Vortrag Marcus Schindler, Bereichsleiter Strategische Unternehmensentwicklung bei Gerhard Schubert, auf der PMC 2026
Weglassen als Ingenieurkunst - Emerging Markets als Treiber
Das beste Formel-1-Auto ist jenes, das als erstes über die Ziellinie fährt und direkt danach zusammenbricht. Nicht, weil es schlecht konstruiert wäre, sondern weil es seine Aufgabe exakt erfüllt hat: kein Gramm zu viel, keine überflüssige Reserve, keine Funktion ohne Zweck. Doch was hat das mit dem Verpackungsmaschinenbau zu tun?
Redaktion .Redaktion.neue verpackung
4 min
Wie viel Power und wie viele Features braucht es für den Sieg?OpenAI
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Mit diesem Bild eröffnete Marcus Schindler seinen
Vortrag auf der Packaging Machinery Conference. Und stellte damit eine Grundsatzfrage,
die viele europäische Hersteller derzeit beschäftigt: Wie viel Technik ist
wirklich nötig – und ab wann wird Flexibilität zur Last?
Gerhard Schubert steht seit Jahrzehnten für modulare
Toploading-Verpackungsmaschinen. Das Unternehmen baut Anlagen für Primär-,
Sekundär- und Tertiärverpackungen, für Pharma, Süßwaren, Kosmetik und weitere
Branchen. Grundlage ist der Schubert-Baukasten mit eigenen Robotern,
Vision-Systemen, Transmodulen, Flowmodulen, Steuerungstechnik, HMI und
Maschinengestellen. Aus diesen Standardaggregaten entstehen kundenspezifische
Linien, die im Markt gerade wegen ihrer Flexibilität erfolgreich sind.
Doch genau diese Stärke wird zunehmend zur strategischen
Herausforderung. Wer technisch nahezu jede Verpackungsaufgabe abbilden kann,
läuft Gefahr, immer weiter ins Premiumsegment getrieben zu werden. Schubert
beschreibt dies als Premiumfalle: Asiatische Anbieter rücken in höhere
Leistungssegmente vor, während europäische Hersteller ihre Maschinen häufig mit
zusätzlicher Flexibilität, höheren Leistungsreserven und integriertem Mehrwert
ausstatten. Nicht jeder Kunde will oder braucht diesen Mehrwert aber auch
bezahlen.
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Wenn Flexibilität Komplexität treibt
Marcus Schindler ist Bereichsleiter Strategische Unternehmensentwicklung bei Gerhard Schubert.Ronja Prokosch
Im Sondermaschinenbau entsteht Mehrwert oft daraus,
Sonderfälle mitzudenken: zusätzliche Formate, künftige Produkte, variable
Produktflüsse oder spätere Erweiterungen. Das erhöht die technische
Souveränität, treibt aber Kosten, Entwicklungsaufwand und Komplexität nach
oben. In Konstruktionsbesprechungen werde teils viel Zeit darauf verwendet,
Formate zu diskutieren, die aktuell noch gar nicht existieren. Im Extremfall
wird Robotik für Produkte vorgesehen, die später nie laufen.
Für Kunden heißt das: Sie zahlen für Flexibilität, deren
Nutzen ungewiss bleibt. Für Maschinenbauer heißt es: Jede Funktion muss
konstruiert, montiert, dokumentiert, gewartet und bei neuen Formaten erneut
berücksichtigt werden. Die Frage lautet deshalb nicht, was technisch möglich
ist, sondern welche Komplexität tatsächlich Wert schafft.
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Hinzu kommt die Verschiebung der Märkte. Wachstumsmärkte
wie Indien verlangen nicht zwingend Peak Performance, sondern robuste,
bezahlbare und einfach bedienbare Technik für andere infrastrukturelle und
wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Wer solche Märkte mit denselben
hochindividualisierten Anlagen adressieren will wie Europa oder Nordamerika,
stößt an Grenzen.
Reverse Innovation statt Billigmaschine
Als Denkmodell dient Schubert das Prinzip der Reverse
Innovation. Der Vortrag greift das Beispiel eines Medizingeräts auf, das für
Indien neu gedacht wurde: Statt eines schweren, teuren und stromabhängigen
Systems entstand ein tragbares, akkubetriebenes und einfach bedienbares Gerät.
Entscheidend war nicht, eine bestehende Lösung billiger zu machen, sondern die
Aufgabe aus den Bedingungen des Zielmarkts heraus neu zu definieren. Später
erschloss die Lösung auch in etablierten Märkten neue Anwendungen.
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Übertragen auf Verpackungsmaschinen bedeutet das: Es
reicht nicht, High-End-Anlagen um einige Prozent günstiger zu machen. Schubert
spricht von notwendigen Kostensprüngen in der Größenordnung von 30 bis 40 %.
Das lässt sich nicht allein über klassische Effizienzprogramme erreichen. Nötig
ist eine andere Produktstrategie – mit klareren Produktlinien, stärkerer
Standardisierung und konsequentem Verzicht auf Funktionen ohne konkreten
Kundennutzen.
Daraus leitet Schubert drei Produktwelten ab. TLM bleibt
das flexible Hochleistungssystem für komplexe Verpackungsaufgaben. Die
Lightline steht für vorkonfigurierte Standardmaschinen für definierte
Produktszenarien. TOG, abgeleitet von „We all together“, zielt auf
hundertprozentige Standardzellen für klar abgegrenzte Verpackungsfunktionen.
Lightline: Standardisierung braucht Disziplin
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Wie schwierig Standardisierung für einen
Sondermaschinenbauer ist, zeigt die Lightline. Bereits 2018 hatte Schubert mit
einem Lightline Case Packer begonnen. Die Maschine richtete RSC-Kartonagen auf,
befüllte und verschloss sie. Sie wurde erfolgreich verkauft, entwickelte sich
über die Jahre aber erneut in Richtung Komplexität: zusätzliche Funktionen,
Datenanbindungen, Werkzeugwechsel und neue Anforderungen ließen die
Standardlösung wachsen.
Die Lehre daraus lautet: Standardisierung ist kein
einmaliger Zustand, sondern ein permanenter Disziplinierungsprozess. Die neue
Lightline wird deshalb konsequenter aus konkreten Produktszenarien heraus
gedacht. Welche Produkte kommen mit welchen Leistungen aus welchen
Vormaschinen? In welche Verpackungen werden sie typischerweise eingebracht?
Welche Kartonvarianten sind tatsächlich erforderlich? Für diese Analyse nutzt
Schubert unter anderem Supermarktaufnahmen aus verschiedenen Märkten, um reale
Verpackungsbilder und Anwendungsfälle besser zu verstehen.
Klare Vorgaben für die Ingenieure.Gerhard Schubert
Das Ergebnis sind definierte Maschinen für spezifische
Aufgaben – etwa Pickerlinien, Flowpacker, Cartoner, Casepacker oder
Palettierer. Eine Lightline kann dann beispielsweise nur eine bestimmte
Kartonvariante, einen definierten Produktfluss und ein begrenztes
Produktspektrum verarbeiten. Der Basispreis soll niedrig bleiben, ohne die
Maschine technologisch zu entwerten. Vollautomatische Verstellungen und
einfache Bedienung bleiben möglich – aber nur dort, wo sie zur Aufgabe passen.
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Wichtig ist dabei auch der Vertrieb. Ein technischer
Standard hilft wenig, wenn er im Verkauf wieder wie eine Sondermaschine
behandelt wird. Deshalb arbeitet Schubert mit Solution Finder und CPQ-Ansätzen.
Ziel ist, Kunden transparent zu zeigen: Wird ein bestimmtes Format weggelassen,
bleibt die Lösung eine Lightline; kommt es hinzu, wächst sie bewusst in
Richtung TLM. Komplexität soll damit nicht verschwinden, sondern sichtbar und
entscheidbar werden.
Leistungskostendichte als Filter
Um Entwicklung zu steuern, setzt Schubert auf den Begriff
der Leistungskostendichte. Jede Entwicklung muss entweder die Leistung erhöhen,
den Platzbedarf reduzieren oder Kosten senken. Gelingt das nicht, wird sie
gestoppt. Dieser Maßstab wirkt als Filter gegen gut gemeinte, aber wertschwache
Innovationen.
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Im Vortrag wurde deutlich, wie konkret solche
Entscheidungen sind. Eine automatische Haubenöffnung wirkt hochwertig,
verursacht aber Kosten und wird nur selten benötigt. Ein Bedienkragarm ist
ergonomisch und repräsentativ, kann aber durch integrierte oder mobile
Bedienkonzepte ersetzt werden. Bei Werkzeugen wird die Abwägung noch
schwieriger: Zusätzliche Funktionen verbessern die Kartonqualität, erhöhen aber
Aufwand und Kosten über jede Bahn und jedes Format hinweg.
Die zentrale Einsicht: Over Engineering entsteht selten
durch schlechte Entscheidungen. Häufig sind es viele gute Einzelentscheidungen,
die zusammen zu einer überladenen Lösung führen. Erfahrung hilft, Probleme zu
vermeiden, verstärkt aber auch den Reflex, für jeden bekannten Sonderfall eine
Funktion vorzusehen. Weglassen wird damit zur Führungs- und Kulturaufgabe.
Standardisierte Funktionseinheiten können so kombiniert werden, dass veränderte Anforderungen nicht über immer komplexere Einzelmaschinen realisiert werden.Gerhard Schubert
Schubert stellt dem klassischen Flexibilitätsbegriff die
Wandlungsfähigkeit gegenüber. Flexibilität führt im Sondermaschinenbau häufig
zu Komplexität: Eine Maschine soll möglichst viele heutige und künftige Formate
beherrschen. Wandlungsfähigkeit setzt anders an. Standardisierte
Funktionseinheiten sollen so kombiniert werden, dass Veränderungen über Zellen,
Module und Plattformen abgebildet werden können – nicht über immer komplexere
Einzelmaschinen.
Die TOG-Produktlinie folgt diesem Gedanken. Einzelne
Standardzellen übernehmen klar abgegrenzte Funktionen, etwa das Aufrichten von
Schachteln oder Pick-and-place-Aufgaben. Der TOG-Aufrichter verzichtet bewusst
auf Robotik und setzt auf einfache Mechanik und Bedienung. Gleichzeitig steckt
in anderen Zellen hochentwickelte Technologie, etwa KI-basierte Programmierung
für Bin Picking. Anwendungen sollen mit minimalem Programmieraufwand entstehen.
Damit verbindet Schubert zwei Bewegungen: Reverse
Innovation und Breakthrough Innovation. Auf der einen Seite stehen einfachere
Mechanik, MVP-Entwicklung, Standardisierung sowie Entwicklung und Montage von
Zuführsystemen in Märkten wie Afrika oder Indien. Auf der anderen Seite stehen
integrierte Steuerung, hohe Taktleistungen, KI-basierte
Bin-Picking-Technologie, Trainingsmodellierung und hochdynamische Kinematik.
Die neue TLM-Generation zeigt, dass Weglassen kein
Innovationsverzicht ist. KI-gestützte Roboterplanung soll höhere Leistungen
ermöglichen, kompaktere Bauweisen reduzieren den Platzbedarf. Entscheidend ist
nicht die Alternative zwischen Premiumtechnik und Einfachmaschine, sondern die
Fähigkeit, beide Logiken sauber zu trennen – und dort zu verbinden, wo echter
Kundennutzen entsteht.
Fazit: Weniger Technik, mehr Strategie
Die Zukunft des europäischen Verpackungsmaschinenbaus
entscheidet sich nicht allein an neuen Technologien, sondern an der Fähigkeit,
Technik konsequenter am Nutzen auszurichten. Standardisierung ist kein
Rückschritt, sondern Voraussetzung, um neue Märkte, neue Kundensegmente und
kostensensiblere Anwendungen zu erschließen. Für Schubert bedeutet das eine Portfolioerweiterung, aber auch ein kultureller Wandel. Ingenieure, Vertrieb, Produktion und Management müssen
gemeinsam lernen, nicht jede machbare Funktion auch einzubauen. Der Sportwagen
hinter der Ziellinie bleibt damit mehr als eine Metapher: Er beschreibt den
Anspruch, Maschinen so präzise auf ihre Aufgabe auszulegen, dass sie genau das
leisten, was gebraucht wird – und nichts, was nur deshalb eingebaut wird, weil
es technisch möglich ist.