Die EU-Verpackungsverordnung gilt – und sie verändert die Spielregeln

Ist die Verpackungswelt auf Kurs in Sachen PPWR?

Seit Februar 2025 ist die Verpackungsverordnung PPWR in Kraft, ab August 2026 greifen die neuen Pflichten. Wer die verbleibende Übergangsphase nur halbherzig angeht, verpasst womöglich den verbindlichen Startpunkt. Denn anders als bei anderen Nachhaltigkeitsregelwerken wie der EUDR gibt es keine weitere Schonfrist – das hat die EU-Kommission klargemacht.

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Die PPWR fordert einen steigenden Rezyklat-Anteil. Die Auswirkungen auf die Materialeigenschaften müssen entsprechend berücksichtigt bzw. kompensiert werden.
Die PPWR fordert einen steigenden Rezyklat-Anteil. Die Auswirkungen auf die Materialeigenschaften müssen entsprechend berücksichtigt bzw. kompensiert werden.

Überall in Europa prüfen Unternehmen ihre Verpackungen, diskutieren Materialalternativen, optimieren Designs und Prozesse. Der Fokus liegt vor allem auf sichtbaren technischen Maßnahmen: Materialeinsparung, Monomaterialien, Recyclingfähigkeit. Diese Aktivitäten prägen die Selbsteinschätzung – und vermitteln das Gefühl, auf einem guten Weg zu sein. Ein Realitätscheck von Fraunhofer IML, Logistikbude und Initiative Mehrweg zeigt jedoch ein anderes Bild: Der PPWR-Stimmungsindex 2025 offenbart eine Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Umsetzungsfähigkeit.

Nahezu jedes zweite Unternehmen überschätzt seinen Vorbereitungsstand. Nur rund 10 % haben die strukturellen Grundlagen geschaffen, die für PPWR-Compliance entscheidend sind: klar definierte Verantwortlichkeiten, eine belastbare Datenbasis für Verpackungen, eine systematische Portfolioanalyse und dokumentierte Maßnahmen. Zu oft ersetzen Einzelmaßnahmen eine ganzheitliche Umsetzung – mit einem trügerischen Sicherheitsgefühl als Folge.

Die PPWR ist herausfordernd: Zeit, Umsetzbarkeit und hohe erwartete Kosten stellen die größten Hürden dar. Staatliche Fördermittel sollen helfen, sie zu überwinden.
Die PPWR ist herausfordernd: Zeit, Umsetzbarkeit und hohe erwartete Kosten stellen die größten Hürden dar. Staatliche Fördermittel sollen helfen, sie zu überwinden.

Warum die PPWR so bedeutend für Erzeuger ist

Besonders unterschätzt wird ein zentraler Paradigmenwechsel der PPWR: die vollständige Verlagerung der Beweis- und Haftungsverantwortung auf die Erzeuger und Inverkehrbringer. Ab August 2026 reicht es nicht mehr aus, Verpackungen technisch zu optimieren oder sich auf Lieferantenerklärungen zu stützen. Unternehmen müssen in einer Declaration of Conformity (DOC) nachweisen, dass jede Verpackung den gesetzlichen Anforderungen entspricht – und dass kommunizierte Umweltaussagen belastbar und prüffähig sind. Erstmals wird damit eine verpackungsbezogene, auditfeste Dokumentation verlangt, die fortlaufend aktuell gehalten und auf Anfrage der Behörden oder Marktpartner vorgelegt werden muss. Diese Nachweispflicht gilt für alle Verkaufs-, Um- und Transportverpackungen innerhalb der EU. Ebenso für Importe. Die Verantwortung lässt sich nicht delegieren – sie verbleibt beim Erzeuger.

Welche Folgen hat eine Non-Conformity?

Was passiert, wenn diese Nachweise fehlen oder nicht belastbar sind, wird noch von vielen Marktteilnehmern unterschätzt. Non-Conformity ist kein theoretisches Risiko. Sie wird auch nicht als Formalfehler durchgehen, sondern kann zu Auslistungen durch Handelspartner, zu rechtlichen Auseinandersetzungen wegen unzulässiger Green Claims, Reputationsschäden und direkten Umsatzverlusten führen. Wer keine Nachweise erbringen kann, verliert an Handlungsfähigkeit.

Warum die Daten Herausforderung und Lösung sind

Für eine DOC müssen Informationen zusammengeführt werden, die heute über Abteilungen, Systeme und Lieferketten verteilt sind: Materialzusammensetzungen, Stoff- und Additivangaben, Recyclingbewertungen. Dr. David Strack, der mit dem Greentech Susy eine Lösung zu Konformitätserklärung entwickelt, beschreibt die Lücke so: „Viele Unternehmen verfügen über relevante Informationen – oft nur nicht in einer Form, die sich zu einer belastbaren DOC zusammenführen lässt. Gleichzeitig verändern sich Verpackungsportfolios laufend – durch neue Lieferanten, angepasste Rezepturen, Designwechsel. Jede Anpassung kann bestehende Konformitätserklärungen entwerten.“

Stand heute lösen dieses Problem nur einige wenige digitale Verpackungsmanagement-Plattformen. Susy beispielsweise schafft eine zentrale, konsistente Datenbasis, verknüpft KI-gestützt technische und regulatorische Informationen und dokumentiert sämtliche Änderungen. Das System liefert damit den fortlaufend gepflegten Nachweis, wie ihn die PPWR ab August verlangt – und schafft die Voraussetzung für Marktzugang, Rechtssicherheit und glaubwürdige Nachhaltigkeitskommunikation.

Warum das Ausgangsmaterial in den Fokus rückt

Die Anforderungen der PPWR enden nicht bei der fertigen Verpackung. Sie greifen entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von der Materialauswahl über die Rezeptur bis zur späteren Anwendung. Gerade dort, wo Stoffe entwickelt, kombiniert oder ersetzt werden, entstehen Weichenstellungen, die sich auf Recyclingfähigkeit, Funktionalität und Nachweisführung auswirken.

Ein Beispiel sind Entwicklungen, die den Einsatz von Rezyklaten praktikabler machen. Hohe Rezyklatanteile bringen in der Praxis oft Schwankungen bei Produkteigenschaften mit sich. Um diese auszugleichen, müssen Materiallösungen bereits auf der Rohstoff- und Rezepturebene ansetzen. Dr. Ralf Moritz, Geschäftsführer bei Blend+, einem Zulieferer für die Polymer-Industrie, beschreibt diesen Ansatz so: „Wenn sich Materialzusammensetzungen verändern, hat das direkte Auswirkungen auf die spätere Verpackung. Wir forschen daran, Eigenschaften zu stabilisieren, damit Produkte mit Rezyklatanteilen vergleichbar funktionieren wie mit Virgin-Material. Entscheidend ist dabei immer auch die Nachvollziehbarkeit der eingesetzten Komponenten über den gesamten Lebenszyklus.“

Damit rücken frühe Materialentscheidungen auch aus regulatorischer Sicht stärker in den Fokus. Was später in der Konformitätsbewertung berücksichtigt werden muss, entsteht nicht erst am Ende der Kette, sondern beginnt bei der Auswahl und Dokumentation der Ausgangsmaterialien.

Entwicklungsarbeit wird wichtiger – und ist oft förderfähig

Die durch die PPWR nötigen Anpassungen von Material-, Rezeptur- und Prozesslogiken können aufwändige Entwicklungsarbeit bedeuten – die aber förderfähig ist.
Die durch die PPWR nötigen Anpassungen von Material-, Rezeptur- und Prozesslogiken können aufwändige Entwicklungsarbeit bedeuten – die aber förderfähig ist.

Die PPWR fordert – und fungiert gleichzeitig als ein Innovationskatalysator. Sie zwingt Marktakteure, bestehende Material-, Rezeptur- und Prozesslogiken zu hinterfragen – eine regulatorische Notwendigkeit, die gleichzeitig dazu führt, im Wettbewerb vorn mit dabei zu sein. Diese Entwicklungsarbeit bindet Zeit, Personal und Budget. Mit ungewissem Ausgang. Ein Aufwand, den der deutsche Staat über die „Forschungszulage“ goutiert – durch nachträgliche Steuergutschriften oder in Form von Auszahlungen. Übernommen werden bis zu 25 % der förderfähigen Aufwendungen, bei kleinen und mittleren Unternehmen bis zu 35 %. Viele PPWR-getriebene Projekte erfüllen die Kriterien der F&E-Zulage: Es bestehen technische Risiken, der Ausgang ist offen, Lösungen müssen erst entwickelt werden.

Bei Blend+ begann die Entwicklungsarbeit nicht mit einer Förderzusage. Das Unternehmen ging bewusst in Vorleistung und holte sich erst später professionelle Unterstützung für die Antragstellung der Forschungszulage: „Wir arbeiten dabei mit dem Förderberater Leyton zusammen. Ich bin überzeugt, dass das unsere Chancen, die staatlichen Mittel zu erhalten, deutlich erhöht hat!“

Denn die wissenschaftlichen Consultants wissen, wie Entwicklungsprojekte so zu strukturieren sind, dass der Forschungsanteil für die Prüfer klar erkennbar wird. In einem „Technical Report“ skizzierten sie die Entwicklungsziele für Blend+ und bereiteten sämtliche Dokumente für die Antragstellung vor. „In 10 Jahren Firmengeschichte konnte das keiner von uns so gut formulieren wie unsere Beraterin von Leyton“, kommentiert Geschäftsführer Moritz. Die Forschungszulage wurde bewilligt – und wirkt heute nicht als Anschub, sondern als Risikopuffer, der es ermöglicht, Entwicklungsarbeiten zu vertiefen, statt sie aus Kostengründen abzubrechen oder zu verschieben.

Moritz beschreibt das sehr konkret: Erst durch die zugesagte Förderung lassen sich zusätzliche, teure Tests realisieren – etwa Versuche auf industriellen Filmanlagen, die schnell fünfstellige Beträge kosten und zunächst nur eines liefern: Daten. „Das sind Tests, die wir uns ohne Förderung schlicht nicht leisten würden“, so Moritz. Die Zulage schafft damit finanziellen Spielraum, um Entwicklungsschritte abzusichern, die für die spätere industrielle Anwendung entscheidend sind.

Der regulatorische Druck entsteht dabei indirekt. Die PPWR trifft beispielsweise Blend+ nicht unmittelbar, sondern wirkt über die Kunden – insbesondere Folienhersteller und Converter. Sie stehen vor der Herausforderung, künftig hohe Rezyklatanteile zu verarbeiten, ohne dass Produkte schlechter, instabiler oder teurer werden dürfen. Genau hier setzt die Entwicklungsarbeit an: Rezyklate müssen funktionieren, Eigenschaften stabil und Prozesse wirtschaftlich bleiben. Ob sich diese Lösungen im großen Maßstab durchsetzen, entscheidet sich erst im industriellen Einsatz. Die Entwicklung dafür beginnt jedoch jetzt – unter dem Druck der PPWR und mithilfe von Förderung.

Für Unternehmen kann das entscheidend sein: Während die EU-Verordnung fixe Fristen setzt, eröffnet Förderung finanziellen Spielraum. Sie ermöglicht es, Innovationen nicht aufzuschieben, sondern strukturiert und planbar umzusetzen.

Regulierung mit wirtschaftlicher Agenda – und Deadline

Die PPWR ist mehr als ein Regelwerk zur Abfallreduktion. Sie ist Teil einer industriepolitischen Strategie, mit der die EU Kreislaufwirtschaft als wirtschaftliches Leitmodell etablieren will: Weniger Abhängigkeit von Primärrohstoffen, mehr Wertschöpfung in Europa, stabilere Lieferketten. Die Verpackungswirtschaft steht dabei im Zentrum. Wer recyclingfähige Verpackungen entwickelt, Rezyklate funktionsfähig einsetzt, Daten beherrscht und Konformität nachweisen kann, verschafft sich Vorteile. Die PPWR belohnt Skalierbarkeit, Transparenz und Innovationsfähigkeit.

Vorbereitung bedeutet deshalb nicht, einzelne Anforderungen „abzuhaken“, sondern tragfähige Strukturen aufzubauen – für Daten, Entwicklung und Entscheidungsfähigkeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Genau hier trennt sich aktuell die Branche. Zeit ist jetzt der entscheidende Faktor.

Entscheidend ist nicht, wo ein Unternehmen heute steht. Entscheidend ist, dass es jetzt beginnt – systematisch, strukturiert und mit klarem Ziel. Denn die PPWR misst keine Absichten. Ab dem 12.8.2026 misst sie Nachweise.

9 Hacks für PPWR-Readiness bis August 2026

  1. Realistischen Umsetzungsplan aufstellen – mit monatlichen Meilensteinen
  2. Verantwortliche Person oder Kernteam für PPWR-Compliance benennen
  3. Kritische Datenlücken identifizieren und priorisieren
  4. Lieferanten systematisch einbinden und Datenanforderungen kommunizieren
  5. Digitales Verpackungsmanagement-System evaluieren und implementieren
  6. Konformitätsbewertungen für kritische Verpackungen durchführen
  7. Kennzeichnungsanforderungen vorbereiten (QR-Codes, Materialkennzeichnung)
  8. Interne Schulungen zu PPWR-Anforderungen durchführen
  9. Fördermittel beantragen