Zellulose realisieren – ganz
ohne Kunststoffbeschichtung. Damit können bereits sehr gute
Barriereeigenschaften für zahlreiche Lebensmittelanwendungen mit längeren
Haltbarkeitsanforderungen erreicht werden.
Redaktion: Wie
stark beeinflusst die Faserwahl – etwa Frischfasern, Recyclingfasern oder
alternative Pflanzenfasern – die mechanische Performance und Prozessstabilität?
Seeböck: Die Faserwahl
hat einen sehr großen Einfluss auf die Eigenschaften des Endprodukts sowie auf
die Prozessführung. Unterschiedliche Faserstoffe unterscheiden sich
beispielsweise hinsichtlich Festigkeit, Formbarkeit, Oberflächenqualität und
Barriereeigenschaften. Deshalb gibt es keine Universallösung für alle
Anwendungen.
Kiefel
beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit der Verarbeitung
unterschiedlichster Faserstoffe. In unseren Customer Innovation Centern und im
Material R&D Center entwickeln wir gemeinsam mit Kunden die jeweils
optimale Lösung für die Anforderungen ihrer Anwendung. Dafür greifen wir auf
umfangreiche Materialdatenbanken, zahlreiche Proof-of-Concept-Projekte sowie
ein breites Netzwerk von Faser- und Materiallieferanten zurück. So können wir
bereits in frühen Entwicklungsphasen fundierte Empfehlungen zur Materialauswahl
geben.
Redaktion: Wo
sehen Sie die größten Grenzen faserbasierter Verpackungen gegenüber Kunststoff?
Seeböck: Kunststoffe
bieten in einigen Anwendungen nach wie vor Vorteile, insbesondere wenn sehr
hohe Barriereanforderungen, lange Haltbarkeiten oder ein möglichst geringes
Verpackungsgewicht gefordert sind. Auch bei Materialeinsatz und
Produktionsgeschwindigkeit bieten Kunststofflösungen in vielen Anwendungen
weiterhin Vorteile.
Gleichzeitig
entwickeln sich faserbasierte Verpackungen technologisch sehr dynamisch weiter.
Neue Verfahren zur Funktionalisierung und Barriereerzeugung erweitern
kontinuierlich das Anwendungsspektrum. Aus unserer Sicht geht es deshalb nicht
um ein Entweder-oder, sondern darum, für jede Anwendung die technisch,
wirtschaftlich und nachhaltig sinnvollste Lösung zu finden. Dabei beeinflussen
auch regulatorische Rahmenbedingungen, Marktanforderungen und die Verfügbarkeit
von Rohstoffen die Materialentscheidung zunehmend.
Redaktion: Wie
weit ist die industrielle Skalierung heute, welche Stückzahlen sind
realistisch, und welche Anwendung könnte den nächsten Entwicklungsschritt für
faserbasierte Lebensmittelverpackungen markieren?
Seeböck: Die
industrielle Skalierung ist heute bereits weit fortgeschritten. Je nach
Anwendung und Technologie sind Produktionsvolumina von vielen Millionen bis hin
zu über 70 Mio. Verpackungen pro Jahr und System realisierbar.
Faserbasierte Verpackungen sind damit längst keine Nischenanwendung mehr,
sondern werden zunehmend industriell produziert.
Wir sehen
aktuell insbesondere bei der Integration von Barriereeigenschaften sowie
hochwertigen Dekor- und Oberflächenlösungen spannende Fortschritte. Dadurch
erweitern sich die Einsatzmöglichkeiten kontinuierlich und es werden weitere
Anwendungen für faserbasierte Lebensmittelverpackungen wirtschaftlich und
technisch realisierbar.