Die EU-Verpackungsverordnung gilt – und sie verändert die Spielregeln
Ist die Verpackungswelt auf Kurs in Sachen PPWR?
Seit Februar 2025 ist die Verpackungsverordnung PPWR in Kraft, ab August 2026 greifen die neuen Pflichten. Wer die verbleibende Übergangsphase nur halbherzig angeht, verpasst womöglich den verbindlichen Startpunkt. Denn anders als bei anderen Nachhaltigkeitsregelwerken wie der EUDR gibt es keine weitere Schonfrist – das hat die EU-Kommission klargemacht.
Angelika MühleckAngelikaMühleckAngelika Mühleckfür Leyton deutschland
Boris Arno WerschbizkyBoris ArnoWerschbizkyBoris Arno Werschbizkyfür Leyton deutschland
4 min
Die PPWR fordert einen steigenden Rezyklat-Anteil. Die Auswirkungen auf die Materialeigenschaften müssen entsprechend berücksichtigt bzw. kompensiert werden.dave – stock.adobe.com
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Überall in
Europa prüfen Unternehmen ihre Verpackungen, diskutieren Materialalternativen,
optimieren Designs und Prozesse. Der Fokus liegt vor allem auf sichtbaren technischen Maßnahmen: Materialeinsparung, Monomaterialien, Recyclingfähigkeit.
Diese Aktivitäten prägen die Selbsteinschätzung – und vermitteln das Gefühl,
auf einem guten Weg zu sein. Ein Realitätscheck von Fraunhofer IML,
Logistikbude und Initiative Mehrweg zeigt jedoch ein anderes Bild: Der PPWR-Stimmungsindex
2025 offenbart eine Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Umsetzungsfähigkeit.
Nahezu jedes
zweite Unternehmen überschätzt seinen Vorbereitungsstand. Nur rund 10 % haben
die strukturellen Grundlagen geschaffen, die für PPWR-Compliance entscheidend
sind: klar definierte Verantwortlichkeiten, eine belastbare Datenbasis für Verpackungen,
eine systematische Portfolioanalyse und dokumentierte Maßnahmen. Zu oft ersetzen
Einzelmaßnahmen eine ganzheitliche Umsetzung – mit einem trügerischen
Sicherheitsgefühl als Folge.
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Die PPWR ist herausfordernd: Zeit, Umsetzbarkeit und hohe erwartete Kosten stellen die größten Hürden dar. Staatliche Fördermittel sollen helfen, sie zu überwinden.Blend+
Warum die
PPWR so bedeutend für Erzeuger ist
Besonders
unterschätzt wird ein zentraler Paradigmenwechsel der PPWR: die vollständige
Verlagerung der Beweis- und Haftungsverantwortung auf die Erzeuger und
Inverkehrbringer. Ab August 2026 reicht es nicht mehr aus, Verpackungen
technisch zu optimieren oder sich auf Lieferantenerklärungen zu stützen.
Unternehmen müssen in einer Declaration of Conformity (DOC) nachweisen, dass
jede Verpackung den gesetzlichen Anforderungen entspricht – und dass
kommunizierte Umweltaussagen belastbar und prüffähig sind. Erstmals wird damit
eine verpackungsbezogene, auditfeste Dokumentation verlangt, die fortlaufend
aktuell gehalten und auf Anfrage der Behörden oder Marktpartner vorgelegt
werden muss. Diese Nachweispflicht gilt für alle Verkaufs-, Um- und
Transportverpackungen innerhalb der EU. Ebenso für Importe. Die Verantwortung
lässt sich nicht delegieren – sie verbleibt beim Erzeuger.
Welche
Folgen hat eine Non-Conformity?
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Was
passiert, wenn diese Nachweise fehlen oder nicht belastbar sind, wird noch von
vielen Marktteilnehmern unterschätzt. Non-Conformity ist kein theoretisches
Risiko. Sie wird auch nicht als Formalfehler durchgehen, sondern kann zu
Auslistungen durch Handelspartner, zu rechtlichen Auseinandersetzungen wegen
unzulässiger Green Claims, Reputationsschäden und direkten Umsatzverlusten
führen. Wer keine Nachweise erbringen kann, verliert an Handlungsfähigkeit.
Warum die
Daten Herausforderung und Lösung sind
Für eine DOC
müssen Informationen zusammengeführt werden, die heute über Abteilungen,
Systeme und Lieferketten verteilt sind: Materialzusammensetzungen, Stoff- und
Additivangaben, Recyclingbewertungen. Dr. David Strack, der mit dem Greentech Susy
eine Lösung zu Konformitätserklärung entwickelt, beschreibt die Lücke so: „Viele
Unternehmen verfügen über relevante Informationen – oft nur nicht in einer
Form, die sich zu einer belastbaren DOC zusammenführen lässt. Gleichzeitig
verändern sich Verpackungsportfolios laufend – durch neue Lieferanten,
angepasste Rezepturen, Designwechsel. Jede Anpassung kann bestehende
Konformitätserklärungen entwerten.“
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Stand heute lösen
dieses Problem nur einige wenige digitale Verpackungsmanagement-Plattformen. Susy
beispielsweise schafft eine zentrale, konsistente Datenbasis, verknüpft KI-gestützt
technische und regulatorische Informationen und dokumentiert sämtliche Änderungen.
Das System liefert damit den fortlaufend gepflegten Nachweis, wie ihn die PPWR
ab August verlangt – und schafft die Voraussetzung für Marktzugang,
Rechtssicherheit und glaubwürdige Nachhaltigkeitskommunikation.
Die
Anforderungen der PPWR enden nicht bei der fertigen Verpackung. Sie greifen
entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von der Materialauswahl über die
Rezeptur bis zur späteren Anwendung. Gerade dort, wo Stoffe entwickelt,
kombiniert oder ersetzt werden, entstehen Weichenstellungen, die sich auf
Recyclingfähigkeit, Funktionalität und Nachweisführung auswirken.
Ein Beispiel
sind Entwicklungen, die den Einsatz von Rezyklaten praktikabler machen. Hohe
Rezyklatanteile bringen in der Praxis oft Schwankungen bei Produkteigenschaften
mit sich. Um diese auszugleichen, müssen Materiallösungen bereits auf der
Rohstoff- und Rezepturebene ansetzen. Dr. Ralf Moritz, Geschäftsführer bei
Blend+, einem Zulieferer für die Polymer-Industrie, beschreibt diesen Ansatz
so: „Wenn sich Materialzusammensetzungen verändern, hat das direkte
Auswirkungen auf die spätere Verpackung. Wir forschen daran, Eigenschaften zu
stabilisieren, damit Produkte mit Rezyklatanteilen vergleichbar funktionieren
wie mit Virgin-Material. Entscheidend ist dabei immer auch die Nachvollziehbarkeit
der eingesetzten Komponenten über den gesamten Lebenszyklus.“
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Damit rücken
frühe Materialentscheidungen auch aus regulatorischer Sicht stärker in den
Fokus. Was später in der Konformitätsbewertung berücksichtigt werden muss,
entsteht nicht erst am Ende der Kette, sondern beginnt bei der Auswahl und
Dokumentation der Ausgangsmaterialien.
Entwicklungsarbeit wird wichtiger
– und ist oft förderfähig
Die durch die PPWR nötigen Anpassungen von Material-, Rezeptur- und Prozesslogiken können aufwändige Entwicklungsarbeit bedeuten – die aber förderfähig ist.HANNSES_BRAATZ
Die PPWR fordert
– und fungiert gleichzeitig als ein Innovationskatalysator. Sie zwingt Marktakteure,
bestehende Material-, Rezeptur- und Prozesslogiken zu hinterfragen – eine
regulatorische Notwendigkeit, die gleichzeitig dazu führt, im Wettbewerb vorn
mit dabei zu sein. Diese Entwicklungsarbeit bindet Zeit, Personal und Budget. Mit
ungewissem Ausgang. Ein Aufwand, den der deutsche Staat über die „Forschungszulage“
goutiert – durch nachträgliche Steuergutschriften oder in Form von Auszahlungen.
Übernommen werden bis zu 25 % der förderfähigen Aufwendungen, bei kleinen und
mittleren Unternehmen bis zu 35 %. Viele PPWR-getriebene Projekte erfüllen die
Kriterien der F&E-Zulage: Es bestehen technische Risiken, der Ausgang ist
offen, Lösungen müssen erst entwickelt werden.
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Bei Blend+ begann
die Entwicklungsarbeit nicht mit einer Förderzusage. Das Unternehmen ging
bewusst in Vorleistung und holte sich erst später professionelle Unterstützung für
die Antragstellung der Forschungszulage: „Wir arbeiten dabei mit dem Förderberater
Leyton zusammen. Ich bin überzeugt, dass das unsere Chancen, die staatlichen Mittel
zu erhalten, deutlich erhöht hat!“
Denn die
wissenschaftlichen Consultants wissen, wie Entwicklungsprojekte so zu
strukturieren sind, dass der Forschungsanteil für die Prüfer klar erkennbar wird.
In einem „Technical Report“ skizzierten sie die Entwicklungsziele für Blend+ und
bereiteten sämtliche Dokumente für die Antragstellung vor. „In 10 Jahren
Firmengeschichte konnte das keiner von uns so gut formulieren wie unsere
Beraterin von Leyton“, kommentiert Geschäftsführer Moritz. Die Forschungszulage
wurde bewilligt – und wirkt heute nicht als Anschub, sondern als Risikopuffer,
der es ermöglicht, Entwicklungsarbeiten zu vertiefen, statt sie aus
Kostengründen abzubrechen oder zu verschieben.
Moritz
beschreibt das sehr konkret: Erst durch die zugesagte Förderung lassen sich
zusätzliche, teure Tests realisieren – etwa Versuche auf industriellen
Filmanlagen, die schnell fünfstellige Beträge kosten und zunächst nur eines
liefern: Daten. „Das sind Tests, die wir uns ohne Förderung schlicht nicht
leisten würden“, so Moritz. Die Zulage schafft damit finanziellen Spielraum, um
Entwicklungsschritte abzusichern, die für die spätere industrielle Anwendung
entscheidend sind.
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Der
regulatorische Druck entsteht dabei indirekt. Die PPWR trifft beispielsweise Blend+
nicht unmittelbar, sondern wirkt über die Kunden – insbesondere
Folienhersteller und Converter. Sie stehen vor der Herausforderung, künftig
hohe Rezyklatanteile zu verarbeiten, ohne dass Produkte schlechter, instabiler
oder teurer werden dürfen. Genau hier setzt die Entwicklungsarbeit an:
Rezyklate müssen funktionieren, Eigenschaften stabil und Prozesse
wirtschaftlich bleiben. Ob sich diese Lösungen im großen Maßstab durchsetzen,
entscheidet sich erst im industriellen Einsatz. Die Entwicklung dafür beginnt
jedoch jetzt – unter dem Druck der PPWR und mithilfe von Förderung.
Für
Unternehmen kann das entscheidend sein: Während die EU-Verordnung fixe Fristen
setzt, eröffnet Förderung finanziellen Spielraum. Sie ermöglicht es,
Innovationen nicht aufzuschieben, sondern strukturiert und planbar umzusetzen.
Regulierung
mit wirtschaftlicher Agenda – und Deadline
Die PPWR ist
mehr als ein Regelwerk zur Abfallreduktion. Sie ist Teil einer
industriepolitischen Strategie, mit der die EU Kreislaufwirtschaft als
wirtschaftliches Leitmodell etablieren will: Weniger Abhängigkeit von
Primärrohstoffen, mehr Wertschöpfung in Europa, stabilere Lieferketten. Die
Verpackungswirtschaft steht dabei im Zentrum. Wer recyclingfähige Verpackungen
entwickelt, Rezyklate funktionsfähig einsetzt, Daten beherrscht und Konformität
nachweisen kann, verschafft sich Vorteile. Die PPWR belohnt Skalierbarkeit,
Transparenz und Innovationsfähigkeit.
Vorbereitung
bedeutet deshalb nicht, einzelne Anforderungen „abzuhaken“, sondern tragfähige
Strukturen aufzubauen – für Daten, Entwicklung und Entscheidungsfähigkeit
entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Genau hier trennt sich aktuell die
Branche. Zeit ist jetzt der entscheidende Faktor.
Entscheidend
ist nicht, wo ein Unternehmen heute steht. Entscheidend ist, dass es jetzt
beginnt – systematisch, strukturiert und mit klarem Ziel. Denn die PPWR misst
keine Absichten. Ab dem 12.8.2026 misst sie Nachweise.
9 Hacks für PPWR-Readiness bis August 2026
Realistischen Umsetzungsplan aufstellen – mit monatlichen Meilensteinen
Verantwortliche Person oder Kernteam für PPWR-Compliance benennen
Kritische Datenlücken identifizieren und priorisieren
Lieferanten systematisch einbinden und Datenanforderungen kommunizieren
Digitales Verpackungsmanagement-System evaluieren und implementieren
Konformitätsbewertungen für kritische Verpackungen durchführen