Die Entstehungsgeschichte von Eye C

„Ein Fehler muss Geld kosten“

Von der Retinaanalyse zur Druckbildkontrolle: Wie Dr. Ansgar Kaupp vom Basler-Entwickler zum Mitgründer von Eye C wurde – und warum in der Verpackungsindustrie ein Fehler Geld kosten muss. Eine Geschichte über Timing, Technik und echte Marktbedürfnisse.

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Die Verpackungsbranche ist für Eye C der Kernmarkt.
Die Verpackungsbranche ist für Eye C der Kernmarkt.

In der Wissenschaft geht es darum, neue Verfahren zu entwickeln, während es in der Industrie darum geht, mit bekannten und erprobten Verfahren ein wirtschaftlich sinnvolles Ergebnis zu erzielen. Dr. Ansgar Kaupp kennt beide Seiten, kommt aus der Forschung der RWTH Aachen, hat die Entwicklung von Inspektionssystemen für die Basler AG geprägt und 2002 gemeinsam mit Dirk Lütjens und Sören Springmann die Eye C GmbH gegründet, einen Systemanbieter für die automatisierte Druckbildkontrolle in der Verpackungsindustrie.

Dr. Ansgar Kaupp, Mitgründer von Eye C
Dr. Ansgar Kaupp, Mitgründer von Eye C

„Ein Verfahren zur Morphologieanalyse des retinalen Gefäßbaumes“ lautete der Titel der Doktorarbeit von Kaupp. Auch darin ging es schon um die Aufnahme, Bearbeitung und Auswertung von Bildern eines beweglichen Objektes – des menschlichen Auges. Heute prüfen die Inline-Inspektionssysteme von Eye C Etiketten, Faltschachteln oder flexible Verpackungen mit einer Geschwindigkeit von bis zu 1.125 m/min.

Die Sache mit dem Marktpotenzial

Der erste Business Case von Ansgar Kaupp lag jedoch noch näher an den medizinischen Wurzeln des promovierten Elektrotechnikers. Noch an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule hat er ein Schielwinkelmessgerät entwickelt, bei der Validierung möglicher Marktpotentiale für seine Innovation allerdings gelernt, dass Augenärzte für eine Feststellung des Schielwinkels damals nur 10,53 DM abrechnen durften, was die Anschaffung eines entsprechenden Gerätes für rund 25.000 DM kaum rechtfertigen würde. Ein Grund, warum es bis heute kein Schielwinkelmessgerät zur Marktreife gebracht hat und warum Kaupps Gründergeist sich noch etwas gedulden musste.

Mitte der 90er wechselte er von der Hochschule zur Basler AG, startete dort als Entwickler für die Inspektion von CDs und DVDs, übernahm mit der Zeit die Entwicklungsleitung und schließlich die Gesamtleitung des Bereichs Optical Media. Uneinig über die zukünftige Entwicklung des DVD-Marktes, den Kaupp angesichts des aufkommenden Internets kritisch sah, entschlossen sich Basler und Kaupp 2002 getrennte Wege zu gehen.

Für Kaupp war dies die Initialzündung, sich wieder mit der Gründung eines eigenen Unternehmens auseinanderzusetzen und die Überlegung, seine Erkenntnisse aus der CD-Prüfung auf andere Industrien zu übertragen. In seinen Fokus rückte dabei auch die Druckbranche, die fast zehnmal so groß war wie die CD- und DVD-Branche in ihren besten Zeiten. Kaupp entwickelte einen Businessplan, sprach mit Unternehmen aus der Branche, um sich anzuhören, was diese brauchten und was sie bereit waren, für eine kontinuierliche Druckbildkontrolle im Rahmen einer Inline-Prüfung oder auch im Rahmen einer Offline-Muster-Prüfung zu bezahlen, und realisierte, dass der Markt für ein wirtschaftlich tragfähiges Geschäftsmodell vorhanden war.

Das bevorstehende Business überzeugte auch seine ehemaligen Kollegen Dirk Lütjens und Sören Springmann, die Basler den Rücken kehrten und gemeinsam mit Ansgar Kaupp Eye C gründeten. Teil dieses Sprungs ins kalte Wasser war auch der Umzug aus dem modernen Bürokomplex des Neuen-Markt-Pioniers Basler in das Wohnzimmer ihres Kumpels Bodo, der für ein Jahr im Ausland weilte und sein Heim den Gründern zur Verfügung stellte.

Gemeinsam investierten die drei in eine Espressomaschine, programmierten ihr erstes Inspektionssystem und hatten schon nach wenigen Monaten mit Rako Etiketten (heute All4labels) den ersten Kunden für ein Offline-Inspektionssystem.

„Ich hatte den Tipp bekommen, bei Rako anzurufen, um unser Produkt vorzustellen, was ich dann auch tat. Es klingelte, zweimal, dreimal, viermal und beim fünften Klingeln hatte ich plötzlich Ralph Koopmann dran“, beschreibt Kaupp das glückliche Timing, das zum ersten Auftrag für Eye C führte. Zwei weitere Aufträge von Rako folgten, die Labelexpo 2003 war der erste große Messeauftritt, internationale Kontakte aus den Zeiten der CD-/DVD-Inspektion sorgten schnell für erste Verkäufe nach Japan und in die USA.

Warum die Perspektive des Kaufmanns wichtig ist

Ein Offline-Inspektionssystem für die Etikettenbranche war das erste Produkt im Markt und der Erfolg schien sich wie von allein einzustellen. „Wir drei Gründer sind alle Ingenieure und uns fehlte das Sparring mit einem guten Kaufmann“, sinniert Kaupp heute über eine der aus seiner Sicht zentralen Wachstumsherausforderungen. „Wenn man mit dem ersten Produkt im ersten Markt gleich erfolgreich ist, dann tendiert man zu der Annahme, dass man dies beliebig oft wiederholen kann.“

Ein guter Kaufmann hätte womöglich auch bei einer weiteren Herausforderung für junge Unternehmen geholfen, der Finanzierung. Eye C wurde mit den Eigenmitteln der drei Gründer ins Leben gerufen, ist mit überschaubaren Fremdmitteln und aus eigenen Cashflows gewachsen, hat 2020 auch Coronakredite in Anspruch genommen. Ohne Investor konnte man jedoch nicht immer jeden Schritt gehen, was Ansgar Kaupp einerseits als Wachstumsbremse wahrnahm, andererseits aber auch als gutes Korrektiv, um für die Unternehmensentwicklung den richtigen Fokus zu setzen und manchmal auch zu entscheiden, welchen Schritt man auslassen muss.

Produktseitig folgte für Eye C auf das erste unmittelbar das zweite. Auf der Drupa 2004 kam man mit Novartis ins Gespräch, die eine Lösung für die Inspektion von Faltschachteln inklusive Braille-Prüfung suchten, was Eye C realisierte. Und schon bald danach entwickelte man ein Inline-Inspektionssystem für Etiketten. So reihten sich neue Produkte und neue Märkte aneinander.

„Am Anfang waren wir drei Gründer Entwicklung, Vertrieb, Marketing und Service – alles auf einmal. Mit dem zweiten und dritten Produkt galt es aber als Unternehmen mitzuwachsen, neue Strukturen zu schaffen. Nach kurzer Zeit hatten wir eine dezidierte Entwicklung und einen dezidierten Service. Der emotional vielleicht schwierigste Schritt für uns Gründer war es dann, uns irgendwann als Geschäftsleitung ganz aus der Technik zurückzuziehen und die Verantwortung und Entscheidungskompetenz den richtigen Mitarbeitern zu überlassen“, so Kaupp.

Neben der Entwicklung neuer Produkte, die technisch versierten Gründern naturgemäß liegt, birgt allerdings auch jeder neue Markt Herausforderungen. „Als Techniker sind wir dazu geneigt, Probleme zu lösen, wir müssen uns aber auch die Frage stellen, ob man damit Geld verdienen kann“, erläutert Kaupp. Dies beinhaltet einerseits die Frage, ob man als junges Unternehmen einen zusätzlichen Markt erschließen und abdecken kann, andererseits, ob das Qualitätsniveau von Eye C überhaupt gefordert ist. „Irgendwann habe ich gelernt, Zeitungen und Bücher gehören nicht dazu“, so Kaupp. „Ein Fehler muss Geld kosten, sonst inspiziert der Endkunde statt der Hersteller. Wenn in einem Buch ein paar Seiten fehlen, beschwert sich der Kunde beim Buchhändler und erhält ein neues Buch. Mehr passiert nicht. Wenn auf einer Pharmafaltschachtel die Mengen der Inhaltsstoffe falsch angegeben sind oder auf einem Lebensmitteletikett die Angabe von Allergenen fehlt, kann der Schaden ungleich größer sein.“

Die Verpackungsbranche als Kernmarkt

So ist die Verpackungsbranche auch der Kernmarkt für Eye C, die zu einem weltweit führenden Systemanbieter für Vision Technologies geworden sind, mehr als 3.500 Inspektionssysteme in über 100 Ländern bei Verpackungsunternehmen installiert haben, aber auch bei Markenartiklern wie Fisherman’s Friend und Storck und bei Pharmaunternehmen wie Novartis oder Queisser. Als zweite Säule neben dem eigenen Vertrieb von Offline- und Inline-Inspektionssystemen versorgt Eye C OEM-Partner wie Manroland und König & Bauer mit seinen Lösungen und bietet als dritte Säule mit Proofiler Graphic Connect seit 2026 eine cloudbasierte Software für die Druckvorstufe, die sich nahtlos in die Workflow-Systeme von Esko oder Hybrid integrieren lässt.

Das alles bewerkstelligt Eye C mit 70 Mitarbeitenden, hat im abgelaufenen Jahr einen Umsatz von 12 Mio. Euro erreicht und sich in der Verpackungswelt etabliert. Wenn Kaupp heute zurückblickt auf die Erfolgsstory des Ahrensburger Wohnzimmer-Start-ups, dann sieht er im Großen und Ganzen das, was die drei Gründer sich vor knapp 25 Jahren ausgemalt haben.

Schlüssel zum Erfolg waren dabei in der Vergangenheit wie auch für die Zukunft ein führendes Produkt und ein Markt, in dem Eye C der einzige Anbieter ist, der herstellübergreifend einsetzbare Inline- und Offline-Inspektionssysteme bietet, der eine fertig entwickelte KI zur Erkennung von Fehlern mitliefert und der mit einem top bewerteten Service seinen Kunden zur Seite steht.

Insofern ist Ansgar Kaupp auch um die Zukunft nicht bange: „Im Zuge der fortschreitenden Automatisierung wird bald schon jede Druckmaschine eine Inspektion haben, denn sie muss selbst wissen, wann ein gutes Produkt hinten rauskommt und welche Art von Fehlern auftritt. Und das ist etwas, das wir mit unserer KI heute schon können.“

Das Rezept für ein erfolgreiches Unternehmen erscheint somit ganz einfach: eine Initialzündung zur passenden Zeit, ein gutes Produkt, der richtige Markt, starker Service, Timing, Glück und Fehler vermeiden, die Geld kosten.

Über Knox

Knox ist eine Unternehmens- und Personalberatungsgesellschaft, deren Engagement der Verpackungs- und Druckindustrie gilt, sei es in der Produktion, im Handel oder im Dienstleistungsbereich. Das Team von Knox berät seit nahezu 20 Jahren in Deutschland, Europa und darüber hinaus Unternehmen in diesem Branchenumfeld bei strategischen Herausforderungen, insbesondere auch durch die umfängliche Betreuung und den erfolgreichen Abschluss von Unternehmenstransaktionen.