Vortrag Marcus Schindler, Bereichsleiter Strategische Unternehmensentwicklung bei Gerhard Schubert, auf der PMC 2026

Weglassen als Ingenieurkunst - Emerging Markets als Treiber

Das beste Formel-1-Auto ist jenes, das als erstes über die Ziellinie fährt und direkt danach zusammenbricht. Nicht, weil es schlecht konstruiert wäre, sondern weil es seine Aufgabe exakt erfüllt hat: kein Gramm zu viel, keine überflüssige Reserve, keine Funktion ohne Zweck. Doch was hat das mit dem Verpackungsmaschinenbau zu tun?

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Wie viel Power und wie viele Features braucht es für den Sieg?

Mit diesem Bild eröffnete Marcus Schindler seinen Vortrag auf der Packaging Machinery Conference. Und stellte damit eine Grundsatzfrage, die viele europäische Hersteller derzeit beschäftigt: Wie viel Technik ist wirklich nötig – und ab wann wird Flexibilität zur Last?

Gerhard Schubert steht seit Jahrzehnten für modulare Toploading-Verpackungsmaschinen. Das Unternehmen baut Anlagen für Primär-, Sekundär- und Tertiärverpackungen, für Pharma, Süßwaren, Kosmetik und weitere Branchen. Grundlage ist der Schubert-Baukasten mit eigenen Robotern, Vision-Systemen, Transmodulen, Flowmodulen, Steuerungstechnik, HMI und Maschinengestellen. Aus diesen Standardaggregaten entstehen kundenspezifische Linien, die im Markt gerade wegen ihrer Flexibilität erfolgreich sind.

Doch genau diese Stärke wird zunehmend zur strategischen Herausforderung. Wer technisch nahezu jede Verpackungsaufgabe abbilden kann, läuft Gefahr, immer weiter ins Premiumsegment getrieben zu werden. Schubert beschreibt dies als Premiumfalle: Asiatische Anbieter rücken in höhere Leistungssegmente vor, während europäische Hersteller ihre Maschinen häufig mit zusätzlicher Flexibilität, höheren Leistungsreserven und integriertem Mehrwert ausstatten. Nicht jeder Kunde will oder braucht diesen Mehrwert aber auch bezahlen.

Wenn Flexibilität Komplexität treibt

Marcus Schindler ist Bereichsleiter Strategische Unternehmensentwicklung bei Gerhard Schubert.

Im Sondermaschinenbau entsteht Mehrwert oft daraus, Sonderfälle mitzudenken: zusätzliche Formate, künftige Produkte, variable Produktflüsse oder spätere Erweiterungen. Das erhöht die technische Souveränität, treibt aber Kosten, Entwicklungsaufwand und Komplexität nach oben. In Konstruktionsbesprechungen werde teils viel Zeit darauf verwendet, Formate zu diskutieren, die aktuell noch gar nicht existieren. Im Extremfall wird Robotik für Produkte vorgesehen, die später nie laufen.

Für Kunden heißt das: Sie zahlen für Flexibilität, deren Nutzen ungewiss bleibt. Für Maschinenbauer heißt es: Jede Funktion muss konstruiert, montiert, dokumentiert, gewartet und bei neuen Formaten erneut berücksichtigt werden. Die Frage lautet deshalb nicht, was technisch möglich ist, sondern welche Komplexität tatsächlich Wert schafft.

Hinzu kommt die Verschiebung der Märkte. Wachstumsmärkte wie Indien verlangen nicht zwingend Peak Performance, sondern robuste, bezahlbare und einfach bedienbare Technik für andere infrastrukturelle und wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Wer solche Märkte mit denselben hochindividualisierten Anlagen adressieren will wie Europa oder Nordamerika, stößt an Grenzen.

Reverse Innovation statt Billigmaschine

Als Denkmodell dient Schubert das Prinzip der Reverse Innovation. Der Vortrag greift das Beispiel eines Medizingeräts auf, das für Indien neu gedacht wurde: Statt eines schweren, teuren und stromabhängigen Systems entstand ein tragbares, akkubetriebenes und einfach bedienbares Gerät. Entscheidend war nicht, eine bestehende Lösung billiger zu machen, sondern die Aufgabe aus den Bedingungen des Zielmarkts heraus neu zu definieren. Später erschloss die Lösung auch in etablierten Märkten neue Anwendungen.

Übertragen auf Verpackungsmaschinen bedeutet das: Es reicht nicht, High-End-Anlagen um einige Prozent günstiger zu machen. Schubert spricht von notwendigen Kostensprüngen in der Größenordnung von 30 bis 40 %. Das lässt sich nicht allein über klassische Effizienzprogramme erreichen. Nötig ist eine andere Produktstrategie – mit klareren Produktlinien, stärkerer Standardisierung und konsequentem Verzicht auf Funktionen ohne konkreten Kundennutzen.

Daraus leitet Schubert drei Produktwelten ab. TLM bleibt das flexible Hochleistungssystem für komplexe Verpackungsaufgaben. Die Lightline steht für vorkonfigurierte Standardmaschinen für definierte Produktszenarien. TOG, abgeleitet von „We all together“, zielt auf hundertprozentige Standardzellen für klar abgegrenzte Verpackungsfunktionen.

Lightline: Standardisierung braucht Disziplin

Wie schwierig Standardisierung für einen Sondermaschinenbauer ist, zeigt die Lightline. Bereits 2018 hatte Schubert mit einem Lightline Case Packer begonnen. Die Maschine richtete RSC-Kartonagen auf, befüllte und verschloss sie. Sie wurde erfolgreich verkauft, entwickelte sich über die Jahre aber erneut in Richtung Komplexität: zusätzliche Funktionen, Datenanbindungen, Werkzeugwechsel und neue Anforderungen ließen die Standardlösung wachsen.

Die Lehre daraus lautet: Standardisierung ist kein einmaliger Zustand, sondern ein permanenter Disziplinierungsprozess. Die neue Lightline wird deshalb konsequenter aus konkreten Produktszenarien heraus gedacht. Welche Produkte kommen mit welchen Leistungen aus welchen Vormaschinen? In welche Verpackungen werden sie typischerweise eingebracht? Welche Kartonvarianten sind tatsächlich erforderlich? Für diese Analyse nutzt Schubert unter anderem Supermarktaufnahmen aus verschiedenen Märkten, um reale Verpackungsbilder und Anwendungsfälle besser zu verstehen.

Klare Vorgaben für die Ingenieure.

Das Ergebnis sind definierte Maschinen für spezifische Aufgaben – etwa Pickerlinien, Flowpacker, Cartoner, Casepacker oder Palettierer. Eine Lightline kann dann beispielsweise nur eine bestimmte Kartonvariante, einen definierten Produktfluss und ein begrenztes Produktspektrum verarbeiten. Der Basispreis soll niedrig bleiben, ohne die Maschine technologisch zu entwerten. Vollautomatische Verstellungen und einfache Bedienung bleiben möglich – aber nur dort, wo sie zur Aufgabe passen.

Wichtig ist dabei auch der Vertrieb. Ein technischer Standard hilft wenig, wenn er im Verkauf wieder wie eine Sondermaschine behandelt wird. Deshalb arbeitet Schubert mit Solution Finder und CPQ-Ansätzen. Ziel ist, Kunden transparent zu zeigen: Wird ein bestimmtes Format weggelassen, bleibt die Lösung eine Lightline; kommt es hinzu, wächst sie bewusst in Richtung TLM. Komplexität soll damit nicht verschwinden, sondern sichtbar und entscheidbar werden.

Leistungskostendichte als Filter

Um Entwicklung zu steuern, setzt Schubert auf den Begriff der Leistungskostendichte. Jede Entwicklung muss entweder die Leistung erhöhen, den Platzbedarf reduzieren oder Kosten senken. Gelingt das nicht, wird sie gestoppt. Dieser Maßstab wirkt als Filter gegen gut gemeinte, aber wertschwache Innovationen.

Im Vortrag wurde deutlich, wie konkret solche Entscheidungen sind. Eine automatische Haubenöffnung wirkt hochwertig, verursacht aber Kosten und wird nur selten benötigt. Ein Bedienkragarm ist ergonomisch und repräsentativ, kann aber durch integrierte oder mobile Bedienkonzepte ersetzt werden. Bei Werkzeugen wird die Abwägung noch schwieriger: Zusätzliche Funktionen verbessern die Kartonqualität, erhöhen aber Aufwand und Kosten über jede Bahn und jedes Format hinweg.

Die zentrale Einsicht: Over Engineering entsteht selten durch schlechte Entscheidungen. Häufig sind es viele gute Einzelentscheidungen, die zusammen zu einer überladenen Lösung führen. Erfahrung hilft, Probleme zu vermeiden, verstärkt aber auch den Reflex, für jeden bekannten Sonderfall eine Funktion vorzusehen. Weglassen wird damit zur Führungs- und Kulturaufgabe.

Von Flexibilität zu Wandlungsfähigkeit

Standardisierte Funktionseinheiten können so kombiniert werden, dass veränderte Anforderungen nicht über immer komplexere Einzelmaschinen realisiert werden.

Schubert stellt dem klassischen Flexibilitätsbegriff die Wandlungsfähigkeit gegenüber. Flexibilität führt im Sondermaschinenbau häufig zu Komplexität: Eine Maschine soll möglichst viele heutige und künftige Formate beherrschen. Wandlungsfähigkeit setzt anders an. Standardisierte Funktionseinheiten sollen so kombiniert werden, dass Veränderungen über Zellen, Module und Plattformen abgebildet werden können – nicht über immer komplexere Einzelmaschinen.

Die TOG-Produktlinie folgt diesem Gedanken. Einzelne Standardzellen übernehmen klar abgegrenzte Funktionen, etwa das Aufrichten von Schachteln oder Pick-and-place-Aufgaben. Der TOG-Aufrichter verzichtet bewusst auf Robotik und setzt auf einfache Mechanik und Bedienung. Gleichzeitig steckt in anderen Zellen hochentwickelte Technologie, etwa KI-basierte Programmierung für Bin Picking. Anwendungen sollen mit minimalem Programmieraufwand entstehen.

Damit verbindet Schubert zwei Bewegungen: Reverse Innovation und Breakthrough Innovation. Auf der einen Seite stehen einfachere Mechanik, MVP-Entwicklung, Standardisierung sowie Entwicklung und Montage von Zuführsystemen in Märkten wie Afrika oder Indien. Auf der anderen Seite stehen integrierte Steuerung, hohe Taktleistungen, KI-basierte Bin-Picking-Technologie, Trainingsmodellierung und hochdynamische Kinematik.

Die neue TLM-Generation zeigt, dass Weglassen kein Innovationsverzicht ist. KI-gestützte Roboterplanung soll höhere Leistungen ermöglichen, kompaktere Bauweisen reduzieren den Platzbedarf. Entscheidend ist nicht die Alternative zwischen Premiumtechnik und Einfachmaschine, sondern die Fähigkeit, beide Logiken sauber zu trennen – und dort zu verbinden, wo echter Kundennutzen entsteht.

Fazit: Weniger Technik, mehr Strategie

Die Zukunft des europäischen Verpackungsmaschinenbaus entscheidet sich nicht allein an neuen Technologien, sondern an der Fähigkeit, Technik konsequenter am Nutzen auszurichten. Standardisierung ist kein Rückschritt, sondern Voraussetzung, um neue Märkte, neue Kundensegmente und kostensensiblere Anwendungen zu erschließen. Für Schubert bedeutet das eine Portfolioerweiterung, aber auch ein kultureller Wandel. Ingenieure, Vertrieb, Produktion und Management müssen gemeinsam lernen, nicht jede machbare Funktion auch einzubauen. Der Sportwagen hinter der Ziellinie bleibt damit mehr als eine Metapher: Er beschreibt den Anspruch, Maschinen so präzise auf ihre Aufgabe auszulegen, dass sie genau das leisten, was gebraucht wird – und nichts, was nur deshalb eingebaut wird, weil es technisch möglich ist.