Nachwuchsmangel in der Kunststoff-Verpackungsindustrie

„Branche gilt zu Unrecht als Problem“

Am 11. Juni ist der Tag der Verpackung. Im Fokus steht die bundesweite Kampagne „Wir packen’s an! Du auch?“, in der junge Menschen Berufe und Studiengänge rund um Verpackung vorstellen und attraktiv machen sollen. Wir sprachen mit Mara Hancker, Geschäftsführerin Kommunikation bei der ik Industrievereinigung Kunststoffverpackungen, über die aktuelle Situation und Perspektiven.

3 min
Seit rund elf Jahren im Verband: Mara Hancker.

Redaktion: Frau Hancker, wie ernst ist die Nachwuchslücke in der Kunststoffverpackungsbranche derzeit – und wo fehlt Personal am dringendsten?
Mara Hancker: Die Nachwuchslücke ist strukturell tief verankert und wird durch die demografische Entwicklung, also das Ausscheiden der Babyboomer noch verschärft. Besonders technische Berufe, etwa Verfahrensmechaniker für Kunststoff- und Kautschuktechnik - neu Kunststofftechnologe -, Industriemechaniker oder Mechatroniker, sind immer schwerer zu besetzen. Bei den Hochschulen sieht es nicht besser aus. Die Technischen Hochschulen, Universitäten und Fachhochschulen melden seit einigen Semestern deutlich rückläufige Studierendenzahlen.

Redaktion: Geht es dabei eher um zu wenige Bewerber insgesamt oder fehlen vor allem spezifische Qualifikationen, etwa in Technik und Entwicklung?
Hancker: Die Gesamtzahl der Bewerbungen auf klassische Ausbildungsplätze im dualen System ist seit Jahren rückläufig. Viele Lehrstellen können schlicht nicht besetzt werden. Das ist die quantitative Seite. Aber auch qualitativ berichten unsere Mitglieder von Herausforderungen. Im Bereich Technik und Entwicklung fehlen zunehmend Spezialisten, die das klassische Polymer-Wissen mit Digitalisierung und Circular Economy verknüpfen können. Bewerber bringen seltener dieses stark interdisziplinäre Profil mit.

Redaktion: Viele Unternehmen berichten gleichzeitig von rückläufigen Produktionsvolumina und auch von Kurzarbeit – verschärft oder relativiert das den Fachkräftemangel?
Hancker: Kurzfristig bringt das durchaus Entlastung. Unternehmen drosseln akut die Neueinstellungen im operativen Bereich, um Kosten zu senken. Mittel -bis langfristig verschärft sich das Problem jedoch. Junge Menschen meiden Industrien, die in den Medien mit Kurzarbeit und Standortverlagerungen assoziiert werden. Sobald die Konjunktur anzieht, bricht der Mangel an den altersbedingt ausgeschiedenen Fachkräften dann doppelt so hart auf.

Redaktion: Was hält junge Menschen aktuell am stärksten davon ab, in die Verpackungsbranche einzusteigen?
Hancker: Mit Blick auf die Generation Z und nachfolgende sind es keine Verpackungsspezifischen Aspekte, sondern ein allgemein sinkendes Interesse an industrieller Schichtarbeit und handwerklich-technischen Ausbildungsberufen. Hinzu kommen das Bedürfnis nach Flexibilität, Stichwort Homeoffice-Optionen, was in der direkten Produktion naturgemäß kaum umsetzbar ist und das Image der klassischen Fabrikarbeit im Vergleich zu vermeintlich attraktiveren Dienstleistungs-, Tech- oder Kreativberufen.

Redaktion: Wir sprechen viel über Kunststoff im Meer und globale Umweltprobleme aufgrund des Verpackungsmülls. Wie stark prägt diese Debatte die Berufswahl junger Menschen?
Hancker: Keine Frage, auch diese Debatte prägt die Berufswahl. Kunststoffverpackungen sind in der öffentlichen Wahrnehmung einseitig negativ besetzt. Während junge Menschen heute eigentlich verstärkt nach "Purpose" also Sinnhaftigkeit in ihrer Arbeit suchen, verstellt diese Sicht auf die Branche all die großartigen Optionen zum nachhaltigen Konsum, zur CO2-Reduktion, zur Kreislaufwirtschaft – also in Summe zu einem sinnhaften Wirtschaften beizutragen. Das ist schade und es liegt an uns, diesen Blick freizumachen. Denn solange die Branche als Teil des Problems und nicht als Teil der Lösung wahrgenommen wird, führt dies zu einer emotionalen Barriere bei der Arbeitgeberwahl.

Redaktion: Auf der anderen Seite: Was macht die Branche heute attraktiv – wo liegen die Chancen, die oft übersehen werden?
Hancker: Trotz des Images bietet die Branche handfeste, oft verkannte Vorteile: Stichwort Krisenfestigkeit. Verpackungen sind für den Schutz von Lebensmitteln und medizinischen Produkten systemrelevant. Gegessen und gepflegt wird immer.

Moderne Extrusions- und Spritzgussanlagen sind zudem hochkomplexe, digitalisierte High-Tech-Systeme. Wer hier arbeitet, bedient keine "schmutzigen Maschinen", sondern steuert IT-gestützte Prozesse.

Nicht zu vergessen: Die chemische Industrie und die kunststoffverarbeitende Industrie bietet in der Regel im Vergleich zum Handwerk oder dem Dienstleistungssektor sehr attraktive Tarifverträge, Schichtzulagen und Sozialleistungen.

Redaktion: Wie verändert der wachsende Druck durch Nachhaltigkeit und Regulierung das Berufsbild in der Verpackungsindustrie?
Hancker: Die regulatorischen Vorgaben wie die Verpackungsverordnung krempeln die Berufsbilder komplett um. Ein Verfahrensmechaniker darf heute nicht mehr nur ein stabiles Neu-Material verarbeiten. Er muss lernen, mit stark schwankenden Materialeigenschaften von Rezyklaten, darunter rPET oder rPP, umzugehen. Verpackungsentwickler arbeiten heute zudem primär nach den Prinzipien des Design for Recycling und müssen in Kreisläufen denken und designen. Schließlich ist der Abfall von heute die Ressource von morgen.

Redaktion: Entstehen durch Themen wie Kreislaufwirtschaft und Recycling, etwa bei rPET, neue Jobprofile, auch wenn Teile der Branche wirtschaftlich unter Druck geraten?
Hancker: Klares Ja! Es entstehen dezidiert neue Profile, da die Transformation trotz und wegen des wirtschaftlichen Drucks voranschreiten wird. Wir brauchen Rezyklat-Manager / Rohstoffscouts – also Experten, die Ströme von Post-Consumer-Rezyklaten bewerten und deren Qualität für die Produktion sichern. Circular Economy Manager übersetzen in Schnittstellenpositionen die regulatorischen Vorgaben wie Rezyklatquoten und Ökodesign in die Unternehmensstrategie. LCA-Analysten sind als Spezialisten für das Erstellen von Ökobilanzen gefragt, da Verpackungen künftig ihren CO₂-Fußabdruck exakt nachweisen müssen. Und das sind nur drei Profile der Zukunft!

Redaktion: Was muss die Branche kommunikativ besser machen, um junge Talente zu erreichen und Vertrauen zurückzugewinnen?
Hancker:  Die Branche entwickelt sich bereits weiter von der reinen Defensivkommunikation wie "Plastik ist gar nicht so schlecht" hin zur aktiven Zukunftsgestaltung: Kunststoffverpackungen sind das Symbol einer neuen Industriekultur – leistungsstark, nachhaltig und innovativ!

Dazu gehört ein glaubwürdiges und attraktives Storytelling über Kreislaufwirtschaft. Unternehmen müssen greifbar machen, dass sie Werkstoffe im Kreis führen. Junge Menschen müssen sehen: Hier kann ich aktiv dafür sorgen, dass weniger Abfall entsteht, indem ich das Recycling optimiere. Und wir müssen weiter transparent offenlegen, wo die Herausforderungen liegen – zum Beispiel Rezyklatverfügbarkeit im Lebensmittelbereich – und junge Talente als Problemlöser, als Kunststoffverbesserer einladen.

Das gelingt zunehmend durch Präsenz auf Augenhöhe mit authentischen Einblicken über digitale Kanäle wie Tiktok und Instagram), die den echten Tech-Alltag in den Werken zeigen. Das schafft man nicht mit reinen Stellenanzeigen.

Redaktion: Und ganz konkret: Warum sollte sich ein junger Mensch 2026 bewusst für eine Karriere in der Kunststoffverpackungsindustrie entscheiden?
Hancker: Wer in der Kunststoffverpackungsindustrie startet, sitzt direkt am Hebel einer der größten industriellen Transformationen unserer Zeit. Es ist die Chance, vom reinen Konsumenten zum aktiven Gestalter einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft zu werden – ausgestattet mit einem zukunftssicheren Arbeitsplatz in einem technologischen High-Tech-Umfeld. Dazu kann man doch nicht Nein sagen…