Interview über die 4evergreen‑Initiative und ihre Rolle in der Kreislaufwirtschaft
„Wir streben einen ganzheitlichen, wissenschaftsbasierten Ansatz an“
Wie können papierbasierte Verpackungen bis 2030 eine Recyclingquote von 90 % erreichen? In diesem Interview erklären die Führungskräfte von 4evergreen, wie branchenübergreifende Zusammenarbeit, wissenschaftsbasierte Instrumente und harmonisierte Standards die Zirkularität in ganz Europa vorantreiben.
Die 4evergreen-Allianz hat sich zum Ziel gesetzt, Recycling, Standardisierung und Zusammenarbeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu fördern.OpenAI
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Redaktion: Herr Helbig, Herr Hengesbach, einigen Leserinnen und Lesern ist 4evergreen vielleicht noch nicht bekannt. Wie würden Sie demjenigen das Bündnis in wenigen Sätzen beschreiben?
Über Peter Hengesbach
Peter Hengesbach ist Senior Advisor Recyclability and Circularity bei Stora Enso und Co-Leiter des 4evergreen-Workstreams Standardisation. Er hat wesentlich zum Recyclability Evaluation Protocol von 4evergreen beigetragen und eine reibungslose Interaktion zwischen den technischen Workstreams von 4evergreen und den relevanten Normungsgremien sichergestellt, insbesondere im Hinblick auf die sekundäre Gesetzgebung der kommenden Verpackungs- und Verpackungsabfallverordnung.
Peter Hengesbach: 4evergreen ist ein branchenübergreifendes Bündnis, das die Zirkularität von papierbasierten Verpackungen perfektioniert, um zu einer klimaneutralen und nachhaltigen Gesellschaft beizutragen. Unser Ziel ist es, die gesamte Recyclingquote von papierbasierten Verpackungen bis 2030 auf 90 % zu erhöhen.
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Wir legen einen besonderen Fokus auf papierbasierte Verpackungen, die heute eine geringere Zirkularitätsleistung aufweisen als der Großteil der papierbasierten Verpackungen, die bereits in großem Maßstab und auf sehr hohem Niveau recycelt werden. Konkret konzentrieren wir uns auf Verpackungen, die im Haushalt, außer Haus und für den Unterwegs-Konsum genutzt werden.
Das Bündnis vereint mehr als 100 Branchenführer entlang der gesamten Wertschöpfungskette papierbasierter Verpackungen: von Zellstoff-, Papier- und Kartonherstellern und -recyclern über Verpackungsproduzenten, Designer und Veredler bis hin zu Markenartiklern, Einzelhändlern, Herstellernverantwortungsorganisationen und Entsorgungsunternehmen. Es umfasst außerdem Zulieferer von Nicht-Papier-Materialien (z. B. Klebstoffe, Druckfarben, Beschichtungen), Technologieanbieter (z. B. Maschinen, Sammel- und Recyclinglösungen) sowie führende Forschungseinrichtungen.
Redaktion: Warum ist es gerade jetzt wichtig, eine branchenübergreifende Plattform wie 4evergreen zu stärken – und wie profitieren Hersteller wie Seda oder Stora Enso davon?
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Andreas Helbig: 4evergreen ist die Branchenplattform, um die Zirkularität unserer Produkte weiter zu verbessern. Als Hersteller papierbasierter Verpackungen endet unsere Verantwortung nicht mit der Lieferung des Produkts an den Markt. Wir haben eine Verantwortung stromaufwärts, indem wir zertifizierte Materialien einsetzen, und stromabwärts, indem wir unsere Kundinnen und Kunden zu End-of-life-Optionen beraten und sie dabei unterstützen – auch in Abhängigkeit von dem Markt, in dem das Produkt verkauft wird. Plattformen wie 4evergreen sind außerdem entscheidend, um sicherzustellen, dass Zirkularität zu einem Treiber für Innovation und Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Verpackungsindustrie wird.
Hengesbach: In den vergangenen Jahren hat die Recyclingfähigkeit von Verpackungen einen deutlich veränderten Stellenwert erhalten; künftig wird sie noch stärker eine Markteintrittsvoraussetzung sein und damit kein optionales Verpackungsmerkmal mehr. Dieser Wandel erfordert einen harmonisierten, EU-weiten Ansatz in der Industrie, bei dem 4EG eine wichtige Rolle spielt, indem technische Dokumente bereitgestellt werden, die diesen Übergang unterstützen.
Redaktion: 4evergreen hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, die Recyclingquote von papierbasierten Verpackungen in Europa bis 2030 auf 90 % zu erhöhen. Warum ist dieses Ziel realistisch – und was ist nötig, um es zu erreichen?
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Über Andreas Helbig
Andreas Helbig ist Geschäftsführer bei Seda Germany und ein maßgebliches Mitglied der 4evergreen-Steuerungsgruppe. Er hat eine entscheidende Rolle bei der Ausrichtung der strategischen Ziele und Prioritäten der Allianz gespielt. Unter seiner Führung hat Seda einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung technischer Ergebnisse wie dem Recyclability Evaluation Protocol und der Guidance on Improved Collection and Sorting geleistet. Herr Helbig vertritt 4evergreen zudem auf wichtigen Branchenevents, wo er sein Fachwissen einbringt und sich für nachhaltige Verpackungslösungen einsetzt.
Helbig: 4evergreen hat seine Kommunikationsmittel überarbeitet, wobei die sichtbarste Veränderung der Wechsel von „faserbasiert“ zu „papierbasiert“ ist. Diese Änderung wird durch die Terminologie in den einschlägigen CEN-Normen und in der EU-Verordnung über Verpackungen und Verpackungsabfälle (PPWR) vorgegeben. Es ist wichtig, dass 4evergreen dieselbe Sprache spricht wie die regulatorischen und technischen Rahmenwerke, in denen wir tätig sind.
In der Praxis ändert sich am Umfang unserer Arbeit oder an den von uns abgedeckten Materialien nichts. Alle papierbasierten Verpackungsformate, die unter die bisherige Terminologie fielen, bleiben vollständig abgedeckt. Es handelt sich ausschließlich um eine sprachliche Anpassung, um Klarheit, Konsistenz und Übereinstimmung sicherzustellen.
Papierbasierte Verpackungen haben in Europa bereits eine Recyclingquote von rund 87 %. 4evergreen konzentriert sich daher auf die Verpackungsformate, die bislang noch nicht effizient erfasst oder recycelt werden, etwa Lebensmittelverpackungen für den Unterwegsverzehr, aber auch innovative papierbasierte Verpackungen, die frühere Kunststoffverpackungen ersetzen. In diesen Bereichen sind weitere Fortschritte nötig, um bestehende Lücken zu schließen. Zu diesem Zweck hat 4evergreen Werkzeuge entwickelt, um das Recycling von papierbasierten Verpackungen weiter zu steigern.
Die Stärke der Papierindustrie liegt in ihrem integrierten zirkulären Modell: Ein Teil der Industrie liefert Papier und Karton, den Rohstoff für die Herstellung der Verpackungen für einen anderen Teil derselben Industrie, nämlich das Papier- und Kartonrecycling. Sie kombiniert Frisch- und Recyclingfasern, manchmal innerhalb derselben Unternehmen und sogar innerhalb derselben Produktionsprozesse, was eine starke Zirkularitätsleistung ermöglicht.
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Hengesbach: Papier ist mehr als nur Faser. Es funktioniert im Zusammenspiel mit anderen Bestandteilen und Komponenten wie Zusatzstoffen, Beschichtungen, Farben und funktionalen Elementen, die alle für die endgültige Recyclingleistung relevant sind und in unseren Design-for-Recycling-Leitlinien und dem Protokoll zur Bewertung der Recyclingfähigkeit berücksichtigt werden. Das Verständnis und die Berücksichtigung dieser Wechselwirkungen sind entscheidend, um sicherzustellen, dass papierbasierte Verpackungen in unserem Papierrecyclingprozess in ganz Europa recycelbar bleiben.
Unsere Stärke liegt in der Zusammenarbeit von Expertinnen und Experten entlang der gesamten Wertschöpfungskette: Designer, Verarbeiter, Sammel- und Sortiersysteme sowie Recycler. Jeder Akteur spielt eine entscheidende Rolle bei der Erreichung der Mission von 4evergreen. Wenn ein Teil der Wertschöpfungskette nicht mitwirkt, kann Zirkularität nicht erreicht werden, da wir einen ganzheitlichen, wissenschaftsbasierten Ansatz anstreben, der auf Konsens beruht – was in der Praxis nicht immer einfach war, aber von entscheidender Bedeutung für die Arbeit der Allianz ist. Diese Zusammenarbeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette bildet das einzigartige technische Fundament der Arbeit von 4evergreen.
Redaktion: Wie trägt die Allianz dazu bei, die europäische Verpackungsindustrie auf eine zirkulärere Zukunft auszurichten?
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Helbig und Hengesbach: Harmonisierung. Es gibt eine klare Chance, die Prüfmethoden für papierbasierte Verpackungen sowie das Design for Recycling weiter zu verbessern und zu harmonisieren, sodass dieselben Regeln in ganz Europa einheitlich angewendet werden können. Harmonisierung ist entscheidend, um Klarheit für die Industrie, Vergleichbarkeit der Ergebnisse und Kohärenz zwischen nationalen und europäischen Rahmenwerken sicherzustellen.
4evergreen trägt zu diesem Ziel durch ein kohärentes Set von Instrumenten und Methoden bei, darunter das Recyclability Evaluation Protocol, die Design for Recycling Guidelines und die Improved Guidance on Collection and Sorting. Gemeinsam helfen diese Instrumente – gestützt durch robuste und kontinuierlich weiterentwickelte Prüf- und Bewertungsmethoden und -protokolle zur Rezyklierbarkeit – dabei, eine gemeinsame technische Grundlage für die Beurteilung der Rezyklierbarkeit zu schaffen.
Durch die Unterstützung der Harmonisierung von Methoden und Werkzeugen trägt 4evergreen dazu bei, die Fragmentierung zu verringern, die Umsetzung im großen Maßstab zu unterstützen und es zu ermöglichen, dass papierbasierte Verpackungen nach gemeinsamen, europaweit geltenden Grundsätzen gestaltet, bewertet, gesammelt und recycelt werden.
Redaktion: Herr Hengesbach, als Co-Leiter des Arbeitsstrangs Standardisierung: Welche Rolle spielt die Standardisierung dabei, wirklich zirkuläre Systeme für papierbasierte Verpackungen zu ermöglichen? Und wie viel Standardisierung ist angesichts der verschiedenen beteiligten Akteure tatsächlich realistisch?
Hengesbach: Wenn wir von Standardisierung sprechen, beziehen wir uns auf die Arbeit, die in europäischen Normungsgremien stattfindet, insbesondere bei CEN, wo derzeit technische Standardisierungsaktivitäten laufen. Diese Arbeit konzentriert sich auf die Überführung der wertvollen technischen Dokumente und Methoden, die innerhalb der 4evergreen-Allianz sowie von Expertinnen und Experten der europäischen Papierindustrie und der Wertschöpfungskette entwickelt wurden, in formale Normen.
Die offizielle Verankerung dieser Arbeit auf Standardisierungsebene ist entscheidend. Sie stellt sicher, dass die von der Allianz entwickelten Werkzeuge und Prinzipien anerkannt werden, zitiert werden können, belastbar sind und von allen Marktteilnehmern genutzt werden können. Was als freiwillige, kollaborative Initiative begann, geht nun in einen Rahmen über, in dem gemeinsame Regeln befolgt werden müssen und so direkt zu den Zielen der Kreislaufwirtschaft beiträgt. In diesem Sinne hat die Allianz die Grundlagen für die Harmonisierung und Standardisierung gelegt, die jetzt vorangetrieben wird.
Ein zentrales Prinzip dieses Prozesses ist, dass die gesamte Wertschöpfungskette einbezogen wird. Standardisierung sollte daher darauf abzielen, die Bedürfnisse und Realitäten der verschiedenen Akteure zu harmonisieren, darunter Designer, Verarbeiter, Markeninhaber, Sammelsysteme und Recycler. Das Ergebnis der Standardisierungsarbeit – und der bislang erarbeiteten Ergebnisse – sollte diesen gemeinsamen Input widerspiegeln.
Letztlich müssen die aus diesem Prozess entstehenden Normen die Bedürfnisse aller Akteure abbilden, so wie es die Ergebnisse der Allianz bereits heute tun. Indem Konsens entlang der Wertschöpfungskette in formale Normen überführt wird, stellt diese Arbeit sicher, dass die Resultate technisch fundiert, breit akzeptiert und wirksam am Markt umgesetzt werden.
Redaktion: Welches Bild sollen Unternehmen und Öffentlichkeit künftig mit dem Namen „4evergreen“ verbinden?
Hengesbach: 4evergreen zeigt, welches Maß an Zusammenarbeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette erforderlich ist, um Zirkularität für papierbasierte Verpackungen zu erreichen. Die Allianz fungiert als technische Plattform, auf der Akteure mit unterschiedlichen Rollen, Perspektiven und Zielen zusammenkommen, die alle offen benannt und berücksichtigt werden.
Entscheidungen werden nicht einseitig getroffen. Unterschiedliche Sichtweisen werden transparent geäußert, offen diskutiert und nach Möglichkeit in die Arbeit integriert. Ziel ist es nicht, eine Stakeholderperspektive gegenüber einer anderen zu bevorzugen, sondern Bedürfnisse und Einschränkungen auszugleichen und zu Lösungen zu gelangen, die technisch fundiert und im gesamten System praktikabel sind.
Ohne Allianzen wie 4evergreen wäre es äußerst schwierig, einen ganzheitlichen Ansatz für Zirkularität zu verfolgen. Die Allianz bietet einen gemeinsamen Bezugspunkt, indem sie Überlegungen zu Design, Produktion, Sammlung, Sortierung und Recycling in einem einheitlichen Rahmen zusammenführt. Dieser kollaborative Ansatz ist entscheidend, um glaubwürdige, akzeptierte und wirksame Lösungen für eine zirkuläre Wertschöpfungskette von papierbasierten Verpackungen zu entwickeln.
Helbig: 4evergreen positioniert sich als europäische Referenz für Zirkularität in der Verpackungsindustrie und stellt einen gemeinsamen technischen Rahmen, gemeinsame Werkzeuge und abgestimmte Methoden bereit, die Harmonisierung, Standardisierung und die Umsetzung in der Praxis unterstützen. Darüber hinaus sehen wir 4evergreen als einen zentralen Enabler für eine wettbewerbsfähige und nachhaltige europäische Verpackungsindustrie.