Nachwuchsmangel in der Kunststoff-Verpackungsindustrie
„Branche gilt zu Unrecht als Problem“
Am 11. Juni ist der Tag der Verpackung. Im Fokus steht die bundesweite Kampagne „Wir packen’s an! Du auch?“, in der junge Menschen Berufe und Studiengänge rund um Verpackung vorstellen und attraktiv machen sollen. Wir sprachen mit Mara Hancker, Geschäftsführerin Kommunikation bei der ik Industrievereinigung Kunststoffverpackungen, über die aktuelle Situation und Perspektiven.
Seit rund elf Jahren im Verband: Mara Hancker.
ik Industrievereinigung Kunststoffverpackungen
Redaktion: Frau Hancker, wie ernst ist die Nachwuchslücke
in der Kunststoffverpackungsbranche derzeit – und wo fehlt Personal am
dringendsten?
Mara Hancker: Die Nachwuchslücke ist strukturell tief verankert und wird durch die
demografische Entwicklung, also das Ausscheiden der Babyboomer noch verschärft.
Besonders technische Berufe, etwa Verfahrensmechaniker für Kunststoff- und
Kautschuktechnik - neu Kunststofftechnologe -, Industriemechaniker oder
Mechatroniker, sind immer schwerer zu besetzen. Bei den Hochschulen sieht es nicht
besser aus. Die Technischen Hochschulen, Universitäten und Fachhochschulen melden
seit einigen Semestern deutlich rückläufige Studierendenzahlen.
Redaktion: Geht es dabei eher um zu wenige Bewerber
insgesamt oder fehlen vor allem spezifische Qualifikationen, etwa in Technik
und Entwicklung?
Hancker: Die Gesamtzahl der Bewerbungen auf klassische Ausbildungsplätze im dualen
System ist seit Jahren rückläufig. Viele Lehrstellen können schlicht nicht
besetzt werden. Das ist die quantitative Seite. Aber auch qualitativ berichten
unsere Mitglieder von Herausforderungen. Im Bereich Technik und Entwicklung
fehlen zunehmend Spezialisten, die das klassische Polymer-Wissen mit Digitalisierung
und Circular Economy verknüpfen können. Bewerber bringen seltener dieses stark
interdisziplinäre Profil mit.
Redaktion: Viele Unternehmen berichten gleichzeitig von
rückläufigen Produktionsvolumina und auch von Kurzarbeit – verschärft oder
relativiert das den Fachkräftemangel?
Hancker: Kurzfristig bringt das durchaus
Entlastung. Unternehmen drosseln akut die Neueinstellungen im operativen
Bereich, um Kosten zu senken. Mittel -bis langfristig verschärft sich das
Problem jedoch. Junge Menschen meiden Industrien, die in den Medien mit
Kurzarbeit und Standortverlagerungen assoziiert werden. Sobald die Konjunktur
anzieht, bricht der Mangel an den altersbedingt ausgeschiedenen Fachkräften dann
doppelt so hart auf.
Redaktion: Was hält junge Menschen aktuell am stärksten
davon ab, in die Verpackungsbranche einzusteigen?
Hancker: Mit Blick auf die Generation Z und nachfolgende sind es keine Verpackungsspezifischen
Aspekte, sondern ein allgemein sinkendes Interesse an industrieller
Schichtarbeit und handwerklich-technischen Ausbildungsberufen. Hinzu kommen das
Bedürfnis nach Flexibilität, Stichwort Homeoffice-Optionen, was in der direkten
Produktion naturgemäß kaum umsetzbar ist und das Image der klassischen
Fabrikarbeit im Vergleich zu vermeintlich attraktiveren Dienstleistungs-, Tech-
oder Kreativberufen.
Redaktion: Wir sprechen viel über Kunststoff im Meer und
globale Umweltprobleme aufgrund des Verpackungsmülls. Wie stark prägt diese
Debatte die Berufswahl junger Menschen?
Hancker: Keine Frage, auch diese Debatte
prägt die Berufswahl. Kunststoffverpackungen sind in der öffentlichen
Wahrnehmung einseitig negativ besetzt. Während junge Menschen heute eigentlich verstärkt
nach "Purpose" also Sinnhaftigkeit in ihrer Arbeit suchen, verstellt
diese Sicht auf die Branche all die großartigen Optionen zum nachhaltigen
Konsum, zur CO2-Reduktion, zur Kreislaufwirtschaft – also in Summe zu einem
sinnhaften Wirtschaften beizutragen. Das ist schade und es liegt an uns, diesen
Blick freizumachen. Denn solange die Branche als Teil des Problems und nicht
als Teil der Lösung wahrgenommen wird, führt dies zu einer emotionalen Barriere
bei der Arbeitgeberwahl.
Redaktion: Auf der anderen Seite: Was macht die Branche
heute attraktiv – wo liegen die Chancen, die oft übersehen werden?
Hancker: Trotz des Images bietet die
Branche handfeste, oft verkannte Vorteile: Stichwort Krisenfestigkeit. Verpackungen
sind für den Schutz von Lebensmitteln und medizinischen Produkten
systemrelevant. Gegessen und gepflegt wird immer.
Moderne Extrusions- und
Spritzgussanlagen sind zudem hochkomplexe, digitalisierte High-Tech-Systeme.
Wer hier arbeitet, bedient keine "schmutzigen Maschinen", sondern
steuert IT-gestützte Prozesse.
Nicht zu vergessen: Die chemische
Industrie und die kunststoffverarbeitende Industrie bietet in der Regel im
Vergleich zum Handwerk oder dem Dienstleistungssektor sehr attraktive
Tarifverträge, Schichtzulagen und Sozialleistungen.
Redaktion: Wie verändert der wachsende Druck durch
Nachhaltigkeit und Regulierung das Berufsbild in der Verpackungsindustrie?
Hancker: Die regulatorischen Vorgaben wie
die Verpackungsverordnung krempeln die Berufsbilder komplett um. Ein
Verfahrensmechaniker darf heute nicht mehr nur ein stabiles Neu-Material
verarbeiten. Er muss lernen, mit stark schwankenden Materialeigenschaften von
Rezyklaten, darunter rPET oder rPP, umzugehen. Verpackungsentwickler arbeiten
heute zudem primär nach den Prinzipien des Design for Recycling und müssen in
Kreisläufen denken und designen. Schließlich ist der Abfall von heute die
Ressource von morgen.
Redaktion: Entstehen durch Themen wie Kreislaufwirtschaft
und Recycling, etwa bei rPET, neue Jobprofile, auch wenn Teile der Branche
wirtschaftlich unter Druck geraten?
Hancker: Klares Ja! Es entstehen dezidiert neue Profile, da die Transformation
trotz und wegen des wirtschaftlichen Drucks voranschreiten wird. Wir brauchen
Rezyklat-Manager / Rohstoffscouts – also Experten, die Ströme von
Post-Consumer-Rezyklaten bewerten und deren Qualität für die Produktion
sichern. Circular Economy Manager übersetzen in Schnittstellenpositionen die
regulatorischen Vorgaben wie Rezyklatquoten und Ökodesign in die
Unternehmensstrategie. LCA-Analysten sind als Spezialisten für das Erstellen
von Ökobilanzen gefragt, da Verpackungen künftig ihren CO₂-Fußabdruck exakt
nachweisen müssen. Und das sind nur drei Profile der Zukunft!
Redaktion: Was muss die Branche kommunikativ besser
machen, um junge Talente zu erreichen und Vertrauen zurückzugewinnen?
Hancker: Die Branche entwickelt sich
bereits weiter von der reinen Defensivkommunikation wie "Plastik ist gar
nicht so schlecht" hin zur aktiven Zukunftsgestaltung: Kunststoffverpackungen
sind das Symbol einer neuen Industriekultur – leistungsstark, nachhaltig und
innovativ!
Dazu gehört ein glaubwürdiges und
attraktives Storytelling über Kreislaufwirtschaft. Unternehmen müssen greifbar
machen, dass sie Werkstoffe im Kreis führen. Junge Menschen müssen sehen: Hier kann
ich aktiv dafür sorgen, dass weniger Abfall entsteht, indem ich das Recycling
optimiere. Und wir müssen weiter transparent offenlegen, wo die
Herausforderungen liegen – zum Beispiel Rezyklatverfügbarkeit im
Lebensmittelbereich – und junge Talente als Problemlöser, als
Kunststoffverbesserer einladen.
Das gelingt zunehmend durch Präsenz
auf Augenhöhe mit authentischen Einblicken über digitale Kanäle wie Tiktok und
Instagram), die den echten Tech-Alltag in den Werken zeigen. Das schafft man
nicht mit reinen Stellenanzeigen.
Redaktion: Und ganz konkret: Warum sollte sich ein junger
Mensch 2026 bewusst für eine Karriere in der Kunststoffverpackungsindustrie
entscheiden?
Hancker: Wer in der
Kunststoffverpackungsindustrie startet, sitzt direkt am Hebel einer der größten
industriellen Transformationen unserer Zeit. Es ist die Chance, vom reinen
Konsumenten zum aktiven Gestalter einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft zu
werden – ausgestattet mit einem zukunftssicheren Arbeitsplatz in einem
technologischen High-Tech-Umfeld. Dazu kann man doch nicht Nein sagen…