So verändert Künstliche Intelligenz die Inspektion in der Lebensmittelproduktion
Die Lebensmittelindustrie steht vor einem Umbruch: KI-gestützte Bildverarbeitung ersetzt zunehmend starre Regelwerke. Was früher „Wenn A, dann B“ hieß, wird heute durch lernende Systeme revolutioniert. Sie könnten zum Standardwerkzeug für eine effiziente und zukunftsfähige Produktion werden.
Stefan KorfStefanKorfStefan KorfTeam Leader Product Management bei Multivac Marking & Inspection
3 min
Wohlgeformt und appetitlich: Brezen, wie Konsumenten sie schätzen.Mark Zanzig / Unsplash
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In
der Lebensmittelindustrie ist Präzision keine Kür, sondern Pflicht. Fehlerhafte
Packungen und Abweichungen bei Etikettierung, Gewicht oder Inhalt können zu Produktverlusten
und Produktionsstillständen führen. Gleichzeitig steigen die Anforderungen:
höhere Durchlaufgeschwindigkeiten, komplexere Verpackungsvorgaben, wachsende
Produktvielfalt – und ein zunehmender Mangel an qualifiziertem Personal.
Manuelle Inspektionsprozesse stoßen schnell an ihre Grenzen: Für Linien, auf
denen viele Produkte in kurzer Zeit laufen, ist es für Bedienpersonal kaum
möglich, dauerhaft fehlerfreie und reproduzierbare Entscheidungen zu treffen.
Muss aussortiert werden: ein unästhetischer Backling.Multivac
KI-gestützte
Vision-Systeme eröffnen hier neue Möglichkeiten. Obwohl noch relativ neu in der
Lebensmittelindustrie, setzen sie bereits Standards. Sie erkennen komplexe
Fehlerbilder auch auf Hochgeschwindigkeitslinien, lassen sich auf die
Bedürfnisse jedes Unternehmens und an die wachsende Produktvielfalt anpassen. Das
Potenzial ist enorm: KI-gestützte Vision-Systeme könnten zum Standardwerkzeug
für eine effiziente und zukunftsfähige Lebensmittelproduktion werden.
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Vom
regelbasierten System zur KI-gestützten Bildverarbeitung
Die
klassische automatische Inspektion in der Lebensmittelindustrie arbeitet
regelbasiert. Für jeden Kontrollschritt wird exakt definiert, wie ein konkretes
Produkt auszusehen hat – ob etwa ein Bereich im Bild hell oder dunkel sein
muss oder ob er geometrisch eine bestimmte Form einhalten muss. Trifft ein
Produkt nicht genau diese Regelvorgabe, wird es automatisch aussortiert. Solche
Systeme funktionieren nach dem Prinzip: Wenn A, dann B.
Das Vision-System kontrolliert die Produkte auf der Linie.Multivac
Doch
diese Systeme stoßen an ihre Grenzen, sobald die Realität komplexer wird. Abweichungen
in Form, Farbe oder Struktur sind oft zu subtil oder zu vielfältig, um sie
vollständig mit klassischen Parametern zu beschreiben. Für jede
Produktvariante, jede Änderung an der Verpackung oder jedes neue Fehlerbild
müssten neue Regeln entwickelt und getestet werden – ein hoher Aufwand, der die
Systeme schnell unflexibel macht.
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KI-gestützte
Vision-Systeme gehen einen anderen Weg: Sie arbeiten nicht mit fest
programmierten Regeln, sondern mit zuvor trainierten Modellen. Auf Basis
zahlreicher Beispielbilder lernen sie, Objekte zu klassifizieren – etwa nach
„gut“, „tolerierbar“ oder „ausschussreif“. Die Entscheidung wird getroffen, indem
aktuelle Bilder mit einem zuvor trainierten Modell verglichen und deren Abweichung
zu einem Referenzdatensatz bewertet wird. Anhand eines festgelegten
Toleranzwerts wird dann entschieden, ob eine Abweichung noch akzeptabel ist oder
ob ein Fehler vorliegt, der zu einer Ausschleusung der Packung führt. Der
Betrieb kann festlegen, wie hoch die Übereinstimmung mit dem Modell mindestens
sein muss, um als „gut“ zu gelten. In der Praxis bedeutet das zum Beispiel:
Wenn ein Produkt zu 80 % mit dem angelernten Modell übereinstimmt, ist es
noch in Ordnung. Fällt es darunter, wird es aussortiert.
Entscheidend sind die Qualität der Bilddaten und die Kalibrierung des KI-Modells
Stefan Korf
Im
Produktionsalltag ist eine Mischung aus beiden Methoden denkbar: Während sich
die Etiketten- oder Druckkontrolle meist sehr gut mit regelbasierten Methoden
abbilden lässt, schließlich sind Layout und Schriftbild in der Regel konstant
–, lassen sich Aufgaben wie Produktklassifikation, Portionskontrolle oder
ästhetische Bewertungen nun durch KI-gestützte Systeme durchführen. Sie
erkennen, ob in einer Fertigmahlzeit alle Zutaten korrekt platziert sind, ob ein
Zutatenanteil zu gering ist oder ein Produkt eher klein oder groß ausfällt.
Auch Unterschiede in Textur oder Farbverteilung – etwa bei Teiglingen,
Fleischportionen oder Snackprodukten – lassen sich visuell bewerten, ohne dass
für jede denkbare Variante ein eigener Regelkatalog notwendig ist.
Das KI-Modell wird auf Basis echter Produktionsdaten und Lichtverhältnisse trainiert.Multivac
Technologische
Voraussetzungen: Wenig Infrastruktur, große Wirkung
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Trotz
ihres hohen Anspruchs an Präzision und Leistungsfähigkeiten lassen sich
KI-gestützte Vision-Systeme mit vergleichsweise geringem Aufwand in bestehende
Produktionslinien integrieren. Benötigt werden im Wesentlichen eine oder
mehrere Kameras mit Einhausung, eine geeignete Beleuchtung, Basiselektrik
sowie Computertechnik für die Datenverarbeitung. Die Steuerung der Systeme ist entweder
direkt in die Verpackungsmaschine integriert oder erfolgt über ein separates
HMI-Panel. Eine Anbindung an die Cloud-Infrastruktur erleichtert Updates am
KI-Modell, ist aber nicht zwingend notwendig. Bilddaten können auch lokal
gespeichert, die Modelle manuell erstellt und bei Bedarf per Speichermedium auf
die Anlage übertragen werden.
Entscheidend
sind die Qualität der Bilddaten und die Kalibrierung des KI-Modells. Je besser
und präziser diese sind, desto einwandfreier funktioniert die spätere
Fehlererkennung. Verpackungsmaschinenhersteller und Anbieter von
Kennzeichnungs- und Inspektionslösungen sind die erste Anlaufstelle für eine
solche Installation: Sobald ein Betrieb definiert hat, welche Prüf- und
Klassifizierungsaufgaben gelöst werden sollen, können sie anhand weniger erster
Bilder eine Machbarkeitsprüfung erstellen. Im nächsten Schritt wird ein
maßgeschneidertes Modell ausgearbeitet und vor Ort installiert. Erst dann
erfolgt das eigentliche Training des KI-Modells – auf Basis echter
Produktionsdaten und Lichtverhältnisse. In vielen Fällen reichen bereits 100
bis 200 Bilder pro Klasse. Bei Hochleistungslinien kann dieser Prozess
innerhalb weniger Stunden abgeschlossen sein, bei komplexeren Produktportfolios
können mehrere Tage oder Wochen notwendig sein.
Stefan Korf ist Team Leader Product Management bei Multivac Marking & InspectionMultivac
Auch
nach Inbetriebnahme bleibt das System erweiterbar: Neue Produktvarianten oder
geänderte Anforderungen lassen sich durch zusätzliche Bildaufnahmen und
gezieltes Nachtrainieren ergänzen. Dieses Einlernen und Anpassen des KI-Modells
ist heutzutage noch Aufgabe von Experten. Zwar wird an Lösungen gearbeitet, mit
denen Anwender künftig selbst Modelle anpassen können. Doch diese stecken noch
in den Kinderschuhen. Viele Unternehmen setzen daher bewusst auf externe Anbieter
wie Multivac, um die Ergebnisqualität ihrer Vision-Systeme zu gewährleisten.
Eine Entwicklung mit großem Potential
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Auch
wenn KI-gestützte Vision-Systeme in der Lebensmittelindustrie bereits konkrete
Mehrwerte bieten, steht ihr Einsatz vielerorts noch am Anfang. Aktuell liegt der Fokus vor allem auf der
Inspektion, Klassifizierung oder Ästhetikbewertung von Produkten. Doch das
Spektrum möglicher Anwendungen ist deutlich größer. In Zukunft könnten KI-Vision-Systeme
auch komplexere Klassifizierungsaufgaben übernehmen – etwa die Unterscheidung
und Bewertung von verschiedenen Rohfleischstücken, basierend auf Form, Farbe,
Struktur und Fettanteil. Sie könnten auch anhand von visuellen Veränderungen an
Produkten auf Maschinenabnutzungen oder sich anbahnende Prozessabweichungen hinweisen
– eine sinnvolle Ergänzung zu bestehenden Predictive-Maintenance-Ansätzen. Derartige
Szenarien werden heute von Maschinenanbietern in Zusammenarbeit mit ihren
Kunden erkundet, welche ihre individuellen Anforderungen einbringen und so die Weiterentwicklung
dieser Vision-Systeme mitgestalten.
Mit
zunehmender Kollaboration, wachsender Akzeptanz und weiterentwickelter Technologie
dürften sich KI-gestützte Vision-Systeme in den nächsten Jahren zu einem festen
Bestandteil industrieller Lebensmittelproduktion entwickeln – nicht als Ersatz,
sondern als sinnvolle Ergänzung für menschliche Evaluationen und bewährte
technische Verfahren.