Interview mit Eric Lambert, Managing Director von Galia und Chairman von Odette

„Die PPWR verändert alles – und die Branche muss jetzt handeln“

Die EU Verpackungsverordnung PPWR sorgt derzeit für Diskussionen. Im Gespräch erläutert Eric Lambert, Managing Director von Galia und Vorsitzender der europäischen Organisation Odette, was jetzt auf die Automobillogistik zukommt, warum vieles noch unklar ist – und weshalb Unternehmen trotzdem jetzt beginnen müssen, ihre Verpackungssysteme grundlegend zu überarbeiten.

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Eric Lambert während seines Vortrags auf der Automotive Logistics & Supply Chain Europe 2025.
Eric Lambert während seines Vortrags auf der Automotive Logistics & Supply Chain Europe 2025.

Redaktion: Herr Lambert, überall hört man derzeit vom Start der neuen EU-Verpackungsverordnung PPWR. Können Sie erklären, was tatsächlich ab wann gilt?

Eric Lambert: Die PPWR – also die „Packaging and Packaging Waste Regulation“ – ist bereits Anfang vergangenen Jahres in Kraft getreten, allerdings in Etappen. Die Verordnung enthält eine Reihe von verschiedenen Anforderungen, und viele davon benötigen zusätzliche delegierte Rechtsakte, um sie in der Praxis anwenden zu können.

Manches gilt bereits heute, anderes wird zwischen jetzt und 2040 in Kraft treten. Die größten Veränderungen kommen jedoch im Jahr 2030 – also in vier Jahren. Einige Detailregelungen werden sogar erst 2028 veröffentlicht. Wir kennen also die Richtung, aber längst nicht jeden Berechnungsmodus im Detail.

Redaktion: Was bedeutet „Extended Producer Responsibility“ im Kontext der PPWR?

Lambert: Die Extended Producer Responsibility (EPR) ist im Grunde nichts Neues. Sie stammt aus der alten Verpackungsrichtlinie PPWD und verpflichtet Hersteller, schon beim Inverkehrbringen einer Verpackung die Kosten für Sammlung, Sortierung und Recycling zu übernehmen. Die Länder müssen diese EPR Systeme bis Anfang 2026 umgesetzt haben. Einige Staaten sind bereits soweit, andere – wie mein Heimatland Frankreich – liegen noch zurück.

Wichtig: EPR ist nur ein Baustein der PPWR. Die neue Verordnung geht viel weiter, weil sie den gesamten Lebenszyklus einer Verpackung betrachtet: von Produktion über Nutzung bis zum Ende ihres Lebens.

Redaktion: Was bedeutet dieser Blick auf den gesamten Lebenszyklus konkret?

Lambert: Wenn wir Verpackungsabfälle reduzieren wollen, reicht Recycling allein nicht. Die PPWR setzt daher auf drei Kernprinzipien:

1. Reduzieren: Wir müssen den Bedarf an Verpackung verringern – weniger Volumen, weniger Leerraum, weniger überschüssiges Material. Jeder kennt die berühmten E Commerce Pakete, in denen ein kleiner Artikel in einer riesigen Box steckt – das soll künftig nicht mehr passieren.

2. Recyceln: Recycling wird weiter gestärkt. Neu ist: Jede Verpackung muss künftig einen Mindestanteil an Rezyklat enthalten. Das schafft Marktanreize, damit recyceltes Material überhaupt verwendet wird – auch wenn es teurer ist oder technische Hürden besitzt.

3. Wiederverwenden: Reuse bekommt eine völlig neue Bedeutung. In der Automobilindustrie arbeiten wir bereits mit Mehrwegbehältern aus Kunststoff oder Stahl. In manchen Ländern funktionieren sogar Bierflaschen nach diesem Prinzip: zurückgeben, waschen, wieder befüllen. Doch in anderen Branchen beginnt man praktisch bei null. Die PPWR setzt hier klare Ausbauziele.

Dazu kommen umfangreiche Dokumentationspflichten: Materialangaben, Rezyklatanteile, Leerraumquoten, Wiederverwendungsraten usw. Alles muss messbar und nachweisbar sein – und Fehler können teuer werden.

Redaktion: Sie erwähnen Kosten. Wie stark wird die Industrie finanziell belastet?

Lambert: Es ist ein Mix aus Kosten und Einsparungen. Ja, die Umstellung erzeugt Aufwand und teilweise höhere Materialkosten. Aber: Optimiert man beispielsweise die Packdichte, passen mehr Teile in einen Behälter. Das reduziert den Verpackungsbedarf und die Transportkosten.

Schwierig wird es dort, wo Materialien weder recycelbar noch wiederverwendbar sind. Diese müssen wir – teils vollständig – aus den Verpackungssystemen verbannen.

Die Gesamtkosten hängen also davon ab, wie gut ein Unternehmen seine Verpackungen reorganisiert. Sicher ist: Die Veränderung ist fundamental.

Und: EPR Gebühren unterscheiden sich von Land zu Land. Das kann erheblichen Einfluss auf die Materialwahl haben.

Redaktion: Was bedeutet das alles konkret für die Automobillogistik in Europa?

Lambert: Viele glauben, die Länder hätten unterschiedliche Fristen. Das stimmt nur für die alte EPR Richtlinie. Alles andere ist eine Regulation, keine Richtlinie – sie ist direkt geltendes Recht in allen EU Mitgliedstaaten.

Was noch fehlt, sind Detailvorgaben, etwa wie man die Leerraumquote – maximal 50 % – korrekt berechnet. Es gibt zig Möglichkeiten: mit Wasserverdrängung, geometrischen Berechnungen, Messwürfeln … aber keine offiziell definierte Methode. Diese kommt erst noch.

Trotzdem müssen und können Unternehmen jetzt handeln. Denn die Richtung ist klar: weniger Leerraum, weniger Material, weniger Einweg, mehr Rezyklat, mehr Wiederverwendung.

Redaktion: Was sollten Unternehmen jetzt tun, auch wenn viele Details noch fehlen?

Lambert: Ich habe drei zentrale Empfehlungen:

1. Verpackungsdesigns sofort überprüfen. Denn auch ohne letzte Prozentzahlen ist klar, dass wir:

• Leerraum minimieren müssen

• bestimmte Materialien nicht mehr verwenden dürfen

• Rezyklate einplanen müssen

• Reuse Systeme ausbauen müssen

Bei Galia haben wir dazu gerade eine aktualisierte Empfehlung veröffentlicht: Welche Materialien man bevorzugt, vermeiden oder komplett streichen sollte.

Unternehmen sollten jetzt alle bestehenden Verpackungssysteme analysieren, besonders für Bauteile, die über 2030 hinaus im Einsatz sein werden.

2. EPR Systeme verstehen – und Kosten kalkulieren. Unternehmen müssen:

• wissen, wie viel sie zahlen werden,

• welche Materialien teurer werden,

• wie sie Meldesysteme aufsetzen,

• und welche Daten sie dafür brauchen.

Diese Kosten können erheblich sein – und sie beeinflussen das Verpackungsdesign.

3. IT Systeme und Datenstrukturen anpassen. Das klingt trivial, aber die Realität zeigt: Es ist es nicht. Viele Unternehmen verfolgen beispielsweise ihren Pool an Mehrwegbehältern über ein CMS – aber nicht, wie viele Folien, Beutel, Zwischenlagen oder andere Zusatzmaterialien sie dafür verwenden.

Doch genau das wird künftig berichtet und nachgewiesen werden müssen.

Wer diese Daten nicht hat, kann später nicht gesetzeskonform reporten – und riskiert Bußgelder.

Redaktion: Ihr Fazit?

Lambert: Die PPWR ist eine der umfassendsten Veränderungen der europäischen Verpackungslandschaft – und sie betrifft jede Branche, vor allem aber die Automobilindustrie mit ihren globalen Lieferketten und hohen Verpackungsvolumina.

Auch wenn manches noch unklar ist, kennen wir die Stoßrichtung genau. Wer erst 2029 beginnt, hat keine Chance, rechtzeitig umzusteigen.

Jetzt ist der Zeitpunkt, Verpackungen neu zu denken.

Eric Lambert auf der ALSC Europe 2026

Unser Interviewpartner Eric Lambert ist auch in diesem Jahr wieder Speaker auf der Automotive Logistics & Supply Chain, die in 2026 vom 17. bis 19. März in Bonn stattfindet. Hier berichtet Lambert in seiner Keynote „Lifting the lid on Europe’s packaging regulations“ zum aktuellen Stand der PPWR – und was Verantwortliche der Automotive Supply Chain jetzt tun können.

Hier finden Sie alle Infos zum Event: https://alsceurope.automotivelogistics.media/