Der Digitaler Produktpass auf der Packaging Machinery Conference 2026

DPP: Von der Pflicht zur Chance

Der Digitale Produktpass (DPP) ist eines der wichtigsten regulatorischen Projekte der kommenden Jahre. Auf der Packaging Machinery Conference erläuterte Daniel Villamil von SEW-Eurodrive, welche Anforderungen auf Hersteller zukommen, warum sich die Industrie bereits heute intensiv vorbereiten muss – und welche Chancen sich aus der neuen Transparenz entlang des gesamten Produktlebenszyklus ergeben.

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Der Digitale Produktpass verknüpft Produkt-, Material-, Nachhaltigkeits- und Servicedaten über den gesamten Lebenszyklus hinweg – und wird damit für den Maschinenbau von der regulatorischen Pflicht zur strategischen Datenaufgabe.
Der Digitale Produktpass verknüpft Produkt-, Material-, Nachhaltigkeits- und Servicedaten über den gesamten Lebenszyklus hinweg – und wird damit für den Maschinenbau von der regulatorischen Pflicht zur strategischen Datenaufgabe.

Auch wenn viele Unternehmen die Tragweite des Themas bereits erkannt haben: Die Industrie steht erst am Anfang einer Entwicklung, die enorme organisatorische, technische und wirtschaftliche Auswirkungen haben wird.

Für SEW selbst ist die Herausforderung besonders groß, wie Villamil gleich zu Beginn seines Vortrags zeigte: Das Unternehmen ist in 57 Ländern aktiv, beschäftigt mehr als 23.000 Mitarbeiter und betreibt 18 Fertigungs- sowie 92 Montagewerke. Allein in Europa produziert SEW Millionen Motoren pro Jahr – und zu denen gehören künftig auch Millionen digitale Produktpässe. Hinzu kommen mehr als 1.150 Bauteillieferanten, die ebenfalls von den neuen Anforderungen betroffen sind.

„Die Lieferkette bei uns ist riesig und die Umsetzung von Produkt-Passport nicht einfach“, hielt Villamil fest.

Der DPP ist ein Gesetz – und ein Wettbewerbsvorteil

David Villamil während seines Vortrags auf der Packaging Machinery Conference 2026.
David Villamil während seines Vortrags auf der Packaging Machinery Conference 2026.

Der SEW-Produkt-Manager führte aus, dass Unternehmen die Diskussion nicht mehr unter dem Gesichtspunkt eines freiwilligen Nachhaltigkeitsprojekts führen dürfen. Der entscheidende wie simple Punkt sei: „Warum Digital Product Passport ist so wichtig? Weil das ein Gesetz ist. Und wenn das ein Gesetz ist, muss erfüllt werden.“

Betroffen seien zunächst unter anderem Bauteile, Elektromotoren und Frequenzumrichter. Maschinen würden nach aktueller Einschätzung zu einem späteren Zeitpunkt ebenfalls unter die Verpflichtung fallen. Hintergrund ist die neue europäische Ökodesign-Regulierung, die schrittweise verschiedene Produktgruppen erfasst.

Villamil verwies darauf, dass Kunden bereits heute deutlich stärker auf Nachhaltigkeitsaspekte achten. Fragen nach dem CO2-Fußabdruck eines Produkts oder dessen Reparierbarkeit gehörten inzwischen zum Alltag. Deshalb sei der DPP nicht nur eine regulatorische Pflicht, sondern könne auch einen Wettbewerbsvorteil schaffen. „Es reicht nicht mehr, ein gutes Produkt zu haben“, erklärte Villamil mit Blick auf die wachsende Bedeutung von Digitalisierung und Nachhaltigkeit.

Motoren voraussichtlich ab 2030 betroffen

Besonders wichtig für die Zuhörer war die Frage nach den Zeitplänen. Für die Produktgruppen Stahl und Eisen erwartet Villamil die Veröffentlichung der entsprechenden delegierten Rechtsakte noch Ende 2026. Danach werde eine Übergangsfrist von 18 Monaten gelten.

Für Elektromotoren rechnet SEW mit entsprechenden delegierten Rechtsakten im zweiten oder dritten Quartal 2028. Daraus leite sich nach aktueller Einschätzung eine Verpflichtung für SEW-Produkte ab dem Jahr 2030 ab.

Bei Batterien greifen die Anforderungen deutlich früher; so ist Batterien mit mehr als 2 kWh Kapazität gemäß Batterieverordnung bereits ab Februar 2027 ein Digitaler Produktpass vorgesehen.

Maschinenbauer würden nach heutigem Kenntnisstand wohl erst einige Jahre später folgen; einen verbindlichen Zeitrahmen gebe es noch nicht. Vertreter des VDMA bestätigten in der Diskussion am Ende des Vortrags, dass das Thema in den Verbänden intensiv bearbeitet wird und regelmäßig Informationsveranstaltungen stattfinden.

Was der Digitale Produktpass enthalten soll

Was ist eigentlich ein DPP?
Was ist eigentlich ein DPP?

Technisch betrachtet ist der DPP zunächst ein Datenträger, meist in Form eines QR-Codes, perspektivisch aber auch mittels RFID umsetzbar. Der eigentliche Kern liegt jedoch in den hinterlegten Informationen. Der Produktpass soll den kompletten Lebenszyklus eines Produkts abbilden. Dazu gehören unter anderem:

  • CO2-Fußabdruck

  • Reparaturhistorie

  • Ersatzteildaten

  • Materialzusammensetzung

  • Zulassungen und Zertifizierungen

  • Informationen über gefährliche Stoffe

  • Produktbeschreibungen und Betriebsanleitungen

Besonders wichtig ist dabei der dynamische Charakter der Daten. Informationen sollen nicht einmalig hinterlegt werden, sondern sich über den gesamten Lebenszyklus hinweg verändern und ergänzen lassen.

Verbindung zum digitalen Zwilling

Nach Einschätzung von SEW kann der DPP außerdem bestehende Lücken im Bereich des Digital Twin schließen. Zwar verfügten viele Unternehmen bereits über digitale Zwillinge ihrer Produkte, jedoch seien dort längst nicht alle relevanten Nachhaltigkeits-, Material- und Lebenszyklusinformationen vorhanden. Der Digitale Produktpass soll diese Informationsbasis erweitern.

Ebenso wichtig sei der Aspekt der Kreislaufwirtschaft. Recyclingunternehmen könnten künftig im Produktpass detailliert nachlesen, welche Materialien und Stoffe sich in einem Produkt befinden.

Milliarden Datensätze und jahrzehntelange Speicherung

Einen großen Teil seines Vortrags widmete Villamil den infrastrukturellen Herausforderungen. Die eigentlichen Inhalte des DPP seien nur eine Seite der Medaille. Die andere sei die Datenhaltung über Jahrzehnte hinweg. SEW beispielsweise müsse künftig Millionen Produktpässe verwalten. Gleichzeitig haben Antriebssysteme oft Lebensdauern von 20 oder sogar 30 Jahren. Daraus ergebe sich eine enorme Datenmenge, die dauerhaft verfügbar sein müsse.

Zu den zentralen Fragestellungen gehören:

  • Speicherung großer Datenmengen über Jahrzehnte

  • Vergabe von Produktidentifikatoren

  • Zugriffsrechte für unterschiedliche Nutzergruppen

  • Interoperabilität zwischen Systemen

  • Datenauthentifizierung

  • Datensicherheit

Besonders die Zugriffsrechte seien noch ein sensibles Thema, da nicht jede Information automatisch für jede Nutzergruppe verfügbar sein soll. Je nach Rolle, also Hersteller, Verbraucher, Recyclingunternehmen oder Behörden, könnten unterschiedliche Informationsumfänge zugänglich sein.

Der Maschinenbau steht vor einer Kaskade von Produktpässen

Die Relevanz des DPP im (EU Verpackungs-) Maschinenbau.
Die Relevanz des DPP im (EU Verpackungs-) Maschinenbau.

Speziell im Maschinenbau erwartet Villamil eine besonders komplexe Situation. Am Beispiel einer Schlauchbeutelmaschine zeigte er auf, dass künftig zahlreiche Einzelkomponenten eigene digitale Produktpässe besitzen könnten – etwa für Stahl, Aluminium, Motoren, Frequenzumrichter, Elektronikkomponenten, Kunststoffe oder Beschichtungen.

Damit stellt sich die Frage, wie die Informationen künftig gegenüber dem Endkunden bereitgestellt werden. Denkbar sei entweder ein übergeordneter Maschinenpass, der die relevanten Informationen bündelt, oder eine Verkettung sämtlicher Einzelpässe. Letzteres hält Villamil für problematisch.

„Wir haben ein Produkt, das mehr als 150 Sachnummer hat. Das wäre verrückt, wenn wir an die Kunden 150 verschiedene DPPs weiterleiten.“

Vorteile für Behörden, Verbraucher und Hersteller

Trotz aller Herausforderungen sieht SEW zahlreiche positive Effekte. Marktüberwachungsbehörden könnten künftig deutlich einfacher nachvollziehen, welche Produkte tatsächlich rechtskonform sind und woher sie stammen. Zulassungs- und Kontrollprozesse könnten beschleunigt werden.

Verbraucher erhielten transparenten Zugang zu relevanten Nachhaltigkeitsinformationen. Herkunft von Rohstoffen, CO₂-Fußabdruck oder Reparierbarkeit würden nachvollziehbar. Dadurch könnten Kaufentscheidungen bewusster getroffen werden.

Und auch für Hersteller eröffnen sich neue Möglichkeiten: Der DPP könne die Sichtbarkeit nach dem Verkauf verbessern. Unternehmen hätten künftig bessere Möglichkeiten nachzuverfolgen, wo sich ihre Produkte im Markt befinden und wie sie genutzt werden. Darüber hinaus könnten neue Kundenkontakte entstehen, etwa im Zusammenhang mit Reparaturen, Wartungen oder Ersatzteilen.

Die größte Herausforderung: Datenverfügbarkeit

Als größte Hürde bezeichnete Villamil die Verfügbarkeit der erforderlichen Daten. Viele Zulieferer könnten bislang nicht alle benötigten Informationen bereitstellen. Gleichzeitig müsse eine riesige Anzahl von Datensätzen digital erfasst und gepflegt werden.

Vor allem kleinere Unternehmen stünden vor erheblichen Schwierigkeiten. Nicht jedes Unternehmen verfüge über die notwendige IT-Infrastruktur oder eigene Fachabteilungen. Deshalb entstehe aktuell ein Markt für spezialisierte DPP-Service-Provider, die die erforderlichen Plattformen und Dienstleistungen bereitstellen.

SEW will zu den Vorreitern gehören

Warum und für den ist ein DPP sinnvoll?
Warum und für den ist ein DPP sinnvoll?

Trotz des enormen Aufwands bewertet SEW den Digitalen Produktpass nicht nur als regulatorische Last. Das Unternehmen sieht die Chance, Transparenz, Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft stärker in die eigene Wertschöpfung zu integrieren. Dabei formulierte Villamil einen klaren Anspruch: „Wir wollen zu den Top 3 gehören – mindestens.“ Gemeint ist die Rolle als einer der führenden Anbieter bei der praktischen Umsetzung des DPP.

Besonders interessant sei zudem die internationale Entwicklung. Zwar sei der DPP aktuell vor allem ein europäisches Projekt. Ähnliche Initiativen entstünden jedoch auch in China, Indien und Brasilien. Dadurch könnten sich die in Europa entwickelten Standards langfristig zu einer Art globalem Zulassungs- und Transparenzsystem entwickeln.

Sein Fazit formulierte Villamil entsprechend eindeutig: Der Digitale Produktpass sei „kein nice to have“. Vielmehr handle es sich um „ein Hauptwerkzeug von der europäischen Regierung“, das Unternehmen nicht nur erfüllen, sondern strategisch nutzen sollten, um Prozesse zu optimieren und langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben.