Interview mit Sven Hennebach, Senior Manager Tomra Reuse
"Mehrweg braucht Infrastruktur, Daten und klare Anreize"
Mehrwegverpackungen scheitern weniger an der Akzeptanz als an komplizierten Systemen. Tomra-Reuse-Experte Hennebach erklärt, warum einfache Rückgabe, gemeinsame Infrastruktur und digitale Daten entscheidend für den Durchbruch sind.
Sven Hennebach an einem der Freiburger Rückgabeautomaten.
Tomra Reuse
Redaktion: Herr Hennebach, Mehrweg für Lebensmittel ist seit Jahren ein Thema – dennoch sind viele Lösungen nicht über Pilotprojekte hinausgekommen. Woran ist die Skalierung bislang gescheitert?
Sven Hennebach: Der zentrale Punkt ist die Bequemlichkeit. Einweg ist extrem komfortabel: kaufen, nutzen, entsorgen – fertig. Mehrweg verlangt die Rückgabe, und genau dieser zusätzliche Schritt ist die größte Hürde. Das Problem liegt dabei nicht bei den Verbrauchern, sondern bei Systemen, die im Alltag nicht einfach genug funktionieren. Wenn Systeme nicht so gestaltet sind, dass sie für Verbraucher praktisch „nebenbei“ funktionieren, setzen sie sich nicht durch. Deshalb brauchen wir eine neue Denke: weg von Insellösungen, hin zu einer anbieterübergreifenden Infrastruktur, die Rückgabe so einfach wie möglich macht.
Redaktion: Wie einfach muss Rückgabe konkret funktionieren, damit Verbraucher Mehrweg akzeptieren?
Hennebach: So einfach wie möglich. Idealerweise ohne App, ohne Registrierung, ohne Aufwand. Nutzer sollten ihr Gebinde an einem Automaten zurückgeben können und den Pfandbetrag direkt erhalten – etwa per Karte. Niederschwelligkeit ist der Schlüssel: Je weniger Hürden, desto höher die Rücklaufquote. Rückgabe muss dort möglich sein, wo Menschen ohnehin unterwegs sind – beim Einkaufen, am Bahnhof, im öffentlichen Raum oder auf Veranstaltungen.
Redaktion: Braucht der Markt mehr standardisierte, anbieterübergreifende Systeme?
Hennebach: Ja, ohne Frage. Eine Vielzahl isolierter Lösungen hilft nicht. Wir sehen heute einen Wildwuchs an Systemen und Gebinden. Langfristig wird sich, ähnlich wie beim Getränke-Pfandsystem, eine gewisse Standardisierung durchsetzen müssen. Entscheidend sind offene und interoperable Systeme, damit Verbraucher nicht darüber nachdenken müssen, welcher Becher oder welche Schale zu welchem Anbieter gehört. Gleichzeitig wird es mehrere Anbieter geben; ein Monopol ist weder realistisch noch wünschenswert. Der Markt wird hier die Balance zwischen Wettbewerb und Standardisierung finden.
Redaktion: Welche Verpackungen eignen sich besonders für Mehrweg – und wo bleibt Einweg sinnvoll?
Hennebach: Das hängt stark vom Anwendungsfall ab. Verpackungen mit höherem Materialeinsatz, hoher Umlaufgeschwindigkeit und möglichst standardisierten Formaten – etwa stabile Boxen oder Becher –, eignen sich eher für Mehrweg. Bei sehr leichten Lösungen, beispielsweise Einschlagpapier, kann Einweg unter Umständen ökologisch sinnvoller bleiben. Entscheidend sind fundierte Lebenszyklusanalysen statt pauschaler Antworten.
Redaktion: Lebensmittelverpackungen stellen hohe Anforderungen an Hygiene und Sicherheit. Was sind die größten Herausforderungen?
Hennebach: Hygiene ist kein grundsätzliches Mehrwegproblem, sondern vor allem eine Prozessfrage. Eine der größten Herausforderung ist Vor allem die Organisation der Reinigung. Viele Gastronomiebetriebe haben weder Platz noch Personal, um Mehrwegbehälter selbst zu spülen. Deshalb braucht es zentrale Spülinfrastrukturen, die diese Aufgabe übernehmen und saubere Behälter wieder in Umlauf bringen. Nur so wird das System auch für Anbieter attraktiv.
Redaktion: Welche Rolle spielen digitale Lösungen und Daten?
Hennebach: Eine entscheidende. Moderne Systeme erlauben es bereits heute, jedes einzelne Gebinde digital zu verfolgen: von der Produktion über Nutzung und Rückgabe bis zur Reinigung. Diese Transparenz ist wichtig, um Rücklaufquoten, Verluste und die tatsächliche Umweltwirkung zu messen. Ohne Daten bleibt Nachhaltigkeit oft eine Behauptung – mit Daten wird sie belegbar.
Redaktion: Ab welcher Größenordnung wird Mehrweg wirtschaftlich tragfähig?
Hennebach: Mehrweg funktioniert erst dann wirklich gut, wenn Infrastruktur, Volumen und Anreize zusammenkommen. Einzelne Pilotprojekte reichen nicht. Wir brauchen mindestens städtische oder regionale Systeme, idealerweise mit standardisierten Prozessen. Entscheidend ist die Kombination aus ausreichender Dichte an Rückgabepunkten und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.
Redaktion: Welche Rolle spielen regulatorische Maßnahmen wie die PPWR?
Hennebach: Sie sind ein wichtiger Beschleuniger, weil sie Planungssicherheit schaffen und Wiederverwendung verbindlich auf die politische Agenda setzen.. Besonders wirkungsvoll sind Maßnahmen, die Mehrweg wirtschaftlich attraktiver machen, etwa Einwegsteuern oder klare Vorgaben. Gleichzeitig kommt es darauf an, pragmatisch zu regulieren und nicht jede Verpackung pauschal zu erfassen. Braucht es beispielsweise eine Gebühr für das Döner-Einwickelpapier? Nein. Regulierung muss zielgerichtet sein, sonst leidet die Akzeptanz.
Redaktion: Reicht die Mehrwegpflicht im Take-away-Bereich aus, um Investitionen auszulösen?
Tomra Reuse
Tomra Reuse ist ein Geschäftsbereich der norwegischen Tomra Group und Teil von Tomra Horizon, der Venture-Einheit des Konzerns für neue Geschäftsmodelle rund um Kreislaufwirtschaft und Ressourceneffizienz. Der Bereich überträgt Tomras jahrzehntelange Erfahrung mit automatisierten Pfand- und Rücknahmesystemen auf wiederverwendbare Take-away-Verpackungen.
Im Mittelpunkt steht ein offenes, zentral verwaltetes Mehrwegsystem für Städte. Becher und perspektivisch weitere Verpackungen unterschiedlicher Anbieter können an gemeinsam genutzten automatisierten Sammelstellen zurückgegeben werden. Die Rücknahmeautomaten erkennen autorisierte Verpackungen, erfassen sie digital und erstatten das Pfand kontaktlos direkt auf Karte oder Konto. Eine Registrierung oder spezielle App ist dafür nicht erforderlich. Ergänzt wird die Rückgabeinfrastruktur durch zentral organisierte Reinigung und Qualitätskontrolle sowie die Logistik für Sammlung und Wiederverteilung.
Einen wichtigen Praxistest startete Tomra Anfang 2024 gemeinsam mit der dänischen Stadt Aarhus. Das zunächst auf drei Jahre angelegte Projekt soll zeigen, wie eine stadtweite Infrastruktur für Mehrweg-Take-away-Verpackungen aufgebaut und skaliert werden kann.
Seit 2026 ist Tomra Reuse auch in Deutschland mit einem konkreten Projekt vertreten: Am Freiburger Hauptbahnhof wurden zwei Rücknahmeautomaten für Recup-Mehrwegbecher installiert.
Hennebach: Allein reicht sie nicht. Wirklich wirksam wird sie erst im Zusammenspiel mit Infrastruktur und finanziellen Anreizen. Entscheidend ist, dass Mehrweg nicht nur formal angeboten, sondern tatsächlich genutzt wird. Dafür braucht es Rückgabeinfrastruktur und wirtschaftliche Anreize, die Einweg weniger selbstverständlich machen. Beispiele zeigen: Eine funktionierende Rückgabeinfrastruktur allein kann die Mehrwegquote deutlich steigern – mit zusätzlicher Regulierung entfaltet sie ihre volle Wirkung.
Redaktion: Welche Rolle sollten die einzelnen Akteure übernehmen?
Hennebach: Mehrweg funktioniert nur als Ökosystem und als Gemeinschaftsaufgabe. Kommunen sollten regulatorische Rahmenbedingungen schaffen und Infrastruktur unterstützen. Gastronomie und Handel müssen Mehrweg aktiv anbieten und in ihre Prozesse integrieren. Systemanbieter liefern die technische und logistische Basis, etwa Rücknahmeautomaten und Spüldienstleistungen. Erst im Zusammenspiel entsteht ein funktionierendes Ökosystem.
Redaktion: Wenn Mehrweg bis 2030 im großen Maßstab funktionieren soll: Welche drei Voraussetzungen sind entscheidend?
Hennebach: Erstens: eine flächendeckende, kundenfreundliche RückgabeiInfrastruktur. Zweitens: klare ökonomische Anreize und regulatorische Rahmenbedingungen, etwa durch Preisvorteile oder Abgaben auf Einweg. Drittens: Transparenz durch digitale Systeme und Daten, um Effizienz und Nachhaltigkeit nachzuweisen. Wenn diese drei Faktoren zusammenkommen, hat Mehrweg im Lebensmittelbereich echte Chancen, aus der Nische herauszukommen.